Dienstag, 27. Dezember 2016

Iris Mueller: Lichtertod

Helle Aufregung herrscht in der malerischen italienischen Hafenstadt Salerno, als nach Anschalten der Weihnachtslichter ein menschlicher Kopf vom Teatro Verdi herunter hängt.

Hauptkommissarin Patrizia Vespa und CoHauptkommissarin Cristina D´Avossa arbeiten mit ihrem Team auf Hochtouren, kommen aber anfangs nicht weiter. Bis ein Zufall sie auf eine heiße Spur führt.

Von Montag, 31.10. 2011 - Samstag, 03.12.2011 nimmt mich die Autorin mit zu Mordrecherchen in die süditalienische Stadt Salerno. Die bildhaften Beschreibungen der Straße, Plätze und eines Gartens, den die Kommissare immer wieder aufsuchen, lesen sich so farbenfroh und interessant, dass ich Lust bekomme, diese Stadt am Meer auch mal zu besuchen. Am besten während der Lichtillusionen. Immer wieder eingestreute italienische Worte lassen ein Wohlfühl-Gefühl von dort sein entstehen.

Patrizia und Cristina sind zwei sehr sympathische junge Frauen, die sich mit ihren gegensätzlichen Vorstellungen sehr gut ergänzen. Auch die anderen Protagonistenm haben ihre Eigenheiten, Stärken und Schwächen und kommen sehr echt und menschlich rüber. Ich sitze aber nicht nur neben den Kommissarinnen am Schreibtisch, sondern werde auch in ihren den Alltag mitgenommen und erfahre so vieles aus ihrem persönlichen Umfeld. Bei Ihren Ermittlungen stoßen sie auf eine Menge Informationen, aber keine konkreten Hinweise auf den Täter. Bei dessen Gedanken, die kursiv eingestreut sind, läuft es mir kalt den Rücken runter.

Überhaupt versteht es die Autorin, die Spannung von Anfang an auf einem gleichbleibend hohen Level zu halten, bis sie ganz zum Schluss im Giardino della Minerva zusammenbricht. Denn hier ist der Fall nun fast gelöst. Manche Kapitel beendet sie so, dass ich unbedingt wissen will, was es nun mit diesen Andeutungen, die gemacht werden, wieder auf sich hat. Ein Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Was mir am meisten gefällt sind die leisen kriminalistischen Töne. Es gibt Tote, ja, aber die Beschreibungen des Blutvergießens halten sich in Grenzen. Für meine Fantasie ist dadurch ein großer Spielraum gegeben.

Ich habe eine spannende, athmosphärisch dichte und gut durchdachte Geschichte gelesen, die ich gerne weiter empfehle. Ich habe mich trotz der Toten in Salerno sehr wohl gefühlt.


Mueller, Iris
Lichtertod

Goldmann, München
ISBN 9783442485109

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Montag, 26. Dezember 2016

Mind Control von Stephen King (Bill Hodges Serie III)


Brady Hartsfield, bekannt als der Mercedes Killer sitzt/liegt als „Matschbirne“ in einer Klinik für Neurotraumalogie, auch genannt „die Schüssel“, und fristet ein elendes Dasein. Denken zumindest alle, ist aber nicht so, denn Brady ist abgrundtief böse und das Böse in ihm gibt nicht auf. Sein Körper ist ein Wrack, doch Brady findet andere Mittel und Wege seine Macht- und Rachegelüste zu nutzen und umzusetzen.
In der Stadt geschehen plötzlich vermehrt ungeklärte Selbstmorde. Besondere Umstände bringen den ermittelnden Polizisten dazu, seinen Ex-Partner William Kermit (auch genannt Bill) Hodges zu kontaktieren. Denn der hat eine Ahnung, und bringt diese Geschehnisse mit niemand anderem als Brady Hartsfield in Verbindung …
Erschienen als gebundene Ausgabe
bei HEYNEOriginaltitel: End of Watch
insgesamt 528 Seiten
Preis:  22,99  €
ISBN: 978-3-453-27086-2
Kategorie: Krimi / Thriller
Übersetzer: Bernhard Kleinschmidt

Freitag, 23. Dezember 2016

Ralf Kramp: Ihr Mord Mylord - Lord Merridew ermittelt

Ralf Kramp, ein Liebhaber britischen Lebensstils, hat nach vielen Kriminalromanen und unzähligen Kurzgeschichten nun ein Buch veröffentlicht, welches acht Krimis sehr britischen Stils beinhaltet. Dabei hat er sich einerseits auf die Beschreibung detailreicher britischer Unumgänglichkeiten, wie sie noch heute bei Reisen auf die Insel anzutreffen sind, eingelassen. Andererseits hat er Vieles bemüht, was aus dem Fernsehen und der Literatur als typisch britisch eingestuft wird.
Für die Geschichten hat er zwei Protagonisten geschaffen, die sich gegenseitig den Ball beim Ermitteln zuspielen. Da ist zunächst Lord Merridew, der vor Langeweile vor die Hunde gehen würde, wenn er nicht ermitteln könnte. Dieser zieht den Londoner Rechtsanwalt Nigel Bates in den Bann, der ihn fortan bei der Detektiverei bereitwillig assistiert. Vom Typus her ist dieses Ermittlerpärchen vergleichbar mit Sherlock Holmes und Dr. Watson. Ihre Fälle bzw. Geschichten sind kleine abgeschlossene Kriminalfälle, bei denen dem Leser viele bekannte Figuren über den Weg laufen, welches eine weitere Rätselebene bietet. Bei jeder Geschichte ist man gespannt, wer in dieser auftauchen wird. So klären beide Hobbyermittler die wahren Hintergründe um Sir Toby, Mr. Winterbottom, Mr. Pomeroy und Admiral von Schneider auf. Sie bringen Licht in den Mord im Orientexpress und belehren Hercule Poirot eines besseren. Im "Geheimnis der fliegenden Juwelen" lassen Sie sich unter anderem von Lord Brett Sinclair helfen, der bekanntermaßen mit dem amerikanischen Playboy Daniel Wilde ermittelt, Golf spielt und dumme Sprüche vom Stapel lässt. Schließlich finden sie sich am Drehset zu "Der Doktor und das liebe Vieh" wieder und entbinden eine trächtige Kuh.

Alle Geschichten sind amüsante und lesenswerte Geschichten, die den Flair des britischen Empires ausstrahlen. Liebhaber von Agatha Christie, Inspektor Barnaby oder Father Brown werden um dieses Buch nicht herumkommen. Dabei hat jeder Fall vielleicht gerade mal eine Spielfilmlänge, d.h. man hat ihn in derselben Zeit gelöst wie man sich einen Film anschaut.

Spannender Happen als Nachspeise bei jeder Gelegenheit.


Kramp, Ralf
Ihr Mord Mylord
KBV Verlag, Hillesheim
ISBN
9783954413195

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Barbara Wendelken: Ihr einziges Kind

Da ich die ersten beiden Bücher der Autorin kenne und von denen schon ganz begeistert war, war ich ganz gespannt auf dieses neue Buch. Und ich wurde wahrlich nicht enttäuscht. Auch diesmal ist der Mittelpunkt der Handlung wieder Martinsfehn, ein kleiner fiktiver Ort in Ostfriesland. Hier lebt Cord Cassjen mit seiner jungen Frau Silvana. Beide sind nach der Geburt ihres Sohnes Caspar überglücklich. Doch leider leidet die junge Mutter nach ein paar Tagen an einer postnatalen Depression. Als Cord Cassjen erschossen in seinem Sessel gefunden wird und Silvana und das Baby verschwunden sind, beginnen Nola van Heerden von der Kripo in Leer und ihr Kollege Renke Nordmann aus Martinsfehn mit den Ermittlungen. Werden sie den Täter und Silvana mit dem Baby finden?

In diesem dritten Fall für die sehr sympathischen Ermittler Nola van Heerden und Renke Nordmann habe ich mich sofort wieder heimisch gefühlt. Auch wenn man die ersten beiden Bücher nicht kennt, hat man keine Schwierigkeiten sofort in die Handlung einzutauchen. Um die Ermittler jedoch von Anfang an besser kennenzulernen ist es hilfreich, die Bücher der Reihe nach zu lesen. Kleine private Details lassen aber auch diesmal das private Bild der Ermittler weiter wachsen und sie fühlen sich wie gute Freunde an. Jeder hat sein Päckchen zu tragen: Renke trauert immer noch um seine verstorbene Frau und Nola hat Scheu, sich wieder auf einen Mann einzulassen. Die Geschichte an sich ist von Anfang an so spannend, dass ich Mühe hatte, das Buch mal aus der Hand zu legen.

Eine nach außen so vorbildhafte Familie, in der jeder, bis auf die junge Tineke, alle ihre Geheimnisse haben und ihre Machenschaften zu vertuschen versuchen. Neben dem Mordfall und dem Verschwinden von Silvana und dem Baby decken die Ermittler im Laufe ihrer Recherchen weitere Ungeheuerlichkeiten auf. Immer neue Verdächtige tauchen (für mich) auf. Jeder wird unter die Lupe genommen. Aber der Autorin gelingt es immer wieder mich von meinem Täter und seinem Motiv und meiner Theorie über den Hergang abzubringen und mich total zu verwirren.
Ich liebe es, so an der Nase herum geführt zu werden und mit ermitteln und mitfiebern zu können. Der Fall ist sehr akribisch aufgebaut und absolut schlüssig und für mich nachvollziehbar gelöst. Mit diesem Ende hatte ich nicht gerechnet.

Aber nicht nur die Spannung, die ab der ersten Seite sehr hoch ist und bis zum Schluss erhalten bleibt, haben mich überzeugt, sondern vor allem auch die sehr unterschiedlichen Protagonisten. Alle haben ihre Stärken, aber auch Schwächen, Unzulänglichkeiten und Fehler. Durch ihre Gesprächen, durch ihre Gedanken und durch eine sehr menschliche Beschreibung seitens der Autorin lerne ich sie im Laufe des Buches immer besser kennen. Es fällt mir meist nicht schwer meine Sympathie- oder Abneigungspunkte zu vergeben.

Auch der dritte Fall für Nola van Heeren und ihren Kollegen und gute Freund Renke Nordmann hat mich restlos überzeugt und mir spannende Lesestunden beschert. Vielen Dank Barbara Wendelken für dieses tolle Buch, das zu den absoluten Highlights meines Krimijahres zählt.


Wendelken, Barbara
Ihr einziges Kind

Piper Verlag, München
ISBN 9783492310123

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Charlotte Lucas - Dein perfektes Jahr

Hannah Marx, 29, Erzieherin in einem Kindergarten, hat sich nach langem Ringen entschlossen zusammen mit ihrer besten Freundin und Arbeitskollegin Lisa eine eigene Betreuungsstätte für die Kleinen zu eröffnen: die Rasselbande-Events. Diese läuft sehr gut an und die Beiden Jungunternehmerinnen sehen sich bald gezwungen, weiteres Personal einzustellen. Soweit ist alles gut. Nur, dass Hannah schon seit längerem auf einen Heiratsantrag ihres Freundes Simon Klamm wartet. Der hat sich jedoch, nachdem er seinen Job bei den Hamburger Nachrichten verloren hat, in ein Schneckenhaus zurück gezogen. Als er Hannah dann doch bittet, sich für einen Besuch in ihrem gemeinsamen Lieblingsrestaurant schick zu machen, ist sich Hannah sicher: jetzt ist es soweit. Doch es kommt so ganz anders. Simon hat bei einer Untersuchung eine schlimme Diagnose bekommen und ist fest überzegt, dass er das kommende Jahr nicht überleben wird. Er will sich von Hannah trennen...

Jonathan N. Grief, 42, geschieden und Inhaber des renomierten Hamburger Buchverlages Griefson & Books, findet beim Joggen an der Alster einen Beutel mit einem Filofax am Lenker seines Fahrrades hängen. Nach dem Öffnen springen ihm die Worte "Dein perfektes Jahr" entgegen und sein Interesse ist geweckt. Der ganze Kalender enthält für jeden Tag des kommenden Jahres eine Eintragung. Da das Fundbüro geschlossen hat, als er den Kalender abgeben will, beschäftigt sich Jonathan etwas näher damit. Und von nun an geht er täglich den Anweisungen dieses Kalenders nach...

Hannahs Geschichte begleite ich ab dem 29.10; die von Jonathan ab dem 01.01. des Folgejahres, wo auch die Zeitrechnung im Filofax beginnt. Da die Geschichte jeweils aus der Sicht der beiden Protagonisten geschrieben ist, kenne ich ihre Gedanken, weiß immer genau, wann ich mit wem wo bin. Bin also immer mittendrin im Geschehen und kann die Verwandlung von Jonathan z.B. sehr gut mitverfolgen. Denn durch die Beachtung der Anweisungen im Filofax verändert er sich schon, Aus dem gehemmten, besserwisserischen Sohn, der nie gelernt hat, Gefühle zu zeigen, wird im Lauf des Jahres ein Mann, der genau weiß, was er will und der sich durchzusetzen versteht. Er macht Sachen, die er nie für möglich gehalten hätte - und er genießt es.

Für Hannah wird es ein sehr schwieriges Jahr. Nachdem Simon verschwunden ist, kapselt sie sich ein und nur Lisa und Hannahs Eltern haben einen kleinen Zugang zu der zutiefst verunsicherten jungen Frau. Alles dreht sich bei ihr darum, Simon zu finden. Als sie erfährt, dass jemand einen Termin, den sie im Filofax festgehalten hat, wahrgenommen hat, macht sie sich auf die Siuche nach dem Unbekannten.

Hannah und Jonathan sind als Protagonisten sehr farbig und gut vorstellbar gezeichnet. Aber auch die Beschreibung der anderen Charaktäre, wie Jonathans Vater, die Sekretärin des Verlagshauses, und vor allem Leopold, ein Penner, und Lisa, Hannahs Freundin lassen mir viel Raum um sie mir vorstellen zu können. Auch wenn ich mit Jonathan in Hamburg unterwegs bin, sehe ich den ein oder anderen Handlungsort vor mir.

Die sehr emotionale Geschichte um Liebe, Verlust, Glaube und die Hoffnung, die man nie aufgeben soll, würde ich als modernes Märchen bezeichnen. Sie hat mich sehr gut unterhalten, ist sehr gut nachvollziehbar und sogar ein kleiner Spannungsbogen baut sich auf. Die Idee, ein ganzes Jahr im Vorhinein zu planen und zu organisieren sowie die Aufgaben, die Jonathan zu bewältigen hatte, fand ich sehr gut. Es hat Spaß gemacht, ihm bei der Erfüllung über die Schulter zu schauen.

Das Leben schreibt die erstaunlichsten Geschichten. Und genau so eine habe ich gerade gelesen.
Lucas, Charlotte
Dein perfektes Jahr

Bastei Lübbe Verlag, Köln
ISBN 9783431039610

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Dienstag, 20. Dezember 2016

Lena Greiner und Carola Padtberg-Kruse - Nenne drei Hochkulturen:...

Nach „Nenne drei Nadelbäume… ist dies das 2. Buch der Stilblüten aus dem Unterricht über die ich mich köstlich amüsiert habe. 

Ob es Übersetzungspannen aus dem englischen sind, wie Bürgermeister = Burgerking; Krankenschwester = illsister oder Vegetarier = vegetable. Da sollte man die Handhabung des Lexikons erst mal üben.

Ob über die Ferse des Achilles referiert wird, oder ob das Mittelalter zwischen dem Altertum und dem Neuertum (wahrscheinlich ein Bayernfan) liegt - immer ist es gleich witzig zu Lesen, was in den Köpfen von Kinder und Jugendliche aller Altersstufen bei dererlei Fragen so vor sich geht und was dabei herauskommt. 

Köstlich finde ich den Auslöser der Ersten Weltkrieges: Sarajevo wurde erschossen und es kam zu Unruhen auf dem Balkon.

Ob es Ausreden sind, die sich sowohl Schüler als auch Eltern einfallen lassen; es um Glanzleistungen in der Geschichte oder religiöses Halbwissen geht; Übersetzungen aus dem Englisch- oder Debakel im Deutschunterricht kommen ebenso zur Sprache wie Blamagen in Physik, Chemie und Mathe. Die besten Patzer aus dem Abitur und die Geständnisse aus dem Lehrerzimmer vervollkommnen die Aufzeichnung der irrwitzigen Wissenslücken bzw. des Halbwissens. 

Immer wieder mal habe ich überlegt, ob ich das jetzt wirklich genau so gelesen habe. Z.B. würde ich den Bundeswochenpräsidenten gerne mal kennenlernen.

Ich habe mich gekringelt vor Lachen. And I wish me more therefrom.

Greiner/ Padtberg-Kruse
Nenne drei Hochkulturen

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN 9783548376653

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Montag, 19. Dezember 2016

Richard Laymon: Die Spur

Laymon wird als Meister des Psychothrillers gehandelt. Seine Romane werden gerne mit denen von Stephen King auf eine Ebene gestellt. Kribbelnde Spannung zieht sich durch die streckenweise actionreiche Handlung.

In "Die Spur" erfährt der Leser in zwei unterschiedlichen parallelen Handlungssträngen zwei Geschichten. Während Rick und seine neue Partnerin Bert in die Berge fahren, um zu campen und zu wandern, geht die junge Gillian ihrem außergewöhnlichen Hobby nach: Sie sucht nach Häusern, deren Bewohner offensichtlich verreist sind. Diese Häuser nimmt sie einige Tage in Beschlag, lebt in ihnen, schnüffelt in den fremden Sache, bevor sie dann zum nächsten Haus weiterzieht.
Bert und Rick begegnen bei ihrer Bergtour verschiedenen Leuten, die ebenfalls wandern. Doch Rick scheint in der Vergangenheit besondere Erfahrungen gemacht zu haben, denn er ist der Angsthase von beiden. Während die energiegeladene Bert mit großen Schritten voranschreitet, versucht Rick sie stets zur Umkehr zu drängen und glaubt, von jedem anderen Wanderer bedroht zu sein. Gillian befreundet sich zur gleichen Zeit mit einem Nachbarn an, was sie eigentlich sonst nie macht. Doch als sie die Videosammlung ihres Hausbesitzers in Augenschein nimmt, muss sie Ungeheuerliches feststellen. Sie wohnt momentan in dem Haus eines Serienmörders.

Wie eingangs bereits erwähnt, geht es bei Laymon sehr subtil zu. Die Spannung scheint sanft über alle Seiten zu flirren. Beim Lesen spürt man ein sonores Summen im Hinterkopf. Man spürt die Gefahr genau so wie die Protagonisten, weiß aber nicht, wann und aus welcher Richtung sie kommen wird. Das ist ein ganz besonderer Stil, der Spaß beim Lesen beschert. Er erinnert an Gruselbücher aus der Kindheit, bei denen man am liebsten unter die Bettdecke gekrochen wäre, um nicht vom schwarzen Mann geholt zu werden.

Diese subtile Spannung bedeutet aber nicht, dass keine rasche Handlung erfolgt. Im Gegenteil. Laymon versteht es, mit einigen Kämpfen, Schlägereien und Messerstechereien das Lesen gefährlich zu machen. Die Figuren müssen viel Action erleben, durch die Wälder fliehen, sich in Baumwipfeln retten, bevor sie der Lösung Ihres Problems näherkommen. Langweilig wird es nicht. Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen. Ich empfehle ihn gerne den Lesern, die actionreiche Psychothriller in amerikanischer Umgebung mögen. Vielleicht mögen auch Sie mit Richard Laymon einen neuen und interessanten Lesestoff eindecken?


Laymon, Richard
Die Spur
Heyne Verlag, München

Aus dem Amerikanischen von Sven-Eric Wehmeyer 
ISBN 9783453676466

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Sonntag, 18. Dezember 2016

Petra Durst-Benning: Das Weihnachtsdorf

Ich habe mich, gleich als ich es sah, in das Cover verliebt. Es stimmt so wunderbar auf Weihnachten ein und die Geschichte passt genau in diese Jahreszeit.

Das Genießerdorf Maierhofen im malerischen Allgäu will in diesem Jahr seinen ersten Weihnachtsmark veranstalten. Überall wird gezimmert und gehämmert, gebastelt, gebacken, gekocht und gebraten. Den Duft von den kross gebratenen Kartoffelscheiben habe ich direkt in der Nase. Aber es kommt auch hier und da zu Unstimmigkeiten, wenn die Arbeit einfach zu viel wird oder man sich einfach missversteht.

Leider habe ich es noch nicht zum Kräuter-der-Provinz-Festival geschafft und daher auch erst hier auf dem Weihnachtsmarkt die durchweg sympathischen Menschen aus Maierhofen kennengelernt.

Petra Durst-Benning hat einen so leichten, liebevollen und mitreißenden Schreibstil, dass ich mich in dem kleinen Dorf sofort heimisch gefühlt habe. Sie erzählt die Geschichten von den einzelnen Familien so einfühlsam und bringt den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft so gut rüber, dass ich gerne ein Teil davon wäre. Leider viel zu schnell ist das Buch ausgelesen.

Aber durch die Rezepte, die im Anhang des Buches zu finden sind, bleibe ich wenigstens kulinarisch noch einige Zeit in Maierhofen.

Eine wunderbare Geschichte, genau passend in die Vorweihnachtszeit, die mich verzaubert hat und die ich sehr gerne weiter empfehle.

Durst-Benning, Petra
Das Weihnachtsdorf

blanvalet Verlag, München
ISBN 9783764505981

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Samstag, 17. Dezember 2016

Barbara Fradkin: Die Toten in den Klippen

"Im Augenblick ist dem dem Schleusen verzweifelter Menschen eine Unmenge Geld zu verdienen und viele Akteure sind so gut wie unantastbar."

Amanda Doucette und Phil Cousins wollen die traumatischen Erlebnisse, die sie seit ihrem Einsatz einem Kinderhilfsprojekt in Nigeria verbinden, durch eine gemeinsame Auszeit in der Wildnis Neufundlands bewältigen. Aber Pihl kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt. Er ist zusammen mit seinem elfjährigen Sohn Tyler auf Entdeckungstour gegangen. Amanda macht sich um den Geisteszustand ihres Freundes große Sorgen. Und als in einem kleinen Küstenort eine Leiche angespült wird, macht sie sich auf ihrer lindgrünen Kawasaki und ihrer Hündin Kaylee auf die Suche nach ihrem Freund und seinem Sohn.

Barbara Fradkin greift in ihrem neuesten Buch ein brandaktuelles Thema auf: die Situation von Flüchtlingen, wie sie von skrupellosen Schleppern betrogen und ausgebeutet werden. Die Spannung, die anfangs aufgebaut wird, kann sich leider über große Strecken nicht halten. Der leichte, lockere Erzählstil wirkt dadurch langatmig und langweilig. Schade, denn die Story selbst bietet sehr viel Potential, was hier und da auch herausgeholt wird, sich aber leider nicht hält.

Die detaillierten farbigen Beschreibungen der wilden, teils gefährlichen Natur dieser Atlantikinsel Neufundland haben mich dagegen fasziniert. Das Grollen und Donnern des Meeres habe ich fast hören und fühlen können. Die zumeist freundlichen Bewohner mit ihren Eigenheiten und Gewohnheiten haben auf mich Eindruck gemacht.

Mir fällt es sehr schwer, mich in Amanda, die taffe Heldin der Geschichte, hinein zu versetzen oder mich auf sie einzulassen. Aber ich bewundere ihren Mut und ihren Lebenswillen, der sie nie aufgeben lässt.

"Die Toten in den Klippen" ist ein brandaktuelle Geschichte, die in einer wunderbar belassenen Natur spielt. Mir hat hier leider die Spannung gefehlt.


Fradkin, Barbara
Die Toten in den Klippen

Aufbau Verlag, Berlin
ISBN
9783746632568

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Donnerstag, 15. Dezember 2016

Sabine Kornbichler - Wie aus dem NICHTS

Dana Rosin, 33, hat bei ihrem Freund Alex Wagatha, 32, übernachtet. Als es am Morgen klingelt, versteckt sie sich auf der Empore im Wohnzimmer, da Alex seine Noch→Freundin Biggi erwartet, von der er sich jetzt trennen will. Nach einem Stimmengemurmel und einem zweiten Klingeln ist es bald mucksmäuschenstill und ein Mann mit einer Fuchsmaske betritt das Wohnzimmer. Nach dessen Verschwinden wird sich Dana klar: sie hat gerade einem doppelten Mord beigewohnt. Alex und eine Nachbarin liegen erschossen im Flur. Galt dieser Anschlag Alex, der als Enthüllungsjournalist gerade an einer brisanten Story gearbeitet hat oder vielleicht ihr, die eine Alibi-Agentur führt? Dana macht sich auf, die vielen Fragen, die sich ihr stellen, selbst zu recherchieren und findet heraus, dass Alex absolut nicht der war, für den sie ihn gehalten bzw. für den er sich ausgegeben hat.

Der flüssige und leichte Erzählstil von Sabine Kornbichler lässt mich ab der ersten Seite in einen spannenden Kriminalfall eintauchen. Die Spannung macht sich ziemlich bald breit, steigt kontinuierlich an und hält bis zu dem Zeitpunkt, als mir der Täter serviert wird. Die komplexe Geschichte ist solide aufgebaut und sehr gut nachvollziehbar. Durch die immer wieder falsch gelegten Fährten war ich mir zwar sicher, dass der von der Polizei inhaftierte Verdächtige nicht der Täter ist. Kam aber nicht auf den tatsächlichen Hergang bzw. das Motiv des Mörders. Das weiß die Autorin bis zum Schluss sehr gut zu verschleiern.
Dana Rosin war mir von Anfang an sympathisch. Sie hat in ihrem Leben schon einiges erlebt und ist nicht daran zerbrochen. Ihr Onkel und ein guter Freund richten sie immer wieder auf und sind auch jetzt für sie da.
Aber auch die anderen Protagonisten sind so farbig und individuell gezeichnet, dass ich sie mir gut vorstellen kann. Zum ersten Mal wurde ich hier mit dem Krankheitsbild eines Pseudologen konfrontiert. Mir war bisher nicht gewusst, dass dies auch als Krankheit gilt, wenn das Lügen so exzessiv wie hier von Alex betrieben wird.

Ich habe einen Krimi gelesen, der mich ab den ersten Seiten in seinen Bann gezogen und sehr gut unterhalten hat. Solche Krimis wünsche ich mir mehr.


Kornbichler, Sabine
Wie aus dem Nichts

Piper Verlag, München
ISBN 9783492308731

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Dienstag, 13. Dezember 2016

Tania Krätschmar - Nora und die Novemberrosen

„Schillernde weiße Flügel flatterten zu Boden. Fanden sich zwei kleine Hälften auf ihrem kurzen Weg zur Erde, konnte man einen winzigen Moment lang einen grünen Stern erkennen."

… das ist eine der Stellen im Buch, die mich besonders berührt haben. Aber davon gibt es eine ganze Menge mehr.

Die alleinerziehende Gärtnerin Nora Dittbrenner lebt mit ihrer kleinen Tochter Fanny zusammen mit Udo Kienast, Ellie Wagenknecht und Margarete Segge in einem Stadthaus in Berlin. Die drei alten Herrschaften kümmern sich rührend um Fanny, während ihre Mama das Geld zum Leben verdienen muss. Bei einem gemeinsamen Ausflug in die Mark Brandenburg finden sie ein verlassenes Grundstück mit Herrenhaus und einer Gärtnerei. Noras Gedanken formen sich sofort zu Ideen, was man hier alles machen könnte. Ein Besuch bei der zuständigen Ortsverwaltung bringt keine Ergebnisse. Also beschließen die Vier plus Udos neue Freundin Charlie das Grundstück wieder bewohnbar zu machen…

Tania Krätschmar entführt mich in ihrem neuesten Buch in die Welt der Blumen, Pflanzen, Sträucher und Bäume. Ich lerne durch die Augen von Nora neue Pflanzen kennen; bin dabei, wenn die Gruppe, die Wege von Unkraut befreit; wenn Udo das Wasser zum Laufen bringt. Die Autorin bringt mich an einen so idyllische, mystischen Ort, an dem ich mich sofort geborgen und wohl fühle.

Nora und ihre Mitstreiter sind so sympathisch, dass ich jeden Einzelnen gerne zum Freund hätte. Auch auf Fanny, die zwar etwas, wie ich finde, anstrengend ist, würde ich gerne aufpassen. Udo gönne ich nach den Jahren des Alleinseins seine neue Liebe zu Charlie.

Aber dieses Buch hat nicht nur Wohlfühlthemen. Die Judenverfolgung in der Nazizeit bekommt ihren Raum. Als Nora und ihren Mitbewohnern ein Brief mit einer Sanierungsansage in den Briefkasten flattert, haben alle Angst wohnungslos zu werden. Und Nora, die von ihrem Arbeitgeber die Kündigung erhalten hat, ist auf der Suche nach einem neuen Job.

Trotz der ernsteren Themen haben mich die Dialoge und die Beschreibungen des Gartens und des Hauses in ihren Bann gezogen. Die Seiten sind mir nur so durch die Hände geflogen und ich hoffe bald mehr aus der Feder von Tania Krätschmar lesen zu dürfen.


Krätschmar, Tania
Nora und die Novemberrosen

blanvalet, München
ISBN 9783734102424

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 11. Dezember 2016

Katrin Rodeit - Lauernde Schatten

Bisher habe ich alle Fälle einer anderen Ermittlerin, Jule Flemming, aus Katrin Rodeits Feder mit erlebt. Daher war ich sehr gespannt, wie der neue Thriller aufgemacht sein würde. Und schon hier muss ich sagen, ich bin auch von Jessica Wolf begeistert.

Aber der Reihe nach:
Oskar Falkenberg versucht mit kriminellen Machenschaften sein Fleischimperium zu retten und einige Familiengeheimnisse zu verschleiern. Als seine Tochter Hannah entführt wird, die erste Lösegeldübergabe platzt und sich Jessica Wolf mit ihrem Kollegen Dennis Steiner einschaltet, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit und um Hannahs Leben.

Athmosphärisch dicht wird eine Geschichte erzählt, die ich gut nachvollziehen kann. Zum einen geht es um einen Fleischskandal, zum anderen um die familiäre Situation Jessicas und ihrem Sohn Finn, den ich von Anfang an mochte. Fragen tun sich auf allen Seiten auf, die aber schlussendlich alle zu meiner vollsten Zufriedenheit geklärt werden.
Der Schreibstil lässt sich leicht und flüssig lesen, die nicht zu langen und jedes auf seine Weise spannenden Kapitel haben mich von Anfang an gefesselt und ich konnte mit Lesen kaum Pause machen. Die Angst von Hannah und ihre Erleichterung konnte ich hautnah spüren.
Sehr gut sind die mit vielen kleinen Eigenheiten ausgearbeitete Charaktäre, die sich bald vor meinem inneren Auge abrufen ließen. Gut finde ich auch, dass man bei den drei Hauptschauplätzen immer in den Gedanken von Hannah, Oskar Falkenberg und Jessica und Dennis mit dabei ist. Sehr schnell bin ich dann in die Rolle der Nebenermittlerin geschlüpft, ließ aber hier und da auf eine falsche Fährte führen. Von der so ganz anderen Auflösung des Falles war ich dann doch sehr überrascht. 

Fazit:
Ich habe einen sehr spannenden, nie langatmigen Thriller mit interessanten Personen gelesen. Bitte mehr von Jessica Wolf.
Rodeit, Katrin
Lauernde Schatten

Books in Demand, Nprderstedt
ISBN 9783741270703

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Samstag, 10. Dezember 2016

Philippe Georget - Rabenschwarzer Winter

In der Vorweihnachtszeit muss sich Lieutnant Gilles Sebag der Tatsache stellen, dass seine Frau Claire ihn mit einem Lehrerkollegen betrügt. Zutiefst verletzte versucht er seine Verzweiflung in Whisky zu ertränken. Auch in seiner Dienststelle, dem kleinen Kommissariat in Perpignan lässt ihn dieses Thema nicht los. Ein Mann, der seine Tat gesteht, hat seine untreue Ehefrau nach ihrer mittäglichen Verfehlung im Hotelzimmer erschossen. Irgendetwas scheint aber an diesem Geständnis nicht zu stimmen. Als sich ein Mann vom Balkon stürzt und ein anderer sich in seinem Haus zusammen mit seiner Lebensgefährtin in die Luft sprengen will, müssen er und seine Kollegen Francois Menard, Jacques Molina und Julie Sadet ran. Lange finden sie keinen Zugang zu den Fällen, die doch zusammenzuhängen scheinen. Bis der entscheidende Hinweis von Thierry Lambert kommt.


Der Krimi lässt sich leicht und flüssig lesen. Durch das langatmige Eintauchen in Gilles Sebags Privatleben allerdings gerät die Spannung, die langsam aufgebaut wird, immer wieder in seichteres Fahrwasser. Und bei mir hat sich eine gewisse Langeweile eingeschlichen. Durch die vielen Dialoge zwischen den Ermittlern bin ich auf der anderen Seite voll in die Polizeiarbeit eingebunden.
Die Protagonisten haben sich durch die bildhaften Beschreibungen, ihre Eigenheiten und ihr privates Umfeld, das mir hier und da etwas zu viel war, bald in meinen Gedanken festgesetzt.
Die Geschichte ist gut aufgebaut und wird schlüssig gelöst. Alle meine Fragen, die sich beim Lesen angesammelt hatten, werden beantwortet.
In ganz knappen Kapiteln wird jemand vorgestellt, der sich The Eye nennt. Seine Rache hat erst begonnen. Er scheint von Hass getrieben, muss sich in Geduld üben, hat ein gutes Gedächtnis und eine gute Intuition. Ansonsten gibt es vorerst nur vage Erklärungen, die erst zum Schluss zu einem Ermittlungsergebnis führen.
Die Beschreibungen von langen Stränden, Obstplantagen, Weingärten und Artischockenfeldern lassen farbige Bilder in meinem Kopf entstehen.

Trotz einiger kleiner Unzulänglichkeiten hat mich das Buch gut unterhalten. Die ersten beiden Fälle von Gilles Sebag und seiner Mannschaft werde ich bestimmt auch noch lesen.
Georget , Philippe
Rabenschwarzer Winter

Ullstein Verlag, Berlin
ISBN
9783548288482

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Roland Krause - Hurenballade: Dreizehn Stories

In seinem Buch „Hurenballade“ hat Roland Krause 13 Kurzgeschichten zusammen gefasst. Ob kriminell, erotisch, traurig, sentimental, romantisch oder es um rote Schuhe geht. In jeder Story kann ich mitfiebern, ist eine gewisse Spannung vorhanden. Roland Krause beschreibt farbige Bilder, die ich sofort im Kopf habe und schillernde Figuren, die so charakteristisch und eindeutig sind, dass ich auch sie mir sofort vorstellen kann.

Ich habe mitgefiebert, mitgelitten, konnte Schmerzen fast spüren und hätte der/dem ein oder anderen gerne eine Watschn verpasst. Aber auch die schönen Momente kommen hier sehr gut raus und ich habe sie genossen.

Ein Buch mit 13 spannenden und unterhaltsamen Stories, das ich sehr gerne weiter empfehle.

Krause, Roland
Hurenballade: Dreizehn Stories

Balaena Verlag, Landsberg
ISBN: 9783981266160

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Dienstag, 6. Dezember 2016

Katrin Rodeit - Alles schläft, einer wacht!

Ulm in der Vorweihnachtszeit rund um das Ulmer Münster. Bratwurst- mischt sich mit Glühweinduft. Marktbuden und -stände reihen sich aneinander. Dort will Tobias Kohler seine im Bodensee verschollene Frau Silvia auf einer winzigen Filmsequenz als Putzfrau gesehen haben.

Privatdetektivin Jule Flemming, die nach einer Auszeit wegen ihres letzten Falles wieder mit ihrer Arbeit anfangen will, mag den Mann, der so sehr um seine Frau trauert, nicht abweisen und stößt bei ihren Ermittlungen auf Hinweise, die in die Vergangenheit deuten…

Dies ist bereits der vierte Fall, bei dem ich Jule Flemming bei ihrer Ermittlungsarbeit über die schulter schauen darf. Und diesmal bin ich noch ein klein wenig begeisterter, wie bei den anderen Büchern. Denn hier macht Jule Flemming eine private Wandlung durch, die mir sehr gut gefallen hat. Sie beginnt Gefühle zuzulassen, macht ihr Herz, das sie bisher unter Verschluss gehalten hat, langsam auf. Das fand ich wunderbar.

Der Fall, an dem sie diesmal arbeitet, ist von Anfang an spannend und gut nachvollziehbar aufgebaut. Der Spannungsbogen hält sich durch die Wendungen, die die Autorin einbaut und die mich immer mal wieder auf eine andere Spur führen, durchgehend hoch. Ich musste meine Tätertheorie ein paar mal revidieren. Der Schluss und die Aufklärung waren wie immer spannend und muss zugeben, ich wäre ohne Jules Hilfe nicht auf den Täter gekommen.

Vor allem auch durch die vielen Dialoge und Gespräche lasse mich noch viel mehr in der Geschichte hineinziehen und bin sehr schnell mittendrin.

Ich habe mich schon so auf die mir bereits bekannten Personen gefreut:

Jules Mama, naja, ich möchte sie nicht haben. Aber irgendwie ist sie trotzdem lieb, wie sie in ihrer ihr so eigenen Art immer wieder auf Familie zu machen.

Den kleinen Leon, der jetzt einen Hund bekommen hat, mit dem er bei der Erziehung noch viel Arbeit haben wird.

Die Leute aus der Jazzkneipe, allen voran Andreas und Lou. Aber auch Cosima, die sich outet und hier Jules bzw. Andreas Hilfe braucht. Leute, ich vermisse euch jetzt schon.

Und natürlich Mark, der es endlich geschafft hat, dass Jule sich ein ganz klein wenig öffnet.

Aber auch alle anderen handelnden Personen hat Katrin Rodeit mit ihren farbigen, sehr lebendigen Beschreibungen Leben eingehaucht, so dass ich sie bald vor meinem inneren Auge gesehen habe.

Ich habe wieder einen Krimi gelesen, der alles hat, was ich so liebe: einen spannenden Fall, ein kleines bisschen Romantik und Liebe, Freundschaft, eine Prise Humor und alles in einer Dosis, die das Lesen des Buches zu einem absoluten Hochgenuss macht.

Danke Katrin Rodeit für mal wieder richtig tolle Lesestunden.


Rodelt, Katrin
Alles schläft, einer wacht!

Gmeiner Verlag, Meßkirch
ISBN 9783839219188

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 4. Dezember 2016

Antonia Hodgson: Der Galgenvogel

Diesen Roman als Kriminalroman zu bezeichnen, wäre nicht das richtige Wort. Er ist eher ein Ganovenroman. Denn im Mittelpunkt steht Tom Hawkins, ein Mann, der in den Tag hineinlebt, nichts Richtiges mit sich anzufangen weiß und das Geld seiner Freundin verprasst. Denn Kitty hat eine große Erbschaft gemacht und ist Inhaberin einer kleinen, verruchten Buchhandlung, die unterm Ladentisch pornographische Bücher vertreibt und regelmäßig von den Sittenwächtern kontrolliert wird.



Es wird das Jahr 1728 geschrieben im London des Lebemanns und Spielers Tom Hawkins. Der Dreck und Gestank in den Gassen, die Straßenräuber und Beutelschneider, sowie der Umgang der Menschen untereinander erinnern an die Szenerie in den Romanen von Charles Dickens und Daniel Defoe. Die Autorin hat ihren Roman in zwei Stränge strukturiert. In der Gegenwart wird von einem Erzähler der Weg Tom Hawkins zu dessen Hinrichtung in Tyburn geschildert. Dieser Strang ist für den Leser zusätzlich durch Kursivschrift abgegrenzt. Der zweite, und bei weitem längere, Strang wird vom Protagonisten selbst erzählt und ist eine Rückblende. Er geht der Frage nach, wie es dazu kommen konnte. Damit ist ein gehöriges Stück Spannung geschaffen, die vom ersten bis zum letzten Kapitel reicht. Wie auch bei dem französischen Ganoven Cyrano de Bergerac taucht der Leser in eine Welt ein, die voller Schmutz, Gestank, Vulgärsprache und Verbrechen zu sein scheint. Dabei ist an den Verhaltensweisen der einzelnen Figuren immer wieder erkennbar, dass sie auch liebevoll miteinander umgehen können und ihre Grobheit lediglich nach außen zur Schau getragen wird. Das ist die Strategie zum Überleben, zum Existieren in der Gesellschaft.

Die Figur des Protagonisten Tom Hawkins wurde bereits im ersten Roman "Das Teufelsloch" der Autorin entwickelt. Dadurch kann Hawkins in diesem Roman bereits auf Erfahrungen zurückgreifen. Das vorhergehende Buch zu lesen, ist aber nicht zwingend notwendig für das Verständnis. Sein Weg zum Galgen wird von einem Mord verursacht. Die Aufklärung dieses Mordes strebt der Protagonist selbst an. Damit wird der Roman schließlich doch ein Ermittlungsroman. Der Leser wird im Verlauf ständig auf neue Verdächtige geführt, auf neue Fährten gelenkt. Hodgson schafft ein fantastisches Verwirrspiel mit detailtreuer Milieustudie. Über die Handlung hinaus klärt die Autorin in einem kurzen Abriss am Ende des Buches über die historischen Hintergründe auf. Eine nette Beigabe, welche gelegentlich zu einem "Aha" führen kann.

Dieser Roman ist ein empfehlenswerter Weihnachtsschinken,. So, wie ich an den Festtagen sehr gerne historische Filme sehe, lese ich auch gerne solche Romane. Deshalb hatte mir "Der Galgenvogel" auch schon wenige Wochen vor Weihnachten ein Gefühl von Weihnachten vermittelt.


Hodgson, Antonia
Der Galgenvogel
Droemer Knaur Verlag, München

ISBN 9783426653463

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Daniela Wolff - Möhrenmord

Nur knapp entgeht der bekannte Fernsehkoch Claus Pfeifer einem Attentat, als ein Herd explodiert. Bei einer seiner Kochshows auf der "Consumenta" in Hannover stirbt sein Freund und Messemitarbeiter Bernd Schneider. Galt auch dieser Anschlag Pfeifer? Werbeassistentin Sonia Assmer, Angestellte der Messe Hannover, vermutet mehr dahinter und ermittelt auf eigene Faust. Was sie dabei heraus findet, bringt auch sie in nicht unerhebliche Gefahr.

Daniela Wolff nimmt mich in 37 Kapiteln von Sonntag, 23.09. - Freitag 2.11.2012 in einem zum großen Teil unaufgeregten Krimi mit in die Welt der Messe. Die Geschichte wird aus Sicht von Sonia Assmer erzählt. Da ich von ihr auch sehr viel Privates erfahre und immer wieder neben ihr am Messeschreibtisch stehe, lerne ich sie sehr gut kennen und verstehen.
Aber auch die anderen Protagonisten sind so anschaulich skizziert, dass ich bald eine klare Vorstellung von ihnen habe.

Ich hätte vielleicht doch erst die ersten beiden Messekrimis lesen sollen, um schneller in die Geschichte hinein zu kommen. Ein Muss ist es allerdings nicht.

Die leichte und lockere Schreibweise der Autorin lassen die Seiten nur so dahin fliegen. Zuerst habe die Spannung eines Krimis vermisst. Das verging aber schnell, da die Protagonisten und das ganze Drumherum ebenso spannend ist, wie der Fall ansich. Außerdem mag ich es gern, wenn sich ein Krimi etwas unaufgeregter liest.

Die Geschichte selbst finde ich gut ausgearbeitet und den Kriminalfall bzw. die Kriminalfälle nachvollziehbar gelöst. Beim Lesen der eingefügten Zeitungsartikel werde ich auch auf den Stand der polizeilichen Ermittlungen gebracht. Gut gefallen mir auch die Erklärungen zu einigen Sprichworten, die hier und da fallen.

Mir hat der Krimi insgesamt gesehen gut gefallen. Vielleicht hätte man den ein oder anderen Verdächtigen, der dann sowieso wieder verschwunden ist, weglassen können. Auch die ein oder andere Büroszene hat mich vom Fall selbst etwas abgelenkt. Trotzdem freue ich mich schon heute auf eine Fortsetzung der Messekrimis, die sich zum Schluss dieses Falles schon andeutet.

Wolff, Daniela
Wer nach den Sternen greift

Books on Demand, Norderstedt
ISBN
9783741266560

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Dienstag, 29. November 2016

Beate Maly - Tod am Semmering

Ernestine Kirsch bekommt zwei Karten für einen Wohltätigkeits-Tangokurs im Grandhotel Panhans am Semmering geschenkt. Zusammen mit Anton Böck, den sie dazu überreden kann mitzufahren, erlebt sie dort einige Tage, die die Beiden nicht so schnell vergessen werden. Zusammen mit 12 weiteren Tanzwilligen, dem wenigen Hotelpersonal und den Musikern müssen sie eingeschneit im Hotel verharren. Als dann ein erstes Todesopfer zu beklagen ist, liegen die Nerven bald schon blank. Aber Ernestine ist die Ruhe selbst und verpflichtet Anton ihr bei den Ermittlungen mangels Polizei zur Seite zu stehen.

Beate Maly erzählt in einer so farbigen und gut vorstellbaren Sprache, dass ich alles direkt vor mir sehe. Die Dialoge und Gespräche ziehen mich magisch in die Geschichte rein. Am liebsten würde ich meine Kommentare hier und da dazu abgeben.

Interessante, vielschichtige und sehr unterschiedliche Charaktere farbig geschildert ziehen in meinen Kopf ein. Besonders leid tut mir hier die junge Mietzi, die als Zimmermädchen im Hotel ihr Geld verdient.

Politische Einflüsse halten in die Geschichte genauso Einzug, wie ein wenig Romantik, Humor, die sehr gut beschriebene Atmosphäre im Hotel, vielfältige kulinarische Genüsse und vor allem die Suche nach dem Motiv des Täters. Als dieser dann gefunden ist, war ich sehr überrascht, konnte sein Motiv aber sehr gut nachvollziehen.

Ein wunderbarer historischer Krimi mit einer spannenden Geschichte und gut recherchierten Hintergründen.


Maly, Beate
Tod am Semmering

emons Verlag, Köln
ISBN
9783954519958

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 27. November 2016

Sarah Graves - Das Kind im Wald

Die Bostoner Mordkommissarin Lizzie Snow lässt sich aus privaten Gründen in eine Kleinstadt an der kanadischen Grenze versetzen. Ihre Nichte Nicolette, die vor sechs Jahren plötzlich verschwand, soll in dieser Gegend gesehen worden sein. Lizzie lässt nichts unversucht, die Kleine zu finden. Sie gerät dabei an ihre Grenzen und stößt auf Ungeheuerliches…
Mit ihrem flüssigen, leicht zu lesenden, zu verstehenden und absolut fesselnden Schreibstil hat mich Sarah Graves sofort in den Bann des Buches gezogen. Die Spannung bleibt ab den ersten Seiten auf einem hohen Niveau, was es mir schwer gemacht hat, das Buch aus der Hand zu legen.
Da Lizzie aber hauptsächlich als Kommissarin in die Kleinstadt berufen wurde, hat sie einige Fälle an der Hand, die von vorne herein nichts mit einander zu tun zu haben scheinen. Die Verknüpfungen werden gegen Ende der Geschichte schlüssig und gut nachvollziehbar entknotet. Was ich sehr positiv fand: Alle meine Fragen, die sich im Laufe der Geschichte angesammelt haben, haben sich vollständig aufgelöst.
Lizzie Snow ist ein Charakter mit Ecken, Kanten und Stärken, der mir sofort gefallen hat. Der Partner an ihrer Seite, auf den ich gehofft hatte, hat sich leider (noch) nicht eingestellt. Aber auch die anderen Protagonisten sind farbig mit ihren Eigenheiten gut dargestellt. Besonders gut dargestellt und vorstellbar außer Lizzie, fand ich hier den jungen Mann „Knolle“.
Besonders gut haben mir die Landschaftsbeschreibungen, die Beschreibungen des neues Zuhauses von Lizzie und die Skizzierung der Bewohner gefallen. Ich hatte bald alles im Kopf und habe mich mitten drin gefühlt.
Mit „Das Kind im Wald“ habe ich eine neue Autorin kennengelernt, von der ich gerne weitere deutschsprachige Bücher lesen würde.




Graves, Sarah
Das Kind im Wald

Random House/ Diana Verlag, München
ISBN 9783453358720

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Donnerstag, 24. November 2016

Sonja Rudorf - Alleingang

Jona Hagen, Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Frankfurt findet eines morgens ihren Mitarbeiter Alexander Tesch zusammen geschlagen in seinem Büro. Was ist hier passiert? Ist ein Klientengespräch eskaliert? Jona beginnt auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Dabei muss sie erfahren, dass sie ein komplett falsches Bild von Alexander hat.

In diesem Krimi spielt die Polizei nur eine sehr untergeordnete Rolle, da Jona ihre Ermittlungen selbst anstellt. Der Frankfurter Kommissar Ulf Steiner spielt da nur eine kleine Rolle, ist aber immer zur Stelle, wenn man (oder Frau Jona) ihn braucht. 

Die einzelnen Protagonisten haben alle ihre kleinen Fehler und Macken und sind so farbig ausgearbeitet, dass ich beim Lesen bald ein klares Bild vor mir hatte. Gerade auch durch die Vielfalt der Persönlichkeiten, die alle irgendein Handycap haben, macht das mit ermitteln besonderen Spaß. Ich war mir lange nicht sicher, ob der den ich für den Täter hielt, auch der Richtige war. 

Der Spannungsbogen baut sich sehr schnell auf und bleibt bis zum Showdown konstant hoch. Durch die immer neuen Erkenntnisse über ihren Mitarbeiter und seine Klienten bin ich immer voll im Bilde und mittendrin in der Geschichte.

Der Schreibstil ist locker und flüssig. Manchmal ging mir die Handlung aber etwas zu schnell und ich musste noch einmal die letzte Seite lesen um die Gesamtheit des Geschriebenen zu erfassen. 

Die Geschichte an sich ist logisch und gut nachvollziehbar aufgebaut und es macht Spaß in die Psyche der Einzelnen hinein zu schauen, auch wenn dies manchmal etwas schockierend ist.


Alleingang ist ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe und ich hoffe auf weitere Ermittlungen von Jona Hagen.

Rudorf, Sonja
Alleingang
Societäts-Verlag, Frankfurt
ISBN 9783955422165

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Dienstag, 22. November 2016

Barbara Steuten - Kati Küppers und der gefallene Kaplan

Im kleinen Ort Niederbroich am Niederrhein stürzt der junge Kaplan Markus Overath die Treppe in den Kirchenkeller hinunter. Die Polizei ermittelt aber keinen Unfall, sondern der Kaplan wurde vergiftet. Da sich die Küsterin Kati Küppers als gelernte Apothekenhelferin mit Gift auskennt, wird sie sofort verdächtigt. Das aber lässt die resolute Dame nicht auf sich sitzen und beginnt auf eigene Faust die Suche nach dem Täter. Als sie dem zu nahe kommt, wird es auch für sie gefährlich.

Dies ist mal wieder ein Krimi mit unaufgeregt leisen Tönen, der aber nicht weniger spannend ist. Ich erfahre vieles über die Heiligen, die Kati in jeder Lebenslage bemüht, kenne mich in und um die Kapelle herum dank den genauen Beschreibungen sehr gut aus und finde vor allem dat Kölsch von de aale Frau Wilms richtig toll. Spannend ist es auch immer wieder andere Dorfbewohner kennen zu lernen. Interessante Gespräche geben einen kleinen Eindruck in die Dorfgemeinschaft, in der auch nicht alles nur gut ist.

Motive gibt es jede Menge, denn jeder Bürger aus dem kleinen Ort scheint schon mal mit dem Kaplan aneinander geraden zu sein. Miträtseln ist also angesagt, doch ich tappe sehr lange Zeit im Dunklen. Als der Täter sich dann zu erkennen gibt, bzw., Kati ihn erwischt, habe ich nur gedacht: ohhhh.

Aber ganz ohne Polizei geht es auch in Niederbroich nicht. Kommissar Philip Rommerskirchen, der mit seiner Freundin Rike gerade eine Wohnung sucht und sich gut vorstellen kann, nach Niederbroich zu ziehen, ermittelt zusammen mit Björn Tietke. Dabei kommt er zu seinen Verhören bei den Anwohnern nicht immer gelegen. Mit Benedikt, dem Enkel von Kati Küppers, der hier seine Ferien verbringt und Oma bei der Suche nach dem Täter helfen will, freundet er sich schnell an.

67 kurze Kapitel mit dauernd sich ändernden Orten lassen das Lesen weder langweilig noch langatmig werden. Ganz im Gegenteil, ich hatte sehr viel Spaß und Spannung mit der Lektüre.


Steuten, Barbara
Kati Küppers und der gefallene Kaplan

edition oberkassel, Düsseldorf
ISBN 9783958130685

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 20. November 2016

Iny Lorentz: Das Mädchen aus Apulien

Pandolfina hat nun auch ihren Vater, den Grafen Guthier de Montcœur, verloren. Voller Trauer sitzt die vierzehnjährige am Sterbebett ihres Vaters und hält die Totenwache. Ihre Mutter, eine christliche Sarazenin, war bereits vor Jahren verstorben. Es braucht keine vierundzwanzig Stunden, da steht der Nachbar, Baron Silvio di Cudi, mit einem großen Trupp Söldnern vor dem Tor. Er behauptet, im Namen des Papstes, die Tochter des Grafen ehelichen und deren Erbe verwalten zu wollen. Doch seine Berufung auf den Papst ist nur vordergründig. Tatsächlich geht es ihm und um die Ländereien und somit um die Steuereinnahmen aus ihnen. Denn zur Grafschaft gehören gut zwanzig Dörfer. Außerdem ist die Burg des Grafen viel ansehnlicher als seine eigene, die an einen Wachturm erinnert.

Mit dieser Roman hat sich das erfolgreiche Schriftstellerduo einen weiteren Landstrich Europas und die damit verknüpfte Historie erschlossen. »Auf die Idee hat uns unsere Agenturlektorin und Mentorin mit ihrem starken Interesse an Friedrich II. von Staufen gebracht. Als wir dann mit ihr als Dolmetscherin Apulien und Campanien zur Recherche bereisten, ergab sich der Rest«, teilten mir Iny und Elmar Lorentz mit.

Zwar beginnt dieser Roman wieder mit einer weibliche Figur im Mittelpunkt, aber dies ändert sich im Laufe der Geschichte genauso wie sich Iny Lorentz auch den für dieses Genre gern gesehenen Mitteln der Kämpfe und Schlachten bedienen. Fesselnd sind die Kämpfe einzelner Ritter und Waffenknechte geschildert. Die Eroberung von Bogen mit großen und kleinen Tross liest sich spannend. Zwischen allen Kämpfen und Intrigen machen die Protagonisten eine angenehme Entwicklung durch. Sowohl Pandolfina als auch Leonhard sind am Ende des Romans andere Menschen als bei ihrer Einführung. Mit dem Wissen des Lesers mag man sich zwischenzeitlich über Leonhard ärgern, ahnt aber, dass er den Konflikten durchaus gewachsen sein wird.

Ein abenteuerlicher Schmöker, der bestens dazu geeignet ist, an langen Winterabenden in die vergangenen Zeiten abzutauchen und sich von hinreißenden Figuren in den Bann ziehen zu lassen. Mir gefällt diese Roman ausgesprochen gut und ich empfehle ihn sehr gerne.



Lorentz, Iny
Das Mädchen aus Apulien

Dromer Knaur Verlag, München
ISBN 9783426663820

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Mittwoch, 16. November 2016

Harald Schmidt - Gestohlene Zukunft

Im Essener Stadtwald wird ein 5-jähriger kleiner Junge tot aufgefunden. Hauptkommissar Holger Wilms und sein Kollege Sven Tokrut ermitteln in einem Fall von Kindesmissbrauch und Tötung. Bald stellt sich heraus, dass auch in Frankfurt und in Hagen jeweils ein Fall von Kindstötung nach dem gleichen Muster ermittelt werden. Hier geht ein Serienmörder um.

Tina und Wolf Kleinert sind mit ihren Kindern Mia und Leon eine glückliche Familie. Bis bei Tina düstere Erinnerungen an Geschehnisse aus ihrer Kindheit an die Oberfläche kommen, die sie in die Tiefe ihres Gedächtnisses verbannt hatte.

Harald Schmidt nimmt sich in diesem Buch eines fast alltäglichen, unschönen und oft unter den Teppich gekehrten Themas an: Kindesmissbrauch. Er schreibt erschütternd real über einen Mann, der in seiner Kindheit selbst missbraucht wurde und heute Rache üben will. An einer Stelle habe ich sogar Mitleid mit diesem Mann, als mich Harald Schmidt ganz tief in dessen geschundene Seele schauen lässt. Was aber die Grausamkeit seiner Taten nicht schmälert.

Die Wut der Kommissare und Polizisten nach einem solchen Verbrechen kann ich aber auch sehr gut verstehen. Dass man sie aber nach Festnahme an ihm auslässt, darf nicht sein.

Wie schnell eine Familie an diesem Thema zerbrechen kann, wenn es unausgesprochen gärt, hat mich ebenfalls erschüttert.

Die handelnden Personen sind prägnant beschrieben, wirken absolut lebensecht. Die Geschichte, die aus zwei Erzählsträngen besteht, die sich schlussendlich annähern und deren Fäden aufgelöst werden, empfinde ich einerseits sehr verstörend, andererseits aufklärend. Hinschauen und nachfragen, wie es hier z.T. auch geschieht, ist sehr wichtig.

Mir hat das Buch mit seiner Geschichte sehr gut gefallen, wobei ich mich scheu zu sagen, ich hatte Lesespaß. Es ist eine sehr reale Geschichte in Form eines Thrillers, die absolut lesenswert ist und zum diskutieren anregt.


Schmidt, Harald
Gestohlene Zukunft

Amazon/ BoD
ISBN 9783741275203

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© Gaby Hochrainer, München 2016

Sonntag, 13. November 2016

Nele Neuhaus: Im Wald

Mit einer besonderen Spannung wartet der neue Kriminalroman von Nele Neuhaus auf. Bevor die eigentliche Handlung beginnt, gibt es zwei Abschnitte, die auf den ersten Blick nichts mit dem aktuellen Kriminalfall zu tun haben. Dabei ist der Prolog offensichtlich, nicht nur durch die mitgelieferte Datumsangabe, eine Rückblende auf ein Ereignis von mehr als vierzig Jahren. Der erste Abschnitt des ersten Kapitels lässt den Leser an dem Brand eines Wohnwagens auf einem Campingplatz teilhaben. Die gerne von Alkohol beseelte Felicitas Molis schaut mit Schrecken und Fernglas auf das lodernde Feuer.

Beide Abschnitte sorgen für Spannung, weil es sehr interessant wäre, zu wissen, welcher Zusammenhang zwischen ihnen besteht. Danach geht es schnell mit den Ermittlungen zur Sache. Oliver von Bodenstein, der adelige Ermittler dieser Autorin, wird zur Brandstelle gerufen. Doch die erste Vermutung, dass es sich um den seit Wochen tobenden Feuerteufel handelt, wird schnell zerschlagen. Im Wohnwagen wird eine Leiche gefunden. Bodenstein und seine Kollegin Pia Sander müssen in einem Mordfall ermitteln. Dann geht es offenbar Schlag auf Schlag, in kurzer Zeit gibt es weitere Tote. Und als Leser fragt man sich immer noch, warum der Prolog eine Situation von vor vierzig Jahren beschreibt.

Nele Neuhaus hat ein sehr umfangreiches, aber nicht weniger interessantes Figurenensemble geschaffen. Wegen der Geschehnisse vor 42 Jahren geht es in die Kindheit von Bodenstein zurück, seine Schulkameraden und Spielgefährten tauchen wieder in seinem Leben auf. Alte Erinnerungen werden hervorgeholt. Die Figuren sind detailreich und konfliktbeladen ausgearbeitet. Kaum eine gerade Figur. Die aus den vorangegangenen Romanen bekannten Figuren erscheinen in einem neuen Licht und erhalten neue Züge, was auch sie wiederum interessant macht. Die düsteren, in der Vergangenheit liegenden Geschehnisse der Bewohner der Taunusörtchen tun ihr Übriges.

Die Jahresangabe der aktuellen Handlung fand ich unnötig. Auch die sich gelegentlich wiederholende Informationen zu bestimmten Situationen sind redundant, denn dem Leser ist vieles schon nach dem ersten Lesen bekannt. Beide Kritikpunkte Schaden aber nicht meiner Bewertung mit höchster Punktzahl. Top-Buch!

Neuhaus, Nele
Im Wald
Ullstein Verlag, berlin
ISBN
9783550080555

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2016

Mittwoch, 9. November 2016

Annette Wieners - Fuchskind

Es ist Herbst und die Blätter fallen von den Bäumen auf die Wege des Friedhofes, auf dem Friedhofsgärtnerin Gesine Cordes arbeitet. Nachdem ihr schon ein Fuchs auf einem der Wege begegnet ist, findet sie unter einem Rhododendron eine blaue Babyschale mit einem kleinen Jungen. Erinnerungen an ihren eigenen toten Sohn werden wach.
Draußen, vor dem Friedhof, an der Bushaltestelle wird eine nackte tote Frau gefunden. Ist das die Mutter des Kindes?
Als ehemalige Kommissarin ist es für Gesine keine Frage, dass sie beginnt, nach den Eltern des Kindes zu forschen.
Ich bin mir nicht sicher, ob das Kommissarin Marina Olbrich, die in dem Mordfall der toten Frau ermittelt, gefällt...

2 Erzählstränge, die sich immer wieder überschneiden:
Zum einen wird der Fortgang der Geschichte aus Sicht von Gesine Cordes erzählt. Zum anderen bin ich bei den Ermittlungen von Martina Olbrich dabei, die bis nach Georgien führen.
Spannend ab der ersten Seite, mit einigen Wendungen und vielem Unvorhersehbarem hat das Lesen und mit ermitteln richtig Spaß gemacht. Doch auf den/die richtigen Täter bin ich erst sehr spät gekommen. Immer haben mir kleine Puzzleteilchen gefehlt.
Ich mag die vielschichtigen Charaktäre mit ihren großen und kleinen Schwächen, Fehlern aber auch Stärken. Gerade Gesine Cordes ist eine Frau, die man gerne mal unterschätzt. Ich habe diese vom Schicksal stark gebeutelte Frau gleich in mein Herz geschlossen, obwohl ich mit ihrem Handeln nicht immer einverstanden war bzw. es nicht immer verstanden habe.
Die Geschichte selbst hat ein sehr realistisches Thema und ist gut nachvollziehbar aufbereitet. Kinderhandel im Ausland, Prostitution, der Tod eines Kindes, 2 Halbwaisen, ein illegal geführter Verein mit illegal eingereisten Personen, und natürlich Mord – alles hat hier seinen Platz gefunden und wurde sehr gut in die Geschichte integriert. Aber auch eine beendete Liebe und eine vielleicht bald neu beginnende haben ihren Platz.
Vielleicht sollte man, um schon an die Personen herangeführt zu werden, doch als erstes den ersten Band um Gesine Cordes lesen: Kaninchenherz. Und genau das werde ich jetzt nachholen.
Ich habe sogar noch etwas gelernt:
Zwischen den einzelnen Kapiteln werden heimische Giftpflanzen skizziert, vorgestellt und erklärt, die im voran gegangenen Kapitel erwähnt wurden: Falscher Amaryllis, Herbstzeitlose, Mistel, Christuspalme. Das lockert das ganze etwas auf und hat mir sehr gut gefallen.
Wer eine interessante Geschichte mit charakteristisch starken, manchmal außergewöhnlichen Personen mag, die auch noch spannend und leicht zu lesen ist, der ist hier genau richtig.

Wieners, Anette
Fuchskind

Ullstein, Berlin
ISBN 9783548612515

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© Gaby Hochrainer, München 2016