Dienstag, 29. November 2016

Beate Maly - Tod am Semmering

Ernestine Kirsch bekommt zwei Karten für einen Wohltätigkeits-Tangokurs im Grandhotel Panhans am Semmering geschenkt. Zusammen mit Anton Böck, den sie dazu überreden kann mitzufahren, erlebt sie dort einige Tage, die die Beiden nicht so schnell vergessen werden. Zusammen mit 12 weiteren Tanzwilligen, dem wenigen Hotelpersonal und den Musikern müssen sie eingeschneit im Hotel verharren. Als dann ein erstes Todesopfer zu beklagen ist, liegen die Nerven bald schon blank. Aber Ernestine ist die Ruhe selbst und verpflichtet Anton ihr bei den Ermittlungen mangels Polizei zur Seite zu stehen.

Beate Maly erzählt in einer so farbigen und gut vorstellbaren Sprache, dass ich alles direkt vor mir sehe. Die Dialoge und Gespräche ziehen mich magisch in die Geschichte rein. Am liebsten würde ich meine Kommentare hier und da dazu abgeben.

Interessante, vielschichtige und sehr unterschiedliche Charaktere farbig geschildert ziehen in meinen Kopf ein. Besonders leid tut mir hier die junge Mietzi, die als Zimmermädchen im Hotel ihr Geld verdient.

Politische Einflüsse halten in die Geschichte genauso Einzug, wie ein wenig Romantik, Humor, die sehr gut beschriebene Atmosphäre im Hotel, vielfältige kulinarische Genüsse und vor allem die Suche nach dem Motiv des Täters. Als dieser dann gefunden ist, war ich sehr überrascht, konnte sein Motiv aber sehr gut nachvollziehen.

Ein wunderbarer historischer Krimi mit einer spannenden Geschichte und gut recherchierten Hintergründen.


Maly, Beate
Tod am Semmering

emons Verlag, Köln
ISBN
9783954519958

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 27. November 2016

Sarah Graves - Das Kind im Wald

Die Bostoner Mordkommissarin Lizzie Snow lässt sich aus privaten Gründen in eine Kleinstadt an der kanadischen Grenze versetzen. Ihre Nichte Nicolette, die vor sechs Jahren plötzlich verschwand, soll in dieser Gegend gesehen worden sein. Lizzie lässt nichts unversucht, die Kleine zu finden. Sie gerät dabei an ihre Grenzen und stößt auf Ungeheuerliches…
Mit ihrem flüssigen, leicht zu lesenden, zu verstehenden und absolut fesselnden Schreibstil hat mich Sarah Graves sofort in den Bann des Buches gezogen. Die Spannung bleibt ab den ersten Seiten auf einem hohen Niveau, was es mir schwer gemacht hat, das Buch aus der Hand zu legen.
Da Lizzie aber hauptsächlich als Kommissarin in die Kleinstadt berufen wurde, hat sie einige Fälle an der Hand, die von vorne herein nichts mit einander zu tun zu haben scheinen. Die Verknüpfungen werden gegen Ende der Geschichte schlüssig und gut nachvollziehbar entknotet. Was ich sehr positiv fand: Alle meine Fragen, die sich im Laufe der Geschichte angesammelt haben, haben sich vollständig aufgelöst.
Lizzie Snow ist ein Charakter mit Ecken, Kanten und Stärken, der mir sofort gefallen hat. Der Partner an ihrer Seite, auf den ich gehofft hatte, hat sich leider (noch) nicht eingestellt. Aber auch die anderen Protagonisten sind farbig mit ihren Eigenheiten gut dargestellt. Besonders gut dargestellt und vorstellbar außer Lizzie, fand ich hier den jungen Mann „Knolle“.
Besonders gut haben mir die Landschaftsbeschreibungen, die Beschreibungen des neues Zuhauses von Lizzie und die Skizzierung der Bewohner gefallen. Ich hatte bald alles im Kopf und habe mich mitten drin gefühlt.
Mit „Das Kind im Wald“ habe ich eine neue Autorin kennengelernt, von der ich gerne weitere deutschsprachige Bücher lesen würde.




Graves, Sarah
Das Kind im Wald

Random House/ Diana Verlag, München
ISBN 9783453358720

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Donnerstag, 24. November 2016

Sonja Rudorf - Alleingang

Jona Hagen, Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Frankfurt findet eines morgens ihren Mitarbeiter Alexander Tesch zusammen geschlagen in seinem Büro. Was ist hier passiert? Ist ein Klientengespräch eskaliert? Jona beginnt auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Dabei muss sie erfahren, dass sie ein komplett falsches Bild von Alexander hat.

In diesem Krimi spielt die Polizei nur eine sehr untergeordnete Rolle, da Jona ihre Ermittlungen selbst anstellt. Der Frankfurter Kommissar Ulf Steiner spielt da nur eine kleine Rolle, ist aber immer zur Stelle, wenn man (oder Frau Jona) ihn braucht. 

Die einzelnen Protagonisten haben alle ihre kleinen Fehler und Macken und sind so farbig ausgearbeitet, dass ich beim Lesen bald ein klares Bild vor mir hatte. Gerade auch durch die Vielfalt der Persönlichkeiten, die alle irgendein Handycap haben, macht das mit ermitteln besonderen Spaß. Ich war mir lange nicht sicher, ob der den ich für den Täter hielt, auch der Richtige war. 

Der Spannungsbogen baut sich sehr schnell auf und bleibt bis zum Showdown konstant hoch. Durch die immer neuen Erkenntnisse über ihren Mitarbeiter und seine Klienten bin ich immer voll im Bilde und mittendrin in der Geschichte.

Der Schreibstil ist locker und flüssig. Manchmal ging mir die Handlung aber etwas zu schnell und ich musste noch einmal die letzte Seite lesen um die Gesamtheit des Geschriebenen zu erfassen. 

Die Geschichte an sich ist logisch und gut nachvollziehbar aufgebaut und es macht Spaß in die Psyche der Einzelnen hinein zu schauen, auch wenn dies manchmal etwas schockierend ist.


Alleingang ist ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und ich hoffe auf weitere Ermittlungen von Jona Hagen.

Rudorf, Sonja
Alleingang
Societäts-Verlag, Frankfurt
ISBN 9783955422165

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Dienstag, 22. November 2016

Barbara Steuten - Kati Küppers und der gefallene Kaplan

Im kleinen Ort Niederbroich am Niederrhein stürzt der junge Kaplan Markus Overath die Treppe in den Kirchenkeller hinunter. Die Polizei ermittelt aber keinen Unfall, sondern der Kaplan wurde vergiftet. Da sich die Küsterin Kati Küppers als gelernte Apothekenhelferin mit Gift auskennt, wird sie sofort verdächtigt. Das aber lässt die resolute Dame nicht auf sich sitzen und beginnt auf eigene Faust die Suche nach dem Täter. Als sie dem zu nahe kommt, wird es auch für sie gefährlich.

Dies ist mal wieder ein Krimi mit unaufgeregt leisen Tönen, der aber nicht weniger spannend ist. Ich erfahre vieles über die Heiligen, die Kati in jeder Lebenslage bemüht, kenne mich in und um die Kapelle herum dank den genauen Beschreibungen sehr gut aus und finde vor allem dat Kölsch von de aale Frau Wilms richtig toll. Spannend ist es auch immer wieder andere Dorfbewohner kennen zu lernen. Interessante Gespräche geben einen kleinen Eindruck in die Dorfgemeinschaft, in der auch nicht alles nur gut ist.

Motive gibt es jede Menge, denn jeder Bürger aus dem kleinen Ort scheint schon mal mit dem Kaplan aneinander geraden zu sein. Miträtseln ist also angesagt, doch ich tappe sehr lange Zeit im Dunklen. Als der Täter sich dann zu erkennen gibt, bzw., Kati ihn erwischt, habe ich nur gedacht: ohhhh.

Aber ganz ohne Polizei geht es auch in Niederbroich nicht. Kommissar Philip Rommerskirchen, der mit seiner Freundin Rike gerade eine Wohnung sucht und sich gut vorstellen kann, nach Niederbroich zu ziehen, ermittelt zusammen mit Björn Tietke. Dabei kommt er zu seinen Verhören bei den Anwohnern nicht immer gelegen. Mit Benedikt, dem Enkel von Kati Küppers, der hier seine Ferien verbringt und Oma bei der Suche nach dem Täter helfen will, freundet er sich schnell an.

67 kurze Kapitel mit dauernd sich ändernden Orten lassen das Lesen weder langweilig noch langatmig werden. Ganz im Gegenteil, ich hatte sehr viel Spaß und Spannung mit der Lektüre.


Steuten, Barbara
Kati Küppers und der gefallene Kaplan

edition oberkassel, Düsseldorf
ISBN 9783958130685

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 20. November 2016

Iny Lorentz: Das Mädchen aus Apulien

Pandolfina hat nun auch ihren Vater, den Grafen Guthier de Montcœur, verloren. Voller Trauer sitzt die vierzehnjährige am Sterbebett ihres Vaters und hält die Totenwache. Ihre Mutter, eine christliche Sarazenin, war bereits vor Jahren verstorben. Es braucht keine vierundzwanzig Stunden, da steht der Nachbar, Baron Silvio di Cudi, mit einem großen Trupp Söldnern vor dem Tor. Er behauptet, im Namen des Papstes, die Tochter des Grafen ehelichen und deren Erbe verwalten zu wollen. Doch seine Berufung auf den Papst ist nur vordergründig. Tatsächlich geht es ihm und um die Ländereien und somit um die Steuereinnahmen aus ihnen. Denn zur Grafschaft gehören gut zwanzig Dörfer. Außerdem ist die Burg des Grafen viel ansehnlicher als seine eigene, die an einen Wachturm erinnert.

Mit dieser Roman hat sich das erfolgreiche Schriftstellerduo einen weiteren Landstrich Europas und die damit verknüpfte Historie erschlossen. »Auf die Idee hat uns unsere Agenturlektorin und Mentorin mit ihrem starken Interesse an Friedrich II. von Staufen gebracht. Als wir dann mit ihr als Dolmetscherin Apulien und Campanien zur Recherche bereisten, ergab sich der Rest«, teilten mir Iny und Elmar Lorentz mit.

Zwar beginnt dieser Roman wieder mit einer weibliche Figur im Mittelpunkt, aber dies ändert sich im Laufe der Geschichte genauso wie sich Iny Lorentz auch den für dieses Genre gern gesehenen Mitteln der Kämpfe und Schlachten bedienen. Fesselnd sind die Kämpfe einzelner Ritter und Waffenknechte geschildert. Die Eroberung von Bogen mit großen und kleinen Tross liest sich spannend. Zwischen allen Kämpfen und Intrigen machen die Protagonisten eine angenehme Entwicklung durch. Sowohl Pandolfina als auch Leonhard sind am Ende des Romans andere Menschen als bei ihrer Einführung. Mit dem Wissen des Lesers mag man sich zwischenzeitlich über Leonhard ärgern, ahnt aber, dass er den Konflikten durchaus gewachsen sein wird.

Ein abenteuerlicher Schmöker, der bestens dazu geeignet ist, an langen Winterabenden in die vergangenen Zeiten abzutauchen und sich von hinreißenden Figuren in den Bann ziehen zu lassen. Mir gefällt diese Roman ausgesprochen gut und ich empfehle ihn sehr gerne.



Lorentz, Iny
Das Mädchen aus Apulien

Dromer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426663820

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Mittwoch, 16. November 2016

Harald Schmidt - Gestohlene Zukunft

Im Essener Stadtwald wird ein 5-jähriger kleiner Junge tot aufgefunden. Hauptkommissar Holger Wilms und sein Kollege Sven Tokrut ermitteln in einem Fall von Kindesmissbrauch und Tötung. Bald stellt sich heraus, dass auch in Frankfurt und in Hagen jeweils ein Fall von Kindstötung nach dem gleichen Muster ermittelt werden. Hier geht ein Serienmörder um.

Tina und Wolf Kleinert sind mit ihren Kindern Mia und Leon eine glückliche Familie. Bis bei Tina düstere Erinnerungen an Geschehnisse aus ihrer Kindheit an die Oberfläche kommen, die sie in die Tiefe ihres Gedächtnisses verbannt hatte.

Harald Schmidt nimmt sich in diesem Buch eines fast alltäglichen, unschönen und oft unter den Teppich gekehrten Themas an: Kindesmissbrauch. Er schreibt erschütternd real über einen Mann, der in seiner Kindheit selbst missbraucht wurde und heute Rache üben will. An einer Stelle habe ich sogar Mitleid mit diesem Mann, als mich Harald Schmidt ganz tief in dessen geschundene Seele schauen lässt. Was aber die Grausamkeit seiner Taten nicht schmälert.

Die Wut der Kommissare und Polizisten nach einem solchen Verbrechen kann ich aber auch sehr gut verstehen. Dass man sie aber nach Festnahme an ihm auslässt, darf nicht sein.

Wie schnell eine Familie an diesem Thema zerbrechen kann, wenn es unausgesprochen gärt, hat mich ebenfalls erschüttert.

Die handelnden Personen sind prägnant beschrieben, wirken absolut lebensecht. Die Geschichte, die aus zwei Erzählsträngen besteht, die sich schlussendlich annähern und deren Fäden aufgelöst werden, empfinde ich einerseits sehr verstörend, andererseits aufklärend. Hinschauen und nachfragen, wie es hier z.T. auch geschieht, ist sehr wichtig.

Mir hat das Buch mit seiner Geschichte sehr gut gefallen, wobei ich mich scheu zu sagen, ich hatte Lesespaß. Es ist eine sehr reale Geschichte in Form eines Thrillers, die absolut lesenswert ist und zum diskutieren anregt.


Schmidt, Harald
Gestohlene Zukunft

Amazon/ BoD
ISBN 9783741275203

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 13. November 2016

Nele Neuhaus: Im Wald

Mit einer besonderen Spannung wartet der neue Kriminalroman von Nele Neuhaus auf. Bevor die eigentliche Handlung beginnt, gibt es zwei Abschnitte, die auf den ersten Blick nichts mit dem aktuellen Kriminalfall zu tun haben. Dabei ist der Prolog offensichtlich, nicht nur durch die mitgelieferte Datumsangabe, eine Rückblende auf ein Ereignis von mehr als vierzig Jahren. Der erste Abschnitt des ersten Kapitels lässt den Leser an dem Brand eines Wohnwagens auf einem Campingplatz teilhaben. Die gerne von Alkohol beseelte Felicitas Molis schaut mit Schrecken und Fernglas auf das lodernde Feuer.

Beide Abschnitte sorgen für Spannung, weil es sehr interessant wäre, zu wissen, welcher Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Danach geht es schnell mit den Ermittlungen zur Sache. Oliver von Bodenstein, der adelige Ermittler dieser Autorin, wird zur Brandstelle gerufen. Doch die erste Vermutung, dass es sich um den seit Wochen tobenden Feuerteufel handelt, wird schnell zerschlagen. Im Wohnwagen wird eine Leiche gefunden. Bodenstein und seine Kollegin Pia Sander müssen in einem Mordfall ermitteln. Dann geht es offenbar Schlag auf Schlag, in kurzer Zeit gibt es weitere Tote. Und als Leser fragt man sich immer noch, warum der Prolog eine Situation von vor vierzig Jahren beschreibt.

Nele Neuhaus hat ein sehr umfangreiches, aber nicht weniger interessantes Figurenensemble geschaffen. Wegen der Geschehnisse vor 42 Jahren geht es in die Kindheit von Bodenstein zurück, seine Schulkameraden und Spielgefährten tauchen wieder in seinem Leben auf. Alte Erinnerungen werden hervorgeholt. Die Figuren sind detailreich und konfliktbeladen ausgearbeitet. Kaum eine gerade Figur. Die aus den vorangegangenen Romanen bekannten Figuren erscheinen in einem neuen Licht und erhalten neue Züge, was auch sie wiederum interessant macht. Die düsteren, in der Vergangenheit liegenden Geschehnisse der Bewohner der Taunusörtchen tun ihr Übriges.

Die Jahresangabe der aktuellen Handlung fand ich unnötig. Auch die sich gelegentlich wiederholende Informationen zu bestimmten Situationen sind redundant, denn dem Leser ist vieles schon nach dem ersten Lesen bekannt. Beide Kritikpunkte Schaden aber nicht meiner Bewertung mit höchster Punktzahl. Top-Buch!

Neuhaus, Nele
Im Wald
Ullstein Verlag, berlin
ISBN
9783550080555

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Mittwoch, 9. November 2016

Annette Wieners - Fuchskind

Es ist Herbst und die Blätter fallen von den Bäumen auf die Wege des Friedhofes, auf dem Friedhofsgärtnerin Gesine Cordes arbeitet. Nachdem ihr schon ein Fuchs auf einem der Wege begegnet ist, findet sie unter einem Rhododendron eine blaue Babyschale mit einem kleinen Jungen. Erinnerungen an ihren eigenen toten Sohn werden wach.
Draußen, vor dem Friedhof, an der Bushaltestelle wird eine nackte tote Frau gefunden. Ist das die Mutter des Kindes?
Als ehemalige Kommissarin ist es für Gesine keine Frage, dass sie beginnt, nach den Eltern des Kindes zu forschen.
Ich bin mir nicht sicher, ob das Kommissarin Marina Olbrich, die in dem Mordfall der toten Frau ermittelt, gefällt...

2 Erzählstränge, die sich immer wieder überschneiden:
Zum einen wird der Fortgang der Geschichte aus Sicht von Gesine Cordes erzählt. Zum anderen bin ich bei den Ermittlungen von Martina Olbrich dabei, die bis nach Georgien führen.
Spannend ab der ersten Seite, mit einigen Wendungen und vielem Unvorhersehbarem hat das Lesen und mit ermitteln richtig Spaß gemacht. Doch auf den/die richtigen Täter bin ich erst sehr spät gekommen. Immer haben mir kleine Puzzleteilchen gefehlt.
Ich mag die vielschichtigen Charaktäre mit ihren großen und kleinen Schwächen, Fehlern aber auch Stärken. Gerade Gesine Cordes ist eine Frau, die man gerne mal unterschätzt. Ich habe diese vom Schicksal stark gebeutelte Frau gleich in mein Herz geschlossen, obwohl ich mit ihrem Handeln nicht immer einverstanden war bzw. es nicht immer verstanden habe.
Die Geschichte selbst hat ein sehr realistisches Thema und ist gut nachvollziehbar aufbereitet. Kinderhandel im Ausland, Prostitution, der Tod eines Kindes, 2 Halbwaisen, ein illegal geführter Verein mit illegal eingereisten Personen, und natürlich Mord – alles hat hier seinen Platz gefunden und wurde sehr gut in die Geschichte integriert. Aber auch eine beendete Liebe und eine vielleicht bald neu beginnende haben ihren Platz.
Vielleicht sollte man, um schon an die Personen herangeführt zu werden, doch als erstes den ersten Band um Gesine Cordes lesen: Kaninchenherz. Und genau das werde ich jetzt nachholen.
Ich habe sogar noch etwas gelernt:
Zwischen den einzelnen Kapiteln werden heimische Giftpflanzen skizziert, vorgestellt und erklärt, die im voran gegangenen Kapitel erwähnt wurden: Falscher Amaryllis, Herbstzeitlose, Mistel, Christuspalme. Das lockert das ganze etwas auf und hat mir sehr gut gefallen.
Wer eine interessante Geschichte mit charakteristisch starken, manchmal außergewöhnlichen Personen mag, die auch noch spannend und leicht zu lesen ist, der ist hier genau richtig.

Wieners, Anette
Fuchskind

Ullstein, Berlin
ISBN 9783548612515

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 6. November 2016

Rosamunde Pilcher: Wechselspiel der Liebe

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Flora lebt mit ihrem Vater in Cornwall. Sie ist 22 Jahre alt und möchte nun zu neuen Ufern aufbrechen: in London nach einer Wohnung und einem Job suchen. Für die Wohnungssuche kann sie zunächst bei einer Freundin unterkommen. Doch bevor es dazu kommt, erhält sie die schlechte Nachricht, dass aus der Unterkunft nichts wird, weil die andere Bewohnerin nun doch nicht verreist und somit kein Platz mehr ist. Flora sucht sich ein einfaches Hotel, stellt dort den Koffer an der Rezeption ab und schaut sich nach einem Restaurant fürs Abendessen um. Sie wird überaus freundlich vom Kellner hofiert. Doch ihre Verwunderung dauert nicht lange. Eine junge Frau in ihrem Alter betritt das Restaurant. Der Kellner schaut verblüfft von dem einen Gast zum anderen und zurück. Und auch Flora glaubt, in ihr Spiegelbild zu sehen. Die andere Frau sieht genauso aus wie sie, trägt ganz ähnliche Kleidung, nur sichtbar um einiges teurer. Beide Frauen kommen ins Gespräch, Flora erfährt, warum der Kellner mit ihr geflirtet hat, denn Rosa ist Stammgast in diesem Restaurant. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Flora und Rosa eineiige Zwillinge sind, die beide nichts voneinander ahnten. Während Flora von ihrem Vater aufgezogen wurde, lebte Rosa bei der Mutter. Rosa lädt Flora ein, bei ihr zu wohnen, sie holen Ihren Koffer aus dem Hotel und quatschen die ganze Nacht. Es gibt viel zu erzählen.
Am nächsten Tag verlässt die jetseterprobte Rosa London in Richtung Griechenland und lässt eine perplexe Flora in ihrer Wohnung zurück. Dann steht Antony vor der Tür, der Ex-Verlobte von Rosa. Er möchte Rosa bitten, nur das eine Mal noch mit nach Schottland zu seiner Großmutter zukommen, da die schwer krank darnieder liegt und diesen Wunsch hatte. Da Rosa verschwunden ist, kommt Antony auf eine unmögliche Idee, die der Ausgangspunkt für das kommende Desaster sein soll.

Extrem unterhaltsam, spannend die Entwicklung in dieser Verwechslungsgeschichte. Pilcher ist bekannt für solch prickelnde und humorvolle Geschichten. Auch die Liebhaber von Cornwall und Schottland kommen auf ihre Kosten, wenn es darum geht, das Flair zu schnuppern.

Kann nur empfohlen werden.

Pilcher, Rosamunde
Wechselspiel der Liebe

Aus dem Englischen von Dietlind Kaiser
Rowohlt Verlag, Hamburg
ISBN
9783499268168

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Mittwoch, 2. November 2016

Catherine Banner - Die langen Tage von Castellamare

Amadeo, *1875, Findelkind wie viele Andere auch zu dieser Zeit im italienischen Florenz, wird unter die Obhut von Dr. Alfredo Esposito gestellt. Von klein auf mag er Geschichten. Von seinem Mentor bekommt er eine rote Kladde , geziert von einer goldenen Lilie, geschenkt. Nach seinem Berufswunsch gefragt, möchte er Arzt werden. Nachdem ein Uhrmacher, ein Bäcker und ein Drucker ihn nicht brauchen können, sitzt er wieder auf der Schulbank und und wird wirklich Arzt. Da er in Italien keine Anstellung findet, nimmt er 1914 die Stelle des Arztes auf der kleinen vor Sizilien liegenden Insel Castellamare an. Hier lernt er seine Frau Pina kennen, bekommt mit ihr drei Söhne und eine Tochter. Aber auch mit der Frau des Conte hat er einen gemeinsamen Sohn. Als dieser ihm die Stelle des Inselarztes aberkennt, nimmt sich Amadeo eines verfallenen Hauses an, dem „Haus am Rande der Nacht“, wie es die Einheimischen nenne und macht hier eine kleine Bar auf.
Auf der kleinen Insel, auf der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, fühle ich mich gleich wohl. Catherine Banner beschreibt die kleine Insel mit ihren Bewohnern, ihren Bräuchen, ihren Mythen und Eigenarten so liebevoll, dass es mir geht wie drei Generationen der Familie Esposito. Ich wäre auch dort geblieben. Zumal im Laufe der Jahre ganz langsam die Modernisierung kommt. Das erste Auto fährt über die Insel, die Häuser bekommen Strom, der erste Computer wird noch misstrauisch beäugt. Amadeo hält die vielen kleinen Geschichten der Insel in seiner roten Kladde fest. Aber auch die Nöte und Sorgen der Familie bleiben nicht unerwähnt.
So wird die Bar im Haus am Rande der Nacht von einer in die andere Hand gegeben. Ist immerwährender Ort, wo sich die Bewohner treffen, ratschen, tratschen und ein paar ungezwungene Stunden mit Reisbällchen und Limoncello verbringen.
Ich bin tief eingetaucht in die Geschichte der Familie Esposito und durfte sie bis ins Jahr 2009 begleiten. Die Insel hat sich in den Jahren stark verändert. Aber die Verehrung der Heiligen Santa Agatha bleibt.
Ich habe einen wundervoll ausgestalteten Familienroman gelesen. Gerne wäre ich noch länger auf Castellamare geblieben. Vielen Dank für ein paar wundervolle Lesestunden.

Banner, Catherine
Die langen Tage von Castellamare

Ullstein, Berlin
ISBN
9783471351307

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© Gaby Hochrainer, München 2016