Sonntag, 30. Juni 2013

Joyland von Stephen King


Man schreibt den Sommer 1973 und Devin Jones will – bevor er zum College geht – den Sommer nutzen, um Geld zu verdienen. Dazu bewirbt er sich in JOYLAND, einem kleinen, nicht wirklich modernen, Freizeitpark an der Küste von North Carolina. Devin bekommt den Job, eigentlich ohne große Schwierigkeiten, irgendwie hat der junge Mann etwas an sich, dass die Menschen mögen. Dev ist relativ schnell überall sehr beliebt. Leider sieht das seine Freundin Wendy etwas anders, denn sie gibt ihm kurz vor der Abreise den Laufpass. Für Devin bedeutet dies ein gebrochenes Herz, was bekanntlich in jungen Jahren sehr schmerzhaft ist.
Doch Devin versucht sein Bestes, um darüber hinwegzukommen. Er bekommt ein schnuckeliges, kleines Zimmer zur Miete, gelegen in einem schönen Haus, direkt am Strand. Die Vermieterin ist eine angenehme, nette Frau, die eine Menge über JOYLANDzu berichten weiß. Außerdem kann Devin von dort aus jeden Tag am Strand entlang zu seinem Arbeitsplatz laufen. Er genießt diese Fußmärsche sehr. Das Meer mit seinen Gerüchen und Klängen hilft ihm, seinen Kopf klar zu bekommen.
Devin lernt in diesem Sommer eine Menge neuer Menschen kennen, die ihm größtenteils alle sehr schnell ans Herz wachsen. Da sind seine Kollegen Erin und Tom, die im gleichen Strandhaus wohnen wie er. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft, die lange Jahre währt. Dann sind da noch der keine Junge im Rollstuhl, sein Hund und seine unnahbar scheinende, schöne Mutter, die Dev jeden Tag am Strand sitzen sieht, wenn er zur Arbeit geht und von dort zurückkommt. Diese außergewöhnliche, kleine Familie soll Devin in diesem Sommer näher kennenlernen und auch hier entwickelt sich eine besondere Freundschaft.
Devin fühlt sich nach seinem Sommer in JOYLAND so wohl, dass er beschließt länger zu bleiben. Er bekommt eine Festanstellung und ist somit kein Hilfsarbeiter mehr, sondern einer von ihnen. Devin hat sich in JOYLAND verändert. Er ist selbstbewusster geworden, stärker, mutiger und offener. Er hat das Gefühl, dort hinzugehören, mag den „Slang“ des Rummels, die sonderbare Geheimsprache der Mitarbeiter. Er verabschiedet sich von Erin und Tom, die nach diesem Sommer ihre Zeit auf dem College verbringen.
Da ist er nun. Der neue, andere Devin, der in JOYLAND geblieben ist, weil er den Flair dort trotz aller harter Arbeit liebt. Und außerdem ist da noch etwas in JOYLAND: ein Geheimnis, ein Gerücht, dem er unbedingt auf den Grund gehen will. Im Horror House, der Geisterbahn, soll es spuken. Dort soll ein Mädchen umgebracht worden sein und ihr Geist soll dort nach wie vor verweilen. Erin ist im aus der Ferne behilflich Informationen über das ermordete Mädchen zu erhalten. Und mit seinen Nachforschungen bringt Devin sich in Gefahr, ohne dass er es bemerkt …
Erschienen als
gebundene Ausgabe
im
HEYNE Verlag
352 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3-453-26872-2
© Buchwelten 2013

Donnerstag, 20. Juni 2013

Das Geschenk der Wölfe von Anne Rice



Der gutaussehende Journalist Reuben soll für sein “Blatt” einen Artikel über das alte Herrenhaus der Familie Nideck schreiben. Es liegt direkt an der Küste Nordkaliforniens und Reuben verliebt sich direkt, noch vor dem ersten Betreten, in dieses Haus. Er trifft die Nichte des vor ca. 20 Jahren verschwundenen und mittlerweile für tot erklärten Felix Nideck, die das Haus geerbt hat und alsbald verkaufen möchte. Merchant Nideck, die Nichte, hat sehr an ihrem Onkel Felix gehangen und so denkt sie, dass es wichtig ist, einen Schlussstrich zu ziehen und sich von ihren Erinnerungen zu trennen.
Das Haus hat eine eigene Aura, die Reuben sofort in seinen Bann zieht: die vielen gemütlichen Räume, geschmackvoll eingerichtet, voller Bücher, Antiquitäten und Sammlergegenständen aus längst vergangenen Tagen, all dies begeistert den Journalisten sogleich. Er beginnt recht schnell Überlegungen zu treffen, dieses Haus vielleicht selbst zu kaufen. Die Mittel dazu hätte er ohne weiteres. Auch wenn er dazu das Leben im turbulenten Stadthaus seiner Familie aufgeben müsste, in dem er gerne lebt. Er ist ein Familienmensch und gerne mit ihnen zusammen. Dennoch, der Gedanke, dass er der neue Besitzer von „Kap Nideck“ wird, lässt ihn nicht los. Dort würde er endlich die Ruhe und Abgeschiedenheit finden um seinen literarischen Ambitionen zu folgen.
Doch am Abend der Besichtigung wechselt die schöne und angenehme Atmosphäre im Haus schlagartig. Einbrecher sind im Haus und das Chaos bricht aus. Merchant wird getötet, Reuben schwer verletzt. Doch das waren nicht die Einbrecher, denn die wurden bestialisch getötet. Reuben ist sich sicher, dass ein großer Hund oder ein ähnliches Raubtier ihn angefallen, dann aber verschont hat. Niemand glaubt ihm. Doch Reubens Wunden verheilen erstaunlich schnell und er scheint plötzlich wieder Wachstumshormone auszuschütten. Er wächst, verändert sich. Als Reuben beginnt Stimmen in der ganzen Stadt zu hören, weiß er, dass mit ihm etwas nicht stimmt.
Dann setzt die erste Verwandlung ein. Reuben wird zum Wolfsmensch und voller Kraft und Energie ist seine erste Tat die, ein Vergewaltigungsopfer vor ihrem Schänder zu retten ….
Erschienen als Klappenbroschur
im Rowohlt Verlag
insgesamt 656 Seiten
Preis: 15,99  €
ISBN: 978-3-499-23860-4
Kategorie:  Mystery Abenteuer
© Buchwelten 2013

Samstag, 15. Juni 2013

Nina George: Das Lavendelzimmer

image Nina George hat mit diesem Roman einen stillen, poetischen, äußerst besinnlichen Roman geschaffen. Einen Roman der leisen Töne.
Worum geht es? Jean Perdu, seines Zeichens Buchhändler in Paris, nennt seinen Buchladen, der auf einem Flussschiff eingerichtet ist, "Literarische Apotheke". Perdu hat nämlich eine besondere Gabe: Er vermag auf den ersten Blick zu erkennen, welches Buch zu einem Kunden mit dessen persönlicher Gemütslage am besten passt. Deshalb verkauft er für sein Verständnis keine Bücher, sondern er empfiehlt die Bücher als Medizin gegen den jeweiligen Gemütsschmerz des Kunden. Oft handelt es sich immer um eine besondere Form des Herzschmerzes. Anders ausgedrückt: Er empfiehlt ein Buch als Medizin für das Leben. Doch Perdu ist einsam. Vor 21 Jahren hat ihn seine große Liebe verlassen. Ohne ein Wort. Die Erinnerung an seine Geliebte Manon hat es ihm in all den Jahren verboten, je wieder an eine andere Frau zu denken. Da taucht plötzlich ein Brief seiner Liebe auf. Er hatte von diesem Brief gewusst. Der Brief war bereits vor 21 Jahren abgeschickt worden. Damals hatte er ihn auch erhalten, aber er wollte ihn zu der Zeit nicht lesen, weil er ganz tiefen Schmerz verspürte. Also verbannte er ihn in die hinterste Ecke seiner literarischen Apotheke. Doch als ihm der Brief jetzt wieder in die Hände fällt, schickt sich die schöne Nachbarin Chaterine an, Perdu dazu zu bewegen, diesen Brief zu lesen. Zaghaft und missmutig beginnt Perdu, doch er liest ihn. Perdu erfährt Erschütterndes und beschließt, noch einige Kapitel in seinem Leben zu Ende zu bringen. Das macht er, indem er mit seinem Buchladen vom Ufer ablegt und sich auf eine Reise in den Süden Frankreichs begibt. Jedoch in letzter Minute springt dabei Max Jordan, ein junger Schriftsteller, der gerade einen Bestseller gelandet hat, auf den Kahn und begleitet Perdu auf seinem Weg. Wie ein väterlicher Freund nimmt der ihn auf. Die Dialoge zwischen dem jungen Schriftsteller und dem alten Buchhändler sind einfach nur köstlich.
Wenn der Roman auch in vielerlei Hinsicht ein traurig schöner Liebesroman ist, lässt er trotzdem nicht den Humor vermissen. Über weite Strecken sind es die Aufeinandertreffen zwischen dem Buchhändler Jean Perdu und dem Schriftsteller Max Jordan, die dem Leser ein ständiges Lächeln auf sein Gesicht zaubern. Ein Lächeln, das er nur vergeblich unterdrücken kann. Aber auch weitere Reisende, die sich auf dem Weg in den Süden anschließen, tragen zu der amüsanten Stimmung bei.
Die Wortgewandtheit der Autorin spricht alle Sinne des Lesers an. Er kann sich kaum dem Drang entziehen, selbst auf die Tanzfläche zu gehen und einen argentinischen Tango zu tanzen, als über mehrere Seiten die Begegnung des Protagonisten mit einer Tangotänzerin in einem heimlichen Club für Tangotänzer geschildert wird. All die Wollust, all die Leidenschaft, die aus den Tänzen spricht, setzt sich beim Leser im Kopf fort. Ein Beispiel gefällig? »Er ist klein, dick und, objektiv gesehen, nicht in der ersten Reihe der Männer, die auf ein Wandposter gehören. Aber er ist klug, stark und kann wahrscheinlich alles, was wichtig ist für ein liebevolles Leben. Er ist für mich der allerschönste Mann, den ich je küssen werde.«
Die Autorin schafft es hervorragend, das französische Flair wiederzugeben. Viele Örtlichkeiten in Paris, all die vielen Straßen und Gassen, die Nachbarn im Haus Rue Montagnard Nummer 27, die Concierge, alles scheint so vertraut. Dafür kann es nur die höchste Wertung geben.
George, Nina
Das Lavendelzimmer
Hardcover
Knaur, München
ISBN 9783426652688

© Detlef Knut, Düsseldorf 2013

Donnerstag, 13. Juni 2013

Voodoo von Nick Stone



Max Mingus hat seinen Polizeijob bereits vor Jahren aufgegeben. Er hat danach als sehr erfolgreicher Privatermittler gearbeitet. Seine Erfolgsquote war phänomenal. Doch dann hat Max etwas getan, dass ihn für einige Jahre ins Gefängnis gebracht hat. Während er dort einsaß hat er das wichtigste in seinem Leben verloren. Seine Frau Sandra starb bei einem Autounfall, alle Pläne für nach seiner Entlassung waren dahin. Die Liebe seines Lebens … fort.
Bereits während der letzten Zeit im Gefängnis versucht ein haitianischer Milliardär namens Allain Carver Max für einen Auftrag zu gewinnen. Er schreibt regelmäßig Briefe ins Gefängnis, die Max ignoriert. Carver ruft ihn an, Max legt sofort auf. Doch der reiche Ausländer gibt nicht auf.
Als Max nach seiner Entlassung zunächst in ein Hotel geht, weil er es nicht ertragen kann, schon nach Hause zu gehen, wo nichts außer Erinnerungen auf ihn wartet, erhält er erneut einen Anruf von Allain Carver. Und diesesmal hört Max ihn an. Carver erzählt im, dass sein 2-jähriger Sohn Charlie vor zwei Jahren verschwand. Er bietet Max Mingus eine Unsumme an Dollars an, wenn er den Auftrag übernimmt, seinen Sohn aufzuspüren.
Nach einiger Bedenkzeit nimmt Max Mingus den Auftrag an. In erster Linie nicht wegen des Geldes, eher um eine Aufgabe zu haben. Die Sache hat jedoch einen Haken: bereits zwei Ermittler vor Max haben versucht, den Jungen zu finden. Der eine ist spurlos verschwunden, der andere lebt zwar noch, ist aber nicht mehr ganz er selbst. Trotzdem fliegt Max Mingus nach Haiti, einem Land, in dem es Voodoo und schwarze Magie gibt und wo die Legende des Ton Ton Clarinette umgeht: seit etwa 200 Jahren soll er Kinder stehlen.
Auf Haiti angekommen, lernt Max den Patriarchen des Carver Imperiums kennen. Gustav Carver, ein Mann mit einer sehr starken, dominanten Ausstrahlung, vor der selbst der Sohn Allain klein wirkt. Max bekommt das Gästehaus der Carvers für seinen Aufenthalt zur Verfügung gestellt und beginnt seine Suche nach dem verschwundenen kleinen Erben des Carver Imperiums. Dabei stößt Max auf viele dunkle, verzwickte Geheimnisse, begibt sich in Gefahrensituationen, lässt sich jedoch durch nichts abschrecken. Was hat er schon zu verlieren ….
Erschienen als Taschenbuch
im Goldmann Verlag
insgesamt 608 Seiten
Preis: 9,95  €
ISBN: 978-3-442-46336-7
Kategorie:  Thriller
© Buchwelten 2013

Mittwoch, 12. Juni 2013

Nacht aus Rauch und Nebel von Mechthild Gläser


Floras Lebens als normaler Teenager am Tag und Wandernde des Nachts hat sich einigermaßen eingependelt. Ihre beste Freundin Wiebke ist eingeweiht und Flora selbst hat sich mit ihrem Leben als Prinzessin von Eisenheim arrangiert.
Nur klappt das Miteinander mit Marian nicht so, wie Flora es sich wünschen würde. Gegen Ende des ersten Abenteuers musste sie etwas tun um Eisenheim zu retten. Damit war Marian allerdings nicht nur nicht einverstanden, er ist stinksauer darüber. Er spricht nicht mehr mit ihr. Weder tagsüber, noch nachts in Eisenheim.
Floras Vater, der Fürst von Eisenheim ist völlig überfordert als auf die Schattenstadt immer größere Probleme zukommen. Das Nichts breitet sich unaufhaltsam und in einer rasenden Geschwindigkeit aus. Es vernichtet immer mehr Teile Eisenheims. Niemand weiß, was er dagegen tun kann. Doch Flora ahnt, dass sie vielleicht etwas mit dem ganzen Desaster zu tun hat. Denn jedesmal wenn das Nichts sich rührt, bekommt sie dies mit unangenehm starken Schmerzen am eigenen Leib zu spüren. Und der Ascheregen, der dabei vom Himmel fällt verbrennt ihren Körper. Ist sie an dem Unheil schuld, dass Eisenheim bedroht? Liegt es am Weißen Löwen, den sie versteckt hat und von dem sie behauptet hat, dass sie die Erinnerung an das Versteck verloren hat?
Floras Entscheidung nimmt mit jedem Stadtteil, den das Nichts verschlingt, mehr Formen an. Sie muss dem Rätsel des Nichts auf die Spur kommen. Doch leider scheint es hierfür nötig zu sein, sich mit ihrem ärgsten Feind zu verbünden. Dem eisernen Kanzler …
Erschienen als
gebundene Ausgabe
im LOEWE Verlag
400 Seiten
Preis: 17,95  €
ISBN 978-3-7855-7445-4
Kategorie: Fantasy/Jugendbuch/All Age
Erscheint am 17.06.2013
© Buchwelten 2013

Dienstag, 4. Juni 2013

Sterbensschön von Chelsea Cain



So langsam aber sicher beginnt Archie Sheridan wieder „normal“ zu leben, zumindest so gut es unter seinen Umständen möglich ist. Die seelischen Wunden, die die schöne Serienkillerin Gretchen Lowell ihm zugefügt hat, werden wahrscheinlich niemals so vernarben, wie die körperlichen Narben. Aber immerhin ist Archie von den Schmerzmitteln runter, er hat die Tablettensucht besiegt.
Dennoch ist er in Gedanken nach wie vor oft bei Gretchen, doch er wahrt den Abstand zu ihr. Archie ist in eine neue Wohnung gezogen, in ein geräumiges Loft, wo angenehmerweise gerade eine attraktive Nachbarin die Wohnung unter ihm bezieht. Sie gefällt ihm, vielleicht hat das ein klein wenig mit der optischen Ähnlichkeit zu Gretchen zu tun?
Jedoch kommt Archie beruflich nicht zur Ruhe. Das Hochwasser ist zwar überstanden, doch die Aufräumarbeiten in der Stadt laufen noch auf Hochtouren. Und dann wird eine Leiche entdeckt. Das Opfer wurde im Park erhängt, geknebelt und gehäutet. Der Mordfall zeigt nicht Gretchens Handschrift, was auch nicht möglich sein kann. Denn Gretchen sitzt sicher in der Psychiatrie und wird zu Archies Freude so sehr unter Medikamente gesetzt, dass die Beauty Killerin nicht einmal mehr ihre Schönheit als Waffe nutzen kann, denn die ist derzeit dahin.
Und trotzdem erreicht Archie aus der Klinik eine Nachricht von Gretchen. Die liefert sie nicht an ihn direkt, denn sie weiß, dass er nicht zu ihr kommt. Nein, sie lockt die Journalistin Susan Ward mit einem Interview. Gretchen behauptet Details zum aktuellen Mordfall zu kennen, sie nennt sogar einen Namen. Was führt diese Frau wieder im Schilde? Spielt sie wieder ihr geliebtes Katz und Maus Spiel mit Archie? Weiß sie wirklich etwas oder versucht sie erneut, ihn zu sich zu locken, weil sie genauso wenig von ihm lassen kann, wie er von ihr? Und die wichtigste Frage: Bleibt Archie stark …?
Erschienen als Taschenbuch
bei blanvaletinsgesamt 416 Seiten
Preis: 9,99  €
ISBN: 978-3-442-38151-7
Kategorie: Thriller
© Buchwelten 2013

Montag, 3. Juni 2013

Silvia Avalone: Ein Sommer aus Stahl

image Die 13jährigen Mädchen Anna und Francesca leben in der italienischen Hafenstadt Piombino. Das Leben der heranwachsenden Mädchen spielt sich zwischen dem Strand und der Via Stalingrado ab, hier sind sie umgeben von Stahlarbeitern, Staub und der Sommerhitze. Gerne kokettieren sie mit den älteren Jungs. Und obwohl sich die nur wenige Jahre älteren Mädchen abfällig über die provozierenden Freundinnen unterhalten, müssen Sie sich doch eingestehen, dass sie selbst wenige Jahre zuvor nicht anders waren. Die Väter der beiden Freundinnen sind bzw. waren in dem nahe gelegenen Stahlwerk beschäftigt. Sie sind alles andere als treuliebende Familienväter. Im Gegenteil, Alkohol und Prügel für die Ehefrau als auch für die Kinder stehen auf dem Fahrplan. Da wundert es nicht, dass sich der ältere Bruder von Anna um sie kümmert und auf sie aufpasst. Er hält ein waches Auge auf seine kleine Schwester, damit sie nicht von den Jungs angemacht oder gar geschmälert wird. Anna lässt sich davon trotzdem nicht abhalten, den Jungs schöne Augen zu machen.
Was mich an diesem Roman besonders fasziniert hat, ist die Atmosphäre, die durch die Schriftstellerin und deren Übersetzer Michael von Killisch-Horn, erzeugt wird. Da ist zunächst einmal die Stimmung von Sommer, Sonne, Strand und Ferien. Infolge des nahe befindlichen Stahlwerks kommt aber auch ein Hauch von Dortmund aus den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Vorschein. Die Atmosphäre in dem Mietshaus brachte bei mir ein Gefühl von Duisburg, Essen oder Köln-Kalk hervor. Die Brutalität in der Familie erinnert an das dümmliche Klischee von Hartz-IV-Familien. Diese dort herrschende drückende Enge belastet die heranwachsenden Freundinnen. Sie wollen ausbrechen aus diesem System. In noch während Maria keine großen Chancen sieht, jemals den Duft der großen weiten Welt einatmen zu können, ist Anna ganz anderer Meinung und möchte ihr Leben richtig anpacken. Während sie mit den Jungs auf dem Motorroller die Via Stalingrado auf- und abfahren, träumen sie von der Insel Elba, die sie in der Ferne am Horizont sehen können und die für sie schon ein Stück der großen weiten Welt bedeutet. Diese Atmosphäre wird durch unterschiedliche Erzählperspektiven geschaffen, mit denen die Autorin Sylvia Avalone experimentiert. Obwohl es im Wesentlichen um eine Liebesgeschichte geht, ist es weitaus mehr als eine solche. Ein ganz großes Thema sind schließlich die sozialen Spannungen die in dieser Region herrschen, welche von der Stahlindustrie geprägt ist. Dennoch scheint alles mit Leichtigkeit erzählt zu sein. Auch wenn das Leben trotz der blauen Flecke auf den Armen so sorglos scheint und der Leser das Gefühl hat, die Mädel würden einfach nur so in den Tag hinein leben.
Obwohl ich anfangs skeptisch war und das Buch in die Ecke der Jugendliteratur stellen wollte, wurde ich eines Besseren belehrt. Mich hat die Geschichte der Mädchen gepackt. Ich habe sie gerne auf dem Weg ins Erwachsensein begleitet und dabei Spaß gehabt. Ein weiteres Mal habe ich festgestellt, dass mich neben der Spannung der Geschichte auch die Atmosphäre einfangen kann. Wenn dann beides stimmt, um besser. Gerne volle Punktzahl.
Avalone, Silvia
Ein Sommer aus Stahl Aus dem Italineischen von Michael von Killisch-Horn
Hardcover
Klett-Cotta, Stuttgart
ISBN 9783608938982
© Detlef Knut, Düsseldorf 2013