Freitag, 15. Dezember 2017

Stefanie Zweig: Das Haus in der Rothschildallee

Dieser Roman von der Altmeisterin ist eine Familiensaga, deren Handlung zur Zeit des Ersten Weltkrieges spielt. Präzise, teilweise minutiös wird der Aufstieg und Fall einer jüdischen Unternehmerfamilie gezeigt.
Der Tuchhändler Johann Isidor Sternberg zeigt, dass er ein gutes Händchen für das Geschäft hat. Er ist erfolgreich. Streng in der Welt und dem Glauben der damaligen Zeit verhaftet, bemüht er sich um Anerkennung in der Gesellschaft und mit den Statussymbolen Ehefrau, Familie, Haus und Unternehmen ein hohes Ansehen zu präsentieren. Obwohl jüdisch, so fühlt sich es als Deutscher, der der Krone, dem Kaiser, ohne Wenn und Aber Gehorsam schwört. Am Höhepunkt seines Erfolges bricht der Erste Weltkrieg aus. Otto, der erste Sohn der Familie, setzt alles daran, direkt vom Gymnasium in den Krieg zu ziehen für Volk und Vaterland. Er kann es nicht erwarten, an die Front zu kommen und schreibt den Eltern eine Postkarte, in welcher er sich auf die morgige Feuertaufe freut. Zwei Monate später erfahren die Eltern, dass Otto bei seiner Feuertaufe gefallen war. Hatte der Vater bislang beinahe den Boden unter den Füßen verloren, weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht für die Front eingezogen wurde, so beginnt mit dem Tod seines Sohnes langsam ein Umdenken. Je länger der Krieg dauert, je mehr die Familie wie fast alle Menschen in Deutschland Hunger leiden müssen, um so offensichtlicher wird für es für Sternberg, dass sie als Juden nur Menschen zweiter Klasse in Deutschland sind.

Wer sich für Geschichte interessiert und diese gerne über Familiensagen inhaliert, wird mit diesem Roman auf viel Spannung treffen. Feinfühlig sind die Figuren ausgearbeitet. Jede, auch die Dienstmädchen, zeigen einen interessanten Charakter, der Auskunft über die damalige Verhältnisse gibt. Leicht lassen sich Bezüge bis in die Gegenwart herstellen. Ein Stoff, der auch heute nicht an Aktualität verloren hat. Interessant war für mich die Tatsache, dass die Schriftstellerin in dem Haus, welches in diesem Roman die Hauptrolle spielt, bis zu ihrem Lebensende gelebt hat.

Lesenswerte Familiengeschichte!

Stefanie Zweig
Das Haus in der Rothschildallee

Heyne Verlag, München
ISBN 9783453406179

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Marie S. Laplace - Wenn Lichter fliegen

"Wenn Du siebzehn bist...
Ein Kribbeln in den Fingerspitzen, vergleichbar mit den Funken einer Wunderkerze auf deiner Haut, ist das erste Anzeichen deiner Berufung."

Wer wird da nicht neugierig, wenn er sowas liest? Jetzt, nachdem ich das Buch beendet habe, bin ich immer noch ganz gefangen in einer für mich bis hierher völlig fremden Welt. Aber ich habe es sehr genossen, die Geschichte zu lesen.

Die 16-jährige Varvara Anmuth, kurz Arvie, deren Mutter kurz nach der Geburt gestorben ist, hat vor 4 Monaten nun auch ihren Vater verloren. Sie macht sich auf den Weg von Berlin zu ihrer Großmutter Rajani Green,"Ray" - einer Cherokee-Indianerin nach Waynesville in North Carolina, USA. Sie lernt neue Freunde kennen. Besonders mit Kaya und ihrem Bruder Chay ist sie oft zusammen, lernt reiten und die neue Umgebung kennen. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag spürt sie ein Kribbeln in den Fingerspitzen, grüne Bläschen schwirren um ihre Arme. Und sie kann sich mit Tieren unterhalten. Jetzt wird ihr Oma Ray, die bisher eisern z.B. über Arvies Mutter geschwiegen hat, einiges erklären müssen.

Der Debütroman von Marie S. Laplace hat die Seiten nur so durch meine Finger fliegen lassen. Obwohl ich bisher meinte, Fantasy sei so gar nichts für mich, wurde ich hier eines besseren belehrt. Einzig zum Schluss treten einige Phänomene auf, die ich in meine Welt für Märchen gesteckt habe. Gestört haben sie mich aber keineswegs.

Kleine sprachliche Spitzfindigkeiten machen das Lesen zu einem Genuss. Überhaupt hat die Autorin einen so einfühlsamen, magischen sprachlichen Stil, der sofort Bilder in meinem Kopf entstehen lässt. Einfache Sätze werden durch bildhafte Beschreibungen fast real und greifbar. Die Protagonisten bekommen sofort Farbe, fangen an zu leben und ich darf mit Arvie und Chay mittendrin sein in einer mir bisher unbekannten magischen Welt.

Dieses Buch enthält alles, was ich zum Abtauchen in eine Geschichte brauche: Einen interessanten Plot, eine gewisse Spannung, ein kleines bisschen Romantik und Fragen, die nicht ganz beantwortet bleiben. Daher kann ich es kaum erwarten, dass der 2. Teil der Trilogie erscheint.

Wunderschön finde ich auch die Traumfänger, die die neuen Kapitel jeweils einleiten.

Ein wundervolles Buch, nicht nur für Indianer- oder Fantasy-Fans.

Marie S. Laplace
Wenn Lichter fliegen
Selfpublisher

ISBN 9781521985618

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 10. Dezember 2017

Emily Bold - Der Duft von Pinienkernen

Greta auf ihrem Weg zu sich selbst!

"Ich wünschte, Du wärst hier" schreibt Greta Martinelli ihrer Freundin Katrin aus jeder Stadt in Italien, die sie auf ihrer Kochbuch-Reise besucht. Greta ist Hals über Kopf aus München geflohen, nachdem sie einen großen Fehler gemacht und damit die jahrelange Freundschaft zu Katrin aufs Spiel gesetzt hat. Nun ist die gemeinsame Wohnung weg, die Nudelbar in der Kaufingerstraße gibt´s nicht mehr und die Freundschaft hat sich auch aufgelöst. In Italien hat sie viel Zeit zum Nachdenken und ganz langsam findet sie zu sich selbst zurück. Spielt da vielleicht auch der in sich gekehrte Fotograf Christoph Schilling eine Rolle?

Ich habe Greta um ihre Reise durch Italien beneidet. Venedig im Februar, die Emilia Romagna, Parma, Bologna, Rom und schließlich Gallipoli in Apulien, die Heimat ihrer Großmutter Vittoria, von der sie ein Kochbuch nicht nur mit den leckersten Gerichten, sondern auch mit Lebensweisheiten immer bei sich hat. Auf der Suche nach geeigneten Plätzen und Gerichten für ihr Kochbuch begleite ich mit dabei. Bei den Beschreibungen von Land und Leuten schwelge ich in Reiseplänen.

Es dreht sich alles um ein Kochbuch, das der Verleger und Produzent Holger Frischmann mit ihr heraus bringen will. Bei der Zubereitung der leckeren Gerichte läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Beim Lesen der Zutaten steigt mir deren Duft in die Nase. Und die Fotos, die der Fotograf macht, kann ich vor meinem inneren Auge sehen.

Nicht nur Greta, Katrin und Christoph, die Hauptprotagonisten, sind sehr gut gezeichnet. Auch die Menschen um diese Drei herum kann ich mir sehr gut vorstellen und lerne sie gut kennen. Besonders in Herz geschlossen habe ich den kleinen Timo, der mit seinem Papa auf einem Olivengut ausserhalb von Bologna lebt.

In die Gefühlswelt von Greta kann ich mich sehr gut hinein versetzen und es ist schön zu lesen, wie sie ganz langsam zurück zu sich selbst findet und sich verzeihen kann.

Ein wunderbares Buch über die Freundschaft, die Liebe, das Verzeihen und die Kochkünste einer jungen Frau und ihrer Freunde.

Emily Bold
Der Duft von Pinienkernen

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 9783548289083

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 8. Dezember 2017

Stefanie Gregg: Duft nach Weiß

Das Thema Osteuropa in Form von Bulgarien sollte die Leser nicht abschrecken, nach diese Lektüre zugreifen. Denn es verbirgt sich ein romantischer, spannender und Freiheit betonender Roman hinter dem Titel.

Im Mittelpunkt steht Anelija und ihre Familie. Zu Beginn begegnet ihr der Leser auf der Ladefläche eines Kühllasters, wo ihr just in dem Moment eine Kiste mit Pflaumen auf den Kopf fällt. Anelija flieht aus ihrem Heimatland Bulgarien und ist auf dem Weg nach Deutschland. Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser, wie und warum es zu dieser Flucht gekommen ist.

Dabei hat Gregg einen großen Erzählbogen über vier Jahrzehnte gezogen, die sich über die 1960 bis zu den 1990 er Jahren erstrecken. Dafür benutzt sie drei parallele Stränge, die sich kapitelweise abwechseln. Jetzt wäre es zwar ein Leichtes, sich jeden Strang einzeln vorzunehmen, um zu erfahren, was da geschieht. Jedoch würden dem Leser dann Fragen kommen, für deren Beantwortung er den Inhalt der anderen Stränge benötigt. So baut die Autoren eine Spannung auf, die den Leser fesselt. Davon abgesehen, dass der Strang um den Schriftsteller und Dissidenten Georgi Markow beinahe einem Thriller gleichkommt. Da ich Bulgarien aus eigenem Erleben gut kenne und viele Freunde dort hatte, die heute zum Teil in den USA leben, fand ich die Beschreibung der bulgarischen Lebensverhältnisse ausgesprochen gut beschrieben. Das Leben in Zeiten des Sozialismus, die Angst vor dem Verrat, obwohl die Misswirtschaft erkennbar und spürbar war, das sich einrichten in einer ungerechten Welt, die Gastfreundschaft werden immer wieder mit passenden Symbolen und Metaphern bildgewaltig dargestellt.

Eine besondere Rolle kommt dabei dem Titel des Buches zu, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Handlung zieht. Meisterhaft und poetisch wird der Leser damit immer wieder an das Grundthema „Freiheit" erinnert.

Die Lektüre dieses Romans ist ein Genuss und so mancher Leser, der nah am Wasser gebaut hat, sollte sich eine Packung Papiertaschentücher bereitlegen.

Stefanie Gregg
Duft nach Weiß

Pendragon Verlag, Bielefeld
ISBN
9783865325525

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 6. Dezember 2017

SexStory: Eine Kultgeschichte in Bildern von Philippe Brenot und Laetitia Coryn

Ein ausgefallener Comic!

Angeregt durch eine Leseprobe musste ich dieses Buch einfach lesen. Die Geschichte der Sexualität im Lauf der Jahrhunderte. Sexualität verpackt in einem Comic, das gab es wohl bisher noch nicht.

Vom Anthropologe und Psychiater Philippe Brenot stammen die meist witzigen Sprechblasen; die Illustratorin Laetitia Coryn zeichnete die phantasievollen Bilder dazu.

Es beginnt mit der Entwicklung der Affen zum Menschen, beleuchtet die Bibel und den Ursprung der Menschheit, das Babylon der freien Liebe, , das egalitäre Ägypten, das Pantheon der Liebe in Griechenland, die Größe und Dekadenz Roms, Hölle und Paradies im Mittelalter, die Renaissance, die Entdeckung der Fortpflanzungszellen, die Zeit der Aufklärung, die Verklemmtheit und die Prostitution im 19. Jahrhundert, die sexuellen Befreiung im 20. Jahrhundert bis zum Sex der Zukunft im 21. Jahrhundert. Es geht um Sexpraktiken, die Entwicklung des Schamgefühls, um Versuchungen, um Bordelle und Heilige, um Sexspielzeug und die künstlerische Revolution.

Das Memo zum Schluss bietet eine kurze Zusammenfassung der grundlegenden Begriffe, die in Sex Story vorkommen und beantwortet offen gelassene Fragen. Dank des Personen- und Sachregisters findet man schnell, was man sucht.

Der manchmal doch derbe Humor hat meinen Geschmack nicht immer getroffen. Manches finde ich einfach etwas drüber und zu viel. Vieles andere aber finde ich informativ, lehrreich, witzig, komisch und humorvoll in den Sprechblasen eingefangen. Immer wieder habe ich über die teils übertrieben dargestellten Bilder schmunzeln müssen.

Der Bestseller aus Frankreich ist ein ungewöhnliches Buch, dass es geschafft hat, mich trotz einiger Kleinigkeiten, die mir nicht so gefallen haben, zu begeistern.

Philippe Brenot/Laetitia Coryn
SexStory: Eine Kultgeschichte in Bildern

btb Verlag, München
ISBN 978-3442757442

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Montag, 4. Dezember 2017

Die italienischen Schuhe von Henning Mankell

Der ehemalige Chirurg Fredrik Welin lebt einsam und fast allein auf einer kleinen Insel in den Schären. Die Insel gehörte einst seinen Großeltern und dort fristet er genügsam und eigenbrötlerisch seinem Dasein. Er bewohnt ein gemütliches, geräumiges aber einfaches Haus, er besitzt ein Boot, das er eigentlich seit Jahren in Schuss bringen möchte, wozu er sich aber nie aufraffen kann.
Einzig ein alter Hund, eine ebenso alte Katze und ein Ameisenhaufen im Wohnzimmer sind seine Mitbewohner, wobei er die Ameisen eigentlich eher sich selbst überlässt, da er den Raum sowieso nicht nutzt.

66 Jahre ist Welin alt und vor vielen Jahren ist ihm „die große Katastrophe“ passiert und seitdem lebt er so zurückgezogen. Einer der wenigen menschlichen Kontakte, die er hat, sind die Besuche des Postboten Jansson. Der kommt ab und an vorbei, teilt ihm mit, dass er keine Post hat und schildert Welin regelmäßig ein anderes Wehwehchen, dass er dann untersuchen soll.
So gehen die Tage dahin und Welin ist weder glücklich oder unzufrieden. Es ist wie es ist. Doch eines Tages im Winter, da ändert sich alles. Denn da schaut Welin raus aufs Eis und sieht dort jemanden stehen. Mit einem Rollator. Die alte Dame ist Harriet, die Frau, die er vor langer Zeit einmal sehr liebte und die er verließ.
Nun steht sie nach 40 Jahren da und will von Fredrik, dass er ein altes Versprechen einlöst, da sie sterbenskrank ist. Natürlich erinnert er sich an dieses Versprechen und selbstverständlich hält er sich daran.
Also machen die beiden sich auf den Weg, auf eine winterliche Reise, sein Wort einzulösen und auf einen Streifzug in die Vergangenheit …
Erschienen als gebundene Ausgabe
im Zsolnay Verlag
insgesamt 368 Seiten
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-552-05794-4
Kategorie: Drama, Liebe, Belletristik
© Marion Brunner für Buchwelten 2017

Sonntag, 3. Dezember 2017

Corina Bomann - Winterengel


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Ein romantisches Weihnachtsmärchen! Spiegel sind Spielzeug der Eitelkeit und der Sünde!

1895 ist Anna Härtel 6 Jahre alt und sieht das erste Mal einen Spiegel in der Glaserei ihres Vaters Martin, die sie ja später einmal übernehmen soll. Doch dann kommt alles ganz anders. Nach dem Tod ihres Vaters stehen schon die Banken bereit, da die Glaserei völlig überschuldet ist. Sie, ihre kleine Schwester Elisabeth und ihre Mutter verlieren alles.

Jahre später erhält Anna einen Brief der englischen Königin Viktoria Die hat von ihren Glasengeln gehört und möchte sie sehen und vielleicht auch kaufen. Doch auf der langen Fahrt nach London, auf der sie von John Evans begleitet wird, werden die kleinen Kleinode gestohlen und Anna sieht sich all ihrer Träume beraubt.

Das weihnachtliche Cover des Buches hat mich magisch angezogen. Und obwohl es erst langsam Richtung Weihnachten geht, habe ich das Lesen sehr genossen.

Corina Bomanns "Winterengel" ist wie ein modernes Märchen. Ich bin in Spegelberg in die Umgebung der Glashütte eingetaucht und ab dann auf Annas Spuren gewandelt. Ich war auf ihrem damals noch langen Weg nach London dabei. Habe hautnah erlebt, wie sie sich das erste Mal verliebt hat. Ihre Gefühle sind sehr gut vorstellbar beschrieben. Ich spüre ihre Unsicherheit, ihre Verletzlichkeit, ihre Abenteuerlust, ihre Verzweiflung, ihre Ergriffenheit, ihre Stärke, ihren starken Willen und ihre Leidenschaft. Gerade die ersten Tage zusammen mit John, als sie sich ganz langsam verliebt, es aber nicht wahrhaben will, finde ich sehr schön beschrieben.

Ich mag aber auch die anderen sehr bildhaft gezeichneten und daher gleich menschich wirkenden Protagonisten sehr. Ausser Anna natürlich Johnathan, der sich John Evans nennt und ein eher wortkarger Engländer ist. Genau so wie den Holländer Pieter De Vries, der eine ganz besondere Rolle in Annas Leben spielt.

Obwohl es eher eine leise Weihnachtsgeschichte ist, kommt auch die Spannung nicht zu kurz. Ein Diebstahl muss aufgeklärt werden und einige undurchsichtige Gestalten treiben sich in Annas Nähe herum.

Insgesamt eine wunderschöne, einfühlsame, romantische Geschichte in den Anfangsjahren des letzten Jahrhunderts, die um die Weihnachtszeit herum spielt und die mich sofort gefangen genommen und nicht wieder losgelassen hat.

Corina Bomann
Winterengel

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 9783471351611

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© Gaby Hochrainer, München 2017