Sonntag, 31. Juli 2016

Grégoire Delacourt: Die vier Jahreszeiten des Sommers



Bei diesem neuen Roman des französischen Schriftstellers, der dafür bekannt ist, dass er sehr poetisch und sanft schreibt, handelt es sich um einen Episodenroman, dessen einzelne Episoden auf sehr angenehme Weise miteinander verzahnt sind. Der Thitel deutet bereits an, worum es in dem Roman geht, wenn man dabei berücksichtigt, dass es sich bei den Jahreszeiten nicht um die des Kalenderjahres, sondern die des Lebens geht.
Im nordfranzösischen Bedaeort Le Touquet trifft der Leser auf vier verschiedene Gerationen von Pärchen. Es ist der französische Nationalfeiertag, der 14. Juli 1999. Laut den Medien steht mit dem bevorstehenden Jahrtausendwechsel auch der Untergang der Welt bevor. Im Radio wird Hors Saison von Francis Cabrel hoch und runter gespielt. Dies sind nur einige der Gemeinsamkeiten aller Episoden. In jeder der vier Lebens- und Liebesgeschichten spielt eine Blume eine ganz besondere Rolle, die der jeweiligen Geschichte ihren Namen leiht. Da sich alle Protagonisten zur gleichen Zeit an demselben Ort befinden, bleibt es nicht aus, dass sie sich über den Weg laufen. Das wird jedoch nicht lauthalsd hinausgeschrien, sondern der Leser muss nach den dezenten Andeutungen suchen. Delacourt versteht es, sie gleichzeitig zu verstecken und doch preiszugeben. Nicht gleich im ersten Moment wird dem Leser bewusst, dass er dieselbe Situation gerade ein zweites Mal aus anderer Sicht gelesen hat. Dieser Aha-Effekt schafft ein wohliges Gefühl. Das Universum der Geschichten wird breiter.
In seiner Wortwahl sanft und poetisch, sicherlich auch dank der passenden Übersetzung, fesselt jede einzelne Geschichte und man möchte wissen, wie die Liebesgeschichte der jeweiligen Figuren bzw. des Erzählers, denn jede Geschichte wird von einem Teil des Paares erzählt, ausgeht. Wird der fünfzehnjährige Junge seine erste Liebe auf Dauer gewinnen? Wird die ledige Mutter endlich einen Mann finden, der sie nicht enttäuscht? Wird die Mittfünfzigerin ihren Seitensprung bereuen? Wird das Paar, welches vor Kurzem die goldene Hochzeit feierte, noch viele weitere Jahre miteinander verbringen?
Jede dieser vier Episoden ist zunächst nach dreißig bis vierzig Jahren beendet. Sie haben ein Ende, welches auch so stehen bleiben könnte, ohne dass die Geschichten an Faszination verlieren. Doch Delacourt hat am Ende der vierten Episode jeder Geschichte noch einen drei- bis vierseitigen Epilog hintenangestellt. Dort bekommzt jede Geschichte noch ein weiteres Ende, zehn Jahre nach dem 14. Juli 1999. Einfach nur schön und lesenswert!
Grégoire Delacourt
Die vier Jahreszeiten des Sommers
aus dem Französischen von
Claudia Steinitz
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten

Verlag: Atlantik (16. Juli 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3455600417
ISBN-13: 978-3455600414
Originaltitel: Les quatre saisons de l`été
Größe und/oder Gewicht: 13 x 2 x 21,1 cm
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Samstag, 30. Juli 2016

Monika Bittl/Silke Neumayer - Ich hatte mich jünger in Erinnerung

Jede Frau, die die Lebensmitte hinter sich gebracht hat, kann ein Lied davon singen: Mann sieht einen nicht mehr, die Pinzette und die Antifaltencreme wird zur besten Freundin und ein Zipperlein jagt das andere.
Monika Bittl und Silke Neumayer haben die kleinen und großen Katasttrophen, mit denen sich Frau ab 40+ rumschlagen muss, auf sehr humorvolle Weise auf Papier gebracht. Immer wieder habe ich mich erwischt, dass ich mit dem Kopf nicke, da ich die beschriebene Situation nur zu genau kenne, oder mein Mann, nachdem sich mein Lachanfall wieder gelegt hatte, nachfragte, ob er das Buch auch mal lesen müsse.

Ich bin schon 60+ und hatte bei der Lektüre wunderbar humorvolle Lesestunden, die ich jeder Frau, nicht erst ab 40, nur empfehlen kann.



Monika Bittl/Silke Neumayer
 Ich hatte mich jünger in Erinnerung
Broschiert: 208 Seiten
Verlag: Knaur TB (11. Januar 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426787636
ISBN-13: 978-3426787632
Größe und/oder Gewicht: 13,5 x 1,7 x 21,8 cm
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Sonntag, 24. Juli 2016

James Lee Burke: Neonregen

Dave Robicheaux, Lieutenant im Ersten Revier des New Orleans Police Departments, wird zu einem zum Tode Verurteilten ins Gefängnis gerufen. Johnny Massina will ihn warnen. Er schließt mit dem Leben ab, ist sich klar darüber, dass er nun für seine Taten büßen muss und seine Stunde gekommen ist. Den Lieutenant hat er als anständigen Menschen kennengelernt, der ihn auch nie festgenommen hatte. Noch im Knast war ihm zu Ohren gekommen, dass Dave Robicheaux umgebracht werden soll. Dave hält das zwar für Gerede und gibt nicht viel darauf, aber dennoch erhält er Informationen aus dem Milieu von New Orleans. Auch sein Bruder Jimmy, der ein gutgehendes Restaurant führt, scheint irgendwie in die Sache verwickelt zu sein. Er wäre nicht Dave, wenn er der Sache nicht nachgehen würde.
Nebenbei informiert er sich über den Fall eines toten Mädchens, die er vor zwei Wochen beim Angeln im Nachbarbezirk gefunden hatte. Dabei muss er feststellen, dass der dortige Sheriff deren Tod als Tod durch Ertrinken zu den Akten gelegt hat. Irgendetwas daran stinkt. Er weiß nur noch nicht was.
"Neonregen" ist der erste Roman aus der Dave-Robicheaux-Reihe, den James Lee Burke geschaffen hat. Mittlerweile umfasst die Reihe zwanzig Romane und der inzwischen 80 Jahre alte Schriftsteller denkt noch nicht an das Aufhören. Burke hat einen Protagonisten geschaffen, der das Leben ganz unten kennt, alkoholabhängig ist und einige gesellschaftliche Zwänge nicht hinnehmen will und kann. Dieser Protagonist ist einer der wenigen Polizisten, der aus der Ich-Perspektive erzählt, was ansonsten in der Kriminalliteratur häufig nur den Privatdetektiven vorbehalten ist. Die Figur zieht den Leser in seinen Bann. Häufig und oberflächlich agiert sie nach dem Motto: Ein Mann muss tun, was ein Man tun muss. Doch Burke stattet sie mit so vielen Facetten aus, die den Leser hinter die raue Schale blicken lassen: hart, tödlich, verletzlich, angreifbar, zärtlich, sehnsüchtig nach Liebe, Harmonie und Geborgenheit. Burke findet eine Mischung aus einerseits actionreichen und knallharten Szenen, andererseits aus entschleunigenden Alltagsszenen. Immer wieder kann sich der Protagonist an Landschaften und Sonnenuntergängen erfreuen. Auch findet er Ruhepausen auf einer Parkbank mit einem Kaffee und einem Taschenbuch in der Hand. Obwohl bereits vier Jahre trocken, bekämpft er mit Sport seinen erneuten alkoholischen Absturz. Sein Wille gibt ihm die Kraft. Der Wechsel von ruhigen und energiegeladenen Szenen sorgt für einen angenehmen Ausgleich beim Lesen. Anders als bei Pageturnern muss der Leser nicht von Seite zu Seite rasen, sondern kann sich auf den Inhalt, die Situationen und Figuren einlassen, ohne dass es an Spannung mangelt.
Ein Roman absoluter Spitzenklasse.

Burke, James Lee
Neonregen
aus dem Amerikanischen von Hans H. Harbort
Pendragon Verlag, Bielefeld
ISBN 9783865325488
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Samstag, 23. Juli 2016

Ulrich Urthaler - Isarterror

München: Die beiden Morde an türkischen Mitbürgern erschüttern die Stadt. Als dann als drittes Opfer gefunden wird, das sich als der Onkel des Hauptkommissars Atik Alkay herausstellt, hat die Kripo einen sehr emotionalen Fall zu lösen. Aber wieder mal ist es so ganz anders als angenommen…

Die Hauptkommissare Christoph Kaltenbach, der seine Frau und seine beiden Kinder bei einem selbstverschuldeten Autounfall verloren hat, und Atik Alkay, der fast mehr deutsch ist wie mancher Deutscher, haben es in diesem Fall auch mit rechtsextremer Gewalt und Seilschaften zu tun, die ich heute so nicht mehr erwartet hätte. Spannend aufgearbeitet, erschreckend zu erkennen, dass es auch mich treffen könnte, bzw. dass es das auch in meiner Stadt gibt. Ich habe das Buch, dessen Spannung von der ersten Seite an stetig ansteigt, kaum aus der Hand legen können. Die sehr engagierten Ermittlungen fördern immer neue, immer andere Beweislagen zutage, die sich leider immer wieder zerschlagen. Was haben die Bibelzitate, die bei den Toten gefunden wurden, damit zu tun? Oder ist das auch wieder eine Spur, die im Sande verlaufen wird?

Die sehr unterschiedlichen Personen, vor allem die beiden Kommissare – the Munich Vice Cops, 2 Brüder aus einer Sekte und einige Studenten der Uni mit ihren kleinen und großen Macken, Schwächen und Stärken haben mich sehr bald fesseln können. Alle sind so detailliert und lebensnah beschrieben, dass ich sie mir gut vorstellen und ich mich in sie hineinversetzen kann. Ich habe aber auch erstaunt gelesen, dass es in unserem Land noch so einiges gibt, von dem ich nichts weiß und von dem man normalerweise auch nichts erfährt.
Da ich meine Stadt sehr gut kenne, war es mir ein Vergnügen, die Kommissare auf ihren Wegen durch München zu begleiten.

Der Fall an sich ist super ausgearbeitet, sehr gut nachvollziehbar, und absolut schlüssig gelöst. Sogar die blutigen Szenen, die ich normalerweise gar nicht mag, sind hier so gut verpackt, dass ich keine Albträume bekommen habe.

Im Klappentext steht: Ein höchst aktueller Kriminalroman: aufrüttelnd, fesselnd und beängstigend nah an der Realität.
Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Außer, dass ich mit diesem Buch ein paar sehr interessante und spannende Lesestunden verbracht habe. Dafür spreche ich hier meine Leseempfehlung aus. 

  • Broschiert: 384 Seiten
  • Verlag: Emons Verlag (17. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3954517728
  • ISBN-13: 978-3954517725
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Ebers Ende von Jürgen Flenker

Jakob Sandow, ein junger Mann aus der Mark Brandenburg, lebt z.Zt. in Berlin bei seiner Mutter und deren Freund. Er will die Zeit bis zu seinem Studium sinnvoll nutzen und bekommt auf seine Bewerbungen die Zusage für ein Praktikumsjahr auf einem Bauernhof in Osterup, einem Dorf im Westen von Westfalen zwischen Ruhngebiet und norddeutscher Tiefebene in der Nähe von Münster. Hier leben der Spargelbauer Klemens Schmölling, der nur noch mit seinem prämierten Zuchteber Thilo unterwegs ist, und seine Frau Gertrud, die dabei ist den Hof zu verkaufen und sich scheide zu lassen - und nun auch für einige Zeit Jakob und einige polnische Erntehelfer für die anstehende Spargelzeit. Er freundet sich mit dem Erntehelfer Adam an. Dessen Freundin Dana wird nach einem Besuch am Schützenfest vergewaltigt - und Jakob glaubt den Täter zu kennen. Zusammen mit Adam suchen sie nach einem Plan: "Das Schwein muss bluten" - und das im wahrsten Sinne des Wortes...

Bereits der Prolog beschreibt die Tat der Vergewaltigung ohne zuviel zu verraten und baut damit schon ganz am Anfang eine gewisse Spannung auf. Schon kurz nach seiner Ankunft im Münsterland kommt Jakob mit  westfälischen Eigenheiten in Berührung wie Mundfaulheit, Misstrauen und Skepsis. Jürgen Flenker beschreibt die Protagonisten dieser Geschichte so detailgenau und liebevoll, dass ich mich gleich mittendrin befunden habe und mir die meisten genau vorstellen konnte. Auch an den beschriebenen Orten und Plätzen, wie dem kleinen See z.B. oder dem Wirtshaus von Christine und Georg Kappenberg habe ich mich gleich heimisch und wohl gefühlt. Die leichte aber doch irgendwie fesselnde Erzählweise hat mich das Buch in einem Rutsch durchlesen lassen. Obwohl das eigentliche Verbrechen nur einen kleinen Teil der Geschichte einnimmt, habe ich mich nicht einen Moment gelangweilt, sondern z.B. den Dorfklatsch sehr genossen.

Ich habe 187 Seiten eines gelungenen Krimis gelesen, der nicht durch Mord und Totschlag besticht, sondern in dem vor allem die Menschen der Region (und ein Schwein) die Hauptrolle spielen.

Fazit: Ein Krimi für alle, für die nicht Brutalität im Vordergrund steht, sondern eine richtig gute Geschichte.
Flenker, Jürgen
Ebers Ende
edition oberkssel Verlag, Düsseldorf
ISBN 9783943121223
bei Amazon kaufen

© Gaby Hochrainer

Sonntag, 17. Juli 2016

Ulrich Wickert: Der nützliche Freund

Der bereits aus den vorhergehenden Kriminalromanen des ehemaligen Tagesthemen-Moderators bekannte Pariser Richter Jacques Ricou wird erneut ganz persönlich in einen Fall hineingezogen, zu dem er zunächst einmal dienstlich und auch so keine Beziehung hat. Aus der Zeitung erfährt er von den Machenschaften eines französischen Ölkonzerns in Deutschland beim Erwerb einer Raffinerie. Unverkennbar handelt es sich um die Leuna-Affäre. Seine Freundin, die mal mehr oder weniger auch seine Lebensgefährtin ist, recherchiert und ermittelt als Top-Journalistin Jahre nach Abschluss und Todschweigen dieser Affäre erneut, weil ein ehemaliger Mitarbeiter des Geheimdienstes sein Schweigen brechen und auspacken möchte. Durch Ricou‘s Freundin Margaux bekommt die ganze Sache einen privaten Aspekt und ist nicht mehr rein dienstlich zu betrachten. Während sich die Journalistin zwecks eines Interviews mit dem ehemaligen Agenten in dessen Appartement trifft, versteckt sie sich beim Klingeln an der Wohnungstür, um nicht auf unerwartete Besucher zu treffen. Kurz darauf wird der Agent tot und sie bewusstlos aufgefunden. Richter Ricou wird mit den Ermittlungen in diesem Fall betraut, jedoch ahnt zunächst keiner, dass es sich hierbei um die Fortsetzung der fast vergessenen deutsch-französischen Affäre handelt und der Richter selber unter Verdacht gerät.

Faszinierend gestrickt bleibt die Handlung, selbst der Hintermänner des Mordes und anderer Taten dem Leser nicht verborgen. In zwei Handlungssträngen werden einerseits die Ermittlungen in diesem Fall und andererseits die Auftragsvergabe für die Verbrechen durch ein Genfer Bankhaus beschrieben. Kapitelweise wird zwischen beiden Szenen gewechselt und im Falle des Bankhauses, welches seinen Reichtum im zweiten Weltkrieg mit den Geldern der Juden erwarb, die Skrupellosigkeit einer speziellen gesellschaftlichen Kaste dargestellt. Mithilfe der „Genfer“ Kapitel wird der Leser auf bevorstehende Aktionen vorbereitet und es werden bereits abgeschlossene Handlungen plausibel erklärt. Der Strang für die Ermittlungen beansprucht mit Recht einen erheblich größeren Teil der Romanhandlung und der Autor bringt all sein Können ein, um dem Leser in äußerst dramatischer und abwechslungsreicher Weise seine Liebe zu und dem Charme von Paris nahezubringen. Durch die Offenlegung der wahren Hintermänner stellt sich dem Leser also nicht die Frage nach dem Täter, sondern die, ob und wie der Richter die Hintermänner dingfest machen kann.

Da die Akten der tatsächlichen Leuna-Affäre beim Umzug der deutschen Regierung von Bonn nach Berlin plötzlich verschwunden und in Frankreich nur Handlanger verurteilt worden waren, bleibt natürlich viel Raum für Spekulation, den sich Wickert sehr geschickt zu Eigen gemacht hat. Alles, was zu recherchieren war, wurde recherchiert und anschließend gekonnt mit den fiktiven Spekulationen verbunden. Auf diese Weise scheint der Roman sehr nah an der Realität zu sein und gibt beinah wie eine reportage den Überblick zur Leuna-Affäre. Die Handlung um den Richter herum scheint also in erster Linie die fiktive Handlung zu sein, wobei der Leser berechtigten Zweifel an der Fiktion bei der Beschreibung des französischen Lebensgefühls anmelden darf. Wer selbst schon einige Zeit in den Straßen, Bistros und Cafés in Paris verbracht hat, der wird bestätigen, dass Paris so ist, wie es in dem Buch beschrieben wurde. Die Gespräche in den Bistros, das Verhalten der Menschen und vor allem der Beamten scheinen eher ein echter Spiegel der Realität zu sein. Das Pariser Umfeld des Richters mit all seinen Freunden, Bekannten, Kollegen und Nachbarn wird sehr detailliert und angenehm geschildert. Somit lässt die Lektüre des Buches an dieser Stelle einen, wenn auch eingeschränkten, Hauch einer Reise nach Paris aufkommen. Ob das Gleiche für die offenherzige Zusammenarbeit der deutschen und der französischen Behörden gilt, wird der Autor selbst am besten einschätzen können.

Der Autor hat nie verschwiegen, dass er Frankreich und Paris liebt, warum sollte er es also in seinen Romanen verbergen. Aus diesem Grund ist „Der nützliche Freund“ nicht nur ein spannender, unterhaltsamer und flüssig zu lesender Kriminalroman mit dem Hintergrund einer früheren großen Politaffäre, sondern das Buch gleicht auch einer Reisebeschreibung von Paris. Es vermittelt ein Stück Paris und Pariser Lebensart und ist damit aber nicht nur für jeden Balkonien-Urlauber ein Muss.

Wickert, Ulrich
Der nützliche Freund

Piper Verlag GmbH, München
ISBN 9783492050203


© Detlef Knut, Düsseldorf 2009/2016 (Erstveröffentlichung 15.9.2009)

Samstag, 16. Juli 2016

Nina Ohlandt - Nebeltod

November in Nordfriesland und viel zu tun für die Kripo in Flensburg. Hauptkommissar John Benthien und sein Team müssen sich aufteilen, um die drei Fälle, die alle zur gleichen Zeit eintreten, lösen zu können.
Leon Kessler sucht einen Täter, der auf den Ford Meverick von Beowulf von Retzow geschossen hat. Sollte der Graf selbst das Opfer sein, oder eine seiner beiden Töchter Clara und Armgard, die es an diesem Morgen getroffen hat?
Der neue Kollege Smythe-Flügge und Mikke Jessen müssen das Massaker an zwei Pferden aufklären. Bei dem Überfall wurde auch die Besitzerin verletzt.
John Benthien, Lilly und Tommy Fitzen suchen den Mörder eines Mannes, der auf die Schienen einer Kleinbahn gekettet und bei vollem Bewusstsein überfahren wurde. Bei den Ermittlungen stoßen sie auf immer größere Ungereimtheiten. Sind sie hier einem Serienkiller auf der Spur?


Bei diesen drei Fällen komme ich weit herum in Nordfriesland und lerne wunderschöne Landschaften, kleine Orte, die Nordsee mit ihren Tücken, die Insel Föhr und einen Künstlerhof mit seinen ganz eigenen Bewohnern kennen.
Die Personen haben alle ihre kleinen Eigenheiten, werden farbig und detailliert beschrieben und können sich bald in meiner Fantasie festsetzen.
Interessant zu lesen und sehr bodenständig fand ich, dass es nicht nur super erfolgreiche Ermittler bei der Kripo Flensburg gibt, sondern auch solche, die sich nicht so anstrengen und versuchen, andere ihre Arbeit machen zu lassen. Das gibt auch der Kripo einen sehr menschlichen Anschein.
Zwischen den sehr ernsten Ermittlungen zu den teils sehr blutigen, grausamen Fällen blitzt dank Fitzen immer wieder auch ein bisschen Humor durch, der dem Grauen etwas den Schrecken nimmt und es etwas erträglicher macht.
Auch die menschliche Seite der Kommissare wird hier und da angesprochen und ich erfahre etwas aus ihrem privaten Leben. Kommissar Benthien z.B. holt gerade jetzt ein Geist aus seiner nahen Vergangenheit ein.
Vor den 49 Kapiteln, die in ihrer Länge und dem fließenden Erzählstil sehr gut zu lesen sind und einem dank der Cliffhanger das Buch kaum aus der Hand legen lassen, steht jeweils eine Weisheit, die immer über Tiere handelt, mit Angabe des Autors. Da habe ich mir schon denken können, dass hier jemand für die Tiere Rache nehmen will. Ansonsten war ich bis zum Schluss, genau wie die Kommissare, auf einer ganz anderen Fährte. Immer neue Wendungen und Ermittlungsergebnisse haben mich zu irgendeinem Zeitpunkt an irgendeinen der Personen auf dem Künstlerhof als Täter glauben lassen. Außer an Lu, der absolut guten Seele des Hofes natürlich.
Spannend von der ersten Seite an, drei Fälle, die absolut nachvollziehbar aufgelöst werden und ein sehr sympathisches Team – mit einer Ausnahme – haben mir einige sehr interessante und lesenswerte Augenblicke beschert. Meine Leseempfehlung ist dem Buch sicher!
Ohlandt, Nina
Nebeltod

Bastei Lübbe Verlag, Köln
ISBN 9783404173181
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Dienstag, 12. Juli 2016

Gisa Pauly - Gegenwind

Die sizilianische Mamma Carlotta Capella aus Panidomini, Schwiegermutter des Sylter Kommissars Erik Wolf, bekocht mal wieder nicht nur ihre deutsche Verwandschaft auf einer der schönsten Inseln Deutschlands: Sylt. Als ihr beim Insel-Marathon ein junger Mann tot in die Arme fällt, sieht sie ihr Leitwort bestätigt: Sport ist Mord. Sie kann es auch diesmal nicht lassen und funkt ihrem Schwiegersohn und seinem Team immer wieder in die Ermittlungen hinein.

Mamma Carlotta, die ich erst bei diesem Fall kennengelernt habe, ist so liebenswert, so beeindruckend, so herrlich normal in ihrer Art, dass ich sie sehr bald ins Herz geschlossen hatte. Die immer wiederkehrenden italienischen Wortstücke, die aus ihr raussprudeln, wenn sie aufgeregt ist, oder sich erst eine Ausrede einfallen lassen muss, geben der ganzen Person ihren eigenen Charme.
Auch die anderen Protagonisten sind mit ihren Charakterzügen und ihren positiven und negativen Eigenheiten so detailliert beschrieben, dass ich bald ein klares Bild von ihnen hatte. Hier hat es mir besonders Frau Dr. Eva Speck, die Staatsanwältin, angetan. 

Der Kriminalfall ist nachvollziehbar aufgebaut. Durch immer neue Wendungen und Erkenntnisse habe ich allerdings sehr lange gebraucht, bis der Täter für mich feststand. Obwohl die Stimmung durch die Dialoge mit Mamma Carlotta oft sehr ausgelassen und heiter wirkt, kommt aber auch die Spannung nicht zu kurz. Der Spannungsbogen baut sich stetig auf und hält sich bis zum Schluss.

Beim Lesen der Köstlichkeiten der italienischen Küche, die Mamma Carlotta täglich auf den Tisch bringt, läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ich werde bestimmt einige der 24 Rezepte, die im Anhang des Buches abgedruckt sind, nachkochen und genießen.

Ein wunderbarer Kriminalfall, der mir einige spannende und sehr unterhaltsame Stunden geschenkt hat.
Pauly, Gisa
Gegenwind
Piper Verlag, München
ISBN 9783492303644
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Montag, 11. Juli 2016

Christine Drews - Denn mir entkommst du nicht

Brutalität und viel Blut prägen diesen neuen Fall, der sich in verschiedene Richtungen entwickelt um dann schlüssig aufgelöst zu werden. Ich schaue in seelische Abgründe, die ich so nicht vermutet hätte. Ich bin bei Ermittlungen dabei, die mich mitten hinein nehmen in eine Gedankenwelt, die ich mir ansonsten nicht vorzustellen vermag. Dieser Krimi kommt einem Thriller sehr nahe. Immer neue Erkenntnisse und Wendungen machen es mir sehr schwer, mich auf einen Täter festzulegen, von dem ich dann doch überrascht war.

Ich freue mich sehr, dass ich wieder Neues aus dem Privatleben der beiden Kommissare erfahre. Gerade Charlotte hat es mit ihrer Doppelbelastung als Mama und Kommissarin nicht leicht. Auch Peter Käfer fällt eine Entscheidung, die ihm nicht ganz leicht fällt.

Flüssig und leicht baut sich ein Spannungsbogen auf, der sein hohes Level hält und es mir schwer gemacht hat, das Buch mal aus der Hand zu legen. Besonders der Schluss lässt mich mit der Hoffnung zurück, dass es bald einen neuen Fall für die Kommissare geben wird.

Fazit: Ein interessanter Krimi, der es in sich hat und mir einige spannende Lesestunden beschert hat, bekommt meine absolute Leseempfehlung.

Drews, Christine
Denn mir entkommst du nicht
Batei Lübbe, Köln
ISBN 9783404173556
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Sonntag, 10. Juli 2016

Birgit Vanderbeke: Ich freue mich, dass ich geboren bin

Sie hat heute ihren siebten Geburtstag und freut sich auf die Geschenke. Doch es gehen ihr an diesem Tag so viele Gedanken durch den Kopf. Deshalb erzählt sie uns davon. Sie erzählt von ihren Großeltern, von Mutter und Vater, vom Abhauen aus dem Osten in den Westen, von Tante Eka im Flüchtlingslager mit ihren zwei Männern Onkel Grewatsch und Onkel Winkelmann mit seinen vielen Büchern und Geschichten. "Das war das Schöne im Flüchtlingslager gewesen. Weil Onkel Winkelmann mir das alles erzählte und aus seinen Büchern vorlas, konnte ich mich an all die fremden Gewürze in der Gemeinschaftsküche sofort erinnern, obwohl ich sie gar nicht kannte und niemals gerochen hatte, aber Onkel Winkelmann und die aufgefädelten Buchstabengeschichten in seinen Büchern erzählten sie so genau, dass ich sie in der Nase hatte und jedes Mal Lust bekam, einen Löffel davon zu probieren." Sie erzählt vom Leben im Flüchtlingslager und von der Arbeitersiedlung, die danach folgte.
Ihr siebter Geburtstag ist irgendwann in den 1960er Jahren. Einen Namen hat sie in dieser Geschichte nicht. Denn schließlich sagt Mutter immer. Kind, was soll ich mit dir bloß machen? Oder: Kind, was soll aus dir bloß werden?
Birgit Vanderbeke hat als Erzählstil den eines siebenjährigen Mädchens, bzw. das, was sich ein Erwachsener darunter vorstellt, gewählt. Das ist im ersten Moment ungewohnt. Doch nach wenigen Seiten gibt sich das. Der Stil wird einem vertraut, man lässt sich darauf ein, dass ein Kind erzählt. Er wirkt sehr authentisch, und der Leser kann feine Ironie und leichten Sarkasmus spüren. Humor wäre jetzt zu weit hergeholt, denn das, was sie in ihrer kurzen Kindheit alles schon erlebt hat, ist alles andere als lustig. In ganz wenigen Momenten erzählt sie alles andere als von einer heilen Welt in den sechziger Jahren. Doch das Mädchen sucht sich ihre Fluchtpunkte. Ob es "solch eine Person wie" Tante Eka mit ihren zwei Männern, ihre Freundin Gisela, oder ihr italienischer Freund Tassilo sind. Und irgendwann findet sie für sich einen Weg in die ganz große Freiheit. Sie lernt, ihrer Familie zu entfliehen.
Vanderbeke gibt eine genaue Milieustudie der 1960er Jahre wider. Mit der kindlichen Sprache wird die verlogene und bigotte Welt der westlichen Kleinbürger besonders gut akzentuiert. Das Thema Flucht aus dem Osten in den Westen schlägt genauso einen Bogen in die heutige Zeit wie die Flüchtlingszüge am Ende des Zweiten Weltkriegs in die westlichen Gebiete Deutschlands. Auch wenn sich die Erzählung auf die damalige Zeit bezieht, spiegeln sich im Verhalten der Figuren di aktuellen gesellschaftlichen Probleme wider und es zeigt sich, dass kaum etwas von damals getilgt worden ist.
Der Umstand, dass es über den gesamten Roman hinweg kein klar definiertes Ziel in der Geschichte gibt, macht den Roman nicht weniger lesenswert. Denn er fesselt zweifelsohne aufgrund der spielerischen Erzählweise. Interessierte Leser werden an den Figuren und dem Umfeld kleben bleiben.
Vanderbeke, Birgit
Ich freue mich, dass ich geboren bin
Piper Verlag, München
ISBN 9783492057547
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Sonntag, 3. Juli 2016

Petra Schier - Körbchen mit Meerblick

Melanie Brenner, Chefeinkäuferin bei der Fa. Brungsdahl-Möbel, lebt in Köln-Nippes nur für Ihre Arbeit. Kein Freund, wenig Freunde – aber sie ist mit ihrem Leben zufrieden so wie es ist. Bis sie eines Tages die Nachricht vom Tod ihrer Großtante Sybilla aus Lichterhaven an der Nordsee bekommt. Das Erbe ist allerdings an eine Bedingung geknüpft: Melanie muss ein Jahr in Lichterhaven leben und den kleinen Laden ihrer Großtante führen. Und als I-Tüpfelchen ist auch eine süße kleine Labradorhündin im Erbumfang enthalten.
Die eingefleischt Stadtpflanze, die auf gar keinen Fall dort oben an der Küste leben will, schon gar nicht mit Hund, macht sich auf den Weg, um sich alles nur mal anzuschauen…

Als ich das Cover mit dem zuckersüßen kleinen Labrador gesehen habe, wusste ich sofort, dass ich die Geschichte, die dahinter steckt unbedingt lesen muss. Und ich habe es nicht bereut. Ganz im Gegenteil: ich hatte einige wunderbare Lesestunden mit einer Geschichte, die ins Herz geht.

Bereits als Melanie in Lichterhaven ankommt, habe ich den Eindruck, dass sie sich hier direkt wohlfühlt. Dass muss die Autorin gar nicht hinschreiben, vieles liest sich aus dem Gefühlen oder Gedanken heraus. Überhaupt hat mir der locker leichte Schreibstil sehr gut gefallen.
Aber ich kenne nicht nur die Gedanken der Protagonisten, sondern auch der kleinen Hundedame Schoki. Sie lässt mich mit ihrem wau oder wuff direkt in ihr kleines Hundeherz sehen.

Die Protagonisten selbst sind so farbig, charakteristisch und allesamt sympathisch beschrieben, dass ich gerne mit der ein oder anderen Dame oder sogar mit Opa Norbert, der manchmal sehr direkt ist, befreundet wäre. Melanie macht es mir manchmal nicht leicht. Sie ist wie eine Muschel: kommt aus ihrem Häuschen kurz raus, erkennt, dass sie Gefühle entwickelt, und schnapp – geht die Schale wieder zu.
Wie gut, dass man zu Beginn schon ahnen kann, dass es ein Happy End geben wird.

Die wunderschönen Beschreibungen der Landschaft und vor allem des Wattenmeeres haben mein Kopfkino angefackelt. Ich konnte fast das Watt durch meine Zehen glitschen spüren.

Eine wunderschöne Geschichte über die Macht der Liebe, die endlich auch von Melanie gelebt werden kann. Meine absolute Leseempfehlung.
Schier, Petra
Körbchen mit Meerblick
MIRA Taschenbuch, Hamburg
ISBN 9783956495762
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Regine Kölpin: Die Lebenspflückerin

Mit dem Roman bringt Regine Kölpin die Leser in das Ostfriesland des 16. Jahrhunderts. Ein Jahrhundert, das geprägt war vom Kampf der Religionen. Die Reformer bekamen immer mehr Zuspruch, doch die Katholiken versuchten mit allen Mitteln, ihre Machtpositionen auszubauen und zu halten. Am Rande dessen entstanden neue und besondere Religionsgemeinschaften, die ihren eigenen Weg gehen wollten. In Ostfriesland fanden sie Ländereien und Wohlgesinnte, die ihnen ein Leben in ihrem Glauben und Frieden versprachen. Ostfriesland war Zufluchtsort vieler Glaubensflüchtlinge besonders aus Holland.

Der Roman zeigt aber, dass es nicht immer ruhig zuging in diesen Gemeinschaften. Als Hiske Aalken, die in Jever als Hexe vor dem Tribunal stand und in letzter Minute fliehen konnte, in der "Herrlichkeit Gödens" ankommt, ist gerade ein Mord geschehen. Das Opfer war ein Anführer einer Gruppe von Täufern. Sofort wird klar, dass es um Macht innerhalb der Gemeinschaft geht, und dass Hiske für so manchen eine willkommene Täterin wäre. Aber auch der große Junge, von der Erscheinung her beinahe ein Erwachsener, aber nach Alter ein Kind, wird als Täter ins Spiel gebracht. Nur mit Mühe und dank der Menschen, die erkennen, dass Hiskes Kenntnisse als Hebamme und Heilerin unverzichtbar für die Gemeinschaft sind, kann sich Hiske den Anschuldigungen erwehren. Bis schließlich ein weiterer Mord geschieht ...

Kölpin hat in diesem Roman eine bedrückende Atmosphäre um eine Religionsgemeinschaft aufgebaut und bringt das Geschehen der damaligen Zustände in einer spannenden Geschichte näher. Schnell erkennt nicht nur die Protagonistin, sondern auch der Leser, dass eine Gemeinschaft so gut wie jede andere ist, wenn es um die Macht und den Anspruch der Führung darinnen geht. Nach umfangreicher Recherche hat die Autorin mit viel Akribie die Zustände beschrieben und reale Personen mit fiktiven Figuren in eine Handlung verstrickt, bei der man auf das Ende hin miträtselt und darauf neugierig bleibt. Doch als Erzählung angelegt, bleiben viele Aktionen, Handlungen und Dialoge etwas auf der Strecke. Ich hätte mir etwas mehr Lebhaftigkeit gewünscht. Der Spannung haben diese erzählenden Strecken allerdings nicht geschadet.

Der erste Band gibt der Trilogie um die Hebamme Hiske Aalken einen angemessenen Auftakt und erhält eine unbedingte Leseempfehlung. (Zur Info: Band 2 "Der Meerkristall", Band 3 "Das Signum der Täufer")





Kölpin, Regine
Die Lebenspflückerin
KBV-Verlag, Hillesheim
ISBN 9783942446396

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016