Sonntag, 31. Januar 2016

Val McDermid: Northanger Abbey


Die schottische Thrillerautorin Val McDermid hat sich auf ein ganz besonderes Experiment eingelassen und einen Liebesroman geschrieben. Das Genre ist schon ungewöhnlich genug, aber noch ungewöhnlicher ist die Tatsache, dass sie einen bestehenden Roman der großen Schriftstellerin Jane Austen in die heute Zeit transformiert hat. Sie hat sich Northanger Abbey vorgenommen und neu geschrieben. Dabei aber das 19. Jh. gegen das 21. Jh. ausgetauscht. Herausgekommen ist ein sehr frisch wirkender jugendlicher Liebesroman, der immer noch genügend Auskunft über das gesellschaftliche gebaren der britischen Bevölkerungsschichten gibt. Das Projekt ließe sich auch als "Val McDermid feat. Jane Austen" nicht besser beschreiben, um es mit heutigen Worten zu sagen.



Catherine Morland, genannt Cat, 17 Jahre, Tochter ens Pfarrers in Dorset, jüngere Schwester von James, lebt in ihrer kleinen, liebevollen Familie. Sie ist das, was heute als Bücherjunkie bezeichnet wird. Sie verschlingt Bücher und lebt auch in ihren Tagträumen in den Geschichten, die sie liest. Vorrangig sind das momentan Vampirromane. Ihre Tagträume lassen die reale Welt mit der virtuellen Welt verschmelzen. Eines Tages wird sie von den Nachbarn, einem freundlichen kinderlosen Ehepaar namens Allen, zu einem Buchfestival nach Edinburgh eingeladen. Mr Allen fährt seit vielen Jahren jedes Jahr teils geschäftlich dort hin. Dieses Jahr fährt seine Gattin mit und denkt mit der Nachbarstochter Cat an eine nette Begleitung. Cat nimmt die Einladung natürlich an, schließlich kann das nur ein großes Abenteuer werden. Etwas anderes als ein Abenteuer erwartet sie eh nicht vom Leben. Genauso wie in den Geschichten. Cat gewinnt in Edinburgh neue Freunde, lernt neue Menschen kennen und besonders die Familie Tilney, denen das Anwesen Northanger Abbey gehört., welches etwas außerhalb Edinburghs liegt. Die Tilneys laden Cat dann ihrerseits nach Northanger Abbey ein. Dort muss sie in den alten Gemäuern mit verschlossenen Türen, Gängen und Treppen feststellen, dass irgendetwas mit dieser Familie nicht zu stimmen scheint. Der Tod deren Mutter vor wenigen Jahren erscheint ihr besonders mysteriös.

Val McDermid hat den Stoff von Jane Austen hervorragend umgesetzt und auch die deutsche Übersetzung hat das gängige moderne Vokabular, um der Geschichte einen frischen Anstrich zu geben. SMS, Facebook, Twitter gehören genauso dazu wie aktuelle Buch- und Musiktitel. Die weiblichen Figuren stehen voll im heutigen Leben und lassen nichts vom generösen Staub des 19. Jh., wie es zwangsläufig im Original erscheint, spüren. Gerne bin ich Cat gefolgt, wie sie ihren Weg ins Leben findet und zu dem Schluss gelangt, dass das reale Leben nicht das ihrer Romanhelden ist.

Eine hinreißende, moderne Liebesgeschichte nicht nur für Jugendliche.

McDermid, Val
Northanger Abbey
Aus dem Englischen von Doris Styron
HarperCollins, Berlin
ISBN 9783959670180





© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Sonntag, 24. Januar 2016

Franziska Franke: Wechselspiel in Mogontiacum

Franziska Franke ist bekannt für ihre Sherlock-Holmes-Krimis (siehe diverse Rezensionen in diesem Blog), in denen sie brilliert wie der Schöpfer dieses Privatdetektivs selbst.Doch die Schriftstellerin schreibt auch andere Kriminalromane. So erschien 2015 im Salonlöwe Verlag der vorliegende Krimi, der zur Zeit der Römerherrschaft in Mainz und Köln spielt.

Landgutsbesitzer Marcus, der nach den Turbulenzen seines ersten Falles alles in Ruhe angehen wollte, wird vom Legaten beauftragt, den Tod eines Bankiers aufzuklären. Er schlüpft also erneut in die Rolle eines privaten Ermittlers, die er eigentlich ablehnen wollte. Wenn er denn nicht befürchtet hätte, dass sein Bruder Lucius wie die halbe Bevölkerung Mainz' - wenn man den Gerüchten glauben schenken darf - ebenfalls bei dem Bankier verschuldet sei.

Da zur damaligen Zeit von Kriminalpolizei nicht die Rede sein konnte, wird mit Marcus ein Privatdetektiv etabliert. Passend dazu werden die Ermittlungen aus der Sicht des Ich-Erzählers geschildert. Beeindruckend und einfühlsam beschreibt Franke die Örtlichkeiten und das Leben zu Zeiten des Römischen  Reiches. Viele details werden anschaulich beschrieben und der Leser fühlt sich beim Lesen in die damalige Zeit versetzt. Als Kunsthistorikerin und Stadtführerin kennt die Autorin ihre Heimatstadt Mainz und weiß sehr wohl auf das eine oder andere Kleinod der Stadt hinzuweisen. Doch nicht nur der Historienliebhaber kommt hier auf seine Kosten. Mit vielen Verwirrungen und falschen Fährten kann sich auch der rätselliebende Krimileser einige vergnügliche und spannende Stunden bereiten. Die kuriosen Geschehnisse und Überraschungen lassen nicht nur den Protagonisten die Situation neu überdenken. Doch erst am Schluss werden Marcus und die Leser mit dem Täter belohnt.

Interessant und spannend bis zur letzten Seite.

Franke, Franziska 
Wechselspiel in Mogontiacum
Salonlöwe Verlag, Mainz
ISBN: 9783944571379





© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Sonntag, 17. Januar 2016

Karr und Wehner: Geierfrühling

Bereits in den 1990er Jahren waren die Bücher der Gonzo-Reihe des Autorendupo Karr & Wehner erschienen. 2015 gab es eine Neuauflage der vier Romane im Klartext-Verlag. Die Krimis, die mit dem Glauserpreis des SYNDIKATS ausgezeichnet worden waren, handeln von dem Essener Videoreporter Gonschorek, der den Spitznamen Gonzo trägt. Er ist einer, der stets mit der Videokamera herumläuft, den Polizeifunk abhört und von einem tatgeschehen zum nächsten Unfall hastet, um einige Bilder einzufangen, die er dann an die TV-Sender verkaufen kann. Er lebt also davon, stets als Erster zu wissen, wo gerade etwas passiert, um daraus eine Story zu machen, die in den Medien aufschlägt.
In "Geierfrühling" gerät Gonzo unversehens in einen Kriminalfall, weil er eher zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Er tummelt sich am Essener Hauptbahnhof auf der Suche nach der Story, spricht mit Obdachlosen, Prostituierten und den Leuten eines privaten Sicherheitsdienstes. Kurze Zeit später ist einer der Sicherheitsleute tot. er wurde im Bahnhofsklo gefunden. Die Polizei verdächtigt eine Polin, die am Bahnhof anschaffen geht. Doch Gonzo weiß, dass sie es nicht gewesen sein kann, denn zur fraglichen Zeit hatte sie ihm eine seiner Videokameras geklaut. Er war das Alibi für sie. Nun beginnt Gonzo selbst zu ermitteln. Nicht zuletzt deshalb, weil er eine Story daraus machen will, die e vrkaufen kann.
Das Autorenduo hat diesen Krimi als schnellen, schmutzigen und actionreichen Regionalkrimi angelegt. Hier wird keinesfalls gemächlich ermittelt, sondern der Protagonist torkelt von einem Chaos ins andere, bekommt selbst heftig Hiebve, weil er sich mit den falschen Leuten anlegt und Gerät in den tatverdacht bei der Polizei. Dabei werden von den Autoren Themen aufgegriffen, die es damals genauso gab wie heute: z. B. das Thema der rechten Neo-Nazis, die heute offenbar wieder salonfähig geworden sind, damals aber noch an Glatzen und Bomberjacken erkennbar waren. Kurze Dialige tragen zu der Schnelligkeit der handlungen bei und unterstützen den Jargon, der in den Kreisen, in denen Gonzo arbeitet, offenbar gerecht wird. Die Regionalität dieses Krimis wird durch die Handlungsorte, die durch ganz Essen und hauptsächlich rund um den Hauptbahnhof führen, unterstrichen. Mit dem Auto geht es häufig von einen Stadtteil in den anderen. Die Bilder, die dem Leser daheim in den Kopf projiziert werden, sind sehr realistisch. "Geierfrühling" ist ein rasanter, harter Krimi, dem lediglich die überaus kleine Schrifttype im Druckbild angelastet werden kann.
(Es gibt die vier Gonzo-Romane auch zusammen in einem Schuber!)
Karr und Wehner
Geierfrühling
Klartext Verlag, Essen
ISBN: 9783837514070





© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Sonntag, 10. Januar 2016

Minette Walters: Das Echo

Ein vor sechs Jahren verschwundener Betrüger, ein vor sechs Monaten verhungerter Obdachloser, ein Journalist, der von seinem Chef gedrungen wird, endlich mal wieder eine große Story zu schreiben, die sich für die Zeitung lohnt. So könnte man die Eckpunkte dieses Romans der englische Schriftstellerin Minette Walters benennen. Er beginnt damit das in der Garage der wohlhabenden Architektin Amanda Powell eines Tages ein Stadtstreicher tot aufgefunden wird. Dem ersten Anschein nach ist er verhungert. Merkwürdig ist aber, dass die Architektin die Bestattungskosten für diesen Unbekannten übernimmt. Dies findet besonders der Journalist Michael Deacon, auf der Suche nach einer großen Story. Sein Interesse ist geweckt, um an dem Schicksal des Stadtstreichers dran zu bleiben. Es dauert nicht lange, da stößt Deacon auf den Ex-Ehemann von Amanda, der vor sechs Jahren nach einem aufgeflogenen Betrugsskandal spurlos verschwunden ist. Hat der verschwundene Ehemann etwas mit dem Obdachlosen zu tun?
Neben dem besonders gut verschachtelten Plot hat mir die Figur des Michael Deacon sehr zugesagt. Er ist keiner der nach Karriere strebenden Journalisten, sondern einfach nur ein besonnener Typ, der eine gute Arbeit abliefern möchte. Vor Jahren ist ihm seine Frau davongelaufen, weshalb es schließlich auch zum Zerwürfnis mit seiner Mutter kam. Er lebt allein in seiner Wohnung und führt ein einsames Single-Dasein. Doch bei seinen Recherchen trifft er auf den 14jährigen Kerry, der ebenfalls unter den Stadtstreicher lebt. Der Junge ist beeindruckt von dem Respekt, den ihm der ältere Mann zollt. Kerry schließt Deacon schließlich ins Herz. Doch diese Zuneigung ist keine Einbahnstraße. Deacon bietet dem jungen Unterkunft in seiner Wohnung an. Diesem Duo schließt sich letztendlich noch ein Kollege von Deacon an. Dieser Kollege hat irgendwie seine Pubertät verschlafen und verfügt deshalb über eigenartige sexuelle Gelüste. Auch ihm gewährt Deacon Unterkunft seiner Wohnung. Die Konstellation dieses Dreiergespanns beinhaltet jede Menge Konfliktstoff, andererseits aber auch Grund genug für humorvolle Szenen und Dialoge.
Minette Wolters ist ein schwer zu durchschauender Krimi gelungen. Die Hauptfiguren des Romans sind authentisch und letztendlich sympathisch, auch wenn es sich dabei um Täter handeln sollte. Die Dialoge sind zum Teil humorvoll und es macht Spaß, den Leuten "zuzusehen", wie sie sich in ihrem Chaos verstricken. Ein lesenswerter Roman.

Walters, Minette
Das Echo
Aus dem Amerikanischen von Mechthild Sandberg-Ciletti
Goldmann Verlag
ISBN 9783442445547



© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Mittwoch, 6. Januar 2016

Nur über deine Leiche von Dan Wells – Serienkiller IV


John Cleaver, 18 Jahre alt, kann Dämonen sehen. Zwischenzeitlich hat er auch bereits einige von Ihnen erfolgreich vernichtet. Inzwischen arbeitet er eigentlich für das FBI, das längst weiss, dass uralte böse Mächte unter den Menschen weilen und immer wieder morden. Doch nach dem Desaster vor Fort Bruce, bei dem John zwar erfolgreich, aber unter etwas widrigen und sehr extremen Umständen, den Dämonen Rack ausgeschaltet hat, befindet er sich auf der Flucht.
Gemeinsam mit Brooke (und Niemand und den vielen tausend anderen Seelen, die ihr Körper beherbergt) ist er unterwegs, um weitere Verwelkte aufzuspüren und auszuschalten. Hilfreich sind hierbei die Erinnerungen der verstorbenen Mädchen in Brookes Körper. Hier finden sich immer wieder Hinweise oder zumindest Bruchstücke darauf, wo sie den nächsten Verwelkten aufspüren können.
Erschienen als
broschierte Ausgabe
im Rough Cut bei
PIPER
384 Seiten
Preis: 12,99 €
ISBN: 978-3-492-28024-2
© Buchwelten 2016

Sonntag, 3. Januar 2016

Jennifer Niven: All die verdammt perfekten Tage

Finch steht auf dem Glockenturm seiner Schule und überlegt, ob es wohl einen besten Tag zum Sterben gibt. Er hat die Diagnose erhalten, dass er unaufhaltbar sterben wird. Warum dann nicht jetzt? Vielleicht ist heute doch der beste Tag dazu, denkt er. Warum sollte er dem Tod die Auswahl des Zeitpunktes überlassen? Doch dann erblickt er auf dem Mauersimms des Turms Violet. Sie schaut ihm in die Augen und scheint ihn anzuflehen, nicht zu springen.. Aber Finch ist sich gar nicht so sicher, ob sie nicht vielleicht selbst springen. würde. Die Situation ist mehr als verfahren. Zudem scheint Violet Angst vor einem Sturz zu haben. Indem Finch Violet for einem Absturz schützt, schützt sie ihn vor seinem Selbstmord.
Im zweiten Kapitel erfährt der Leser etwas mehr über Violet, die vor einigen Monaten ihre Schwester bei einem Unfall verloren hat, an dem sie sich selbst die Schuld gibt. Außerdem war ihre Schwester zugleich ihre beste Freundin, was den Schmerz besonders tief macht. Violet ist deshalb in Therapie.
In abwechselnden Kapiteln, die jeweils aus der Sicht von Finch oder Violet erzählt werden, erlebt der Leser, wie sich beide behutsam näherkommen und welche Möglichkeiten sie erfahren, ihre Schicksale nicht ihr alltägliches Leben bestimmen zu lassen. Es steuert alles auf eine anrührende Liebe zu. Als beide für den Leser längst sichtbar ineinander verliebt sind, sprechen sie selbst nur von Freundschaft. Als sie von ihrer Liebe ahnen, sprechen sie in Gegenwart ihrer Klassenkameraden und Eltern von Freundschaft.

Jennifer Niven hat die Geschichte aufgebaut wie ein großes Puzzle. Viele Kapitel (deren Überschriften wie eine Tagebuchnotiz wirken), besonders die kleineren, erscheinen wie detaillierte Beobachtungen des ganz normalen Alltags von Jugendlichen. Gespräche über den ersten Kuss, die gestrige Party. Diese kleinen Details wirken banal. Sie sind es aber angesichts des tragischen Hintergrundes der Schicksale der beiden Protagonisten mitnichten. Sie zeigen, dass das normale Leben weitergeht. Dass es selbst vor der Liebe kein Entrinnen gibt, selbst, wenn ein großes Unheil droht. Die Komposition all dieser Einzelheiten zu einem komplexen Bild einer herzlichen Beziehung zweier junger Menschen macht dieses Buch zu einem wahren Stück Literatur. Doch leider nicht bis zum Ende des Buches. Das ist sehr schade. Die Auflösung der Geschichte erfolgt viel zu früh. Alles, was danach kommt, ist nicht mehr spannend und liegt an der Grenze zum Sachbuch. Auch anschließende Adressen zu Selbsthilfegruppen von selbstmordgefährdeten Jugendlichen verstärkt diesen Eindruck. Das wertet den Roman leider ab, der ohne diesen Schluss ein sehr, sehr starker Roman hätte sein können. Doch den erhobenen Zeigefinger ignorierend darf sich der Leser auf eine wunderschöne und unterhaltsame Geschichte freuen.

Niven, Jennifer
All die verdammt perfekten Tage
aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst
Limes Verlag, München
ISBN: 9783809026570





© Detlef Knut, Düsseldorf 2016