Sonntag, 22. April 2018

Michael Gerwien - Gründerjahr

Die Fährmänner Gottes

1918: Kurt Eisner hat gerade erst den Freistaat Bayern ausgerufen, da werden kurz hintereinander 3 junge, blonde, blauäugige Frauen ermordet und bestialisch zugerichtet. Eine weitere Frau kann der Bestie entkommen. Kriminaloberinspekor Karl Weinberger, sein Kriminalassistent Hubert Ratgeber und der vom Straßendienst ins Kriminalamt berufene Martin Brandl gelingt es zwar, den Mörder der Frauen ausfindig zu machen. Aber als sie ihn festsetzen wollen, gelingt ihm die Flucht.

1948: Wieder werden in den Isarauen junge, blonde Frauen ermordet. Oberinspektor Hans Weinberger, der in die Fußstapfen seines Großvaters Karl getreten ist, erinnert sich an die Morde, von denen sein Opa erzählt hat, als er noch ein kleiner Stepke war. Zusammen mit seinem Kriminalassistenten Severin Maier und Major Joe Singer von der amerikanischen Polizei in München gelingt es, den Täter endlich zu verhaften.

2017: Die Journalistin Julia Weinberger, die Kopien der Akten von 1918 und 1948 ihres Ururopas und ihres Opas besitzt, will die Fälle von damals für einen Zeitungsartikel aufarbeiten. Denn schon wieder gibt es tote Frauen in der bayerischen Landeshauptstadt nach den gleichen Mustern von damals. Sie kommt dem Trittbrettfahrer ganz nah und bringt sich damit in höchste Lebensgefahr.

Mit Michael Gerwiens Protagonisten darf ich mal wieder durch mein München schlendern. Durch die Isarauen, Ober- und Untergiesing, Sendling und zum Cafe Mozart am Sendlinger Tor nimmt er mich mit. Ich genieße es, wenn ich die Schauplätze kenne und direkt vor meinem inneren Auge sehen kann.

In diesem Krimi geht es richtig blutig zu. Die detailgenauen Beschreibungen waren mir hier und da etwas zuviel. Wenn ich z.B. lese, was und mit welchem Genuss der Mann so alles isst, wird mir ganz schlecht. Andererseits gehören die Details dazu, wenn man den Mörder mit seinen irren und wirren Gedanken besser kennenlernen will.

Die Spannung habe ich trotz der Grausamkeiten etwas vermisst. Sie kam bei mir immer nur dann auf, wenn die Kommissare nahe am Mörder oder Entführer dran waren. Ansonsten finde ich die Geschichte recht unaufgeregt und locker. Was aber der Lust am Lesen keinen Abbruch tut.

Da sich die Geschichte über 100 Jahre hinzieht, lerne ich auch sehr viele Menschen in ihrer jeweiligen Zeit kennen.

Hier haben mir 1918 Karl Weinberger und besonders seine Frau Marlene sehr gut gefallen. Die Hausfrau, die nun trotz aller Knappheit immer wieder versucht durch Handel und Tauschgeschäfte Leckereien auf den Tisch zu bringen. Und die für die Nöte und Sorgen ihres Mannes immer ein offenes Ohr hat.

Auch Rosi Steinbauer vom Steinbauerhof in Taufkirchen, die 1948 mit der Frau von Kommissar Hans Weinberger in Kontakt kommt und Julia, die Journalistin, waren mir sofort sympathisch.

Ein interessanter Krimi, der sich über 100 Jahre hinzieht, der mich mitgenommen und sehr gut unterhalten hat. Nur der Titel passt für mich, jetzt, wo ich die Geschichte gelesen habe, nicht so richtig

Michael Gerwien
Gründerjahr
Gmeiner Verlag, Messkirch

ISBN 9783839222140

© Gaby Hochrainer, München 2018

Samstag, 21. April 2018

Starkstrom von Jan Zweyer


Um den Flüchtlingsstrom einzudämmen hat sich Zentraleuropa hinter einem Zaun verschanzt. Der soll es Flüchtenden unmöglich machen, in die „gelobten Länder“ einzureisen. Denn Europa will diese Flüchtlinge nicht. Die Menschen warten geballt in Transitzentren auf ihr Schicksal. Die, die offiziell einreisen und einen Asylantrag stellen dürfen, werden durch ein Lotterieverfahren ausgewählt.
Die Firma, die den Zaun unterhält und bewacht (von der Regierung beauftragt) soll es schaffen, den Zaun noch undurchdringlicher zu machen, denn immer noch versuchen Flüchtlinge auf illegalem Weg einzureisen. Die einfachste und günstigste Lösung scheint ein Bluff: Es wird behauptet, dass der Zaun nun unter Starkstrom stehe. Als es dann aber genau dadurch ein Todesopfer gibt, wird die Regierung natürlich erheblichem Druck und Erklärungsnöten ausgesetzt.
Unterdessen begeben sich 2 junge Männer aus dem Senegal auf ihre Reise/Flucht nach Europa. Sie haben den Schritt gewagt und sich für teures Geld in die Hände einer Schlepperbande begeben …
Erschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
insgesamt 282 Seiten
Preis: 12,00 €
ISBN:  978-3-89425-576-3
Kategorie: Kriminalroman
© Marion Brunner_Buchwelten 2018


Freitag, 20. April 2018

Shannon Crowley - Blackwood Castle

Tödliche Missverständnisse

Anwalt Andrew Collins hat es nicht übers Herz gebracht und seiner Frau Heather nach der Hochzeit jeden Wunsch erfüllt. Nun sitzen sie in einem riesigen Haus und die Bank macht Druck wegen der Ratenzahlungen für die Kredite. Kurzum: Andrew Collins ist pleite. Bei einem Spaziergang mit seinem Hund Cullum stößt er auf ein unterirdiches Verlies, wo eine junge Frau gefangen gehalten wird. Handelt es sich hier um die Bankierstochter, die vor einigen Tagen entführt wurde. Das würde seine Geldsorgren auf einen Schlag beenden. Nach einer Schießerei mit dem Entführer entschließt sich Collins, die Entführte einfach "zu übernehmen" und das Lösegeld einzufordern. Aber ist es wirklich so einfach?

Shannon Crowley hat einen leichten, schnell zu lesenden Schreib- und Erzählstil, der mich gleich gefangen hat. Nach ihren Beschreibungen kann ich den kalten irischen Wind und den Nieselregen fast spüren. Der erdige Geruch aus dem Kellergewölbe setzt sich beim Lesen in meiner Nase fest.

Ich lerne Detective Inspector Frederick Dunn, einen, wie ich finde, sehr angenehmen Ermittler, auch privat kennen. Gerade hat er so seine kleinen Differenzen mit seiner 16-jährige Tochter Shanon. Als alleinerziehender Vater hat er es nicht immer leicht, schafft es aber meist, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Wobei ihm seine Mutter, die im gleichen Haus lebt wie er und Shanon, tatkräftig unterstützt.

Verliebt habe ich mich auch – in einen Hund. Cullum, der Hund von Andrew Collins ist so ein großer Knuddel. Den würde ich sofort adoptieren.

Andrew und Heather Collins haben bei mir keinen positiven Eindruck hinterlassen. Sie kreist immer nur um sich selbst, ohne viel Hirn auf der Suche nach einem reichen Nachfolger für ihren Andrew. Der widerum tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste, was hier und da sogar noch unterhaltsam ist, hält sich aber auch immer noch für schlau und unangreifbar. Ich denke, dies ist der tolpatschigste Täter, den ich bisher gelesen habe.

Aber es gibt auch einen Ermittler, dem ich nichts Positives abgewinnen konnte: Archer Stevens – schwatzhaft, selbstverliebt, geht manchem auf den Keks, merkt es leider nur nicht.

Die Geschichte selbst fliegt nur so dahin. Immer wieder passiert etwas Neues, Unvorhergesehenes. Und immer wieder habe ich gedacht: Mensch Andrew hör doch endlich auf mit dem Quatsch. Bei allem, was da schief gegangen ist, konnte die Sache einfach nicht mehr gut ausgehen.

Ein spannender, manchmal auch humoriger Krimi bei dem ich den Kommissaren mit meinem Wissen immer einen ganz kleinen Schritt voraus war. Ich würde mich freuen, bald mehr von Detective Inspector Frederick Dunn und seinen Fällen lesen zu dürfen.

Das einzige, was mir nicht gefallen hat ist die kleine, sehr eng gesetzte Schrift. Die hat meinen Augen nicht gut getan.

Shannon Crowley
Blackwood Castle
edition oberkassel Verlag, Düsseldorf

ISBN 9783958131309

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 18. April 2018

Siegfried Schröpf - Schöngeist

Nach ca. 30 Seiten wollte ich das Buch eigentlich schon beenden. Habe mir dann aber die gefundenen Rezensionen angeschaut – und darauf gewartet, dass ich genau so empfinde, wie die Leser, die dieses Buch absolute empfehlenswert finden. Dann hat es auch nicht mehr lange gedauert und ich war gefangen.

Thomas Schöngeist, ein Wirtschaftanwalt aus der Kanzlei Meyer & Schöngeist in Würzburg, soll die Brosinski AG, die ihren Sitz in seinem kleinen Heimatort Blaukirchen hat, mit ausgefeilten Verträgen vor ihrem Untergang bewahren.

Schöngeist, der mehr mit sich selbst, seiner Vergangenheit und seinem Liebesleben beschäftigt ist als mit dem ihm angetragenen Fall, hat eine Zeit gebraucht, bis er mir sympathisch wurde.

Die Geschichte wird in der Gegenwart erzählt und ich fühle mich viel mehr mittendrin als nur als Leserin dabei. Ich schwimme mit Investmentberatern, Firmenbossen, renditengeilen Finanzkanibalen, die sich Genies nennen, und Wirtschaftsmanagern wie in einem Haifischbecken und muss aufpassen, dass ich alles mitbekomme, was relevant scheint.

Das Register am Schluss der Geschichte, in dem die handelnden Personen beschrieben werden, war mir eine große Hilfe, da ich immer mal wieder nachschlagen konnte, wenn mir die Verbindungen untereinander mal wieder nicht ganz klar waren.

Ein geheimnisvolles Verwirrspiel, ein Schuss Erotik und tiefsinnige Gedanken rundet das Verwirrspiel über eine Firmenübernahme, die dann doch keine wurde, ab. Die drastische Wende am Schluss hatte ich absolut nicht erwartet. Obwohl ich nicht alles bis ins Kleinste durchschaut habe, hatte ich doch beste Unterhaltung.

Auch wenn es etwas gedauert hat: Im Rückblick bin ich einfach nur begeistert.

Siegfried Schröpf
Schöngeist
Dielmann Verlag, Frankfurt/M.
ISBN
9783866381339
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© Gaby Hochrainer, München 2018

Dienstag, 17. April 2018

Nicholas Searle: Verrat

Der in Cornwall aufgewachsene Schriftsteller stellt mit diesem Roman eine Geschichte vor, die er sicherlich nicht nur aufgrund von Recherchen erarbeitet hat. Wegen seiner langjährigen Tätigkeit im Staatsdienst dürften reale Begebenheiten seines ehemaligen Umfeldes einen auslösenden Effekt gehabt haben.

Es beginnt 1989. Zentraler Hintergrund mit enormen Konfliktpotenzial ist der Konflikt zwischen Nordirland und Großbritannien. Protagonist ist Francis, ein Soldat der IRA, der Menschen für ein vereintes Irland tötet. Seine Dienste werden geschätzt, er hat sich einen Namen gemacht. Auch bei den Briten. Die nehmen zu ihm Kontakt auf, um ihn auf ihre Seite zu ziehen. Doch es läuft einiges aus dem Ruder. Als er Jahre später aus britischer Haft entlassen wird, ist der Kampf Geschichte. Niemand braucht mehr einen Kämpfer, deshalb kümmert er sich umso verbissener um die Suche nach seinem Verräter.

Mit sanften und ruhigen Tönen vollzieht Searle eine gewisse Bestandsaufnahme. Seine Bilder erzählen nicht nur die Zusammenhänge und Situationen der Nordirland-Krise, sie lassen die Zeit von damals im Kopf des Lesers neu entstehen. Und sie geben ein Gefühl, was damals geschah, wie sich die Menschen fühlten, die mittendrin waren. In einer Zeit, in der in Deutschland an ganz andere Sachen gedacht wurde.

In parallelen Szenen wird der Leser getrieben von der Spannung, wie es den einzelnen Figuren, nicht nur dem Protagonisten Francis, zukünftig gehen mag. Dazu gehören Francis Frau, sein Führungsoffizier und zwei britische Agenten. Der kalte Krieg scheint in der Welt zu Ende zu sein, doch auf Irland und den britischen Inseln geht er gnadenlos weiter.

Zu Beginn habe ich mich einfangen lassen von der Atmosphäre, von dem Geschehen, von dem ich damals nur in den Nachrichten gehört hatte. Doch mit immer mehr Fragezeihen im Kopf (Was geschieht hier?) hat mich Searle hineingezogen. Am Ende war der Romsn einfach nur noch fesselnd und schaffte es trotzdem nicht, Morde und Tötungen im Namen irgendeines Freiheitskampfes zu rechtfertigen.

Lesenswert allemal!

Nicholas Searle
Verrat
Aus dem Englischen von
Jan Schönherr
Kindler/ rowohlt Verlag, Hamburg
ISBN 9783463406923

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Sonntag, 15. April 2018

Petra Hartlieb - Wenn es Frühling wird in Wien

Genau so liebens- und lesenswert wie Band 1

Wir sind im Jahr 1912 und für Marie geht ein Traum in Erfüllung. Sie sitzt, genau wie ihre Oma es ihr vorausgesagte hatte, im Wiener k&k Hoftheater und sieht sich zusammen mit dem jungen Buchhändler Oskar Novak, dem Mann, in den sie sich verliebt hat, ein Stück ihres Dienstherrn Arthur Schnitzler an. Sie ist immer noch rundum glücklich und zufrieden mit ihrer Herrschaft und den beiden Kindern und auch das Verhältnis zu Oskar festigt sich langsam. Und langsam hält der Frühling Einzug in Wien.

Nach "Ein Winter in Wien" ist dies der zweite Band, in dem ich das ehemalige Bauernmädel Marie Haidinger auf ihrer Reise in die Großstadt Wien begleiten darf. Der Winter nimmt ganz langsam Abschied und so gehe ich mit Marie, Oskar und den Schnitzler-Kindern Lili und Heinrich das erste Mal in den Tierpark. Ich sitze mit Oskar und der Tochter eines befreundeten Buchhändlers im Sacher und besuche eine Opernaufführung. Ich spiele Mäuschen, wenn sich Herr und Frau Schnitzler streiten und freue mich mit Oskar, als seine berufliche Laufbahn plötzlich einen rasanten Sprung tut.

Aber nicht nur die positiven Dinge beeinflussen das Leben der Protagonisten. So hat sich das Dienstmädchen der Schnitzlers mit einem Hallodri eingelassen und nach einem Besuch bei einer Engelmacherin bangt man nun um ihr Leben. Sehr gut gefällt mir die junge Fanni Gold, die Tochter des besagten Buchhändlers. Sie trinkt, raucht, liebt Frauen und muss froh sein, dass sie so liberale Eltern hat, durch die sie genau so sein kann wie sie will. Dann startet sie mit der Jungfernfahrt der Titanic auf nach Amerika.

Die kleine Liebesgeschichte zwischen Marie und Oskar, die langsam Fahrt aufnimmt, ist nur der Rahmen für die vielen kleinen Vorkommnisse, die mich mitten in der Zeit der Belle Epoque dabei sein lassen. Wie im Flug gleiten die Seiten des kleinen, sehr edel aufgemachten Buches an mir vorbei und für eine kurze Zeit blende ich mein hier und jetzt total aus und lasse mich fesseln von der Zeit um 1912 in Wien.

Petra Hartlieb
Wenn es Frühling wird in Wien

Dumont Verlag, Köln
ISBN 9783832198480
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© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 13. April 2018

Susanne Ziegert - Störtebekers Erben

Neuwerk, ein Vorort von Hamburg

Auf der kleinen Nordseeinsel Neuwerk mit ihren 30 Einwohnern wird der Kopf des Inselkaufmannes Peter Hein aufgespießt auf den Friedhofszaun gefunden. Der dazugehörige Körper liegt auf dem Friedhof in einer Blutlache. Er wird nicht der einzige Tote auf der kleinen Insel bleiben.

Kommissarin Friederike von Menkendorf bekommt das erste Mal einen Fall zugeteilt und hängt sich mächtig rein. Doch man merkt ihr schon an, dass sie noch keine Erfahrung hat.

Die hat die Malerin Margo Valeska zwar auch nicht. Aber mit ihren Recherchen kommt sie erstmal ein ganzes Stück weiter und dem Täter gefährlich nahe.

Da ich im vergangenen Jahr ein paar Tage Urlaub im Cuxhavener Ortsteil Duhnen gemacht habe, von wo aus ich auf die kleine Insel Neuwerk schauen konnte, musste ich dieses Buch einfach lesen. Bei den Beschreibungen von Land und Leuten war ich sofort wieder drin in meinem Strandkorb, hatte den Geruch von Salz und Meer in der Nase und weit hinten den Leuchtturm der kleinen Insel Neuwerk im Blick.

Die sehr vielschichtigen und verschiedenen Charaktäre, die hier eine Rolle spielen, haben mir sehr gut gefallen. Sympatisch waren mir von Anfang an Margo Valeska und die junge Kommissarin Mareike Schmidt. Bei Friederike von Menkendorf, die anfangs von einem Extrem ins andere fällt – einmal ist sie total sicher und suverän, dann wieder extrem verunsichert und macht Fehler - hat es etwas gedauert, aber dann fand ich auch sie recht angenehm. Ihr Kollegen KOK Robert Galinowski ist einfach nur eingebildet, arrogant, selbstverliebt, eine aufgeblasene Nervensäge und ein Jammerlappen. Der hat sich bis zum Schluss nicht bei mir einschmeicheln können. Auch alle anderen Handelnden haben ihre Ecken und Kanten und passen sehr gut zur etwas wortkargen beschriebenen norddeutschen Mentalität.

Der Fall an sich ist sehr spannend und interessant aufgebaut. Ich kann sehr gut mit rätseln und mit ermitteln und genau wie Kai-Uwe König, dem Inselbürgermeister, geht auch meine Fantasie hier und da mit mir durch. Und genau wie Margo komme ich drauf, dass die Inselidylle doch einige Risse hat. Die meisten Bewohner Neuwerks verhalten sich sehr reserviert, misstrauisch und wortkarg und nur der alte Schullehrer Alfred Olscher lässt mich an seinen Erinnerungen teilhaben. Nebenbei erfahre ich einiges über die Likedeeler und den Piraten Störtebeker. Was ich auch nicht wusste, dass die Insel Neuwerk zu Hamburg gehört.

Ein spannender, lesenswerter, unterhaltsamer Einblick auf eine kleine Insel in der Nordsee mit einer interessanten Vergangenheit. Ich hoffe bald mehr von der Autorin Susanne Ziegert zu lesen. Vielleicht nimmt sie mich mal wieder mit an die norddeutsche Küste oder auf eine der vielen Inseln.

Susanne Ziegert
Störtebekers Erben

Gmeiner Verlag, Messkirch
ISBN 9783839222669

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 11. April 2018

Romy Fölck - Totenweg

Viele Blicke zurück

Frida Paulsen bereitet sich auf die Abschlussprüfung an der Polizeiakademie vor, als sie ein Anruf ihrer Mutter erreicht. Ihr Vater wurde brutal zusammengeschlagen und liegt im Krankenhaus im Koma. Obwohl sie nichts in ihre alte Heimat zieht, muss sie ihrer Mutter beistehen. Da kommen die Erinnerungen an die Jugend zurück. Ihre beste Freundin Marit, damals 14 Jahre alt, wurde in Deichgraben in einem alten Schuppen am Totenweg ermordet; ihr Mörder nie überführt. Aber Frida hat dem damals ermittelnden Kommissar Bjarne Haverkorn nicht alles erzählt. Nun treffen sie hier wieder aufeinander. Haverkorn, der seinen ersten Fall als leitender Ermittler nie hat abschließen können, hadert noch immer damit, dass genau dieser Fall ihn an seinem Fortkommen gehindert hat.

Der intensive, mitreißende, trotzdem leicht zu lesende Schreib- und Erzählstil von Romy Fölck hat es mir sehr schwer gemacht, den Krimi immer mal wieder aus der Hand zu legen. Ich bin schnell mittendrin in der etwas düsteren Gemeinschaft der kleinen Gemeinde Deichgraben in der Elbmarsch und lerne die kleinen Geheimnise, die jeder mit sich trägt, kennen.

Die 31-jährige Frida ist mir von Anfang an sympathisch, obwohl sie etwas verschlossen wirkt. Ich bewundere sie, wie sie die Geschäfte des Apfelhofes in die Hand nimmt um ihren Heimathof zu retten. Durch sie und ihre Gedanken, die immer wieder in die Vergangenheit wandern, lerne ich einige Personen des Dorfes noch näher und besser kennen. Wobei ich alle Handelnden sehr gut ausgearbeitet und menschlich gut dargestellt und für mich vorstellbar empfinde.

Mit dem wortkargen, eigenbrödlerischen Bjarne hatte ich anfangs meine Schwierigkeiten, die sich aber schnell gelegt haben. Er ist ein, wie ich es empfinde, sehr einfühlsamer Mann, der sich an seinen privaten Problemen, die er übrigens schnellstens lösen sollte, aufreibt.

Der Spannungsbogen wird von Anfang an sehr hoch gespannt und hält sich, auch wenn es mal etwas ruhiger zugeht, sehr gut bis zum Schluss. Obwohl Bjarne wegen des Überfalls auf Fridtjof Paulsen in der Elbmarsch ist, zielt doch alles auch auf den Cold Case von vor 20 Jahren zurück. Ich bekomme immer wieder Informationen, die mich auf falsche Wege leiten. Eine weitere Leiche taucht auf, die wieder in eine andere Richtung weist. Ich hatte selten so viele Fragen, die sich schlussendlich alle nach und nach aufgelöst und zu meiner Zufriedenheit geklärt haben.

Obwohl die Landschaft und die Umgebung keine sehr goße Rolle spielen, habe ich die vielen Apfelbäume auf den verschiedenen Höfen vor Augen und den Duft der Äpfel in der Nase.

Ich habe einen spannenden, interessanten Krimi lesen dürfen, bei dem mich einige Wendungen immer wieder verwirrt haben. 3 Fälle konnten gelöst werden und ich habe fleißig mit rätseln und spekulieren können.

Und nachdem ich die LP zum nächsten Fall habe lesen können, bin ich schon voll gespannter Vorfreude auf die weitere Zusammenarbeit von Bjarne Haverkorn und Frida Paulsen.

Romy Fölck
Totenweg

Luebbe Verlag, Köln
ISBN 978378572622-8

© Gaby Hochrainer, München 2018

Sonntag, 8. April 2018

Kirsten Raab - Rindsmord

Auf einer Weide in Söderbrock in der norddeutschen Provinz wird ein Mann gefunden, zu Tode getrampelt durch den kleinen normalerweise harmlosen Dexterbulle Oblivion "Olli". Nach und nach stellt sich heraus, dass der tote Bankdirektor Kurt Westermann ein Doppelleben geführt hat und dass seine Geschäfte sich nicht nur auf die Bank bezogen, sondern er auch mit Hinterziehung und Geldwäsche zu tun hatten. Ausserdem war er der holden brünetten Weiblichkeit mehr als zugetan.

Für die Kommissare Petersen und Hansen stellt sich eine schwierige Aufgabe. Viele Verdächtige aber kein Motiv. Hier ist Kleinstarbeit gefragt.

Für mich ist es das erste Zusammentreffen mit den Kommissaren Piet Petersen, der die Gedanken an seine getötete Frau nicht abstellen kann und Holger Hansen, der einfach zu gut ist für diese Welt. Die Beiden gefallen mir sehr gut, haben sie doch im Gegensatz zu vielen anderen Ermittlern derzeit ein ganz normales privates Leben, wobei Petersen immer noch mit den Dämonen seiner Vergangenheit mit dem Anlitz und dem Lachen seiner Frau kämpft. Bei diesen Beiden handelt es um die absoluten Hauptpersonen in dieser Geschichte. Die anderen Handelnden finde ich zum Teil sehr interessant. Sie bleiben für mich allerdings etwas blass und unausgereift zurück.

Die Geschichte spielt in der norddeutschen Provinz. Ich würde diesen Krimi aber nicht als Regionalkrimi einstufen, da man von Land und Leuten nicht viel mitbekommt, ausser den Stellen, an denen die Kommissare ihre Ermittlungen ausführen.

Interessant waren für mich die Ausflüge in die Kunstszene. Die von Alsleben hergestellten Exponate hatte ich direkt vor Augen.

Fazit:
Ein leichter Krimi mit zwei Ermittlern mit viel Potential und einem spannenden Plot, der mich aber wegen des unausgereiften Endes etwas enttäuscht zurück gelassen hat.

Kirsten Raab
Rindsmord

bookshouse Verlag
ISBN 9789963538348

© Gaby Hochrainer, München 2018

Samstag, 7. April 2018

Smith Henderson: Montana

In diesem Roman wird ein Lied gespielt, das Lied des mittleren Westens Amerikas. Eine raue und wilde Melancholie, frisiert durch den Klang der Gitarre und einer knisternden Stimme des Sängers. Die Stimme erzählt von der Sehnsucht der Menschen in diesem Landstrich, deren Alltag von Armut und Aussichtslosigkeit geprägt ist. Der Autor trifft damit einen Ton, der dem von James Lee Burke ähnelt. Er zeichnet damit das Porträt von einem dreckigen Amerikas, einem kriminellen, einem armen Amerika, aber nicht ohne den Schimmer von Hoffnung durchsickern zu lassen.

Pete Snow ist Sozialarbeiter beim Jugendamt in Tenmile. Zwar ist es seine Aufgabe, Kindern und Jugendlichen in schwierigen familiären Verhältnissen zu helfen, aber das geht nicht, ohne nicht auch den Familien selbst zu helfen. So ist Petes Ansatz: den Eltern zu helfen, damit deren Kinder es besser haben. Oft hat Pete den Eindruck, gegen Windmühlen zu rennen. Alkohol, Rauschgift und Kriminalität bestimmen den Ablauf dieser Familien. Da bleibt ihm nur die Möglichkeit, die Kinder von dort wegzuholen. Am liebsten bringt er sie bei Pflegeeltern unter, Heime sind nur für den Notfall vorgesehen. Und dennoch ist auch der Jugendknast nicht ausgeschlossen. Nimmt ihn schon seine Arbeiten mit, vielleicht auch zu sehr, so will sich zudem zu allem Überfluss seine trinkende Ehefrau mit der pubertierenden Tochter von ihm trennen. Pete wird hin und her gerissen zwischen den zu betreuenden Familien und seiner eigenen. Als seine Tochter verschwunden ist, scheint alles zu eskalieren. Der Alkohol zieht Pete in den Bann.

Die Geschichte vom Sozialarbeiter Pete Snow wird in zwei Ebenen erzählt. Auf der Hauptebene läuft das Geschehen um den Protagonisten. Sekten, Nazis, FBI, DEA, ATF, Schlägereien, Schießereien, das volle Programm, und dazwischen das Jugendamt. Der Protagonist kümmert sich um zwei Jungs, mehr und weniger erfolgreich. In der zweiten Ebene verfolgt man ein Verhör, bei dem letztendlich nicht aufgelöst wird, wer wen interviewt. Hier erfährt man die Geschichte von Petes pubertierender Tochter Rachel auf ihrer Flucht, man erfährt von ihrer Abwärtsspirale, getreu dem Motto: Wer aus prekären Verhältnissen stammt, kann nur noch tiefer sinken. Denn auch die Verhältnisse, in denen ihr Vater Pete aufwuchs, sind alles andere als von Wohlstand geprägt gewesen. Den gibt es in diesem Landstrich in Montana nicht.

Wer ein dickes Happy End erwartet, wird sich mit dem mit diesem hervorragenden und bildgewaltigem Erzählepos nicht wohlfühlen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und das Ende befriedigt auf angenehme und passende Weise. Ein großer Roman, den ich einen empfehlen kann.

Smith Henderson
Montana
btb Verlag, München

ISBN 9783442715947

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Freitag, 6. April 2018

Patricia Schröder - FANATISCH

Ein beklemmender Jugendthriller, auch für Erwachsene

Die 17-jährige Deutsch-Iranerin Nara ist ein ganz normales Mädchen mit ihren kleinen Problemen und ihrer Schwärmerei für einen neuen Mitschüler. Mit ihrer Mutter, ihrem Pa, dem kleinen Bruder Sinan und dem Hund Mister Ibrahim führt sie ein behütetes Leben. Auch ihre allerbeste Freundin Charlotte und ihren guten Freund Jamie lernen wir gleich zu Beginn der Geschichte kennen. Die weiht Nara auch ein, als sie geheimnisvolle und verstörende Nachrichten bekommt. Als sie dann Mister Ibrahim mit durchschnittener Kehle im Garten findet, scheint die Sache ernst zu werden.

Dann kommt der 19. Juli und alles ändert sich. 6 Mädchen verschwinden und tauchen erst 6 Tage später unvermittelt wieder auf. Alle in neuwertigen dunkelblauen Jogginganzügen und schwarze Turnschuhe, einer proffessionell versorgten Wunde an der rechten Hand. Sie alle schweigen beharrlich. Und auch Jamie ist und bleibt verschwunden.

Da Patricia Schröder Nara ihre Geschichte in der Ich-Form erzählen lässt, bin ich in ihren Gedanken immer ganz nahe am Geschehen dran. Ich bewundere die 17-jährige, wie sie einerseits versucht ihren kleinen Bruder zu beschützen, andererseits wie sie sich nach der Entführung immer wieder Mut zuspricht um nicht an der Stille und dem Alleinsein in ihrem Gefängnis zu zerbrechen. Sie ist eine sehr starke, tapfere und manchmal zornige Protagonistin, mit der ich gelitten und gebangt habe. Sie hat es verstanden, mich ab der ersten Seite für sich einzunehmen.

Aber auch Charlotte und Jamie lerne ich als ihre Freunde kennen, die immer für einander da sind. Eine Freundin wie Charlie, die sich durch nichts beirren lässt und Nara immer zur Seite steht, auch als die es gerade nicht zulassen will, sollte jedes Mädchen haben.

Es wird schon sehr hart und eindringlich beschrieben, was Nara und auch ihre 5 Leidensgenossinnen alles erleiden müssen. Ich finde, dass diese Beschreibungen noch nichts für junge Leser unter 16 Jahren sind. Mir als Leserin Ü60, die ich immer mal wieder ein gutes, spannendes Jugendbuch lese, hat die Geschichte sehr gut gefallen.

Die Spannung steigert sich ab der ersten Seite, wo ich aus einem Zeitungsartikel erfahre, was sich erst noch beim Weiterlesen ereignen wird. Die kleinen Kreuze vor jedem neuen Abschnitt lassen bei mir ein mulmiges Gefühl aufkommen.

Die Gedanken des Täters und die eines weiteren männlichen Opfers lassen mich immer mal wieder tief in die kranke Psyche des wahngesteuerten Täters blicken und lassen mich ratlos und entsetzt zurück.

Ich habe lange nicht verstanden oder geahnt, wohin die Reise geht und konnte die vielen kleinen Zeichen, die es immer wieder gab, nicht lesen. Erst zum Schluss löst sich alles schlüssig und nachvollziehbar auf und lässt mich zufrieden zurück.

Fazit:
Ein superspannender Jugendthriller, den ich aber auch jedem Erwachsenen empfehlen kann. Der mich beim Lesen gehalten hat bis zu einem Ende, dass ich so nicht erwartet habe. Und einem Thema, mit dem wir leider heute immer wieder mal in Berührung kommen: Fremdenhass und religiöser Wahn.

Patricia Schröder
FANATISCH

Coppenrath Verlag
ISBN 9783649624547

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 4. April 2018

J.Courtney Sullivan - All die Jahre

Familiengeheimnisse

Nora Flynn ist 21 als sie 1957 zusammen mit ihre 17-jährigen Schwester Theresa, für die sie nach dem frühen Tod der Mutter die Fürsorge übernommen hat, die weite Überfahrt von ihrer irischen Heimat nach Bosten zu ihrem Verlobten Charlie Rafferty angeht. Im gelobten Amerika soll sich für die beiden Mädchen das ärmliche Leben zum Besseren wenden. Doch Theresa, die eigentlich Lehrerin werden wollte, wird von einem verheirateten Mann schwanger. Das Leben ändert sich nun nicht nur für Theresa, sondern auch für Nora, die den neugeborenen Patrick für ihr eigenes Kind ausgibt und ihn zusammen mit ihren eigenen 3 Kindern großzieht. Theresa vergräbt sich hinter den Mauern der Abtei der Unbefleckten Empfängnis und wird Nonne. Der Kontakt der Schwestern bricht irgendwann gänzlich ab und eine Zeit des Schweigens beginnt.

50 Jahre später, 2009, stirbt Patrick bei einem Verkehrsunfall. Bringt dieses traurige Ereignis die Schwestern wieder näher zueinander?

J. Courtney Sullivan ist eine Meisterin der leisen Töne. Sehr sensibel beschreibt sie die Gedanken und Sorgen der beiden Frauen, in der Gegenwart und auch in der Vergangenheit. Ich lerne die Beiden so intensiv kennen, kann zum Schluss verstehen, warum sie gehandelt haben, wie sie es getan haben. Von Noras Seite immer nur auf das Wohl der Anderen bedacht. Theresa, erst kleine Egoistin, die sich dann ganz dem Leben für Gott zuwendet und endlich ihren Frieden findet. Ich kenne ihre kleinen Geheimnisse und kann nachvollziehen, wie sich die Distanz für die Beiden immer mehr aufgebaut hat. Aus der einistigen innigen Verbundenheit baut vorallem Nora eine Mauer um sich abzugrenzen. In Noras Familie wird Theresa totgeschwiegen. Es gibt sie einfach nicht. Und für Noras Kinder ist es wie ein Schock, dass es plötzlich eine Schwester ihrer Mutter gibt.

Auch die anderen Personen der Geschichte haben so verschiedene und vielschichtige Charaktäre, die sich leicht einprägen lassen und das Familienbild komplettieren. Jeder hat so seine kleinen Geheimnisse, die hier langsam ans Licht kommen und die die Familie so menschlich und authentisch machen.

Ein sehr gefühvoller, sensibler und teilweise ergreifender Familienroman, der all die Jahre aus Vergangenheit und Gegenwart gekonnt zusammenführt. Da das Ende relativ offen bleibt, kann sich jeder seine Geschichte selbst zuende spinnen.

Ein tolles Buch für alle, die "geheimnisvolle" Familiengeschichten mögen.

J. Courtney Sullivan
All die Jahre

aus dem Amerikanischen von Henriette Heise
Hanser Verlag, München

ISBN 9783552063662

© Gaby Hochrainer, München 2018

Sonntag, 1. April 2018

Nick Alexander - Der andere Sohn

Eine Frau sucht ihren Weg.

Dottie, die letzte und beste Freundin von Alice hat ihren Mann verlassen und ist in ihrer selbst gewählten Einsamkeit sehr glücklich. Auf der Fahrt zur Beerdigung eines alten Freundes und Arbeitskollegen von Ken macht sich Alice Gedanken über 50 Jahren Gleichgültigkeit, unsinnige Wutausbrüche, Schlägen und geistige Einsamkeit in ihrer Ehe. Was zu Beginn ihrer Bekanntschaft früher funkelnd und verlockend aussah, wirkt heute kalt, verstaubt und abgenutzt. Mutosigkeit tropft aus jeder Zeile. Alice ist erschöpft, ausgelaugt und zutiefst deprimiert. Bis sie beschließt, ihren Sohn Matt in Südfrankreich zu besuchen.

Durch die Erzählung der Geschichte in der Gegenwart bin ich noch näher an Alices Seite und noch tiefer im Geschehen drin. Alice ist eine Frau, deren Verhalten für mich nur schwer nachvollziehbar ist. Seit Jahren von ihrem Mann gedemütigt und geschlagen, verteidigt sie ihn immer wieder, sieht die Schuld meist bei sich selbst. Findet aber endlich den Mut Ken, erstmal für eine kurze Zeit, zu verlassen und ihren Sohn Matt, den sie sehr selten sieht, in Aix-en-Provence zu besuchen. Mir hat hier besonders die feinfühlige Art sehr gut gefallen, mit der Nick Alexander bzw. der Übersetzer Alex Wolf Alice in ihrem Kummer und ihrer Negativität beschreibt. Sehr schön finde ich die Entwicklung, die sie hier mitmacht.

Ich lerne Alice´ ganze Familie kennen. Aber besonders Natalja, die russische Frau von Tim kommt anfangs mit ihren Gefühlen und unergründlichen Launen, meistens schlechten, in einem sehr negativen Bild daher. Sie hat es in meinen Augen geschafft, dass die Söhne Alex und Boris genau so unzufrieden sind wie sie. Grund dafür sehe ich, und wenn Nat darüber nachdenkt selbst auch so gar keinen. Das Handwerk der Manipulation beherrscht sie hervorragend. Ich mochte sie nicht. Bis Alice auf der Flucht vor ihrem Mann bei ihrem Sohn bzw. ihrer Schwiegertochter Schutz sucht. Da kommt aufeinmal eine ganz andere Nat zum Vorschein. Lebendige, echte und vielschichtige Protagonisten bringen in die oft düstere Geschichte richtig Farbe.

Überhaupt leben die Personen mit denen ich es in England zutun habe irgendwie zwei Leben, haben sich eine Fassade aufgebaut. Ganz anders die Menschen in Südfrankreich. Sie sind offen und herzlich und bemüht, dass Alice endlich positive Seiten an ihrem Leben entdeckt.

Kein einfacher Familienroman, eher die Bewältigung von Lebensfragen. Ich habe meine Zeit gebraucht um mich auf das Buch, auf Fragen, die auch ich mir gestellt habe, und seine Menschen einlassen zu können. Aber ich habe es nicht bereut dran geblieben zu sein. Ein Roman, der die Hoffnung vermittelt, dass es nie zu spät ist, etwas an seinem Leben zu ändern.

Nick Alexander
Der andere Sohn
Amazon Tinte & Feder Verlag

ISBN 9781503949171

© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 30. März 2018

Dörte Jensen - Sonne Sand und Sehnsucht (Friesenbrise 5)

Dunkle Träume aus der Vergangenheit

Melanie Ziegler, deren Karriere gerade als "Madame" durch die Decke geht, soll sich vor ihrem Konzern auf Norderney dort erst noch ein paar Tage erholen. Die zickige, egozentrische und eingebildete Diva kann der kleinen schnuckeligen Pension "Friesenbrise" in der ihr Manager 2 Zimmer gebucht hat so gar nichts abgewinnen. Bis sie den Bruder des Inhabers kennenlernt. Haukes Bruder Sören de Vries kommt gerade von einer Kreuzfahrt, wo er als Kapitän am Ruder steht, und verliebt sich auf den ersten Blick in die so unnahbar scheinende Frau. Ihr Manager Lennart Exner, der sich von den Gagen und Tantiemen, die Madame gerade einspielt, finanziell stark bereichert, versucht mit allen Mitteln die Treffen der Beiden zu verhindern. Als Madame bei einer Livesendung vor ihrem Publikum zusamenbricht, nimmt das Schicksal seinen Lauf ...

Dörte Jensen entführt mich im Herbst auf die Nordseeinsel Norderney. Trotz des frischen Windes, den ich auf der Haut meine spüren zu können, genieße ich das Sommerfeeling, das aus den Zeilen der Geschichte fließt. Ich liebe den friesischen Dialekt, der hier und da in kurzen Sequenzen eingestreut wird. Beim Krabbenbrot mit Ei läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Und der der kleinen Liebesgeschichte, die doch einen ernsten Hintergrund hat, schmelze ich einfach dahin.

Es geht um Macht, um Gier, um Verlustängste und um Vergangenheitsbewältigung. Auch harte Medikamente spielen einen große Rolle in dem sonst so leichten romantischen Roman.

Mir gefällt die schleichende Verwandlung von Madame von der exzentrischen Diva zu einer ganz normalen jungen Frau mit ihren Ängsten und Träumen sehr gut. Ihre Vergangenheit wird hier angesprochen und ich hätte gerne noch mehr Mäuschen gespielt.

Alle hier handelnden Charaktäre sind so liebevoll und menschlich dargestellt, dass man die meisten einfach gern haben muss. Man merkt beim Lesen, dass die Autorin die Insel in der Nordsee und ihre Menschen liebt.

Der federleichte Schreibstil und die sich entwickelnde Liebesgeschichte haben mich hingerissen. Gerade zu Beginn hätte ich Madame manchmal gerne geschüttelt und sie ins normale Leben mitgenommen. Aber hier hin hat sie es ja dann ganz von alleine geschafft.

Mit einer romantischen Liebesgeschichte mit einem ernsten Hintergrund mit einer meist strahlenden Hauptdarstellerin (hier hatte ich immer Helene Fischer vor Augen) hatte ich wunderschöne Lesestunden. Und da der kurze Ausblick auf die nächste Geschichte schon Spannung erzeugt, bin ich auch da wieder mit dabei. Auf einer Insel mit Wohlfühlcharakter.

Dörte Jensen
Sonne Sand und Sehnsucht

Selfpublisher
ISBN Amazon only

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 28. März 2018

K. Hanke / C. Kröger - Mordheide

Ein grausiger Fund in der Heide!

Oh nein, wie kann ein Krimi so enden. Aber genau so stachelt man die Lust auf den nächsten Fall von Katharina von Hagemann und Benjamin Rehder an.

Aber nun der Reihe nach:

Leon Guntram, der 10-jährige Pflegesohn der Architektin Anja Buse wird vermisst und am nächsten Tag tot im Wald in einer Futterkrippe aufgefunden. Leon ist geschminkt und hat einen Blütenkranz im Haar. Die Suche nach dem Täter beginnt, erste Verdächtige werden ermittelt. Doch ein evtl. Täter mit einem Motiv ohne Alibi ist nicht dabei. Viele lose Fäden, die sich nicht verbinden lassen, keine konkreten Spuren. Bis endlich, als die Nerven schon blank liegen, Kommissar Zufall zuhilfe kommt.

Ich kenne die Kommissare und ihr Team ja nun schon eine ganze Weile und freue mich immer wieder, wenn ich mal wieder auf Spurensuche in Lüneburg vorbei schauen kann. Was mir an Hagemann und Co. besonders gut gefällt ist, dass sie so "normal" sind. Zwar mit Ecken und Kanten, der ein oder andere ein kleiner Freak in seinem Fach, einfach menschlich und liebenswert. Bei ihnen finde ich keine Alkoholsucht oder vermüllte Wohnungen, keine sexistischen Ausfallerscheiningen oder Depressionen. Ich kann mir bei jedem Einzelnen gut vorstellen mit ihr oder ihm befreundet zu sein. Und das gefällt meiner Krimiseele sehr gut.

Von Dienstag, dem 08.08. - Mittwoch 16.08.2017 bin ich mit den Kommissaren Rehder, von Hagemann und Schneider und der Kollegin Vivien Rimkus vom Dezernat für Sexualdelikte im Einsatz und suche den Mann, der dem Leben des kleinen Leon ein Ende gesetzt hat. Besonders Tobias Schneider, der bei diesem Fall immer wieder an seine kleine Tochter Mia denken muss, kommt an seine Grenzen. Aber auch die anderen Beteiligten nimmt dieser Fall von Kindestötung sehr mit.

Ab und zu meine ich, den Kommissaren sogar einen Schritt voraus zu sein, denn ich sehe immer mal wieder in die Gedanken des Mörders. Was mich dann aber auch nicht weiter bringt, sondern nur ein sehr gekonnter Schachzug zu meiner Verunsicherung des Autorenduos Hanke/Kröger ist. Denn ich habe mal den einen, mal einen anderen Täter im Visier, den ich dann aber mangels Beweisen wieder ziehen lassen muss. Ich kann mir die schadenfrohen Gesichter der Autorinnen richtig vorstellen, wenn sie mich wieder auf´s Glatteis gelockt haben. An eine solche Auflösung, wie sie sich dann ergibt, habe ich nicht gedacht.

Vor jedem Kapitel werden Kinderverse zitiert, deren Inhalte sehr gut zu diesem Kriminalfall passen. Finde ich persönlich sehr schön und stimmig.

Einen ganz kleinen Minuspunkt gibt es hier aber doch. In diesem Fall steht mir das Private teilweise zu weit im Vordergrund. Wobei ich den Zusammenhang zwischen dem Fall und Tobias noch sehr gut verstehen kann. Bei Katharina hat es mich hier an manchen Stellen etwas gestört. Aber das hat mir schlussendlich die Freude am Lesen nicht verleiden können.

Dieser Fall hat mich mitgenommen, ist mir unter die Haut gegangen und ich war froh, als der Täter gefasst war. Wieder eine spannende, sehr tiefgründige und abwechslungsreiche Lektüre mit interessanten Charaktären, die mir unterhaltsame Stunden geschenkt hat.

K. Hanke / C. KrögerMordheide
Gmeiner Verlag, Messkirch
ISBN 9783839222355

© Gaby Hochrainer, München 2018

Montag, 26. März 2018

Anne Sanders: Mein Herz ist eine Insel

Während der vorherige Roman von Anne Sanders in Südengland, im wunderbaren St. Ives spielt, hat sich die Autorin im vorliegenden Roman in die unwirtlichen Gefilde Schottlands gewagt. Dafür hat sie sich die fiktive Insel Bailevar geschaffen, die viel von den Mythen, dem Aussehen und dem wilden Klima der realen Landschaft in sich vereint.

Isla stammt von der Insel Bailevar, sie ist hier aufgewachsen. Doch auf dem Weg zum Erwachsenwerden wurde ihr die Insel zu eng. Sie hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Besonders dann, wenn sie sich ihrer Heimatinsel an Jemanden fest bindet. Sie befürchtet, nie mehr von ihr fortzukommen, wenn sie es nicht sofort tun würde. Nun, einige Jahre später, kehrt sie in ihre Heimat zurück. Ihr Lebensgefährte hat sie betrogen und verlassen. Sie flieht erneut. Diesmal aus der Großstadt auf eine einsame, raue Insel, die mal ihre Heimat war. Doch hier werden alte Wunden aufgerissen. Das Verhältnis zu ihrem Vater, der ihr den Weggang damals immer noch übelnimmt, ist nicht besonders gut. Finn, ihr Spielgefährte und Freund aus Kindheit und Jugendzeit, ist nicht gerade über ihre Rückkehr erfreut und will ihr aus dem Weg gehen.

Anne Sanders hat erneut einen Roman über Menschen geschaffen. Die Figuren stehen in vorderster Linie, sind umfangreich, bildhaft und in vielen Details spürbar und erlebbar.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der beiden Protagonisten Isla und Finn in abwechselnden Kapiteln. Eine weitere Ebene kommt mit der Sage um Eilean O'Sheen hinzu, in der symbolisch genau das passiert, was gegenwärtig auf der Insel vor sich geht. Auf den ersten Seiten war der Wechsel der beiden Ich-Erzähler etwas schwierig für mich, obwohl die Kapitel mit deren Namen überschrieben waren. Diesen Perspektivwechsel nachzuvollziehen war mühsam. Doch nach wenigen Seiten gewöhnte ich mich daran und es wurde immer problemloser, im Kopf umzuswitchen. Mit der Zeit lernt man, wer hinter dem jeweiligen „ich" steckt und gerade denkt. Die Überschriften scheint man nicht mehr zu benötigen.

Ein hinreißender Roman über Menschen und ihre Gefühle, über das Zusammenleben in einer Gemeinschaft, über eine Region die rau und unwirtlich erscheint. Gern zu empfehlen.

Anne Sanders
Mein Herz ist eine Insel
Blanvalet Verlag, München

ISBN 9783764505936

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Sonntag, 25. März 2018

Nina Ohlandt - Eisige Flut

Der Eismörder

Anja Derling ist seit 4 Wochen verschwunden. Als ihre Mutter in der Früh die Zeitung holen will, steht Anja vor der Tür, als Eisskulptur. Ein paar Tage später findet ein Rentner mit seiner Enkelin auf einer Mauer sitzend den alten Arthur Peters, hingesetzt ebenfalls als Skulptur. Als dann auch noch eine dritte Eisstatue auftaucht, eine junge Frau als Tänzerin in Eis drapiert, hat die Kripo Flensburg einen neuen Fall: sie suchen den Eismörder. Eine Gemeinsamkeit aller Toten: alle haben signifikanten Beigaben im Bauchnabel, die wohl auf den nächsten kommenden Toten hinweisen.

Eisige Flut ist nun schon der 5. Fall, den ich zusammen mit den Kommissaren John Benthien, Lilly Valesco, Tommy Fitzen und einigen anderen Kollegen lösen darf. So knifflig, wie dieser, war für mich allerdings noch keiner. Es gibt ungeheuer viele Spuren. Alle laufen ins Leere. Es gibt viele Verdächtige. Alle haben ein handfestes Alibi. Benthien und Kollegen stehen vor einem Rätsel. Es wird doch hoffentlich nicht so ausgehen, wie die Morde in den USA vor einigen Jahren, die nicht gelöst werden konnten? Es gibt hier nämlich einige Gemeinsamkeiten. Doch auch in diesem Fall kommt der Täter ans Licht - und ich war absolut schockiert...

Der Schreibstil ist gewohnt leicht und flüssig und ich bin sehr schnell mitten in der Geschichte drin. Da ich die meisten Kollegen schon kenne, ist es wie zurück zu kommen und wieder mit ihnen zusammen im Konferenzzimmer zu fachsimpeln und Ergebnisse auszutauschen. In dieser Geschichte machen mir aber John und Lilly etwas Sorgen. Lilly muss unbedingt noch eine private Sache zuende bringen. Dann wird hoffentlich auch in dieser Beziehung wieder Ruhe einkehren.

Mein Liebling Benjamin Benthien, John´s Vater, hat endlich alle Rezepte für seinen Backblock zusammen und dieser geht an den Start. Ich bewundere den alten Herrn, der eine Vitalität ausstrahlt, die ich gerne in 15 Jahren genau so auch noch gerne hätte.

Der einzige Kollege, den ich von Anfang an, als er in den hohen Norden kam, nicht mochte ist auch wieder dabei. Anscheinend versucht er seine Fehler aus der Vergangenheit wieder gut zu machen. Er setzt sich ein, hält sich mit dummen sprüchen zurück und versucht sich anzupassen. Trotzdem mag ich ihn nicht.

Durch die vielen verschiedenen Orte, an denen ermittelt wird, bin ich zwar wieder im ganzen Norden der Republik und auf den Inseln Amrum und Föhr unterwegs, was mir landschaftlich wieder sehr gut gefallen hat. Aber den lokalen Kollorit habe ich ganz besonders am Schluss gespürt. Da geht John Benthien sehr bewusst und mit offenem Blick durch sein Flensburg. Und schon steht diese Stadt auf meiner "möchte-ich-noch-sehen"-Liste.

So schade ich es finde, dass das Buch wieder so schnell ausgelesen war, so sehr freue ich mich auf den 6. Fall für Benthien und Kollegen, der hoffenlich bald erscheinen.

Nina Ohlandt
Eisige Flut

Bastei Luebbe Verlag, Köln
ISBN 9783404176373

© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 23. März 2018

Linus Reichlin - Er

Hannes Jensen, der ehemalige Inspecteur der Polizei in Brügge hat sich langsam an die Einsamkeit mit Hund gewöhnt. Seine blinde Freundin Annick, die ihn jahrelang betrogen hatte, hat ihn Richtung New York verlassen, ihm aber ihren Blindenhund dagelassen, der sich nun an Jensen gewöhnen muss. Als Jensen zur Beerdigung seiner Schwester Franziska nach Berlin reist, lernt er in einem Blumenladen Lea kennen. Senen Hund vergsst er, angebunden vor dem Blumemladen. Lea erbarmt sich des armen Geschöpfes und so kommen sich Lea und Hannes über den Blindenhund, den Lea gerne für ihre Tochter Toni hätte, näher. Aber Jensen scheint nicht für die Liebe gemacht zu sein. Er wittert auch bei Lea einen Anderen. Eifersucht macht sich breit und lässt Jensen nicht mehr los.

Lea, die auf einer kleinen schottischen Insel geboren und mit 17 schwanger wurde, sollte zwangsverheiratet werden und ist damals nach Berlin geflohen. Ihre Kontakte zur Heimat hat sie abgebrochen. "Er" ist der zweite Mann in Leas Leben, den Jensen meint unbedingt finden zu müssen.

Lea ist diejenige, die die beiden Erzählstränge der Geschichte zusammen hält. Da ich Hannes Jensen erst hier kennenlerne, habe ich noch kein Bild von ihm. Leider bekomme ich das auch nicht, als die Geschichte auserzählt ist. Er wirkt auf mich blass, emotionslos ausser der Eifersucht, die ihn um treibt.

Linus Reichlin versteht es meisterhaft die zwei Handlungsstränge, die vorerst jeder für sich steht, ganz langsam miteinander zu verknüpfen, wobei ich das Gefühl hatte, dass Lea hier sehr viel mehr Raum einnimmt als Jensen.

Obwohl ich diese Geschichte nicht als Krimi einstufen würde, baut sich doch durch Jensens Eifersucht und vor allem durch die Zeitenwechsel eine differenzierte Spannung auf, die ich manchmal meine greifen zu können.

Ich gestehe, dass ich anfangs recht mühselig in die Geschichte hinein gekommen bin. Aber gut, dass ich nicht aufgegeben habe. Als ich mich an den Erzählstil gewöhnt hatte, kam bei mir eine richtige Lust auf weiterzulesen um endlich dem Geheimnis von Lea auf den Grund zu kommen. Es hat sich gelohnt, diesen charakterstarken, sehr ruhigen und berührenden Roman bis zum Ende zu verfolgen.

Hier geht es nicht um kriminalistische Spitzfindigkeiten, sondern um eine spannende Geschichte über Gefühle, Eifersucht und die Qual, sie zu überwinden um die Liebe vorbehaltlos genießen zu können.

Linus Reichlin
Er

KiWi Verlag, Köln
ISBN 9783462043983

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 21. März 2018

Heike Fröhling - Winterfrau und Frühlingsmädchen

"Wir können mit den Händen loslassen, etwas von uns stoßen, es aber nicht aus unseren Herzen reißen." Zitat auf S. 101

Die 22-jährige Hanna Schubert hat Abitur gemacht, war in Südamerika und Irland und ist sich immer noch nicht im klaren, was sie nun machen will. Wenn es nach ihrer Mutter Claudia und Oma Marianne geht, soll sie Medizin studieren und dann die Kinderarztpraxis der Eltern übernehmen. Aber ist es das, was sie will?

Als eines Tages Else Ferrando geb. Wagner vor der Tür steht und mitteilt, dass sie die Mutter von Oma Marianne sei, ändert sich das Leben der jungen Frau von einem Tag auf den anderen. Oma Marianne will es nicht glauben, denn ihre Mutter war Alma. Aber Hanna ist neugierig und fährt mit ihrer Uroma zuerst auf alte Spuren nach Berlin und dann nach Italien ins wunderschöne Ligurien.

Heike Fröhling hat es auch diesmal wieder gleich mit den ersten Seiten geschafft mich in die Geschichte hinein zu ziehen. Ich fühle die Zweifel und die Ablehnung von Marianne auf die Ankündigung von Else; ich spüre die Nähe, die seit dem ersten Treffen zwischen Else und Hanna entsteht und ich kann gut nachempfinden, dass Hanna mehr von Else erfahren will.

Es ist keine heile Welt, in der Else aufgewachsen ist – ganz im Gegenteil. In Rückblicken in die Jahre 1943/1944 erzählt sie ihre Gedanken ihrem Tagebuch, was ihr in dieser Zeit passiert ist und wie es kommt, dass Marianne nicht bei ihr sondern bei ihrer Musiklehrerin Alma aufgewachsen ist.

Die Autorin erzählt in sehr einfühlsamer, warmherziger aber ausdrucksstarker Weise die Familiengeschichte von 4 Frauen, die plötzlich anfangen ihr Leben zu hinterfragen:

Wird Hanna nun doch ihr Studium beginnen oder lebt sie einen Traum?

Ist Claudia in ihrer Kinderarztpraxis noch glücklich?

Wie geht Marianne mit den neuen Erkenntnissen um? Wird sie sich mit Else aussprechen?

Und Else – hat sich das, was sie sich von ihrem Besuch in Wiesbaden erhofft hatte, erfüllt?

Ich erkunde mit den Augen von Hanna einen kleinen Teil Liguriens, wo Else lebt. Ich sehe auf der einen Seite das Meer und auf der anderen Seite die Berge vor meinen Augen. Ich würde sehr gerne auf Elses Bank bei den Rosen sitzen und mal in den kleinen See springen.

"Winterfrau und Frühlingsmädchen" ist eine Gute-Laune-Geschichte, die aber auch zum Nachdenken und erinnern anregt; an eine dunkle Zeit unserer Geschichte, die wir nicht vergessen dürfen.

Eine tolle Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe, die ich gerne weiter empfehle.

Heike Fröhling
Winterfrau und Frühlingsmädchen

Amazon Publishing Verlag, München
ISBN 9781503900776

© Gaby Hochrainer, München 2018

Montag, 19. März 2018

Yasemins Kiosk – Zwei Kaffee und eine Leiche – von Christiane Antons


Nina Gruber, Polizistin, derzeit außer Dienst, bezieht eine Wohnung in einem schönen Mehrfamilienhaus in Bielefeld, nachdem sie bei ihrer Mutter geflüchtet ist. Sie war bei ihrer kranken Mutter wieder eingezogen, damit sie sich um diese kümmern kann, was jedoch in der Praxis einfach nicht funktioniert. Isso!
Ninas Vermieterin Doro ist herzensgut, hat jedoch auch so ihre Probleme. Dann gibt es da noch Yasemin Nowak, astreine Deutsch-Türkin, die den Kiosk im Erdgeschoss betreibt, nebenbei ein bisschen Haare schneidet, Männer datet und ein absolut lebenslustiger Wirbelwind ist. Wäre da nicht der Stalker, der versucht Yasemin das Leben schwerzumachen.
Und als Nina und Yasemin beim Entsorgen des Altpapiers eine Leiche im Altpapiercontainer finden, kennt Yasemin den Toten auch noch. Die Polizei ist damit recht schnell fertig, unsere drei Frauen aber noch lange nicht ….
Erschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
insgesamt  192 Seiten
Preis: 11,00 €
ISBN 978-3-89425-582-4
Kategorie: Krimi
© Buchwelten 2018

Sonntag, 18. März 2018

Michael Wood - Stumme Wut

Vor genau 20 Jahren wurden Stefan und Miranda Harkness in ihrem Haus im eleganten Sheffielder Vorort Whirlow bestialisch abgeschlachtet. Der Täter konnte bis heute nicht ermittelt werden.

DCI Matilda Darke, die sich vor 9 Monaten nach dem Tod ihres Mannes und der verpatzten Entführung eines kleinen Jungen eine Auszeit genommen hat, will wieder ihren Dienst aufnehmen. Doch so einfach, wie sie es sich vorgestellt hat, ist die Wiedereingiederung nicht. Ihr Stelvertreter hat keine Lust seinen Posten wieder aufzugeben und Mat darf in einer kleinen Kammer den Cola Case "Harkness" wieder aufrollen.

Bereits im Prolog schiebt mich Michael Wood direkt hinein in den Mordfall Harkness. Ich habe Mitleid mit dem 11-jährigen Jonathan, der bei seinen Eltern als "Unfall" galt und dementsprechend abgeschoben wurde bzw. auf sich allein gestellt war. Nun sitzt er auf den Treppenstufen seines Elternhauses und hat höchstwahrscheinlich die Bluttat an seinen Eltern hautnah mit erlebt. Durch dieses traumatische Ereignis verliert er seine Sprache, die er erst nach Jahren wiederfindet.

Matilda, die sich mit dem ruhigen, eigenbrödlerischen Jonathan im Zuge ihrer Ermittlungen auseinander setzt, gefällt mir in ihrer Rolle als ebenfalls ziemliche Einzelgängerin sehr gut. Sie hat immernoch Probleme ihre Depression in den Griff zu bekommen und den Griff zur Flache hat sie auch noch nicht abgelegt. Aber sie hat empathische Kollegen und vor allem ihre allerbeste Freundin Adele Kean mit ihrem trockenen Humor, die allzeit für die da ist, hilft ihr im Laufe des Falles sich wieder selbst zu finden. Solch eine Freundin sollte jeder von uns haben. Es ist toll mitzuerleben, wie sich Mat im Laufe der kurzen Zeit zum Positiven verändert.

Ihr junger Kollege DC Rory Fleming, den ich auch bald in mein Herz geschlossen habe, bringt mit seinen Schlagfertigkeit immer wieder Auflockrung in den Fall und Matilda und mich hier und da zum Schmunzeln.

Überhaupt sind hier alle Handelnden so einfühlsam, mit ihren Ecken und Kanten, mit ihren Tiefen und Abgründen, mit ihren hellen und dunklen Seiten, beschrieben, dass sie sehr menschlich erscheinen und ich mich mit dem ein oder anderen sehr gut idetifizieren kann.

In der Geschichte selbst fehlt das Motiv. Dadurch kommen die Ermittlungen nur sehr langsam in Gang. Der Spannungsbogen jedoch steigt stetig und hält sich dann konstant, bis zur schlussendlichen Auflösung, die ich so nicht erwartet hätte. Zur Spannung tragen auch die vielen Wendungen bei, die aber alle immer wieder ins Leere führen. Immer neue Fragen tauchen auf, die jedoch oft erst später zu beantworten sind.

54 zumeist kurze Kapitel, die sich leicht und flüssig lesen lassen, reißen mich von einer Seite zur nächsten mit. Ein echter Pageturner.

Ich hätte allerdings gerne noch mehr über Matildas "verpfuschten" Fall erfahren. Aber vielleicht wird der ja als Cold Case im nächsten Fall behandelt und neu aufgerollt.

„Stumme Wut“ ist ein Kriminalroman, der mich von der ersten Seite an mitgenommen hat in die Psyche zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und zu einer Auflösung, die mich kurzzeitig schockiert hat.

Michael Wood – den Namen werde ich mir merken.

Michael Wood
Stumme Wut

Aus dem Englischen von Peter Friedrich
HarperCollins Verlag, Hamburg
ISBN 9783959671439

© Gaby Hochrainer, München 2018

Freitag, 16. März 2018

Daniel Glattauer - Theo

Hat meine Erwartungen nicht erfüllt

Daniel Glattauer beschreibt im gleichnamigen Buch, mehr oder minder die erste 14 Lebensjahre seines Neffen Theo. Wie er schaut, wie er spricht, wie ertelefoniert, wie er sich bewegt, wie er sich unter Menschen verhält, wie er mit seinen Kuscheltieren umgeht, was man mit Theo beim einkaufen erleben kann usw. Manches war richtig amüsant zu lesen, andere Seiten ziehen sich zäh dahin. Hier und da musste ich schmunzeln und wurde an meine eigenen Kinder in diesem Alter erinnert. Aber immer wieder hatte ich Mühe, mich auf den kleinen Kerl Theo einzulassen. Schön fand ich, wie er seine Welt oft so ganz anders sieht, wie wir Erwachsene es tun. Und im Supermarkt sollte man sich auf manche Äußerung à la "Kindermund tut Wahrheit kund" einstellen. Es gibt immer wieder interessante und witzige Anekdoten. Theo ist ein wisensbegieriges und interesiertes Kind. Aber nach einer Weile wirkt es auf mich nicht mehr witzig und humorvoll, sondern es keimt Langeweile auf.

Mir ist es nicht ganz leicht gefallen, dieses Buch vollständig und zuende zu lesen. Vielleicht hatte ich mir einfach zuviel erwartet.

Daniel Glattauer
Theo

Hanser Verlag, München
ISBN 9783552061408

© Gaby Hochrainer, München 2018

Mittwoch, 14. März 2018

Horst Eckert: Der Preis des Todes

Der Meister des Politthrillers hat seinen neuen Roman vorgestellt. Dieses Mal begibt er sich auf internationales Terrain, denn große Teile der Handlung spielen in Kenia, in einem Flüchtlingslager.

Die Talkshow-Moderatorin Sarah Wolf hat endlich eine Abendsendung in der ARD für ihrem Polittalk erhalten. Was zunächst keiner weiß: Sie ist mit dem Staatssekretär des Gesundheitsministeriums, Christian Wagner, zusammen. Bislang sind sie nicht an die Öffentlichkeit damit gegangen. Während sie sich auf den Weg zu einen Empfang begibt, findet in Düsseldorf ein Junge beim Spielen eine weibliche Leiche. Sarahs Vater, den sie nur mit Nachnamen anredet seitdem er sich vor zwanzig Jahren von ihrer Mutter, und damit quasi auch von ihr, getrennt hat, wird hinzugezogen. Er ist bei der Kripo für Vermisstenfälle zuständig und kann vielleicht etwas zur Identität der Leiche beisteuern.

Das Thema, dass Eckert in diesen Roman angeht, benötigte andere Figuren als die seiner vorherigen drei Romane. Auch als Leser macht es Spaß, neue Figuren kennenzulernen und nicht mit den altbewährten konfrontiert zu werden. Der Roman erweckt tatsächlich den Eindruck, als würde er mehr Roman denn ein Thriller oder Krimi sein. Natürlich wird ermittelt, denn es gilt herauszufinden, was die Frauenleiche in Düsseldorf mit dem Staatssekretär in Berlin zu tun hat. Schließlich muss die Moderatoren den Skandal, in welchem ihr Lebensgefährte verwickelt zu sein scheint, der Quoten wegen in ihrer Talkshow bringen. Doch dann gibt es einen weiteren Toten. Sarah Wolf beginnt zu recherchieren und zu ermitteln, macht daraus eine große Dokumentation für die ARD.

Hervorragend gestrickt und ernüchternde Fakten über die Produktion von TV-Sendungen. Brandaktuell wie eh und je bei diesem Schriftsteller. Actionreich, nicht ohne Schießereien und Fluchtszenen, dieser Roman ist mehr an Vielem. Er lässt sich nicht in eine Schublade packen und macht nicht zuletzt wegen der Spannung süchtig. Er lässt sich verschlingen, aber der Leser sollte auch mal innehalten und über so manches darinnen nachdenken. Bestnote!

Horst Eckert
Der Preis des Todes
Rowohlt Verlag, Hamburg

ISBN 9783805200127

© Detlef Knut, Düsseldorf 2018

Sonntag, 11. März 2018

Carmen Mayer - Eiswein

Julia Neubauer ist verschwunden. Ihre Freundin Renate Kellermann macht sich Sorgen und meldet Julia als vermisst. Zur gleichen Zeit werden die Kommissare Braunagel und Schwarz zum Fundort einer Leiche gerufen. Eine junge Frau liegt nackt und mit zertrümmertem Gesicht im Wald. Schon bald stellt sich heraus, dass es sich hier um Julia handelt ...

Leicht und verständlich geschrieben, die Charaktäre fein ausgearbeitet und wunderbare Dialoge haben mich das Buch in einem Rutsch durch lesen lassen. Nicht durchschaubar gestalten sich die Ermittlungen, die von Frau "Besserwisserin" Hauptkommissarin Annemarie Zeller immer wieder unterbrochen werden. Für mich standen immer wieder neue Täter fest - aber mit dem Schluss hatte ich so nicht gerechnet.

Wer einen Krimi sucht, der nicht von Blut trieft und sehr gut unterhält, dem empfehle ich "EISWEIN".

Carmen Mayer
Eiswein

edition oberkassel, Düsseldorf
ISBN 9783943121810

© Gaby Hochrainer, München 2018