Mittwoch, 28. März 2012

Töte Deinen Nächsten von Michael Herzig




Die Züricher Stadtpolizistin Johanna di Napoli ist eine eher außergewöhnliche Ermittlerin. Eigenwillig, nicht immer umgänglich und die Vorschriften nimmt sie auch nicht so genau, wenn es ihrer Ansicht nach zu einem Ermittlungserfolg führt. Dies ist zuletzt geschehen, bei der Verhaftung einer umstrittenen Größe des Rotlichtmileus. Ihr Einsatz ist erfolgreich verlaufen, allerdings unter Androhung von Folter, was ihr ein Disziplinarverfahren einbringt und ausserdem noch eine Menge böses Blut, auch unter den Kollegen. Lediglich der selbst ungeliebte Kollege Köbi hält ihr die Treue und Freundschaft und steht Jo immer wieder zur Seite.
Privat läuft es auch nicht so prickelnd bei der Ermittlerin. Johanna trinkt zu oft und zuviel und verwickelt sich in One-Night-Stands, an die sie sich am Morgen danach nicht mehr erinnern kann.
Als Strafarbeit oder auch Beschäftigungstherapie erhält Johanna den Auftrag sich um Deutsche zu kümmern, die in der Schweiz leben und unter fremdenfeindlichen Hintergründen bedroht werden.
So findet z.B. ein Professor sein Auto mit Schmierereien vor und eine Pflegerin bekommt massive Drohbriefe. Der Hass auf die billigen Einwanderer scheint recht gross und dem soll di Napoli nachgehen.
Als während eines Staatsbesuchs der deutsche Politiker Holger Schmitz erschossen und der neben ihm stehende Professor Thorsten Kühne verletzt wird, spitzen sich die Dinge zu. Denn Thorsten Kühne ist einer der Deutschen, die die Ermittlerin wegen der Bedrohungen aufgesucht hat …


Erschienen als
gebundene Ausgabe
im  grafit Verlag
287 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN:  978-3-89425-668-5

© Buchwelten 2012

Dienstag, 27. März 2012

Mein Böses Herz von Wulf Dorn



Die 16-jährige Doro hat einiges durchgemacht. Nach dem Tod ihres kleinen Bruders Kai (er war ca. 1 Jahr alt) ist die Ehe ihrer Eltern zerbrochen und Doro wurde in die Psychiatrie eingewiesen, weil sie unter Halluzinationen litt. Sie hat in der Schule ihren toten Bruder gesehen und sich schreiend in der Toilette eingeschlossen. Mittlerweile wird sie nur noch medikamentös behandelt und ist nach wie vor in ambulanter Psychologischer Behandlung.
Die soll ihr helfen, ihre Erinnerung wieder zu erlangen, denn sie hat komplett alles vergessen, was am Abend vor Kais Tod geschehen ist. Sie weiss nur noch, dass sie es war, die den Kleinen morgens tot in seinem Gitterbettchen gefunden hat und dass sich ab diesem Moment ihr Leben vollständig verändert hat.
Doro ist eine Synnie, eine Synästhetikerin. Das sind Menschen die viel intensivere Sinne haben als üblich. Sie können unter anderem die Farben der Menschen sehen. Die Farben, die ihrer Aura entsprechen. Das macht es Doro nicht unbedingt leichter. Denn als Synnie ist sie für heftige Träume, Stimmen in ihrem Kopf und Halluzinationen zusätzlich noch viel empfänglicher.
Doros Mutter hat auf dem Land, im kleinen Kaff Ulfingen, einen neuen Job gefunden und dort für sich und ihre Tochter ein kleines Hexenhäuschen angemietet. Sie hofft dort auf einen Neuanfang und natürlich auch, dass die neue Umgebung Doro gut tut und sich ihr gemeinsames Leben endlich wieder normalisiert.
Dass der neue Therapeut auch gleich ihr Nachbar ist, trifft sich natürlich gut.
Es schein alles recht gut anzugehen, das neue Haus ist zwar eher provisorisch eingerichtet, aber hat einen besonderen Charme. Doro und ihre Mutter fühlen sich sehr wohl und beginnen ein neues Verhältnis aufzubauen. Sie entwickeln sich zu zwei besten Freundinnen, was Doro sehr gut gefällt. Ist es doch völlig anders, als das frühere Mutter-Tochter-Ding.
Eines Nachts wird Doro von einem Gewitter geweckt und Lärm aus dem Garten treibt sie hinaus. Die Türe der Gartenlaube knallt im Wind ständig hin und her, daher schnappt sie sich eine Taschenlampe, um den Krach abzustellen. Da sieht sie plötzlich einen Jungen in der Laube. Er liegt unter dem Tisch. Blass, verwirrt, dürr und er redet wirres Zeug. Er bittet Doro um Hilfe und als sie diese holen will und danach zur Laube zurückkehrt, ist er plötzlich verschwunden.
Niemand glaubt Doro, weder ihre Mutter, noch ihr Therapeut. Sie ist verzweifelt, weil jeder in ihr nur den Freak sieht, der Stimmen hört und einfach nur „Psycho“ ist. Als Doro dann durch Zufall erfährt, dass dieser Junge bereits einige Tage bevor sie ihn in der Laube liegen sah Selbstmord begangen hat, ist sie einerseits völlig verwirrt, beginnt aber andererseits nun erst recht der Sache auf den Grund zu gehen.
Denn Doro ist sicher, sie ist nicht irre oder verrückt! Behilflich dabei ist ihr Julian, der Sohn ihres Nachbarn. Ein trauriger aber netter Junge, der es Doro angetan hat ….


Erschienen als
gebundene Ausgabe
im  cbt Verlag
416 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN:  978-3-570-16095-4

© Buchwelten 2012

Montag, 26. März 2012

Die Besucher von Kurt Palm




Martin Koller, ein Journalist von 42 Jahren, liegt mit einem schweren Hörsturz im Krankenhaus. Auf Stress führen die Ärzte dies zurück, doch davon hat Martin Koller eigentlich nicht mehr, wie jeder andere Mensch auch.
Er sitzt abends auf der Couch und plötzlich hat er das Gefühl sein linkes Ohr sei mit Watte gefüllt. Als er dann in seinem Kopf lautes Rauschen, dafür seine eigene Stimme nicht mehr richtig hört, bekommt er Angst und fährt in die Klinik.
Dort wird er dann einige Tage stationär behandelt und mit Medikamenten voll gepumpt, die allerdings keine Wirkung zeigen. Zumindest keine positiven. Nebenwirkungen verspürt er eine Menge, z.B. dass sein ganzer Körper nach den Ausdünstungen des Kortison riecht und er impotent ist. Das trostlose Ding zwischen seinen Beinen reagiert überhaupt nicht mehr, nicht einmal mehr auf Vorstellungen die ihn früher immer gereizt haben. So langsam aber sicher hat Martin das Gefühl durchzudrehen, die Geräusche in seinem Kopf machen ihn wahnsinnig. Sie lassen ihn nicht schlafen, er kann nicht denken und er wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich wieder Stille in seinem Kopf.
Nach gut einer Woche wird er entlassen und Martin bekommt jede Menge Medikamente mit, die ihm helfen sollen. Er ist einige Tage zu Hause, wo er seiner Frau das Leben mit seinem Leiden und der daraus entstandenen schlechten Laune nicht gerade leicht macht.
Dann fährt er hinaus nach Schwarzmoor, seinem Heimatdorf. Dort soll er für eine Woche auf seine sterbenskranke Mutter sorgen. Seine Schwester Babsi hat eine 1-wöchige Kur bewilligt bekommen, die sie auch dringend nötig hat.
Bereits auf dem Weg nach Schwarzmoor geschehen seltsamen Dinge. Es regnet in Strömen und auf der Autobahn fällt im plötzlich eine schwarze Krähe in die Windschutzscheibe. Als er daraufhin am Straßenrand anhält, sieht er, dass Unmengen von diesen Tieren am Boden liegen. In Schwarzmoor angekommen macht seiner Schwester mit ihm die „Patientenübergabe“, erklärt ihm was er zu tun hat, welche Medikamente er wann der Mutter zu geben hat und gibt ihm Rufnummern für den Notfall.
Mit der Mutter alleine im Haus beginnen dann die unheimlichen Vorkommnisse. Martin findet auf dem Dachboden eine Schuhschachtel mit einem alten Foto und Babysachen darin. Es scheint, als hätte es einen Bruder gegeben, der als Säugling verstorben ist und von dem niemand der Familie je etwas erfuhr.
Dann tauchen auf einmal unheimliche Fremde auf, Menschen die nicht sprechen und diese Ereignisse, vermischt mit dem nach wie vor quälenden Hörsturz, bringen Martin so langsam aber sicher um den Verstand ….


Erschienen als
gebundene Ausgabe
im  Residenz Verlag
280 Seiten
Preis: 21,90 €
ISBN:  978-3-701715-879 

© Buchwelten 2012

Sonntag, 25. März 2012

Schwanengesang von Andreas Hoppert




Marc Hagen, Rechtsanwalt, Anfang 40, betreibt eine recht gut gehende Kanzlei. Nach einer Verhandlung wird er im Gericht von einem ihm Unbekannten angesprochen. Er stellt sich ihm als Dr. Heinen vor und tritt nach einigen Minuten mit einer sehr außergewöhnlichen Bitte an ihn heran.
Er soll seiner todkranken Patientin Johanna Reichert zum Selbstmord verhelfen, da Sterbehilfe in Deutschland bekanntlich untersagt ist. Und da er als Mediziner diese Tat nicht ausführen kann und Frau Reicherts beste Freundin es nicht will, bitter er Marc Hagen um Hilfe. Dieser wundert sich natürlich, warum der Arzt ausgerechnet auf ihn zukommt, aber auf Marcs Nachfragen hat Dr. Heinen gute Argumente und Hagen ist überzeugt.
Heinen sagt ihm, dass seine Patientin an Magenkrebs im Endstadium erkrankt ist und ihre Lebenserwartung ohnehin nur noch einige Wochen beträgt. Johanna Reichert leidet unter erheblichen Schmerzen und wünscht sich nichts sehnlicher als den Tod herbei.
Der Rechtsanwalt lässt sich überreden die Patientin in ihrem Haus aufzusuchen, kennen zu lernen und sich selber ein Bild von ihrem Leiden zu machen. Bei diesem Besuch ist Marc Hagen dann betroffen, erschrocken vom Anblick der einst wunderschönen Frau (wie er auf einem Porträt im Wohnzimmer sehen konnte) und recht schnell hat er für sich den Entschluss gefasst ihr zu helfen. Natürlich sagt er nicht direkt zu, denn er will die Entscheidung noch mit seiner Lebensgefährtin Melanie besprechen.
Als Marc ihr von der leidenden Frau und ihrem Wunsch erzählt und dass er derjenige sein soll, der ihr zum Selbstmord verhelfen will, ist sie allerdings nicht nur geschockt, sondern auch vollkommen dagegen. Sie sagt, dass Marc sich dadurch in Schwierigkeiten bringen wird und er die Finger von der Sache lassen soll. Sein bester Freund Gabriel reagiert genauso und auch als Marc ihm erzählt, wie er sich absichern will, lässt dieser nicht überzeugen. Gabriel ist ebenfalls Anwalt und rät Marc dringend davon ab, diese „Hilfestellung“ zu leisten. Der argumentiert aber dagegen, dass er von der eigentlich Tat eine Videoaufzeichnung fertigen will, in der Johanna Reichert ihren Wunsch äußert und aussagt, den tödlichen Medikamentencocktail auf eigenen Wunsch zu nehmen.
Letztendlich kann Marc Hagen es mit seinem eigenen Gewissen nicht anders vereinbaren, als dass er Johanna Reichert helfen wird und ihr den Wunsch des Todes und der Erfüllung ihrer Leiden zu erfüllen. Alle Gegenargumente seiner Lebensgefährtin und seines Freundes bringen ihn nicht davon ab und so zieht er die Sache durch.
Das Sterben von Johanna Reichert läuft genauso ab wie geplant. Die ganze Aktion wird per Video aufgezeichnet und Marc Hagen interviewt die Patientin vor der Gabe des tödlichen Mixes ausführlich um notfalls ihre geistige Stärke nachweisen zu können. Alles läuft planmässig ab: Johanna Reichert entschläft friedlich und die Aufzeichnung ihres Todes ist mit der Videokamera festgehalten.

Etwa zwei Wochen nach dem Tod der Frau stehen zwei Kripo-Beamte in Hagens Kanzlei. Mit dabei haben sie eine Ausfertigung der DVD, die den Tod von Johanna Reichert zeigt. Marc ist sich keiner Schuld bewusst und argumentiert dementsprechend gegenüber den Polizisten. Die offenbaren ihm allerdings etwas weniger erfreuliches:
Johanna Reichert wurde nach ihrem Tod obduziert und dabei wurde festgestellt, dass die Frau keinen Krebs hatte. Sie war kerngesund. In ihrem Körper befand sich keine einzige Krebszelle.
Wie kann das sein? Marc Hagen hat mit der Frau gesprochen und gesehen, wie sehr sie unter den starken Schmerzen litt. Nun scheint die Warnung seiner Lebensgefährtin wahr zu werden: Marc Hagen steckt offensichtlich tatsächlich in großen Schwierigkeiten …


Erschienen als
Taschenbuch
im  grafit Verlag
314 Seiten
Preis: 9,99 €
ISBN:  978-3-89425-397-4 

© Buchwelten 2012

Mittwoch, 21. März 2012

Julia Stagg: Monsieur Papon oder ein Dorf steht Kopf

clip_image002Angefüttert durch Alex Capus’ „Leon und Louise“ und dem darin enthaltenen Flair bin ich auf das hier besprochene Buch von Julia Stagg aufmerksam geworden. Zugegeben, das Auto auf dem Umschlagbild war auch nicht ganz unschuldig, wie das ganze Umschlagbild an einige schöne Tage im Périgore erinnerte.

Nun ist das Flair in diesem Buch nicht mit der Besinnlichkeit bei Capus zu vergleichen, aber Flair, französischen Charme und ausgelassene Fröhlichkeit bringt es trotz aller Katastrophen ins Spiel. Die Schriftstellerin hat den französischen Nerv sehr gut getroffen, und das obwohl, oder gerade weil?, sie eine Britin ist. Das wird daran liegen, dass sie ähnliche Erlebnisse wie die des englischen Ehepaares Lorna und Paul Webster in dem Buch hatte erfahren müssen. Genau wie diese hat Stagg mit ihrem Mann eine Pension auf dem französischen Lande eröffnet und betrieben. Für die Websters geht es in dem Pyrinäendörfchen Fogas nicht gerade lustig zu. Als sie sich im Sommer die „Auberge de Deux Vallées“ anschauten und sich in sie verliebten, wohnten dort noch die Inhaber mit ihrer Familie, das Restaurant war in Betrieb, die Betten bezogen, in der Küche hatte es nach Gewürzen geduftet. Doch nun, als sie im Winter endlich die Möbelwagen ausladen, ist die Herberge nichts weiter als eine dreckige und heruntergekommene Herberge, deren Möbel und Fußböden von Mauseköttel übersät sind. Doch dies ist nicht das einzige Ungemach, welches sie erwartet. Viel schlimmer soll der Ärger werden, den Serge Papon, Bürgermeister des Örtchens, ihnen bereitet. Denn dass das Restaurant in einem französischen Dorf von Engländern, die noch nie etwas vom Kochen verstanden hätten, seinem Schwager vor der Nase weggeschnappt wurde, ist ein unverzeihlicher Affront.

Mit leicht süffisantem Humor hat Julia Stagg diesen Roman verfasst. Hin und wieder musste ich in lauteres Lachen ausbrechen. Der Streit zwischen den „geschmacklosen“ Engländern und den „Froschschenkelfressern“ bildet die Grundlage dafür und für ein heilloses Chaos in den Bergen Frankreichs. Zahlreiche Begebenheiten, wie die von Jaques, der dem Bürgermeister eine Flamme an dessen Hinterteil hält, worauf der in Flammen aufgeht, der Raum nach geschmortem Fleisch riecht und Jaques sich vor Lachen nicht mehr einkriegt, geben Anlass, so manche Traurigkeit schnell zu vergessen. Denn immer wieder neue Intrigen des Bürgermeisters lassen die Websters nicht zur Ruhe kommen. Manche Szenen haben etwas von Situationskomik an sich und man liest sie gern ein zweites Mal.

Einfühlsam und gut gelungen ist die Einführung eines Geistes in die reale Welt dieser Dorfgemeinschaft. Aber dieser Geist macht keinesfalls eine Fantasy-Geschichte aus dem Roman. Es ist der verstorbene Ehemann einer Dorfbewohnerin, die mit ihm gerne noch Zwiesprache hält.

Die sprachliche Umsetzung des Humors wird zweifellos auch das Verdienst der Übersetzerin Angelika Naujokat sein. Sie hat hervorragend die sprachlichen Schwierigkeiten (die Websters sprechen anfangs mit deutlichem, später mit weniger ausgeprägtem Akzent) für den deutschen Leser gemeistert. Und auch Annie mit ihrem losen Gebischkommtbeschonderschgutrüber.

Das Buch ist äußerst unterhaltend, bannt den Leser in einem ständigen Auf und Ab von Gefühlen und ist deshalb sehr zu empfehlen.

 

Stagg, Julia
Monsieur Papon oder ein Dorf steht Kopf
Übersetzt von Angelika Naujokat
Hoffmann & Campe, Hamburg
ISBN 9783455403435

© Detlef Knut, Düsseldorf 2012

Montag, 12. März 2012

Tanja Weber: Sommersaat

image Brandenburgische Atmosphäre wird geatmet, wenn man sich in dieses Buch vertieft. Es macht Spaß, eine Landschaft, einen Landstrich zu spüren, wenn man liest. Die von Tanja Weber erzeugten Bilder schaffen es, die Leser auf eine Reise zu schicken. Dabei scheint die Reise nicht nur an einen anderen Ort, sondern auch in eine andere Zeit zu gehen. Denn man mag kaum glauben, eine solche dörfliche Idylle noch heute anzutreffen. Aber das mögen Leute beurteilen, die nicht in einer Großstadt leben. Aber nicht nur die atmosphärischen Bilder sind überzeigend, auch die Brutalität der Täter wird in drastischen Farben gemalt.

In dem kleinen Dorf Brandenburgs mit dem Namen Germerow gibt es diese Idylle vor den Toren Berlins anscheinend noch. Der Postbote Johannes Stifter, der schon seit Jahren an seiner Dissertation in Philosophie arbeitet, wohnt in diesem beschaulichen Örtchen, in welchem es eine Kleingartenanlage und neben vielen Einfamilienhäusern einen Plattenbau gibt, und trägt hier tagein, tagaus die Briefe aus. Er kennt jeden der Empfänger, weiß, wie sie ticken, seine Nachbarn, wer mit wem kann und wer nicht. Sein größtes Interesse aber gilt einer Frau, die vier Kinder hat, von „aus dem Haus“ bis „noch beim Stillen“. Der Vater der beiden jüngsten, Micha, ist ein Taugenichts und selten bei der Familie. Annika Strelski verzichtet gerne auf ihn. Doch eines Tages findet der Briefträger ihn im nahegelegenen Wald tot auf, der Schädel zertrümmert. Stifter gerät in Verdacht. Die Kommissare, ein in der Gegend geborener Mann mittleren Alters und ein Bayer, der schon fünfzehn Jahre im Osten Deutschlands lebt und immer noch hinzulernt, sind ein skurriles Ermittlerduo. Aus ihnen erwächst eine eigenartige Komik und viele nette Episoden entstehen, wenn sich z. B. der alte Bayer über die Musikleidenschaft seines jüngeren Kollegen wundert.

Tanja Weber schafft es verblüffend gut, die Geschichte aus den Perspektiven der verschiedenen Figuren heraus zu erzählen. Besser gesagt, der Erzähler eignet sich in den einzelnen Szenen jeweils die Sichtweise einer der handelnden Figuren an. Dabei greift er die Sprache der jeweiligen Person auf und während er beim neunjährigen Adam noch sagen würde: das ist jetzt aber voll doof, kommt solch ein Satz in Zusammenhang mit einer erwachsenen Figur niemals vor.

Da die Autorin sehr früh den Täter präsentiert, fragt man sich als Leser zu diesem Zeitpunkt, was denn da noch kommen mag. Aber wer das Buch dann aus der Hand legt, wird nie erfahren, wie Spannung nach einem Finale funktioniert. Einfach nur packend und überraschend.

Man darf auf weitere Romane von Tanja Weber gespannt sein. Dieses Buch empfehle ich gerne. Und wer den allerersten Hit von Nina Hagen noch kennt, der wird beim Lesen nicht umhin kommen, das Lied mitzuträllern.

Weber, Tanja
Sommersaat
Aufbau Verlag, Berlin
ISBN 9783351033613

© Detlef Knut, Düsseldorf 2012

Freitag, 9. März 2012

Das geheime Prinzip der Liebe von Hélène Grémillon




Der Roman erzählt die Geschichte von Camille, einer Verlegerin in Paris im Jahre 1975. Gerade ist ihre Mutter bei einem Autounfall gestorben, was sie sehr traurig macht, denn sie hatte ein sehr inniges Verhältnis zu ihr. Außerdem ist Camille schwanger und diese Zeit hätte sie natürlich gerne mit ihrer geliebten Maman geteilt.
Zwischen den vielen Kondolenzschreiben, die Camille erhält – und grösstenteils nicht einmal durchliest – findet sich ein Brief, der sich von den anderen direkt abhebt. Es ist ein langer Brief, ohne Anrede und unterzeichnet von einem gewissen Louis, einem Mann den Camille überhaupt nicht kennt.
Er erzählt ihr seine Lebensgeschichte, beginnend in frühester Kindheit, wie er im kleinen Ort N. das Mädchen Annie kennenlernt, die ihn in seinem Herzen sein gesamtes weiteres Leben begleiten soll. Camille ist gleichzeitig gefesselt, verwirrt und sehr neugierig was es mit dem Schreiben auf sich hat. Hat dies einer ihrer Autoren geschrieben um sich einen Scherz zu erlauben? Oder ist es die Anfrage für einen neuen Roman von jemandem, der sich nur durch eine ausgefallene Art und Weise, sein Manuskript einzureichen, Erfolg verspricht?
Im Abstand von eingen Wochen kommen immer neue Briefe von Louis und erzählen seine Lebens- und Liebesgeschichte zu Annie weiter. Schreibt wie Annie sich entschieden hat, für ihre Gönnerin Madame M. ein Kind für sie auszutragen, da sie selber unfruchtbar ist. Soviel hat Madame M. für Annie getan, ihre Malerei unterstützt und Annie selber will sowieso nie eigene Kinder. Er erzählt, wie Annie mit ihr nach Paris geht, seine grosse Liebe im Laufe der folgenden Kriegsjahre aus den Augen verliert und plötzlich wiederfindet.
Camille ertappt sich dabei, dass sie mittlerweile auf die Briefe des geheimnisvollen Louis wartet, weil sie wissen muss wie die Geschichte um Annie und ihn weitergeht. Ausserdem beschleicht sie eine Ahnung, dass sie selbst vielleicht ein Teil dieser vielen beschriebenen Seiten ist ….


Erschienen als
gebundene Ausgabe
bei Hoffmann und Campe
256 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN:  978-3-455-40096-0

© Buchwelten 2012

Mittwoch, 7. März 2012

Finsterau von Andrea Maria Schenkel




Finsterau ist ein Dörfchen in Bayern im Jahre 1944. Afra, Tochter des armen Ehepaares Zauners, kehrt nach Hause zurück. Sie ist schwanger von einem Franzosen und ihre letzte Schankstelle hat sie verloren, weil man sie als Schlampe sah, die sich jedem an den Hals schmeißt.
Was bleibt Afra anderes übrig als zurück nach Hause zu gehen? An den Ort, den sie vor vielen Jahren verlassen hat und von dem sie so froh war, die ärmliche Enge und die Gottesfurcht ihrer Eltern hinter sich zu lassen.
Albert wird geboren und für die Eltern Zauner ist es schwer. Das Dorf zerfetzt sich die Münder über die liederliche Tochter, die mit einem ledigen Kind auf dem Hof hockt und nicht einmal in aller Ehrfurcht die Messe besucht. Die Armut macht es nicht leichter, sie haben nun zwei weitere Mäuler zu stopfen und es lebt sich eher schlecht als recht.
Der Vater wird immer öfter urplötzlich wütend und es entstehen Streitereien zwischen ihm und seiner Tochter. Er vergisst immer öfter Dinge und er glaubt an eine Verschwörung zwischen Frau und Tochter, die absichtlich Dinge verlegen, um ihm einzureden, dass er senil wird. Die Mutter ist bemüht zwischen Vater und Tochter zu vermitteln, kann aber auch nicht immer auf dem Hof sein.
Eines Morgens fährt die Mutter wegen einiger Besorgungen mit dem Fahrrad ins Dorf, der Vater ist auf der nahegelegenen Weide und mäht das Gras. Afra bleibt mit dem kleinen Albert zu Hause und kümmert sich um die Wäsche.
Dann ist Afra tot, erschlagen liegt sie da auf dem Sofa, der kleine Albert schwerverletzt auf dem Boden neben ihr und mit im Raum der Vater. Der stammelt nur noch wirres Zeug und ist absolut apathisch und teilnahmslos. Was ist geschehen in Finsterau? Eine Tochter und ein Enkelkind erschlagen vom eigenen Vater/Großvater?


Erschienen als
gebundene Ausgabe
bei Hoffmann und Campe
124 Seiten
Preis: 16,99 €
ISBN:  978-3-45540381-7

© Buchwelten 2012

Montag, 5. März 2012

Hans Küche: Neuseeland - Reise-Handbuch

image Man könnte fast meinen: alles, was das Auswandererherz begehrt. Zugegeben, für diese Zielgruppe wird es vollumfänglich nicht reichen, der der sehr gut organisierte Tourist, einschließlich Rucksack, wird seine wahre Freude an diesem Buch haben. Von seinen 500 Seiten fallen alleine über 100 Seiten auf die allgemeine Landeskunde. Begonnen wird mit Natur und Umwelt, um in weiteren Abschnitten auf Wirtschaft, Soziales, Politik, Historie, Gesellschaft, Kunst, Kultur, Essen und Trinken einzugehen. Ungefähr die Hälfte der allgemeinen Informationen bieten die nützlichen Spezialinformationen für eine Reise in das von Deutschland am entferntesten liegende Land. Gut sortiert werden Punkte wie Anreise, Verkehr, Einkaufen, Finanzen, Gesundheit und viele weitere aufgelistet. Nach dem umfangreichen allgemeinen Teil widmet sich der Autor kapitelweise den einzelnen Regionen und Inseln Neuseelands, in denen teils ähnliche Informationen gegeben werden wie im allgemeinen Teil. Selbstverständlich zugeschnitten auf das zu bereisende Gebiet. Hier gibt es dann die detaillierten Informationen zu regionalen Behörden, Restaurants, Übernachtungsmöglichkeiten und, nicht zu vergessen, zahllose Tipps und Reiserouten für Ausflüge oder komplette Rundreisen.

Als Handbuch kommt dieses Buch sehr gut gegliedert daher. Das Inhaltsverzeichnis lässt schnell zu der gewünschten Information finden. Aufgelistet werden hier auch das Kartenverzeichnis, denn neben einer großen, eingesteckten Faltkarte befinden sich auf den Innenumschlagsseiten und darüber

hinaus viele Karten in dem Buch. Ein Themenverzeichnis führt zu speziellen Artikeln, die zusätzliche Informationen zu einem bestimmten Thema, wie dem Hügel der Hobbit-Höhlen, bieten. Das Register mit seinem Stichwortverzeichnis ist eine weitere Möglichkeit, an die Infos zu gelangen. Die Faltkarte enthält neben einem umfangreichen Namensregister Entfernungstabellen, mit denen man schnell die Distanzen zwischen den einzelnen Orten abschätzen kann.

Die Informationen über Neuseeland sind aber nicht nur schnell auffindbar, sondern auch schnell erkennbar aufbereitet. Besonders wichtige Informationen sind farblich abgesetzt von dem normalen Text, der zudem zahlreiche Markierungen in Form von Fettschrift, roter Schrift, Überschriftenwahl und ähnlichen immer wieder Halt für die Augen bietet. Wer seine Reise plant, muss dies natürlich nicht ausschließlich anhand nüchternen Textes tun. Unzählige Farbfotos lassen die Planung schon Mal vergessen und in die Träume abgleiten.

Küche, Hans
Neuseeland
DuMont Reiseverlag, Ostfildern
ISBN 978-3770176991

© Detlef Knut, Düsseldorf 2012

HAUSE von DERHANK





HAUSE erzählt die Geschichte eines Mehrfamilienmietshauses in Dortmund und deren Bewohner. Hier geht es insbesondere um Josef, den Hausmeister. Er hat HAUSE damals im zarten Alter von 2 Jahren gemeinsam mit seinen Eltern bezogen, wuchs dort auf und hat bereits als Kind seine ganze Zeit mit dem damaligen Hausmeister verbracht. Nach dessen Tod hat Josef als junger Mann seinen Job übernommen.
HAUSE erzählt die Geschichte selber, ein Haus mit Seele und zwar mit einer, die Josef über alles liebt und alles dafür tut, ihn zu schützen und an sich zu binden.
Mit ihm leben in HAUSE Josefs alte, extrem aufdringliche, anhängliche und nervtötende Mutter, die, mittlerweile zwar 84 Jahre alt und an einen Rollator gebunden, nichts von ihrem Einfluss auf Josef eingebüßt hat. Sie wacht über ihn wie ein eifersüchtiger Drache und Josef findet keine Möglichkeit sich ihren Fängen zu entziehen. Obwohl er seit der Hausmeistertätigkeit eine eigene Wohnung in HAUSE bewohnt, entkommt er seiner Mutter nicht.
Weitere Bewohner von HAUSE sind eine türkische Familie, deren Sohn Erhan am liebsten in der Araber Studenten WG abhängt, um gemeinsam mit ihnen Computer Kriegsspiele zu zocken, oder die Malevic. Sie ist Polin und anscheinend schmeißt sich diese Bewohnerin jedem männlichen Wesen an den Hals (und wohl auch anderes) um ihr Vergnügen oder auch ihren Verdienst zu haben.
Eines Tages tut sich ein Riss in der Tiefgarage auf. Darunter verpackt eine Leiche und zwar eine, die bereits seit langer, langer Zeit dort ruht. Als Josef auf dieses „Problem“ stößt, kommen eine Menge schlimmer Erinnerungen hoch und von dem Tag an überschlagen sich die Ereignisse in HAUSE …


Erschienen als
Taschenbuch
im  ACABUS Verlag
180 Seiten
Preis: 12,90 €
ISBN:  978-3-86282-047-4

© Buchwelten 2012

Samstag, 3. März 2012

Shutter Island von Dennis Lehane



Edward (Teddy) Daniels ist Marshal und wird auf die Insel Shutter Island gerufen. Auf dieser befindet sich eine Anstalt für psychisch gestörte Straftäter. Die Patientin Rachel Solando ist spurlos aus ihrem Zimmer verschwunden. Nichts deutet auf ein gewaltsames Öffnen ihrer Türe hin, sie ist unauffindbar.
Gemeinsam mit seinem neuen Partner Chuck Aule setzt Teddy mit der Fähre nach Shutter Island über und beginnt mit den Untersuchungen und Ermittlungen. Er trifft u.a. auf den undurchsichtigen ärztlichen Direktor Fr. John Cawley und misstraut ihm auf Anhieb. Teddy und Chuck sind beide der festen Überzeugung, dass Rachel zur Flucht verholfen wurde, doch angeblich weiß keiner etwas und niemand hat etwas gesehen.
Dann bricht ein extrem starker Hurrikan über die Insel herein. Teddy und Chuck geben mit ihren Nachforschungen nicht auf, sie entdecken seltsam verschlüsselte Nachrichten, Steinhaufen, deren Anzahl an Steinbrocken Botschaften in Form von Zahlencodes bilden und andere seltsame Hinweise.
Dass Teddy seit dem Tod seiner Frau Dolores unter heftigen Migräneanfällen leidet macht es ihm nicht leichter einen klaren Kopf zu bewahren. Doch er will Rachel Solando finden, die Codes und Rätsel lösen und noch mehr: Teddy will den (angeblich nicht auf der Insel inhaftierten) Patienten 67 finden.
Sein Name ist Laeddis und er ist für den Tod von Dolores verantwortlich, denn er hat das Feuer gelegt, in dem seine geliebte Frau das Leben lassen musste ….


Erschienen als
Taschenbuch
im  ullstein Verlag
368 Seiten
Preis: 8,95 €
ISBN:  978-3-548-28124-7

© Buchwelten 2012