Sonntag, 24. April 2016

Böse Leute von Dora Heldt

"Von Verbrechensaufklärung haben die auf dem Revier keine Ahnung" und "Die von der Ostsee haben einfach keine Ahnung" meint Karl.

Der ehemalige, jetzt pensionierte Revierleiter aus Westerland Karl Sönnigsen kann seinen Ruhestand einfach nicht genießen. Nun ist seine Frau zur Reha und ihm ist langweilig. Da kommen die Hauseinbrüche, die derzeit gehäuft vorkommen, gerade recht. Da er zu seinem Nachfolger kein gutes Verhältnis und schon gar kein Vertrauen in dessen Ermittlungsarbeit hat, beginnt er mit seinem Freund Onno und den Chorschwestern Inge und Charlotte selbst zu ermitteln. Als es dann auch noch eine Tote gibt, geben die 4 bei ihren Ermittlungen rihtig Gas.

Da ich einige der Romane von Dora Heldt verschlungen habe, war ich sehr gespannt, wie sie an einen Krimi heran geht. Und ich bin auch hier restlos begeistert worden.

Die Hauptakteure Karl, Onno, Inge und Charlotte kenne ich bereits aus anderen Geschichten der Autorin und bin so sofort voll in diesen Krimi eingestiegen. Solche Freunde sollte jeder in den späten Jahren seines Lebens haben. Sie sind mir schon richtig ans Herz gewachsen. Ohne viel Blutvergießen, aber mit jeder Menge Ermittlungsarbeit lassen mich die vier Hobbyermittler dabei sein, wie sie Zeugen befragen und Karl, der glaubt, unbedingt zur Verbrechensaufklärung auf der Insel beitragen zu müssen, immer wieder versucht auf dem Revier an Neuigkeiten zu kommen. Ich sitze mit ihnen zusammen in Onnos Küche oder Charlottes Wohnzimmer, wenn sie beratschlagen und Eierlikör süffeln. Heinz und Walter, die Ehegatten von Inge und Charlotte, sind gerade auf einem Immobilienlehrgang und sollen von den Geschehnissen auf der Insel nichts wissen.

Die mir schon bekannten, aber auch die neuen Protagonisten sind liebevoll, farbig und lebensecht gezeichnet. Vor meinem inneren Auge habe ich sie fast alle direkt vor mir sehen können.
Auch die kriminelle Geschichte ist gut durchdacht und absolut nachvollziehbar. Ich hatte zwar schon bald einen Verdacht, wer in die kriminellen Machenschaften verstrickt sein könnte, aber wie alles zusammenhängt, das klärt sich wirklich erst ganz zum Schluss.

Mir gefällt vor allem auch der feine, stichelnde Humor, der mich manches Mal hat schmunzeln lassen.
Die Beschreibungen der Insel sind sehr facettenreich und kommen total echt rüber. Hier merkt man, dass die Autorin weiß worüber sie schreibt. Bei mir ist ein richtiges Wohlgefühl entstanden.

Auch zwei/drei kleine Liebesromanzen entwickeln sich in den ganzen Turbolenzen ganz langsam und fügen sich hervorragend in die Geschichte ein.

Da ich eher eine Liebhaberin der nicht so blutrünstigen Krimis bin, hat mich der erste Krimi von Dora Heldt absolut überzeugt. Ich hoffe, es wird nicht der letzte Fall sein, den Karl mit seinen Freunden löst.
Heldt, Dora
Böse Leute
dtv, München
ISBN 9783423260879

© Gaby Hochrainer, 2016

Karr & Wehner: Rattensommer

"Rattensommer" ist der zweite Krimi aus der Gonzo-Reihe des Autorenduos Karr & Wehner. Wie schon zuvor beim "Geierfrühling" geht es auch bei diesem Roman in die abgrundtiefsten und schmutzigsten Ecken der Ruhrmetropole Essen.

Es ist Sommer. Der Videoreporter Gonschorek, genannt Gonzo, ist wegen der Sommerflaute wieder knapp bei Kasse. Aber eigentlich ist er das ja immer. Zufällig läuft er dem Filmproduzenten Matzke über den Weg, der für einen Pornodreh einen Kameramann benötigt. Gonzo sieht keinen anderen Ausweg. Lernt er doch auf diesem Wege gleich mal eine andere Filmbranche kennen. Doch beim Dreh fällt ihm in einer Ecke ein junges Mädchen auf, der es offensichtlich gar nicht gut geht.

Kurze Zeit erfährt er, dass dieses Mädchen tot ist. Sie ist eine von mehreren Mädchenleichen, die in letzter Zeit in Essen gefunden wurden und dem "Ruhrkiller" zugeschrieben werden. Die Polizei ermittelt bereits unter Hochdruck. Mit seinen Spuren am Filmset gerät auch Gonzo ins Visier der Fahnder. Weniger als tatverdächtiger denn als Zeuge, noch besser als Spitzel. Für seine Videoreportagen muss er immer nah am Geschehen sein, deshalb kennt er viele Polizisten, die ihn diese Tat und eine Verstrickung darin zwar nicht zutrauen, aber die der Meinung sind, er könnte sich bei den Pornofilmern in der Szene mal umhören und berichten.

Das Autorenduo hat für diesen Krimi 1996 den Friedrich-Glauser-Krimipreis erhalten. Ihr Geschick ist die realitätsnahe Schilderung eines Milieus, welches immer wieder als Klischee in den Medien auftaucht, mit dem in der Realität kaum ein Mensch zu tun haben möchte. Dabei bedienen sie sich vielfältiger Methoden der Actiondarstellung und Spannungserzeugung. Es wird das typische Bild eines Verlierers gezeichnet, der alle Abgründe des menschlichen Lebens auch sich zu vereinen scheint, und dennoch am Ende als (nicht ganz so strahlender) Sieger dasteht. Ganz im Stil eines Dashiell Hammett lassen die Autoren ihren journalistischen Ermittler durch das "verkommene" Essen schreiten. An der Seite immer seine Sekretärin ("Ich bin nicht Ihre Sekretärin."), Assistentin, Chefin ("Du bist nicht meine Chefin.") Betty.

Ein Lesevergnügen voller Korruption und Schmutz.

Karr & Wehner
Rattensommer
GONZO-Krimireihe
Klartext Verlag, Essen
ISBN 9783837514087

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Freitag, 22. April 2016

Das Recht des Geldes von Olaf R. Dahlmann


Die Referendarin Katharina Tenzer beginnt gerade ihr Referendariat in einer renommierten Hamburger Kanzlei. Ihr Chef, der Rechtsanwalt Friedemann Hausner, ist Steueranwalt und betreut einige ausgewählte und sehr gut gestellte Mandanten.
In Liechtenstein wird Hausners Anwaltskollege, ebenso ein Steuerfachmann, ermordet und aus dessen Büro sämtliche Daten seiner Mandantschaft gestohlen. Hausner und das Opfer hatten gemeinsame Kunden, die Hamburger Unternehmerfamilie Koppersberg zählt dazu. Hausner soll nun schnell die Familie gegenüber der Steuerfahndung vertreten, denn sonst könnte es für die Unternehmerfamilie unangenehme Folgen haben.
Dummerweise hat Friedemann Hausner einen Unfall und ist somit außer Gefecht gesetzt. Er beauftragt somit Katharina Tenzer, seine fleißige und pfiffige Referendarin, sich dem Fall anzunehmen. Aber der Rechtsanwalt sagt Tenzer nicht alles und ehe sie sich versieht hängt sie mittendrin in einem Gewirr aus Wissen, Gefahr, Angst, Verrat und viel viel Geld ….
Erschienen als Taschenbuch
im Grafit Verlag
insgesamt 384 Seiten
Preis:  12,00  €
ISBN: 978-3-89425-467-4
Kategorie: Krimi
© Buchwelten 2016

Mittwoch, 20. April 2016

Schattenschläfer von Paul Finch (Mark Heckenburg IV)


Mark Heckenburg hat es in ein verschlafenes Nest verschlagen. In der Nähe des Lake District verrichtet er nun seinen Dienst. Nach seinem letzten Fall hat er sich freiwillig dorthin versetzen lassen, er wollte raus aus der Stadt.
Der Winter hält Einzug und ein schwerer, dichter Nebel verschluckt den kleinen Ort, der von Bergen und Seen umgeben ist, beinahe vollständig.
Zwei junge Wanderinnen verschwinden und es weist einiges darauf hin, dass ein bekannter Killer, der vor über 10 Jahren die Ermittler beschäftigt hat, zurückgekehrt ist. Schließlich wurde damals nie die Leiche des Mörders gefunden. Nun scheint er tatsächlich wieder zuzuschlagen und er tötet seine Opfer brutal. Heck beginnt seine Suche und jagt den Killer und dabei bringt er nicht nur sich, sondern auch Menschen, die im nahestehen, in Gefahr ...
Erschienen als Taschenbuch
im Piper Verlag
insgesamt 480 Seiten
Preis:  9,99  €
ISBN: 978-3-492-30687-4
Kategorie: Thriller
© Buchwelten 2016

Sonntag, 17. April 2016

Ulrike Renk: Die Australierin


Der Roman ist der Auftakt einer Reihe von Romanen, die sich um die Auswanderung der Emily Bregartner und ihrer Familie drehen. Es geht ins Hamburg des 19. Jahrhunderts. Hamburg erlebt gerade den größten Brand seines Bestehens. Die Häuser vieler Stadtteile sind bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Familie Martin Bregartners, Emilias Vater, wohnt außerhalb in Othmarschen. Das Haus seines Bruders in der Stadt ist vom Feuer getilgt worden, weshalb Hinrich mit seiner Frau bei den Verwandten in Othmarschen aufgenommen wird. Was eigentlich für kurze Zeit gedacht war, entwickelt sich wegen der Schwierigkeiten beim Aufbau der Stadt zu einem Dauerzustand. Hinrichs Frau übernimmt das Haus in Othmarschen in ihrer Selbstgefälligkeit. Darunter leidet nicht nur Emilia, sondern auch alle Bediensteten.
Ulrike Renk hat das Bild einer bürgerlichen Familie in der Mitte des 19. Jahrhunderts gezeichnet. So entgeht ihm nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit Thomas Manns "Die Buddenbrooks", was nicht zuletzt auch an der norddeutschen Regionalität liegen mag. Die Figuren sind umfangreich charakterisiert. Nicht nur Emilia als Protagonistin und tragende Figur, auch alle ihre Verwandten und Freunde werden umfassend dargestellt, so dass sich der Leser eine entsprechende Meinung zu ihnen bilden kann. Schnell ist die Unterscheidung zwischen "gut" und "böse" möglich, um letztendlich doch noch überrascht zu werden. Einzelne Figuren werden sehr sympathisch gezeichnet, wozu die Autorin auch die Macht der Dialoge nutzt. Da mit den Bediensteten nicht nur die Oberschicht dargestellt wird, werden auch Dialekte wie das Hamburger Platt eingesetzt.
Fesselnd ist die Schiffsreise um das Kap Horn beschrieben. Mit sehr viel Akribie hat Renk auf den Einsatz der seemännischen Sprache wertgelegt. Diesen Passagen sind weitgehend stimmig und erinnern an dem im Buch oft genannten Roman "Moby Dick" oder andere Seefahrergeschichten.
Seite für Seite gibt es für den Leser immer wieder Neues zu entdecken. So erschließt sich ihm schließlich ein Gesamtbild der damaligen Zeit, wie sie tatsächlich hätte sein können. Zwar wird heute nicht mehr in einem solchen Umfang von Hamburger "Pfeffersäcken" gesprochen, aber so, wie im Roman geschildert, kann der Leser sie sich gut vorstellen.
Hass und Freude liegen für den Leser nah beieinander. Rührend so manche Episode. Für Liebhaber einer Familiensaga, die er nicht verpassen sollte. Allein deshalb ist der Roman schon empfehlenswert.


Renk, Ulrike
Die Australierin
Aufbau Verlag, Berlin
ISBN 9783746630021





© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Sonntag, 10. April 2016

James Lee Burke: Mississippi Jam

Dave Robicheaux ist Cop im Iberia Parish Sheriff’s Department von New Iberia in Louisiana. Neben diesem Job betreibt er einen kleinen Boots- und Angelverleih. Als passionierter Taucher bekommt er den Auftrag, nach einem deutschen U-Boot aus dem Zweiten Weltkrieg zu suchen. Sein Auftraggeber, ein Jude namens Hippo Bimstein, möchte das Boot bergen und daraus ein Casino machen. Dave hat eigentlich keinen Bock auf diesen Auftrag und gibt Hippo einen Korb. Doch da wird plötzlich sein Angestellter Batist festgenommen von einem Polizeikollegen aus dem NOPD, mit dem Dave noch eine Rechnung offen hat. Dave Robicheaux fühlt sich verantwortlich für Batist, will ihn auf Kaution herausholen und einen Anwalt stellen. Dafür braucht er Geld. Also nimmt er doch den Tauchauftrag an. - Doch so einfach geht das nicht. Denn ein weiterer Ganove betritt die Bühne und verdoppelt das Angebot betreffend die Suche nach dem U-Boot. Außerdem soll Dave damit den ersten Auftraggeber fallen lassen, weil das ein Jude sei. Drehte sich bislang alles um sein Hobby und Freizeitvergnügen wird es mit dem Auftauchen von Leichen zunehmend dienstlicher für Dave. 

Burke schreibt knallharte Krimis mit umfassend gezeichneten Figuren und detailgetreuen Milieustudien. In winzigen Anmerkungen versteht er es, die Gesellschaft im Louisiana der letzten Jahre mit allen ihren Ressentiments und Widersprüchlichkeiten abzubilden. Obwohl schwarze und weiße Amerikaner heute schon nebenher leben, wird der Rassismus immer wieder deutlich. Das bekommt z. B. der Protagonist, ein Weißer, dadurch zu spüren, weil er mit einer Schwarzen verheiratet ist und er Schwarze beschäftigt. Die Frauenfeindlichkeit und das Machogehabe der Männer hat auch etwas mit der Hautfarbe zu tun. Der Protagonist Robicheaux, den Burke für diese Reihe entwickelt hat, ist eine ungewöhnliche Krimifigur, nicht nur wegen des damaligen Alkoholproblems. Robicheaux verwirklicht seine eigenen Ansichten von recht und Gesetz. Unterstützt wird er dabei von seinem Freund Clete Purcel, der immer gut genug für eine Leiche im eigenen Keller ist, und von seiner Familie. Mit dieser Figur ist James Lee Burke sehr gut beim Pendragon Verlag aufgehoben, denn auch der Ermittler Jessse Stone von dem Schriftsteller Robert B. Parker, dessen Romane dort erscheinen, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Dave Robicheaux. 
Die Feingliedrigkeit von Robicheauxs Ansichten lassen ihn sympathisch werden, auch wenn er als knallharter Typ nicht davor zurückschreckt, einen Verbrecher abzuknallen. 

Meine Empfehlung: höchst lesenswert! Nicht zuletzt wegen der sehr gut stimmigen Übersetzung von Jürgen Bürger. Danke an den Pendragon für die Herausgabe dieser deutschen Erstausgabe. Knallhartes Lesefutter für alle, die den Nervenkitzel mögen.



Burke, James Lee
Mississippi Jam
aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger
Pendragon, Bielefeld
ISBN 9783865325273

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Sonntag, 3. April 2016

Sophia Farago: Das Geheimnis von Digmore Park



Elizabeth Porter ist jung, jedoch für das England des 19. Jahrhunderts möglicherweise schon zu alt, um noch einen Freier zu finden, der mit ihr die Ehe eingehen möchte. Ihre Mutter, ganz und gar Dame „von Welt“, kümmert sich seit dem Tod des Ehemannes kaum um das Anwesen. Das macht Elizabeth. Unterstützung hatte sie von dem langjährigen Verwalter. Doch der kommt langsam in ein Alter, welches ihn nicht mehr so agil handeln lässt. Deshalb bleibt alles an Elizabeths Schultern hängen. Sie befürchtet, sich zu wenig um die jungen Männer der Gegend gekümmert zu haben, um noch einen abzubekommen.
Major Frederick Michael Dewary kämpft als Seeoffizier für die Krone. Doch dann erreicht ihn eine schreckliche Nachricht. Er wird in der Heimat des Mordes bezichtigt und höchstrichterlich gesucht. Es muss sich hierbei um ein Missverständnis handeln. Doch so einfach kann es dieses Missverständnis nicht aufklären, denn er wird gesucht. Deshalb reist er unter dem Namen Freddy Michaels in die Nähe seines Anwesens Digmore Park. Ihm zur Seite immer sein getreuer Adjutant. Ein zuverlässiger Freund verschafft ihm den Posten des Gutsverwalters auf Portland. Doch dort gerät er mit der jungen Elizabeth zunächst aneinander.
Sophia Farago hat hervorragend das Ambiente des südlichen Englands der 19. Jahrhunderts wiedergegeben. Als eine Hommage an die Romane von Jane Austen herausgebracht, greift sie die Landschaften, Gepflogenheiten und Personen dieser Zeit auf. Die Not der jungen Mädchen, und noch mehr die ihrer Eltern, finanziell abgesichert unter die Haube zu kommen, unbedingt einmal in London eingeführt zu werden, scheinen zwar etwas historisch angehaucht, haben aber auch in der heutigen Zeit kaum von Attraktivität eingebüßt. Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Elizabeth und Frederick wurde mit dem Kampf und dem Geheimnis um Digmore Park zu einem spannenden und sehr unterhaltendem Roman versponnen. Intrigen und Betrügereien scheinen in manchen englischen Kreisen auf der Tagesordnung zu stehen, so mancher Jüngling lässt sich blenden und fällt darauf herein.
Für Liebhaber von Jane Austen und den Brontë-Schwestern wird dieser Roman eine faszinierende Ergänzung sein.
      
Farago, Sophia
Das Geheimnis von Digmore Park
Dryas Verlag
ISBN 9783940855442

© Detlef Knut, Düsseldorf 2016