Freitag, 23. Juni 2017

Gallert/Reiter - Glaube Liebe Tod

Im letzten Moment gelingt es Polizeipfarrer Martin Bauer einen Polizisten mit einem Trick vom Selbstmord abzubringen. Vier Stunden später ist dieser Mann trotzdem tot. Suizid. Die Akte soll schnell geschlossen werden, aber Martin Bauer vermutet hinter dem Selbstmord mehr. Er beginnt auf eigene Faust zu recherchieren und stößt auf Geheimnisse und Verborgenes, dass so nicht ans helle Licht des Tages kommen sollte.

Einen Polizeiseelsorger als Ermittler hatte ich bisher noch nicht und er gefällt mir sehr gut. Martin Bauer ist engagiert, ein Familienmensch, der aber auch seine Familie für einen "Fall" hinten anstellt, der seine Menschenkenntnis sehr gut einsetzt und dessen Wahlspruch "Ein Tag ohne Todesnachrichten ist ein Tag ohne Zigarette" mir sehr gut gefällt. Zusammen mit Hauptkommissarin Verena Dohr gibt es ein interessantes Team ab. Aber auch die anderen Protagonisten und Nebendarsteller sind gut ausgearbeitet und ich hatte recht schnell ein Bild von ihnen im Kopf.

Der Fall um Polizeimeister Walter Keunert, seine Frau Annette und seinen Sohn Tilo ist plausibel aufgebaut, verwirrt mich an einigen Stellen und entwickelt sich etwas anders, als ich es gedacht hatte. Bauers Tochter Nina, die zu einer Demo nach Frankreich abgehauen ist, bringt so das Familienleben des Seelsorgers etwas durcheinander. Und die beiden rumänischen Mädchen Mariana und Lacrima, die sich so viel vom Leben in Deutschland erwartet hatten, spielen auch eine größere Rolle in diesem Krimi. Eine Grundspannung ist von Anfang an da; eine Steigerung habe ich zeitweise etwas vermisst. Die drei unterschiedlichen Geschichten werden zum Schluss sehr gut zueinander geführt und aufgelöst.

Die 62 Kapitel auf 406 Seiten lesen sich leicht und flüssig. Der neue Kriminalroman um Martin Bauer wird auf den letzten Seiten in einer Leseprobe vorgestellt und macht neugierig. Eine Frage ist bei mir allerdings geblieben: Ist Duisburg wirklich eine solch schmutzige und unattraktive Stadt, wie ich sie nach dem Lesen nun im Kopf habe?

Ich habe eine interessante Geschichte gelesen, die ein wenig mehr Spannung vertragen könnte, Protagonisten, die sich weiter entwickeln können und von denen ich gerne mehr lesen möchte. Ich freue mich auf die Fortsetzung.

Gallert/Reiter
Glaube Liebe Tod

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Mittwoch, 21. Juni 2017

Carla Berling: Mordkapelle

Im Ostwestfälischen wird die verbrannte Leiche eines Apothekers in der Kirche gefunden. Wer sich hinter der Leiche verbirgt, wird schnell anhand des Rollstuhls klar. In einer Kleinstadt ist bekannt, wer im Rollstuhl fährt. Ludwig war ein angesehener Bürger und Förderer der Stadt, überall beliebt und Feinde konnte sich keiner für ihn vorstellen. Aber es war offensichtlich, dass es sich nicht nur um einen Unfall handelte.

Ira, eine Journalistin der ortsansässigen Tageszeitung, beginnt zu ermitteln. Nicht, um den Fall aufzuklären, denn dafür liegt die Zuständigkeit die Kripo. Aber um fundierte Artikel für Ihren Arbeitgeber abzuliefern. Sie musste und wollte einen Schmierenschreiber von einem Online-Magazin Paroli bieten. Der veröffentlichte nur reißerische Sätze, die jeder mit einem Fragezeichen endeten, basierend auf wenigen Informationen aus einer dubiosen Quelle.

Berling hat ein unterhaltsames Ensemble an Figuren für diese Roman zusammengestellt. Neben der Protagonistin Ira gehört deren Freund Andy dazu, ihre beiden Tantchen, die statt eines Kaffees lieber ein Likörchen trinken, ihre Freundin Coco, eine Taxifahrerin, die ebenso rasant Informationen beschaffen kann wie sie Taxi fährt, ihr Chef, ein Kommissar und ein Hund. Mit etwas Dialekt der Tantchen werden die Dialoge westfälisch aufgepeppt. Das macht Spaß und lässt den Leser auf den nächsten Auftritt diese Figuren hoffen.

Das besonders Schöne an dem Roman ist der sehr vertrackte, ausgeklügelte Plot. Über weite Strecken wird der Leser auf angenehme Weise in die Irre geführt. Nur sehr schwer kann ein Faden losgelassen werden. Die Leser können denen der Figuren gut folgen, führen aber zu keinem Ergebnis. Zumindest nicht bis zum großen Showdown. Da wendet sich plötzlich alles. Wie aus dem Nichts, aber dennoch sehr plausibel, tauchen neue Figuren und Theorien auf, um die Klärung des Kriminalfall zum Abschluss zu bringen. Einfach klasse!

Spannender Krimi mit sehr vielen Fäden, die zum Ende alle gelöst werden, den ich sehr gern empfehle.


Carla Berling
Mordkapelle

Heyne Verlag, München
ISBN 9783453419964

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Sonntag, 18. Juni 2017

Monika Bittl - Ich will so bleiben wie ich war

Ich bin zwar schon lange Ü60, aber nachdem ich „Ich hatte mich jünger in Erinnerung“ gelesen hatte, war nun „Ich will so bleiben wie ich war – Glücks-Push-Up für die Frau ab 40“ dran. Ich habe es nicht bereut, dass ich auch hier wieder zugegriffen habe.

Auf 256 Seiten bekomme ich einen bunten Mix aus Alltäglichem, viele interessante Kleinigkeiten und Zitate, die ich einerseits zum Schmunzeln finde, die aber auch eine bedeutsame Wahrheit in sich tragen. Studien und Statistiken, in denen ich mich hier und da, wenn auch nicht gar so krass, wieder erkenne, andernorts Gott sei Dank (noch) nicht angekommen bin oder dort auch gar nicht hinwill. Eine dauergrantelnde Zwiderwurzen zu werden ist nicht mein Ziel und mein Geld für unnütze Cremes und Pülverchen aus dem Fenster zu schmeißen auch nicht. Vielmehr will ich, wie hier oft empfohlen mit Humor und entspannt, dem Alter weiter entgegen gehen.

Interessant finde ich z.B., dass Kinder weder glücklich noch unglücklich machen. Dabei würde ich meine Beiden für nichts in der Welt wieder her geben. Dass es in Bhutan einen Glücksminister gibt und dort glücklich sein verordnet wird, weiß ich nun auch.

Älterwerden bringt aber auch Vorteile, wie ich nun weiß. Mit dem Nein-sagen habe ich schon vor einiger Zeit schon mal angefangen und dass das Loslassen im Alter einfacher wird, habe ich auch schon festgestellt. Den Mut, immer alles gerade heraus zu sagen und keine Ausreden mehr zu gebrauchen, habe ich bisher hier und da noch nicht. Aber ich bin ja noch lernfähig. Den Satz „Ich möchte euch nicht die miese Stimmung verderben“ werde ich mir auf alle Fälle merken – köstlich.

Ich habe ein amüsantes, humorvolles Buch gelesen, das nicht als Ratgeber verstanden werden will, aus dem ich trotzdem den ein oder anderen Tipp mit in den Alltag nehmen werde. Die Mischung macht dieses Buch so interessant und lesenswert und bekommt meine absolute Leseempfehlung.

Monika Bittl
Ich will so bleiben wie ich war

Droemer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426788929

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 16. Juni 2017

Philip Hawley: Infektion

Los Angeles in der Notaufnahme eines Kinderkrankenhauses. Der schwer kranke Junge Joshue wurde mit seiner Mutter aus Guatemala nach L.A. gebracht, um ihn hier zu behandeln. Für die Ärzte Megan Callahan und Luke McKenna ist das eine schwierige Aufgabe. Vor allem deshalb, weil sie nicht wirklich Ursache dieser Krankheit ergründen können, woran der Junge leidet. Die Krankheit ist und bleibt rätselhaft. Während Luke in der Klinik durch den Vater einer anderen kleinen Patientin abgelenkt wird, stirbt der Junge. Anschließend wird ihm die Leiche durch eigenartige Methoden seines Klinikchefs entzogen. Auch auf die Gewebeproben, die sein Freund entnommen hatte, musste er wegen undurchsichtiger Verhaltensweisen verzichten. Steckt eventuell ein großer Pharmakonzern dahinter?

Der Autor Hawley ist selbst Kinderarzt in L.A. und hat auch in Guatemala praktiziert. Seine Erfahrungen bringt er in diesem Debütroman ein. Aber anstelle einen Bericht zu verfassen, hat er einen sauberen Thriller geliefert, der reichlich mit actionreichen Szenen gespickt ist.

Der Ex-Navy-SEAL McKenna hat eine Vergangenheit und versteht sich deshalb bestens mit einigen Kampftechniken aus. Wenn er in brenzlige Situationen gerät, weiß er sich daraus zu verhelfen. Seine Liebesgeschichten hingegen werden nur angerissen und gehen nicht in die Tiefe. Dafür aber bekommt ein weiterer guatemaltekischer Junge einen besonderen Platz, der für Humor sorgt und zum Partner des Protagonisten wird.

Erneut ist dies eine actionreicher Roman, bei dem die Ermittlungen scheinbar nebenbei erfolgen und ganz ohne Polizei auskommen. Bis auf einen Detective sieht die nämlich alt aus. Es macht Spaß, ihn zu lesen!



Philip Hawley
Infektion

Aus dem Amerikanischen von Rainer Schmidt
S. Fischer Verlag, Frankfurt
ISBN 9783596177127

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 14. Juni 2017

Janet Clark - Deathline - Ewig Dein

Josie O´Leary ist 16, die Schulferien beginnen und sie freut sich auf ein paar Tage Auszeit mit ihren Freunden Dana und Gabriel. Beim Stadtfest in Angels Keep begegnet ihr beim Bullenreiter ein junger Mann mit grünen Augen – und sie ist fasziniert.

Zusammen mit ihrem Bruder Patrick und ihrem Vater lebt sie auf einer Pferderanch. Ihre Mutter ist bei einem Unfall vor einem Jahr ums Lebens gekommen. Macht ihr Vater einen Greeny dafür verantwortlich? Oder warum ist er nicht begeistert, als der junge Jowama Ray, der Josie den Kopf verdreht hat, auf der Ranch anheuert. Josie ist hin und weg, ahnt aber nicht, dass der Sommer alles andere als entspannt werden wird. Noch ahnt sie nichts von Rays Geheimnis.

Als es dann in Angels Keep und auch auf der Farm zu mysteriösen Zwischenfällen kommt, häufen sich die Fragen nach dem Warum…

Janet Clark´s Bücher habe ich bisher alle verschlungen und war nun sehr gespannt auf den ersten Band der neuen Jugendbuchreihe „Ewig Dein – Deathline“. Obwohl ich Ü60 bin, habe ich es nicht bereut mal wieder ein Jugendbuch gelesen zu haben. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten freue ich mich jetzt sogar auf Band 2.

Josie hat sich mit ihrer zupackenden Art sofort in mein Herz geschlichen. Ein Mädel wie sie hätte bestimmt jede Mutter gerne als Tochter. Als sie Ray kennenlernt und sich in sie verliebt, fand ich es sehr traurig, dass sie keine Mutter mehr hat, mit der sie über ihre erste Liebe reden kann. Aber sie hat ja zwei ganz tolle Freunde an ihrer Seite. Dana und Gabriel, die füreinander durch´s Feuer gehen würden und die immer füreinander da sind – wie die drei Musketiere. Als die Köchin der Ranch ausfällt, springen die Beiden sofort ein und nehmen Josie einiges von ihrer Last ab.

Als mit dem sehr gut aussehenden Ray, der mir anfangs zu unnahbar und geheimnisvoll war, etwas Mystik und Übersinnliches in die Geschichte kam, hat sich bei mir immer wieder mal der Verstand gemeldet - „das kann so nicht sein“. Aber im Laufe des Lesens bin ich immer besser in die Gesamtgeschichte hinein gekommen und habe mich auch auf das Übersinnliche einlassen können, bis es irgendwann einfach „normal“ war. Von Ray´s Geheimnis war ich dann doch sehr überrascht und gespannt, wo das wohl sowohl für ihn als auch für Josie hinführt.

Die Geschichte liest sich flüssig und leicht und ich habe mich einfach hinein ziehen lassen. Obwohl einige Fragen offen bleiben – sie werden bestimmt in Band 2 gelöst werden – hat sich das meiste für mich schlüssig aufgelöst und erklärt.

Wer ein märchenhafte Geschichte mit sehr realistischem Touch lesen mag, der ist hier genau richtig. Spannung, Mystik, eine Liebesgeschichte und eine Pferderanch – Janet Clark lässt besonders für junge Leser keine Wünsche offen. Ich freue mich schon sehr auf Band 2 um zu erfahren, wie es mit Josie, ihren Freunden und in Angels Keep weiter geht!

Janet Clark
Deathline - Ewig Dein

Random House, München
ISBN 9783570173664

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 11. Juni 2017

Mord in Cork - Ursula Schmid

Hauptkommissar Michel Tischler aus Nürnberg besucht im Rahmen des deutsch-irischen Austauschprogrammes seinen Kollegen und Freund Daniel Cerigh in Cork. Gleich am ersten Tag gibt es für Cerigh und Tischler den ersten Fall. Im Schloss Blackrock Castle wurde ein Toter gefunden. Als die Kommissare eintreffen ist die Leiche verschwunden und taucht plötzlich im Innenhof wieder auf. Wie kam sie dorthin? Schlag auf Schlag haben die Kommissare zu tun und es tun sich viele Fragen auf, die aber schnell gelöst werden können.

Warum wurde Victoria Delany in ihrem Hotelzimmer erschossen? Wohin und warum ist eine junge Frau nach einer Party verschwunden? Wer ist die junge Studentin, die erschossen auf dem Rasen am Campus liegt? Was hat es mit dem toten Boxer bei dem Charity-Boxkampf auf sich? Und warum mussten 2 junge russische Prostituierte sterben?

Und bei soviel aufregenden Fällen braucht man immer wieder ein Guinness.

Trotz der vielen aufzuklärenden Fälle haben Michael und Daniel Zeit, sich Land, Leute und Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Diese werden sehr anschaulich in kurzen Kapiteln direkt an den jeweils behandelten Fall beschrieben und erklärt. Ich bekomme einen kleinen Ausblick über die irische Geschichte, erfahre einiges über typisch irische Instrumente, über den Umgang der Iren mit dem Tod, über den Links- und Rechtsverkehr, über Ginster, Pubs und die dort zu bekommenden Getränke, die Piratin Grace O´Malley, irische Symbole und vieles mehr, und vor allem die irische Küche mit vielen Rezepten.

Ich fand es sehr interessant, nicht nur die vielen verschiedenen Fälle aufzuklären. Besonders haben mir die Einblicke ins irische Leben, die Getränkekultur und die Küche gefallen. Man merkt, dass die Autorin etliche Monate in diesem tollen Land gelebt hat, und sie versteht es, ihre Erfahrungen in diesem Buch auszudrücken.

Eine spannende Lektüre mit 17 verschiedenen Kriminalfällen, die gleichzeitig Lust macht, Irland und im besonderen Cork einmal zu besuchen. Beim Lesen war ich sehr gerne dort.

Ursula Schmid
Mord in Cork

edition oberkassel Verlag, Düsseldorf
ISBN 9783958130906

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 9. Juni 2017

Wallace Stroby: Geld ist nicht genug

Krimi einmal anders oder vielleicht doch kein Krimi? Der vorliegende Roman ist ein Ganovenroman.

Er beginnt damit, dass die Protagonistin Chrissa Stone zusammen mit schweren Jungs und mit ebenso schweren Baufahrzeugen den Geldautomaten einer Bank knackt. Das ist ihr Hauptberuf. Sie raubt Geld. Doch immer darauf bedacht, es nicht "den Guten" zu nehmen, sondern "den Bösen". Eine moderne Robin Hood, die allerdings nicht alles an die Armen verteilt.

Parallel zum Geldraub wird der seit 25 Jahren über ein Zeugenschutzprogramm untergetauchte Benny von damaligen "Kumpels" aufgesucht. Er gehörte den Mafiagangs von Brooklyn an und hatte beim größten Geldraub in der US-Geschichte (dem Lufthansa-Raub am 11 Dezember 1978) mitgemacht. Das Geld war damals aber nie gefunden worden. Deshalb hat sich Danny, der auch heute noch Gangsterboss ist, vorgenommen, Benny aus dessen verbrechensfreien Dornröschenschlaf zu holen, um sich mit ihm auf die Suche nach den Millionen zu machen.

Doch im Verlauf der Handlung treten sich alle gegenseitig auf die Füße und dabei geht es nicht ohne Blut ab. Action in Form von Schlägereien, Folter und Schießereien stehen an der Tagesordnung.

Vor dem Hintergrund des tatsächlichen Geldraubs an einer Lufthansa-Maschine hat Wallace Stroby einen spannenden Roman entwickelt. Dabei geht es um die Jagd nach dem Geld, bei dem sich die Gangster gegenseitig verfolgen. Deshalb kommt der Roman komplett ohne Polizei und Ermittlern aus. Die in eigener Sache ermittelnden Ganoven einmal ausgenommen. Chrissa Stone, die ihren ersten Auftritt in dem Roman "Kalter Schuss ins Herz" (in deutscher Übersetzung ebenfalls bei Pendragon erschienen) hatte, wird als Frau dargestellt, die mit allen Wassern gewaschen ist. Immer die richtigen Beziehungen an der Hand, schafft sie es, sich die notwendigen Informationen und Materialien zu beschaffen, um an Ihr Ziel zu gelangen. Zartbesaitet geht sie dabei nicht immer vor, obwohl sie im vorliegenden Roman gerade deshalb in Schwierigkeiten kommt, weil sie ihre Gegner zu oft verschont.

Sehr angenehm sind auch die Nachbbemerkungen, die über den Hintergrund bzw die Basis dieses True Crime Romans bilden. Sehr empfehlenswerter Roman.





Wallace Stroby
Geld ist nicht genug

Aus dem Amerikanischen von Alf Mayer.
Pendragon Verlag, Bielefeld
ISBN 9783865325778

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 7. Juni 2017

Gefährlicher Lavendel von Remy Eyssen

Angelockt vom wunderschönen Cover habe ich mich dem 3. Fall des deutschen Rechtmediziners Dr. Leon Ritter gewidmet, der nun schon seit einigen Jahren in Südfrankreich lebt und im Krankenhaus von Le Lavandou arbeitet. Hier bekommt er diesmal die Leiche eines brutal gefolterten Mannes auf den Seziertisch. Warum wurde der vermisste Richter Nicolas Lambert so grausam zugerichtet? Als weitere Folteropfer auftauchen, beginnt für Leon Ritter und seine Lebensgefährtin Isabelle Morell, stellvertretende Polizeichefin des Städtchens die Jagd auf einen Serienmörder, was hier und da zu Reibereien zwischen den Beiden führt.

Für mich ist es der erste Fall, der mich in die Provence nach Le Lavandou führt. Durch die wunderschönen bildhaften Beschreibungen fühle ich mich bald in der Kleinstadt mit seinem ganz normalen Leben und mit seinen manchmal etwas eigenwilligen Einwohnern und der Umgebung zuhause. Der Flair Südfrankreichs mit seinen Lavendelfeldern und dem Meer halten mich gefangen. Solch einen Weinberg, in dem Leon und Isabelle spazieren gehen, hätte ich auch gerne in meiner näheren Umgebung.

Die angenehm leichte zu lesende und zu verstehende Schreibweise lässt die Seiten nur so dahin fliegen. Anfangs habe ich mich mit den dauernden Perspektivwechseln etwas schwer getan; das legt sich aber bald. Die Spannung baut sich langsam auf, und der Bogen hält sich bis zum Schluss, wo Prolog und Geschichte zusammen finden.

Die Protagonisten und auch die Nebenfiguren sind detailliert und anschaulich beschrieben, dass mein Kopfkino bald ans Laufen kam. Bei einigen etwas grausameren Szenen habe ich es allerdings ausgeschaltet. Ein klein wenig zu viel ist mir hier die absolute Einzigartigkeit von Leon Ritter. Der schlauest, coolste, beste Mann von allen, ohne den nichts geht – für mich ein klein wenig drüber. Gerade in einer solchen Geschichte geht ganz bestimmt auch „normal“ und nicht so abgehoben.

Remy Eyssen hat mich mit seiner Geschichte für ein paar wundervolle, lesereiche Stunden nach Südfrankreich entführt und sehr gut unterhalten. Um Leon und Isabelle noch näher kennenzulernen, werde ich mich auch noch mit den ersten beiden Fälle des Rechtsmediziners beschäftigen. Und ich freue mich heute schon auf Fall Nr. 4.



Remy Eyssen
Gefährlicher Lavendel

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN
9783548289069

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 4. Juni 2017

Was du nicht siehst von Leonie Haubrich

Kinder- und Jugendpsychologin Dr. Elisabeth „Liz“ Günther fürchtet sich seit ihrer Kindheit vor Nachtfaltern. Als diese neuerdings in ihrer Wohnung auftauchen, verliert sie fast den Verstand. Sie arbeitet einfach zu viel und ihre Nerven sind neuerdings bis aufs äußerste gespannt.  Mysteriöse Dinge tun sich: Briefe verschwinden; der Hund ihrer Freundin, mit dem sie morgens und abends Gassi geht, verschwindet aus der Wohnung. Hat das alles mit dem entlassenen Strafgefangenen Hans Peters zutun, der nach seiner Entlassung bei seiner Schwester in Liz´ Straße wohnt?

Unter ihrem Thriller-Pseudonym Leonie Haubrich legt uns Heike Fröhling einen super spannenden und ausgefeilten Fall vor.

Ich lerne Liz und ihren familiären Hintergrund langsam kennen, die heute noch manchmal das kleine Mädchen ist, das sich Liebe, Zuneigung und Anerkennung von ihrem Vater wünscht. Mit ihr erlebe ich traumatisierte Stunden, in denen sie nicht sie selbst zu sein scheint. Und immer wieder frage ich mich: Kann das überhaupt sein? Habe ich das gerade richtig gelesen und verstanden? Ja, habe ich. Es ist erschreckend, wenn man sich vorstellt, dass man selbst unter widrigen Umständen in solche Situationen geraten könnte. Eine Geschichte, die nachvollziehbar und gut vorstellbar erzählt wird.

Was ich mir auch sehr gut vorstellen kann, ist ihre Phobie vor diesen Nachtfaltern. Bei denen verfalle auch ich in Panik.

Der angenehm zu lesende und leichte Schreibstil mit einem hohen Spannungsbogen hat es mir sehr schwer gemacht, das Buch auch mal zur Seite zu legen. Ich wollte immer wieder wissen, wie es mit Liz weiter geht und wie sie in den kommenden Situationen reagiert. Ich bin in ihrem Gefühlschaos voll mit dabei und hätte sie gerne das ein oder andere Mal in den Arm genommen. Ich finde es sehr schön, dass ich am Ende der Geschichte noch erfahre, dass sich Liz wieder gefangen zu haben scheint und es ihr gut geht.

Nicht so gut bin ich mit den Perspektivwechseln zurechtgekommen. Wenn es wieder ein paar Tage in die Vergangenheit ging, dann wieder zurück zur Gegenwart zurück sprang, war für mich persönlich der Lesefluss erst mal zerrissen.

Aber nicht nur Liz ist mit ihren vielen Facetten sehr deutlich ausgearbeitet. Auch die anderen Protagonisten, allen voran ihren Vater und ihren Exmann, kann ich mir bald sehr gut vorstellen. Mein Kopfkino hatte viel zu tun.

„Was Du nicht siehst“ ist ein sehr gut geschriebener Psychothriller, bei dem ich mitfiebern und mit raten konnte. Über die Auflösung am Schluss war ich sehr überrascht und etwas schockiert.

Meine absolute Leseempfehlung.

Leonie Haubrich
Was du nicht siehst

BoD, Norderstedt
ISBN 9783743167179

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 2. Juni 2017

Rebecca Gablé: Die fremde Königin

Dieser Roman ist der Folgetitel von "Das Haupt der Welt", der im Mittelalter Deutschlands spielt und nichts mit den Waringham-Romanen zu tun hat.  Die Autorin beweist wieder einmal ihren Einfallsreichtum bei der Ausschmückung der historischen Fakten mit einer fiktiven, sehr unterhaltsamen Handlung.

Es geht um König Otto im 10. Jahrhundert. Insofern schließt der Roman an seinem Vorgänger an. Die italienische Königin Adelheid, die nach dem Tod ihres Mannes zusammen mit ihrer Tochter festgesetzt worden war, um die Herrschaft über ihr Reich zu ergaunern, wird von einem Mann König Ottos befreit. Der zuverlässige Panzerreiter Gaidemar wurde von Ottos Sohn Wilhelm für diese Aufgabe vorgeschlagen. Das ist Otto recht, denn sollte der Plan schief gehen, dann verliert er nur einen unbedeutenden Neffen. Sollte die Befreiung aber glücken, dann kann er seine eigenen Pläne umsetzen und durch die Hochzeit mit Adelheid die Macht über das Königreich Italien erlangen. Dieser Plan geht dank Gaidemar auf. Da er aber ein ungeliebter Bastard ist, wird ihm seitens Otto kein großes Lob zuteil. Doch es wächst eine Freundschaft zwischen Adelheid und Gaidemar als auch zwischen ihm und Wilhelm heran.

Mit viel Detailtreue versieht Gablé die einzelnen Szenen in der über mehrere Jahre laufenden Handlung. Ihre bildreiche Sprache, die passenden Vergleiche und Metaphern lassen ein tiefes Eintauchen in die Zeit am Hofe König Ottos zu. Besonders hervorheben möchte ich das Kapitel mit der Schlacht gegen die Ungarn im Lechfeld. Dies wird von ihr Freud und Leid ganz nah aneinander erzählt und seitenlang überzog eine Gänsehaut meine Arme.

Dieser Roman erhält die volle Punktzahl und sollte spätestens zu Weihnachten in jedem Bücherregal stehen. Schließlich bietet er deutsche Historie mit einer spannenden Story.

Rebecca Gablé
Die fremde Königin

Bastei Lübbe, Köln
ISBN
9783431039771

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 31. Mai 2017

Theresa Prammer - Die unbekannte Schwester

Ihre neuen Kollegen und vor allem Kolleginnen sind alles andere als begeistert, als Carlotta Fiore ihren Dienst bei der Wiener Polizei antritt. Zusammen mit ihrem neuen Partner, ihren Vater, den sie nach vielen Jahren wiedergefunden hat, wird sie zu einem Tatort gerufen. Ein Journalist scheint Selbstmord begangen zu haben. In seinen Unterlagen findet Lotta einen Zettel mit ihrem Namen. Was hat sie mit diesem Journalisten oder er mit ihr zu tun?

Dies ist das erste Buch, das ich von der österreichischen Autorin gelesen habe. Obwohl ich den Eindruck habe, dass man die ersten beiden Bücher der Serie nicht gelesen haben muss, werde ich dies ganz bestimmt nachholen. Ich möchte Carlotta, eine wie ich finde sehr interessante junge Frau, die mir in ihrer Rolle sehr gut gefällt, einfach noch besser kennenlernen. Da es immer wieder kleine Anspielungen auf Vergangenes gibt, freue ich mich schon auf die ersten beiden Bände.

Vor allem interessieren mich auch Hannes Fischer, mit dem Lotta den kleinen Sohn Konny hat, und Konrad Fürst, ihr Vater, der sie nach jahrelanger Suche wiedergefunden hat. All dies wird auch in dieser Geschichte angesprochen und thematisiert. Überhaupt erfahre ich sehr viel Privates von den Protagonisten, was aber die kriminelle Handlung nicht stört, sondern sie eher bereichert.

Die Geschichte selbst ist schlüssig und sehr spannend aufgebaut. Der angenehm zu lesende leichte Schreibstil lässt die Seiten nur so dahin fliegen. Da dieser Fall von Lotta in der Ich-Form erzählt wird, bin ich noch näher dran am Geschehen und voll mittendrin. Es war zu keiner Zeit langatmig oder zäh. Ganz im Gegenteil – die rasche Handlungsfolge erhöht ihrerseits die Spannung. Auch mit dem Täter habe ich mich bis zuletzt sehr schwer getan.

Ein spannender Fall und interessante Protagonisten. Ich hoffe bald mehr über Carlotta und ihre Freunde lesen zu können.

Theresa Prammer
Die unbekannte Schwester

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 9783471351390

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 28. Mai 2017

Kirsty Banks - Glücks-Cafe mit Lieblingskuss

Bernd ist kein Mann für ein ganzes Leben. Das wird Coco klar, als sie bei einem Discobesuch mit ihrer Freundin Sandra den charismatischen Tristan trifft. Den Kuss, den sie zum Abschied bekommt ist einfach unglaublich. Coco hat sich verliebt. Aber Tristan meldet sich nicht mehr.

Da ich durch die Leseprobe eine eher leichte Lektüre erwartet hatte, wurde ich durch die manchmal etwas seichte Unterhaltung nicht enttäuscht. Der Schreibstil ist leicht und locker und lässt sich sehr gut lesen. Coco ist eine amüsante junge Frau, die aber hier und da in Selbstmitleid zerfließt.

Im Tagebuchstil erlebe ich das Auf und Ab in Cocos Liebesleben zwischen Bernd und Tristan hautnah mit. Durch ihre Gedanken bin ich immer sehr nahe am Geschehen dran.

Leider liest sich die kurze Geschichte hier und da etwas langatmig, wenn nicht gar langweilig. Erst zum Schluss kommt nochmal Fahrt auf.

Eine amüsante, leichte Sommerlektüre mit kleinen Schwachstellen.

Kirsty Banks
Glücks-Cafe mit Lieblingskuss

Selfpublisher
ISBN keine

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 26. Mai 2017

Nathalie Gleitman - Happy Healthy Food

Nachdem ich vor ein paar Tagen von diesem Buch erzählt habe, lag es gestern als Geschenk auf meinem Tisch. Mir persönlich sind die Kosten für dieses Buch mit knapp € 25,00 zu hoch. Aber einem geschenkten Gaul …

Jetzt habe ich einen Blick in dieses Buch geworfen, meine Meinung wegen des Preises hat sich immer noch nicht geändert – den Inhalt an sich finde ich aber sehr gut und ansprechend. Das ein oder andere Foto der Autorin hätte ich persönlich zugunsten des Textes weggelassen.

Nathalie Gleitman nimmt mich nach einem kurzen Einführungsteil über die verschiedenen Unverträglichkeiten, deren Symptome und Erkennung mit zum Einkaufen. Was mich etwas stört, sind die Überschriften zum Rezeptteil. Warum Breakfast statt Frühstück?

Die Fotos zu den Rezepten sehen so lecker aus und laden zum Nachkochen ein, die Kochanleitungen sind leicht zu lesen und verständlich. Dass auch die Zubereitungszeit und die Kalorienanzahl dabei steht, gefällt mir gut.

Ich bin sehr gespannt, ob die Rezepte sich wirklich so leicht nach kochen lassen und ich meine Laktoseintoleranz mit diesen Gerichten weiter in den Griff bekomme.

Jetzt muss ich zum Einkaufen, denn morgen gibt es Lachs auf dem Gemüsebett.

Nathalie Gleitman
Happy Healthy Food

Becker Joest Volk Verlag, Hilden
ISBN 9783954531264

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Mittwoch, 24. Mai 2017

Heidi Rehn - Das Haus der schönen Dinge

Für den jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl und seine schöne Frau Thea geht im Mai 1897 ein Traum in Erfüllung. Sie eröffnen ihr eigenes Kaufhaus in München am Rindermarkt. Ein Haus voller ausgesuchter und nicht alltäglicher Waren erwartet täglich die Kundschaft. Die Konkurrenz schläft nicht, kommt jedoch an den Einfallsreichtum besonders von Thea nicht heran. Da die beiden Söhne Benno und Joseph sich nicht für das Führen eines solchen Hauses eignen oder andere Pläne haben, sich Tochter Lilith aber von klein an für das Haus der schönen Dige begeistert, übernimmt sie 1920 die Leitung des Hauses. Die Familie, besonders Jakob, der sich zuerst als Münchner, dann als Bayer und erst dann als Jude betrachtete, muss in den Kriegsjahren erkennen, dass dies nicht so ist. Zum Leidwesen aller wenden sich nicht nur gut Freunde von der Familie ab, sondern auch die Kundschaft greift nur noch zu, wenn es etwas umsonst oder zu plündern gibt ...

Heidi Rehn hat, was mir sehr gut gefällt, die Sprache absolut der Zeit angepasst. Wer kennt heute noch Galanteriewaren oder lebt unter dem Dachjuchhe. Ein ausführliches Glossar am Ende des Buches erklärt die damaligen Begriffe. So werde ich hineingezogen in eine Zeit vor 120 Jahren, in die Geschichte einer jüdischen Familie, die so oder so ähnlich bestimmt irgendwo stattgefunden hat. Ich erlebe den glanzvollen Aufstieg, aber auch den Niedergang einer Familie, die ich bald ins Herz geschlossen habe.

Mir als Münchnerin gefällt es besonders, wenn ich bei den Spaziergängen von Jakob oder Lily dabei bin und vieles in meiner Stadt wiedererkenne. Ich fühle mich so richtig zuhause in der Geschichte. Das Kaufhaus Beck z.B. gibt es heute noch. Auf einem kleinen Stadtplan auf der hinteren Umschlagseite sehe ich die Anordnung der konkurrierenden Kaufhäuser zu der damaligen Zeit. Leider nimmt auch die unrühmliche Zeit unserer Geschichte einen großen Teil der Geschichte in Anspruch. Fast höre ich das Gestampfe der strammen SS-Recken auf dem Pflaster vor dem Kaufhaus, höre die großen Scheiben zerbersten. Die Familie Hirschvogl muss um ihre Existenz bangen.

Die Personen sind alle sehr gut ausgearbeitet, haben ihre großen und kleinen Macken, Fehler und Stärken, wirken authentisch und lebensecht. Ich habe meine Sympathien und Antipathien schnell vergeben, aber auch mal revidieren müssen.

Das Haus der schönen Dinge ist ein gelungener Roman über eine Familie in drei Generationen zwischen 1897 und 1952; eine unterhaltsame, spannende, emotionale Familiengeschichte, die ich jedem ans Herz legen möchte.

Heidi Rehn
Das Haus der schönen Dinge
Droemer Knaur Verlag, München

ISBN 9783426519370

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 21. Mai 2017

Maja Lunde - Die Geschichte der Bienen

In ihrem Buch „Die Geschichte der Bienen“ nimmt mich Maja Lunde mit auf eine Zeitreise und in die Welt dreier ganz verschiedener Familien.

Im Jahr 1852 bin ich in Maryland, Hertfordshire, England und lerne den bettlägerigen William Savage, seine Frau Thilda, seine 7 Töchter und seinen einzigen Sohn Edmund kennen. William zweifelt an sich, bis es sein Sohn schafft ihm wieder Lebenswillen zu geben. Er rafft sich auf und baut einen neuartigen Bienenstock. Doch nur seine Tochter Charlotte teilt mit ihm die Liebe zu den Bienen.

2007 verbringe ich mit dem Imker Georg, seiner Frau Emma und seinem Sohn Tom in Autumnhill, Ohio, USA. Georg will seinen Hof und damit das Erbe von Tom vergrößern. Der allerdings hat ein Stipendium bekommen und möchte Journalist werden. Als auch bei ihm, wie im ganzen Land auch, die Bienen verschwinden, ist Georg am Boden zerstört.

Die Pflanzenbestäuberin Tao lebt zusammen mit ihrem Mann Kuan und dem dreijährigen Sohn Wei-Wen im Jahr 2098 in Sichuan, China. Per Hand wird hier jede einzelne Blüte mit einem Pinsel aus Hühnerfedern bestäubt. Pflanzenschutzmittel hatten die Bienen schon ab 1980 vertrieben. Tao´s ganzes Glück ist der kleine Wei-Wen. Als der eines Tages nach einem Picknick ins Krankenhaus kommt und dann verschwindet, bricht für sie eine Welt zusammen.

Durch die Bienen sind die Schicksale der drei Familien miteinander verbunden.

Zeitgleich werden die Geschichten der drei Familien erzählt, wobei es sehr hilfreich ist, dass die Autorin jedem Kapitel den Namen über den es handelt stellt. Auch am jeweiligen Seitenende steht dieser Vorname. So weiß ich immer gleich um wen es hier geht. Die Kapitel selbst haben eine angenehme Länge und lassen sich sehr gut lesen. Vor allem auch die bildhafte Schreibweise lassen in meinem Kopf gleich Bilder entstehen und ich bin schnell mittendrin in der Geschichte.

Es baut sich auch eine leise Spannung auf, da ich unbedingt wissen will, wie die einzelnen Geschichten weiter gehen und wo die Bienen abgeblieben sind und welche Konsequenzen das für uns Menschen hat. Da sich diese Zusammenhänge erst ganz zum Schluss erklären, konnte ich das Buch nur schwer aus der Hand legen. Durch die sehr gut dargestellten Emotionen der Protagonisten bin ich total von diesem Buch gefesselt. Besonders die Geschichte von Tao, die nicht aufgibt ihren kleinen Sohn zu finden, hat mich sehr berührt.

Noch kennen wir eine Welt mit unseren Bienen. Aber wie wird es sein, wenn sie verschwinden?

Es ist erschreckend, wie nahe das Buch an unsere derzeitige Welt heran kommt.

Das Buch hat mich mit einigen Fragen zum Nachdenken zurückgelassen. Ich habe schon lange kein so interessantes und zugleich informatives Buch gelesen.

Meine absolute Leseempfehlung.

Maja Lunde
Die Geschichte der Bienen

btb Verlag, München
ISBN 9783442756841

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 19. Mai 2017

Kathrin Lange: Gotteslüge

Dieser Thriller, der erst zwei Jahre alt ist, hat nichts, gar nichts von seiner Brisanz verloren.

Berlin in der Gegenwart. Der Ermittler Faris Iskander schleppt aus einem vorherigen Fall ein Trauma mit sich herum und wird nun erneut in eine Situation gebracht, die sein schlimmster Albtraum werden soll. Ein muslimischer Selbstmordattentäter verlangt bei einer Geiselnahme die Anwesenheit von Iskander. Der kann sich nicht erklären, warum gerade er hinzugerufen wurde. Außerdem kennt er den jungen Mann und kann sich gar nicht vorstellen, dass der eine solche Aktion gestartet. Hatte der junge Mann mit dem Bombengürtel um seinen Leib auch nicht von alleine gemacht. Langsam wird es offensichtlich, dass jemand Iskander selbst zu einem Selbstmordattentäter werden zu lassen. Das versucht der Unbekannte mit allen Mitteln. Für Faris Iskander beginnt ein Horrorszenario.

Spannend und actionreich von der ersten bis zur letzten Seite. Obwohl die Szenen für diesen Roman von Kathrin Lange frei erfunden wurden, wurden sie inzwischen von der Realität eingeholt. Attentate im Zentrum Berlins sind keine Fiktion mehr.

Spannung basiert natürlich auch auf Konstruktion. So ist der Prolog eine Szene eher vom Schluss des Romans, der einen dann aber bis zum Ende nicht los lässt. Thrillertypisch dann die Sichtweise des Täters, der bis fast zum Ende hin immer als "der Andere" bezeichnet wird. Offenbar soll der Name des Anderen den Lesern nicht den Täter verraten. Aber nicht nur die Anonymität schützt ihn. Auch aus seinem Denken heraus, kann der Leser keine Rückschlüsse auf dessen Identität schließen. Die spekulativen Verdächtigungen im Kopf des Lesers treiben ihre Blüten. Aber der Leser sollte seinen Gedanken nicht zu viel vertrauen. Denn selbst zum Schluss geht der Tanz noch weiter.

Bombensichere Empfehlung!

Kathrin Lange
Gotteslüge

blkanvalet Verlag, München
ISBN 9783442383467

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 17. Mai 2017

herzleer - was ich noch sagen wollte: von Jennifer Benkau, Lena Gorelik, Tanja Heitmann, Ruth Olshan, Sabine Schoder, Maike Stein, Anke Weber, Katrin Zipse

In diesem Buch haben sich 8 Autorinnen Gedanken über den Abschied gemacht:

Ob Lena Gorelik von besten Freundinnen erzählt, die dann doch getrennte Wege gehen. „Weißt Du noch“, wäre auch für mich kein Ende sondern eher ein Anfang.

Bei Anke Weber ein Gewitter über eine gemeinsame Zukunft entscheidet. Hier habe ich mich so an meine Rockfestival-Besuche erinnert. Viel hat sich da nicht geändert.

Sabine Schröder lässt in Herzspieß Elva über ihre Liebe zu Büchern erzählen und mich hat der Zauber von Mariannes Laden und Elvas Bücherbank eingefangen.

In Ruth Olshans Sockenkonferenz lese ich von Joumana aus Syrien, die einem jungen Mann keine Chance lässt, weil sie keine Nähe zulassen kann. Vielleicht wird er ja seine „Sockenkonferenz“ doch noch in Lillehammer los.

In Tanja Heitmanns „Nur einmal“ hat Elisa für sich das Ufer jenseits des Alltages erreicht. Ist Jannis der Richtige für sie? Jojo versucht sie zu warnen.

Unter dem „Erdbeermond“ nimmt mich Katrin Zipse mit an einen See, wo Marie glaubt, in einer Nacht eine neue Liebe gefunden zu haben, während Finn von seinem Aufbruch in die Wüste schwärmt.

Jennifer Benkau erzählt in ihrer Geschichte „Ungesagtes“ von der 17-jährigen Alba, einer Aussenseiterin, die irgendwann erkennt, dass ein junger Mann einen Teil ihres Herzens so viel mehr beansprucht, als sie gewillt ist zu geben. Und irgendwann ist es dann für eine Aussprache zu spät.

„Einen halben Sommer lang“ bin ich mit Maike Stein zwischen Ost- und Westberlin mit zwei jungen Mädchen unterwegs., bis die eine eines Tages nicht mehr kommt. Die Mauer hat sich für Helene und Marie geschlossen.

Diese 8 Geschichten erzählen von so vielerlei Gefühlen, leicht, zart, schmerzhaft und intensiv. Ich habe geschmunzelt, war leicht schockiert, konnte die Protagonisten sehr gut verstehen und fand das Ende traurig. In ein paar von den Personen habe ich mich wiedererkannt. So etwas habe ich in meiner Jugend auch erlebt. Deshalb würde ich diese Geschichten nicht nur jungen Heranwachsenden empfehlen, sondern allen, die interessante Geschichten über Abschied und Schmerz, aber auch über die Liebe und ihre Auswirkungen lesen mögen – egal welchen Alters sie auch sind.

Diverse Autorinnen
herzleer - was ich noch sagen wollte
Oetinger Verlag, Hamburg
ISBN
9783789104954

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 14. Mai 2017

Andreas Schröfl - Schlachtsaison

„Schlachtsaison“ ist für mich der erste Krimi, den ich von Andreas Schröfl gelesen habe. Nachdem mich das Buch so begeistert zurück gelassen hat, werde ich sehr bald auch die ersten beiden Fälle von Ferdl Sanktjohanser lesen.

Worum geht es?

In München scheint ein Massenmörder während der Faschingszeit auf den Spuren von Jack the Ripper unterwegs zu sein. Mehrere Frauen sterben nach genau dem gleichen Vorbild wie die kanonischen Fünf. Als auch Susi, die Freundin von Stanktus´ Schwester Anna dem Verbrecher zum Opfer fällt und sie ihren Bruder um Hilfe bittet, kann der natürlich nicht nein sagen. Was allerdings seiner schwangeren Freundin Kathi zuerst gar nicht gefällt. Zusammen mit seinem Spezl Kommissar „Bichä“ Bichlmaier macht sich der Sanktus, Bierbrauer, Ex-Polizist, Schankkellner und derzeit Stadtführer in München auf, den Mörder zu ermitteln.

Schon von der ersten Seite an hat mich Andreas Schröfl mit seinem Schreibstil, seinem Spannungsaufbau und auch seinem ganz speziellen Humor gefangen. Vor allem aber auch die vielschichtigen, ausgesprochen detailliert ausgefeilten Protagonisten haben mich begeistert. Allen voran Fredl Sanktjohanser und seine Kathi. Ich liebe den bayerischen Dialekt und davon bekomme ich hier mehr als genug. Aber auch den Wiener Dialekt und Wortwitz habe ich hier sehr genossen. Nicht zu vergessen das schwäbeln, den Franken und sogar ein ganz klein wenig sächsisch habe ich lesen dürfen.

Mich hat es begeistert, mein München mit den Protagonisten zu durchwandern und immer genau zu wissen, wer sich gerade wo aufhält. Mein Kopfkino hatte viel zu tun.

Die Spannung kommt in diesem Regionalkrimi nicht zu kurz – ganz im Gegenteil. War ich mir bei ca. der Hälfte des Lesestoffes sicher den Mörder zu kennen, wurde ich eines besseren belehrt. Gerade zum Schluss hin geht es Schlag auf Schlag, so dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Super gemacht – großes Kino.

In kleinen Absätzen, kenntlich gemacht durch die kursive Schrift, werden im Herbst 1888 die kanonischen Fünf (Frauenmorde) von Jack the Ripper erklärt.

Ich finde es toll, dass mir hier mal wieder ein Krimi vorgesetzt wurde, der alles beinhaltet, was ich persönlich an einem Regionalkrimi liebe: Spannung ab der ersten Seite; ganz viel Lokalkolorit; immer wieder Szenen, bei denen sich meine Mundwinkel nach oben ziehen; eine Geschichte, die mich richtig gefangen nimmt.

Ich hoffe ganz stark, dass ich bald weitere spannende Geschichten von Andreas Schröfl zu lesen bekomme.



Andreas Schröfl
Schlachtsaison

Gmeiner Verlag, Messkirch
ISBN 9783839220504

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 12. Mai 2017

Richard Laymon: Rache

Extrem dicht erzählt wird eine Geschichte, deren Handlung sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden abspielt.

Sherry und Duane haben sich erst vor kurzer Zeit kennen gelernt. Sie leben in Los Angeles und es ist Sommer. In dieser heißen Sommernacht wollen sie endlich miteinander schlafen. Doch Sherry besteht auf Kondome. Der einzige, den Duane noch in seiner Schublade findet, zerreißt beim aufziehen, weil er zu alt ist. Kurz entschlossen macht sich Duane auf den Weg zum nächsten Supermarkt, der die ganze Nacht geöffnet hat. Sherry wartet in seiner Wohnung auf ihn. Die Zeit vergeht und Duane hätte längst zurück sein müssen. Nach einer Stunde hält sie es nicht mehr aus. Sie macht sich ebenfalls auf dem Weg zum Supermarkt, um zu schauen, wo ihr Freund bleibt. Doch der ist nirgends zu finden. Nur sein Auto steht auf dem Parkplatz hinter dem Markt. Während sie um den Markt herumirrt, bietet sich ihr ein Jugendlicher an, bei der Suche zu helfen. Er kennt Sherry, weil sie mal als Aushilfslehrerin in seiner Klasse unterrichtet hatte. In ihrer Verzweiflung nimmt sie die Hilfe des Jungen an. Wäre sie doch nur nicht so gutgläubig gewesen …

Laymon zieht für diesen extrem spannenden Pageturner alle Register. Der Leser ist immer auf Augenhöhe mit der Protagonistin und hegt gewisse Ahnungen über den Gegenspieler. Bis schließlich auch dessen Sichtweise hinzukommt und der Leser mit beiden auf Augenhöhe ist und ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel abläuft. Wer wird der Sieger dieses Duells? Erotische Szenen werden genauso wenig ausgespart wie Gewaltszenen. Blut spritzt reichlich. Das Brechen von Knochen hört man beim Lesen sehr deutlich. Und wenn schon beide Arten von Szenen eine Rolle spielen, sind auch Vergewaltigungen übelster Brutalität kein Tabu für den Autor.

Das hohe Tempo und die Verdichtung auf einen Tag schaffen es, dass man das Buch "live" liest, ähnlich der amerikanischen TV-Serie "24". Unter dem Gesichtspunkt der Spannung kann das Buch sehr empfohlen werden! Aber es ist nichts für schwache Nerven. Wer brutale Gewalt im Roman nicht mag, sollte besser die Finger von diesem Regionalroman von Los Angeles lassen.

Richard Laymon
Rache

Heyne Verlag, München
ISBN 9783453675032

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 10. Mai 2017

Sabine Vöhringer - Die Montez-Juwelen

Nach einer Auszeit ist Hauptkommissar Tom Perlinger wieder in seiner Heimatstadt München gelandet. Am Abend nimmt er kurz an einer Präsentation der legendären Montez-Juwelen bei einem Juwelier in der Hofstatt teil. Tags darauf wird in der Früh im Fischbrunnen am Marienplatz ein junger Mann tot aufgefunden. Ihn hatte Perlinger am Abend ebenfalls auf der Vernissage gesehen. Noch nicht im Dienst, der erst am Montag beginnt, nimmt Tom die Ermittlungen trotzdem schon auf, weil sein Halbbruder Max verdächtigt wird…

Bei den Ermittlungen zu den Montez-Juwelen nimmt mich Sabine Vöhringer mit in die Altstadt von München mit ihren kleinen Gassen, dem Marienplatz und der Sendlinger Straße. Hier bin ich zuhause und freue mich immer wieder, wenn ich die Wege, die hier z.B. Tom Perlinger geht, direkt vor meinem inneren Auge mit spazieren kann. Toll auch die Ansicht der Innenstadt auf der Innenseite von Vorder- und Rückseite des Buches.

Zuerst fühlte ich mich von den vielen Personen, die hier angesiedelt sind, etwas überfordert. Doch da vor Beginn der Geschichte ein Blatt die Personen mit ihren Zugehörigkeiten beschreibt und ich immer mal wieder nachschlagen konnte, hatte sich das schnell gelegt. Da ich auch schon mal z.B. im Hackerhaus war, hatte ich bei einigen Personen direkt ein konkretes Bild vor Augen. Interessante Charaktäre, bei denen ich meine Sympathien schnell vergeben habe, wie z.B. Kommissar Tom Perlinger, der mit seinem Sixpack, seinem Charme und seiner Zuverlässigkeit sofort bei mir punkten konnte, sorgen für Kopfkino. Ich hoffe, dass ich bald mehr von ihm und Kollegin Jessica lesen werde. Kommissar Mayrhofer kann ruhig versetzt werden.

Es geht in der Geschichte nicht nur um die Montez-Juwelen, sondern auch um die Familiengeschichte und -fehde zweier Brauhausbesitzer und den Kampf um Macht und Ansehen in der Münchner Gesellschaft. Interessant zu lesen, wie sich hier Vergangenheit und Gegenwart verweben und nichts in Vergessenheit gerät

Anfangs hat mir die Spannung etwas gefehlt. Doch da die Geschichte insgesamt so interessant ist und am Ende noch mal richtig Fahrt aufnimmt, hat mich das absolut versöhnt.

Wer Krimis Lokalkolorit mag, eine interessante Geschichte mit Blick in die Vergangenheit lesen will und sich spannend unterhalten lassen will – hier sind sie genau richtig.

Sabine Vöhringer
Die Montez-Juwelen

Gmeiner Verlag, Messkirch
ISBN 9783839220566

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 7. Mai 2017

Heike Fröhling - Die Zärtlichkeit des Augenblicks

Mein Lieblingszitat auf Seite 142:
Jeder Mensch braucht Geheimnisse und eine Schublade in der Seele, die verschlossen bleibt.

Im Internet findet die junge Geigerin Kristin Rosenbaum eine zu verkaufende Geige, die ihr Urgroßvater Carl Gustav gebaut hat. Spontanität ist allerdings keine ihrer guten Eigenschaften. Doch da sie sich sowohl von ihrem Freund Fabio, als auch von ihrer Schwester Franziska hintergangen fühlt, ergreift sie die Gelegenheit und fliegt nach Schottland. In dem kleinen Ort Oban lernt sie den Verkäufer der Geige Ethan MacDougall kennen, einen alten, etwas verschrobenen und in sich gekehrten Mann. Beide verbindet die Liebe zur Musik. In einem ihrer langen Gesprächen erfährt sie von der faszinierenden Höhle Fingal´s Cave und einem alten Manuskript des Komponisten Felix Mendelsohn Bartholdy.

Kristin ist total verunsichert und sich ihrer Gefühle nicht im Klaren, als Fabio plötzlich in ihrem Hotel auftaucht. Dieser wiederum versteht die beginnende Freundschaft zwischen Ethan und seiner Kristin nicht und recherchiert im Internet nach einer Frau, Grace, die Ethan vor vielen Jahren sehr zugetan war.

Plötzlich lichten sich die Schatten der Vergangenheit.

Als ich mir die Fotos aus der Höhle auf der Insel Staffa angeschaut und dem Rauschen zugehört habe, war ich total fasziniert.

In ihrer neuen Geschichte nimmt mich Heike Fröhling mit nach Schottland und in die Musik. Es gelingt ihr in kürzester Zeit mich zu fesseln und ich habe das Buch kaum aus der Hand legen können. Durch ihre intensive Beschreibung hatte ich das Gefühl Kristin bei ihrem Spiel zuzuhören.

Heike Fröhling hat Charaktere erschaffen, die sich für mich im Laufe der Geschichte ganz toll entwickelt haben. Die wie ich fand scheue und zurückgenommene Kristin, die nur für ihre Musik mit der Geige lebt; den in meinen Augen unreifen Fabio, der seine Zeit lieber mit seinen Freunden und seiner Oma verbringt als mit seiner Freundin und Ethan mit seinem Geheimnis, den ich im Laufe der Geschichte immer besser kennenlernen durfte.

Sie haben das Lesen zu einem Genuss gemacht.

Ich durfte ein Buch lesen, dass mich auf mehrerlei Art fasziniert hat. Ich bekam Bilder von Schottland vor mein inneres Auge, dass ich den Wunsch verspürte, zu packen und dorthin zu reisen. Ich las von einem Konzert, das ich sehr gerne miterlebt hätte, wo ich glaubte, die Geige spielen zu hören. Und ich las von einer Liebe, die so viele Jahre überlebt hat und von einer, die vielleicht erst jetzt richtig beginnt.

Ein so gefühlvolles, berührendes und trauriges Buch, das Spannung genauso beinhaltet wie eine gewisse Leichtigkeit habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Zum Schluss hat es mich zu Tränen gerührt.

Heike Fröhling
Die Zärtlichkeit des Augenblicks

Tinte & Feder
ISBN 9781477848593

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 5. Mai 2017

Rebecca Raisin: Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine

Wo Liebesgeschichte drauf steht, muss nicht immer nur eine Liebesgeschichte drin stehen. Der vorliegende Roman ist einer von vielen, die momentan in den Markt gespült werden und eine Liebesgeschichte in einem Buchladen in Paris erzählen. Parisliebhaber werden also auf ihre Kosten kommen.

Sarah hat einen kleinen Buchladen in der verschlafenen, amerikanischen Kleinstadt Ashford. Doch wirtschaftlich läuft es nicht besonders gut. Ihr Freund Ridge ist freier Journalist und reist um den Globus. Als schüchterne Einzelgängerin hatte sie eigentlich nie erwartet, eines Tages einen Mann zu lieben, mit dem sie bis ans Ende ihres Lebens gemeinsam verbringen mochte. Doch dann war es plötzlich passiert. Sie hatte Ridge kennengelernt. Wenn da nur nicht immer die Trennung wegen seines Jobs wäre. Übers Internet machte Sarah die Bekanntschaft mit Sophie aus Paris. Sophie ist eine Kollegin mit einem Buchladen direkt an der Seine. Sophie hat gerade eine gescheiterte Beziehung hinter sich und möchte Paris zumindest für eine Weile den Rücken kehren. Sie hat viel Vertrauen in ihre amerikanische Internetfreundin und schlägt ihr den Tausch der Buchhandlungen auf Zeit vor. Obwohl Sarah nur ihre Kleinstadt kennt, geht sie auf den Vorschlag ein und freut sich, die große weite Welt in Form von Paris, der Stadt der Liebe, der Kunst und der Schriftsteller kennenzulernen. Doch sie hatte nicht mit dem Chaos und dem Kundenandrang im Pariser Buchladen gerechnet. Ganz zu schweigen von der Mentalität der Franzosen im Allgemeinen und der "ihrer" Mitarbeiter (in Ashford hat sie keine Mitarbeiter) im Besonderen.

Raisin hat ein interessantes Setting zusammengestellt und lässt es nicht nur in der Beziehung zwischen der Protagonistin, die alles aus der persönlichen Perspektive erzählt, und ihrem Journalisten krachen. Die Hektik der Großstadt und die andere Mentalität der Franzosen geben genügend Raum für Konflikte und überraschende Wendungen. Besonders gefallen hat mir eine Nebenhandlung, die in Form aufgefundener Liebesbriefe dazwischen gestreut wurde. Diese Form unterstützt die Erzählung in der zweiten Person, was eine besondere Note bringt. Die reine Verwendung von "du" und "ich" bringt eine kisternde Spannung, denn als Leser möchte man schon gerne wissen, um wen es sich beim Briefeschreiber und dem Empfänger handelt.

Alles in allem gibt es sehr viel Pariser Lokalkolorit und letzten Endes die Auflösung von drei Liebesgeschichten. Sommerliche Feelgood-Lektüre, die Spaß macht!



Rebecca Raisin
Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine

Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn
Rüten & Loening Verlag, Berlin
ISBN 9783352008979

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017

Mittwoch, 3. Mai 2017

Claudia Thesenfitz - Meer Liebe auf Sylt

Mein Lieblingszitat aus der Geschichte auf S. 186: Kleinen Kindern gibt man Wurzeln und großen schenkt man Flügel.

Will Marcus sie verlassen? Hat er eine Andere? Um das heraus zu finden, reist Alexandra Reinhardt ihrem Mann nach New York nach. Auf die 2-jährige Tochter Emma sollen in der Zeit die beiden Omas aufpassen. Auch Schwester Jana wird mit ins Boot geholt. Die kleine Emma schafft es immer wieder, die drei richtig auf Trab zu halten.

Unterhaltung und Witz wird schon durch die Unterschiedlichkeit der beiden Omas garantiert: Henrietta, Chefredakteurin einer großen Frauenzeitschrift, die absolute Karrierefrau und immer topmodisch gestylt. Ulla, Esotherikerin aus vollem Herzen , unrasiert von Kopf bis Fuß und eine Anhängerin des Nachzbadens. Meine Mundwinkel sind fast ständig nach oben gezogen, wenn ich von dem immer wieder erschrockenen Gesichtsausdruck von Henriette lese und beide in meinem Kopfkino durchs Bild huschen. Der kleinen Emma dagegen sind diese Äußerlichkeiten wurscht. Sie liebt ihre beiden Omas ohne wenn und aber.

Mir gefallen die feinsinnigen Gespräche, die die beiden Frauen führen, wie sie sich gaaaanz langsam annähern und jeder der anderen ihren Raum gibt. Ihre Muster und Gesetze, in denen beide leben, fangen an sich zu lockern bzw. aufzulösen.

Und das alles spielt vor der wunderschönen Kulisse der Insel Sylt. Bei den Beschreibungen bekommt man Lust auf Sommerurlaub. Sylt steht ab sofort auch auf meiner „will ich noch hin“-Liste.

Sympathische Charaktere, eine wunderschöne Sommerkulisse, eine insgesamt humorvolle Geschichte und eine wunderbare Wandlung und Annäherung zweier Frauen – ich hatte ein paar ausgesprochen schöne Lesestunden.

Claudia Thesenfitz
Meer Liebe auf Sylt

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN
9783548288475

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Sonntag, 30. April 2017

Constanze Wilken - Das Erbe von Carreg Cottage

Die 35-jährige Lilian Gray, genannt Lili hat ihr Cafe in Greenock, Schottland aufgeben müssen und steht vor dem Nichts. Als ihr der Brief eines Anwalts aus Nordwales in Haus flattert, der ihr eine erhebliche Erbschaft verspricht, macht sie sich mit ihrem Border Terrier Fizz auf den Weg nach Aberdaron. Sie erfährt, dass ein nur dem Anwalt Bekannter ihr ein kleines Pilgercottage und eine Menge Geld für die Renovierung vererbt hat. Sie muss ihr Erbe sofort antreten und das Cottage bewirtschaften. In einem Jahr soll sie erfahren, wer ihr Gönner ist. Voller Tatendrang macht sich Lili, die für Schreibtischarbeit absolut nicht gemacht ist, sondern am liebsten in der Erde buddelt und Kräuter, Pflanzen, Blumen und Bäume setzt, ans Werk. Hier, wo sie sich gleich wohl, geborgen und zuhause fühlt, hat aber jemand etwas gegen ihre Anwesenheit. Bevor sie ihr neues Zuhause beziehen kann, wird es von Unbekannten verwüstet...

In ihrem neuen Roman entführt mich Constanze Wilken nach Nordwales auf die Halbinsel Llyn. Hier begleite ich Lili nicht nur im Hier und Jetzt, sondern ich mache auch Bekanntschaft mit Lileas, die in der Zeit nach 614 als Tochter eines Druiden und seiner Familie aufwächst. Ihr Vater gibt ihr seine Kenntnisse weiter, bis die Familie außer Lileas, die flüchten kann, ausgelöscht wird. Sie tauscht ihren Namen in Meara und verlässt ihre Heimat Richtung Süden. Mit ihren besonderen Kräften lebt sie einsam als Heilerin und würdige Nachfolgerin ihres Vaters und hilft denen, die sie darum bitten.

Dass die Hauptpersonen sowohl aus der Gegenwart als auch aus der Vergangenheit zu Anfang der Geschichte aufgeschrieben sind, hat mir ein paar Mal sehr geholfen. Lileas und Lili habe ich beide sofort in mein Herz geschlossen. Beide haben ihre Stärken und Eigenheiten, sind zwei ganz aussergewöhnliche Frauen. Lägen nicht hunderte von Jahren zwischen ihnen, könnten sie Schwestern sein.

Mit ihrem einfühlsamen und doch prägnanten Schreibstil hat mich Constanze Wilken sofort in den Bann der walisischen Landschaft und ihrer Bewohner gezogen. Beim Lesen habe ich die salzige Luft in der Nase, höre die Wellen an die Felsen schlagen und sehe die schroffe Landschaft mit ihren kleinen Ortschaften vor mir. Sie hat es geschafft, dass ich einen weiteren Landstrich auf meine „möchte ich noch sehen“-Liste gesetzt habe.

Ich war gefangen in einer Geschichte aus Gegenwart und Vergangenheit, durfte lesen, wie sich eine Liebe anbahnt, eine andere leider entzweit wurde und hatte wunderbar unterhaltsame Lesestunden. Und ich freue mich auf eine Fortsetzung der Geschichte mit Lili.

Constanze Wilken
Das Erbe von Carreg Cottage

Goldmann Verlag, München
ISBN 9783442484768

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Freitag, 28. April 2017

Cord Buch - Flucht ins Viertel

Über das Meer nach Italien und weiter nach Norden kommen 800 Flüchtlinge aus Lampedusa in Hamburg an und fordern Gruppenasyl. Darauf lässt sich der Senat natürlich nicht ein. Als es immer kälter wird, findet ein Großteil von Ihnen Unterschlupf in der Kirche des Viertels. Einem von ihnen, Ngana, gibt die Journalistin Nele Deutschunterricht. Als der totgeschlagen und gefoltert in einem Bunker gefunden wird, machen sich Nele und zwei seiner Freunde auf, seinen Mörder zu finden. Dann gibt es im Viertel einen weiteren Toten und die Zeitung, bei der Nele arbeitet hat Finanzprobleme. Dass ihr Freund Tjark Sex mit einem Mann hat, ist da gerade ihr geringstes Problem.

Nele, ihren Wochenendfreund Tjark, ihren Sohn Cairo und dessen Freundin Isa habe ich bereits bei dem Mord im Viertel kennengelernt. Daher ist es für mich, wie zurückkommen zu guten Bekannten.

In dieser Geschichte geht es um Flüchtlinge aus Syrien, die in Hamburg Fuß fassen wollen. Mit den Schwierigkeiten der Eingewöhnung, den Problemen bei so vielen Männern auf engsten Raum untereinander, dem Misstrauen der Bevölkerung auf der einen, der Unterstützung auf der anderen Seite mache ich hier Bekanntschaft. Cord Buch lässt mich ziemlich weit hinter die Kulissen blicken. Es erschreckt und berührt mich, wenn ich lese, wie sich die Männer in unserer Welt fühlen, mit der sie sich jetzt auseinander setzen müssen. Der Lebensmut und Optimismus auf ein besseres Leben der Flüchtlinge ist ungebrochen, obwohl sie schon so viel Schlechtes und fast unüberwindbar scheinendes erlebt haben. Im Nachwort gibt mir Cord Buch einen noch tieferen Einblick in die Dinge, mit denen die meisten von uns nicht konfrontiert werden oder werden wollen.

Auch Neles Privatleben mit ihren Höhen und Tiefen kommt nicht zu kurz. Außerdem will die Zeitung, für die sie arbeitet gerettet werden. Also Baustellen an allen Ecken und Enden. Trotzdem habe ich auch hier und da schmunzeln können.

Die Polizeiarbeit nimmt in diesem Fall wieder eine große Rolle ein. Ihre Ermittlungen laufen neben der Suche von Nele und Nganas Freunden. Hier wird sehr gut deutlich, mit welchen Hürden und Schwierigkeiten die Polizei zu kämpfen hat. Durch Hauptkommissar Werner Jensen, die junge Polizeimeisterin Conny Schrader und Wiebke Müller bekomme ich einen tollen Einblick in ihre Arbeit und bin bei den Fortschritten direkt dabei.

Die Gedanken des Mörders bzw. Erpressers lese ich zwischendurch in kursiver Schrift.

Ich hatte mich sehr auf das Wiederlesen mit Nele und den Freunden aus dem Viertel gefreut und ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn der Plot ein düsterer ist, finde ich die Einblicke, die ich hier bekommen habe sehr interessant, lesenswert und auch unterhaltsam.

Meine Leseempfehlung für alle, die gerne auch mal eine ernste Geschichte mit Spannung bis zum Schluss lesen wollen.

Cord Buch
Flucht ins Viertel

edition oberkassel Verlag, Düsseldorf
ISBN

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© Gaby Hochrainer, München 2017

Mittwoch, 26. April 2017

Kristina Ohlsson: Schwesterherz

Bei diesem Thriller handelt es sich um den ersten Teil einer zweibändigen Geschichte, der allerdings auch selbstständig für sich alleine steht. Beide Bände bedingen nicht unbedingt einander.

Der Rechtsanwalt Martin Benner wird dazu gebracht, die Unschuld einer bereits durch Selbstmord ums Leben gekommenen Serienmörderin nachzuweisen. Ihr Bruder spazierte einige Monate nach deren Tod in die Kanzlei und nahm dem Anwalt ein Versprechen ab. Obwohl sich alles in Benner sträubt, kann er sich dem Sog der Neugierde nicht entziehen. So begibt er sich auf eine gefährliche Ermittlungstour, zusammen mit seiner Kanzleipartnerin Lucy. Ermittelt wird in Schweden als auch in Texas.

Kristina Ohlsson hat ein spannendes Figurenensemble zusammengestellt und lässt diese in einem ungewöhnlichen Plot miteinander agieren. Benner ist durch den Unfalltod seiner Schwester vor wenigen Jahren zu seinem Kind gekommen. Er hat seine Nichte damals adoptiert. Sie ist in der Geschichte vier Jahre alt und sorgt in seinem Leben dafür, dass er nicht mehr frei wie ein Junggeselle handeln kann. Zu Lucy, seiner Geschäftspartnerin, hat er ein chaotisches Bratkartoffelverhältnis. Sie waren mal ein Paar, haben sich aber getrennt, weil sie nicht mehr "miteinander konnten". Doch gelegentlich und immer öfter haben sie aus "reiner Freundschaft" Sex miteinander.

Was die Geschichte angeht, so gibt es eine Wendung nach der anderen. Man wird durch die Seiten getrieben, weil man von Anfang an wissen möchte: A) ob das Objekt der Ermittlung tatsächlich eine Serienmörderin war, B) warum sich der Rechtsanwalt in diesem Fall hat reinziehen lassen, C) was denn dann noch als schlimmste Sache in dem Fall passieren kann.

Gerade für den letzten Punkt hat die Autorin eine faszinierende Methode eingesetzt. Der Roman ist in mehrere Abschnitte unterteilt. Jeder Abschnitt beginnt mit einem Interview zwischen Martin Benner und einem Journalisten in einem Hotel. Die Geschichte, die wir lesen, erzählt Benner quasi dem Journalisten. Aber in dem jeweiligen Interview werden jede Menge Cliffhanger für den nächsten Abschnitt platziert. Wenn man das Interview liest, gibt es nur den Gedanken: Oh Gott, was kommt denn noch alles?

Hochspannung vom Feinsten!

Kristina Ohlsson
Schwesterherz

Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
Limes Verlag, München
ISBN 9783809026631

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2017