Sonntag, 22. Februar 2015

Minette Walters: Der Nachbar

clip_image002Sicherlich, es war nur eine Frage der Zeit, bis ich einen Roman von Minette Wolters in den Händen halte. Bei meiner Englandaffinität muss schließlich ein solcher Roman von mir gelesen werden. Die britische Schriftstellerin ist dafür bekannt, dass ihre Krimis und Thriller einen starken britischen Charakter aufweisen. Ihr Roman "Der Nachbar" erschien 2001 und verbindet auf hervorragende Weise die Kriminalermittlung um ein vermisstes Mädchen mit einem gänzlich anderen Thema.

Darum geht es in dem Roman: In der Sozialsiedlung Bassindale bei Southampton schlägt bei der Bevölkerung die Aufregung in Chaos um. Ein zehnjähriges Mädchen ist verschwunden. Die Leute sind besorgt. Da sickert dank einer Sozialarbeiterin durch, dass in der Siedlung ein Sexualstraftäter unter einer neuen Identität einquartiert worden war. Die Erregung der Leute um das Verschwinden des kleinen Mädchens schlägt um in Hass. In Demonstrationen wollen sie ihrer Wut freien Lauf lassen. Doch unter die Demonstranten mischen sich auch randalierende Jugendliche. Unter Alkohol- und Drogeneinfluss basteln sich die Jugendlichen Benzinbomben und wollen diese gegen den Kinderschänder, den sie für den Entführer des kleinen Mädchens halten, einsetzen. Das kleine Viertel verwandelt sich in einen Hexenkessel. Es gibt Tote und zahllose Verletzte. Während ein großes Polizeiaufgebot unter Zuhilfenahme eines Polizeihubschraubers versucht wird, der Lage in dem Viertel Herr zu werden, forciert eine kleine Einsatzgruppe der Polizei die Ermittlungen im Falle der verschwundenen Amy.

Die Autorin hat den Roman in zwei Parallelhandlungen aufgeteilt. Da ist zum einen der Strang um die Ausschreitungen in dem Sozialviertel und zum anderen die Jagd und Suche nach dem Mädchen und ihrem Entführer. Gespickt wird die Handlung immer wieder mit Protokollen von der Polizei, die dem Ganzen den Hauch einer Liveberichterstattung geben. Vom Polizeihubschrauber aus wird die ganze Szenerie beobachtet und immer wieder ein Überblick über die Randalierer gegeben. Als die Randalierer das Oberwasser gewinnen, geraten selbst die Initiatoren der Demonstrationen in das Fadenkreuz dieser Rowdys. Der erste Tote allerdings ist selbst einer von den Randalierern, der durch seine eigene Benzinbombe in Brand gerät. Die hilfsbereite Ärztin gerät in die Fänge des Sexualstraftäters und seines Vaters. Dieser ist polnischer Abstammung und geht wahrlich nicht zimperlich mit der Ärztin um. Auch das gesamte Chaos im Viertel ist bildhaft beschrieben und versetzt den Leser in eine chaotische Ausnahmesituation. Chronologisch parallel erfährt der Leser von der Suche nach den zehnjährigen Mädchen. Dabei kommt es immer wieder sporadisch zu Kontakten mit den Leuten im Ausnahmezustand. Informationen werden hin und her gegeben. Aber zu einem wirklichen Zusammenführung beider Stränge wird es nicht kommen. Beide Stränge sind aufregend und spannend. In beiden Handlungsverläufen werden die Ursache für das Verschwinden des Mädchens aufgezeigt.

Die Aufmachung des Taschenbuches ist ansprechend. Neben den Protokollen der Polizei ist gleich zu Beginn eine Karte des Stadtteils mit den Straßen abgebildet, auf die der Leser immer wieder zurückgreifen kann, wenn die Straßennamen in der Handlung beschrieben werden. Das Flair der englischen Stadt und der englischen Landschaften kommt ausreichend rüber. Darauf liegt sicherlich nicht das Hauptaugenmerk der Schriftstellerin, aber wer die Großstädte in England kennt, kann eine gute Vorstellung von dem Sozialviertel bekommen. Die südenglische Stadt Southampton macht darin keinen Unterschied.

Der Roman ist extrem lesenswert und bietet eine gute Unterhaltung.

Walters, Minette
Der Nachbar
Aus dem Englischen von Mechtild Sandberg-Ciletti
Goldmann, München
ISBN 9783442457151

© Detlef Knut, Düsseldorf 2015

Dienstag, 17. Februar 2015

Geheimer Ort von Tana French


Der Tod von Chris Harper hat für viel Wirbel im Mädcheninternat St. Kilda gesorgt. Der Sechzehnjährige wurde im Park der Schule aufgefunden. Auf seiner Brust vier frisch gepflückte Hyazinthen. Was wollte der Junge aus dem benachbarten Jungeninternat mitten in der Nacht dort? Wie ist es ihm gelungen, nachts die Schule zu verlassen?
Chris Harpers Tod wirft viele Fragen auf, die jedoch auch durch die Polizei nicht aufgeklärt werden. Ein Jahr laufen die Ermittlungen bereits, von einer Lösung des Falls kann jedoch keine Rede sein. Eigentlich liegen die Ermittlungen mittlerweile sogar auf Eis. Die Wogen haben sich geglättet, die Eltern sind wieder ruhiger. Also kann alles seinen gewohnten, traditionellen und gesitteten Gang gehen.
Doch dann taucht plötzlich eine Karte am „Geheimen Ort“ auf. Einem schwarzen Brett, an dem die Mädchen anonym Nachrichten, Karten, Fotos oder andere Mitteilungen anbringen können. Auf dieser Karte steht „ICH WEISS, WER IHN GETÖTET HAT“. Gefunden wird die Karte von Holly Mackey, die sie abnimmt und Stephen Moran bringt. Einem Detective, der den Fall zwar nicht bearbeitet, jedoch vor Jahren Hollys Vertrauen erlangt hat. Holly, damals war sie gerade 10 Jahre alt, ist die Tochter von Frank Mackey, dem bekannten Leiter der Abteilung „verdeckte Ermittlung“. Seinerzeit war sie Zeugin in einem Mordfall in Mackeys Familie. Nun ist sie ein Teenager und Schülerin am Internat St. Kilda. Durch ihren Hinweis werden die Ermittlungen wieder aufgenommen und da Stephen Morans positive „Bindung“ zu Holly hilfreich sein kann, darf er die leitende Ermittlerin im Mordfall Chris Harper, Antoinette Conway, begleiten. Eine gehörige Herausforderung für Stephen, der natürlich gerne den Sprung von den „ungelösten Fällen“ in die Mordkommission schaffen würde. Doch Conway, bissige, toughe Einzelkämpferin, macht es ihm alles andere als leicht …
Erschienen als Klappenbroschur
bei Scherz / Fischer Verlage
insgesamt 400 Seiten
Preis: 14,99 €
ISBN: 978-3-651-00051-3
Kategorie: Krimi
© Buchwelten 2015

Donnerstag, 5. Februar 2015

Das Haus der Geister von John Boyne


Man schreibt das Jahr 1867 und die 21 jährige Eliza Caine lebt gemeinsam mit ihrem Vater in London. Die beiden verstehen sich sehr gut, sind sie schon sehr lange ein Zweierteam. Als Eliza gerade 9 Jahre jung war, verstarb ihre Mutter.
Nach einem gemeinsamen Abend bei einer wunderbaren Lesung des berühmten Schriftstellers Charles Dickens verschlechtert sich die Erkältung von Elizas Vater drastisch und er verstirbt. So allein in der großen Hauptstadt möchte Eliza nicht bleiben. Eine baldige Hochzeit wird ausbleiben, denn Eliza ist keine Schönheit. Und da sie die Arbeit mit Kindern liebt – sie arbeitet als Lehrerin an einer Mädchenschule, wo sie die Kleinsten unterrichtet – überlegt sie nicht lange, als ihr die Annonce in der Zeitung ins Auge springt: Für das Anwesen Gaudlin Hall in Norfolk wird eine Gouvernante gesucht. Sie bewirbt sich schriftlich und erhält eine Zusage, ohne sich überhaupt vorgestellt zu haben. Auch wenn dies etwas seltsam scheint, begibt sich Eliza Caine nach Norfolk, um in Gaudlin Hall ihre Stellung anzutreten. Sie weiß nicht, wie viele Kinder in welchem Alter sie betreuen wird, hofft jedoch an ihrem ersten Abend von den Herrschaften des Hauses ordentlich empfangen und aufgeklärt zu werden. Doch dies geschieht nicht, sondern ihre Ankunft auf Gaudlin Hall ist der Beginn zu einer Reihe unheimlicher und auch lebensbedrohlicher Ereignisse ….
Erschienen als Klappenbroschur
im Piper Verlag
insgesamt 336 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN: 978-3-492-06004-2
Kategorie: Gruselroman/Geistergeschichte
© Buchwelten 2015

Montag, 2. Februar 2015

T. C. Boyle: Hart auf Hart

 

clip_image002T. C. Boyle ist bekannt für die großen Themen, die er anpackt. Mit seinem neuesten Roman beweist er dies ein weiteres Mal. Um es vorwegzunehmen: Dies ist für mich der beeindruckendste Roman seit „Drop City“. Er steht in der Tradition von „Drop City“ und „Grün ist die Hoffnung“. Sicherlich ist jedes Werk dieses Autors beeindruckend und auf seine Weise faszinierend. Mit „Hart auf Hart“ hat er aber einen Roman geschaffen, der einem Thriller nahekommt, nicht nur im Titel das Wort „hart“ verkraftet (im Original „The Harder They Come“) und dabei das große Thema „Freiheit“, so wie es Amerikaner verstehen, auf eine ungewöhnliche Weise aufgreift. Der absolute Freiheitsanspruch beinhaltet in den USA auch den Besitz von Waffen. Doch die Schattenseite dieses Freiheitsanspruches wird auch heute noch nicht von den meisten Amerikanern eingesehen.

Hauptperson ist der kranke Adam. Adam leidet an Verfolgungswahn. Er sieht überall Feinde, Chinesen und Aliens. Das ist kein Spaß. Schon als Kind hat er sich in der Schule (sein Vater war dort Direktor) völlig daneben benommen. Er musste die Schulen wechseln und seine Eltern versuchten, ihn in entsprechende Therapien zu bringen. Doch nichts hat geholfen. Schließlich gaben seine Eltern auf. Spätestens als die Hilfe des Vaters an den Datenschutzgesetzen – die Ärzte gaben ihm keine Auskunft um den wahren Gesundheitszustand seines Sohnes - scheiterte, wusste dieser nicht mehr, wie er an seinen Sohn herankommen sollte. Adam liebt seit seiner Kindheit die Geschichten um den Waldläufer Colter. Er nimmt sich diesen als Vorbild und identifiziert sich schließlich mit diesem. Von Leuten in seiner Umgebung, nicht zuletzt die Zufallsbekanntschaft Sara, erwartet er, dass sie ihn mit „Colter“ anstatt mit „Adam“ anreden. Und ganz wie Colter, der vor 200 Jahren lebte, beginnt Adam ein Leben im Wald, baut sich einen Rückzugsort inklusive Waffenlager.
Neben Adam sind seine Eltern Carolee und Sten sowie seine Freundin Sara tragende Figuren in diesem Roman. Der Vater Sten ist Vietnamveteran und wird entsprechend als amerikanischer Patriot gefeiert. Zumindest fühlt er sich so, besonders nachdem er bei einem Überfall in Costa Rica, welches er auf einem Kreuzfahrtschiff mit seiner Frau besuchte, die Banditen zur Strecke brachte. Sten verkörpert den amerikanischen Begriff von Freiheit. Freundin Sara hingegen ist eine Revoluzzerin der Neuzeit. Sie ist mit der aktuellen Politik und den Politikern unzufrieden, bezeichnet die Regierung als illegal und ihr widerstrebt jegliche Zusammenarbeit mit den Ordnungshütern des Landes. Bei einer Verkehrskontrolle verweigert sie das Vorzeigen des Führerscheins und geht dafür in den Knast. Auf Kaution freigekommen ignoriert sie den Gerichtstermin. „Ich habe mit Euch keinen Vertrag“, ist ihre Standardantwort gegenüber den Behörden.
Die Spannung des gesamten Romans liegt immer in der Frage, was mit den Leuten geschieht. Die anfängliche Konstellation legt zwar einen Amoklauf nahe, aber unter welchen Umständen und wie wichtig dabei das Beziehungsgeflecht der einzelnen Personen ist, wie sie zueinander stehen, zieht den Leser immer wieder in das Geschehen hinein. Wunderbar verflochten ist dabei die Geschichte um den Waldläufer Colter. Dessen Kämpfe mit Indianern und Verbrechern in seiner Zeit gehen dem Protagonisten immer wieder durch den Kopf. Es werden immer wieder Parallelen zwischen Colter damals und Colter heute (also Adam) aufgezeigt. Wer die Symbole in Adams Gedanken erkennt, wird daraus ableiten können, was Adam demnächst machen wird. Man kommt beim Lesen davon nicht los.

Wunderbar zu lesen ist der Stil des Autors. Es ist ein plaudernder Ton, nicht gerade vom Stammtisch, aber an manchen Stellen klingt es einfach, als würde man dem Autor beim Schreiben zuhören. Er sitzt an seinem Schreibtisch, seine Gedanken zur Geschichte fließen ihm zu und während er den Satz schreibt, fällt ihm dazu noch etwas ein, was er dann gleich hinten dran hängt. Das liest sich etwa so: „Und er hatte sich jede einzelne (Spielkarte) angesehen. Ja, wirklich. Und festgestellt, dass das Karo As fehlte – nicht das Pik As, sondern das Karo As -, und ob das etwas zu bedeuten hatte und wenn ja, was, wusste er nicht. Er war nicht abergläubisch. Oder vielleicht doch.“. Zugegeben, dies ist ein Zitat aus der deutschen Fassung des Romans, was aber hervorragend auf die Übersetzungskraft von Dirk van Gunsteren verweist, der es wie kaum ein anderer versteht, nicht nur Wörter und Sätze zu übersetzen, sondern ganze Situationen überträgt.

Boyle schafft es mit dem Roman, den Leser zu fesseln, obwohl kaum eine Figur, ausgenommen vielleicht Saras Freundin und Saras Hund, wirklich liebenswert ist. Als Leser mag man sich mit keiner Figur identifizieren, sie sind einfach nicht sympathisch genug. Dennoch üben sie alle einen großen Sog aus.

Boyle, Thomas C.
Hart auf Hart
aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Hanser Verlag, München
ISBN: 9783446247376

© Detlef Knut, Düsseldorf 2015





Sonntag, 1. Februar 2015

Mädchenjäger von Paul Finch


Detective Mark „Heck“ Heckenburg ist Sergant der Abteilung Serienmorde und hat die letzten zwei Jahre daran gearbeitet, die Verschwinden und wahrscheinlichen Morde an 38 Frauen aufzuklären. Alle standen mitten im Leben, hatten Familie und gute Jobs. Und sie alle verschwanden während „normalen“ Alltagsabläufen spurlos. Heck ist sicher, dass diese Fälle zusammenhängen. Seine Vorgesetzten sehen das (natürlich auch aus finanziellen Gründen) anders. Sie legen den Fall/die Fälle auf Eis, sehen ihn/sie als derzeit abschlossen. Heck ist damit alles andere als einverstanden. Offiziell lässt er sich für gute vier Wochen beurlauben, um natürlich in seiner Freizeit weiter zu ermitteln. Mit seiner Vorgesetzten Gemma Piper spricht er darüber und sie gibt ihm mehr oder weniger seinen Segen. Während Heck eine wichtige Spur verfolgt, bekommt er unerwartete Hilfe von der Schwester einer der vermissten Frauen. Lauren Wraxford, Soldatin, lässt sich nicht abwimmeln und will gemeinsam mit Heckenburg herausfinden, was mit ihrer Schwester geschah. Dies hat sie ihrer Mutter versprochen. Eine Suche beginnt, die mit jedem Teil des Puzzles, welches die beiden mühselig ineinanderfügen, immer gefährlicher wird …


Erschienen als Taschenbuch
bei PIPER
insgesamt 464 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN: 978-3-492-30462-7
Kategorie: Thriller

© Buchwelten 2015