Mittwoch, 29. Februar 2012

Alex Capus: Léon und Louise

image Dieser Roman ist ein sehr sinnlicher und gefühlvoller Roman, der Lust auf Lesen macht. Grund hierfür sind der Erzählstil und die anrührende Geschichte.

Den obersten Rahmen bildet die Beerdigung des Großvaters. Sie wird beobachtet und erzählt von seiner Enkelin. Während sie über Opa und sein Leben nachdenkt, über die Geschichten, die sich in der Familie über ihn erzählt wurden, schmückt sie sich das Leben ihres Großvaters aus und erzählt es aus ihrer ganz persönlichen Sichtweise. Sie erzählt, wie ihr Großvater (Léon) sich vor der Front im Ersten Weltkrieg drückte, wie er seine erste Liebe (Louise) kennenlernte, wie er mit seiner Frau lebte und mit ihr Kinder bekam. Sie erzählt vom Leben Léons als Beamter in Paris. Die Bilder der Okkupation Frankreichs durch das Deutsche Reich werden lebhaft und detailgenau dem Leser nahe gebracht. Obwohl Léon seine Louise bereits im Ersten Weltkrieg verloren hat und tot glaubt, hört er nie auf, sie zu lieben. Zehn Jahre später begegnen sie sich in Paris, verbringen eine Nacht miteinander. Bis zum nächsten Kontakt werden erneut Jahre vergehen. Die deutsche Besetzung hat die Pariser verändert. Dies wird an der Ehefrau Léons deutlich erkennbar.

Obwohl mir das Buch ausnehmend gut gefallen hat, habe ich mich über kleine Überlängen geärgert. Längen, in denen Passagen und Geschichten erzählt werden, die nicht das Niveau anderer Episoden erreichen. Denn unverkennbar wollte Capus nicht die Geschichte des Liebespaares erzählen, sondern das Leben in Frankreich zu beiden Zeiten der Weltkriege. Es sollte die Geschichte des zurückhaltenden, kleinen Widerstandskämpfers erzählt werden. Um die Episoden aus dem Leben Léons nicht losgelöst erscheinen zu lassen, wurde eine gefühlvolle Liebesgeschichte als roter Faden geschmiedet, der eine spannende, solide Grundlage bildet, auf die sowohl Autor als auch Leser immer wieder Erdung bekommen.

Die ruhige Erzählweise als auch die knappen Dialoge schaffen es, beim Lesen eine Stimmung hervorzurufen, die einen Zuschauer beim Betrachten eines gefühlvollen französischen Spielfilms beschleicht. Obwohl man bedauern kann, dass es in dem Buch nur um Léon und nicht um Louise geht, ist der Roman dennoch von vorne bis hinten spannungsvoll und macht Spaß.

 

Capus, Alex
Léon und Louise
Hanser Verlag, München
ISBN 978-3-446-23630-1

© Detlef Knut, Düsseldorf 2012

Samstag, 25. Februar 2012

Im wilden Osten dieser Stadt von Irene Stratenwerth



Kristina Wolland ist Rechtsanwältin in Hamburg. Sie hat eine gut gehende, mittelständische Kanzlei und eine langjährige Mitarbeiterin. Gemeinsam bilden sie ein gutes, erfolgreiches Team. Privat ist Kristina in einer Beziehung mit dem Globetrotter Michel, der vor einigen Monaten aus dem Ausland zurückgekehrt ist und seitdem bei ihr wohnt. Einen Job hat er nicht, lebt aus dem Rucksack, als sei er immer auf dem Sprung. Was er die Jahre im Ausland so getrieben hat und womit er derzeit seine Tage verbringt weiß Kristina eigentlich nicht so genau.
Eines Abends bekommt Kristina einen aufgeregten Anruf ihrer Freundin aus Studientagen Angie, sie braucht unbedingt Kristinas Hilfe, will verschwinden. Was genau los ist erzählt sie nicht. Da Angie über viele Jahre hinweg psychische Probleme hat und ein eher unstetes Leben führt ist Kristina ihre gesetzliche Betreuerin. Kristina kommt dem Wunsch ihrer Freundin nach und bringt sie zur hiesigen “Klapse”. Angie sagt, nur dort sei sie in Sicherheit, da könne ihr nichts geschehen. Doch bevor Kristina und Angie auch nur mit der diensthabenden Ärztin sprechen können, überlegt es sich Angie anders und sie will umgehend wieder fort von dort und zurück nach Hause gebracht werden.
Nun völlig verwirrt von Angies seltsamen Ausbrüchen fährt Kristina die Freundin wieder zu Ihrer Wohnung und setzt sie dort ab. Am nächsten Tag ist sie tot. Sie wurde aufgefunden an einem Badesee.
Einen Tag darauf erscheint ein junger Russlanddeutscher in Kristinas Kanzlei und erzählt, dass er seine Verlobte vermisse. Sie sei spurlos verschwunden. Die letzten Tage habe sie bei Angie gewohnt und eben die habe ihm die Visitenkarte von Kristina gegeben, damit er sich an sie wendet, sollte etwas geschehen.
Was ist geschehen? Wo ist ihre Freundin Kristina da hinein gerutscht? Wer ist dieser seltsame junge Mann und warum hat seine Verlobte bei Angie gelebt? Soviele undurchsichtige Fragen, die Kristina zwingend dazu veranlassen den Dingen auf den Grund zu gehen und selber die Ermittlungsarbeiten in Angriff zu nehmen …


Erschienen als
Taschenbuch
bei rororo
240 Seiten
Preis: 8,99 €
ISBN:  978-3-499-25694-3

© Buchwelten 2012

Mittwoch, 22. Februar 2012

Die Stunden / The Hours von Michael Cunningham




Ein Tag, nur einige aneinandergereihte Stunden im Leben dreier Frauen, die zu völlig unterschiedlichen Zeiten leben aber dennoch miteinander verbunden sind.
Da ist Virginia Woolf, die seelisch kranke und dennoch so hellwache Schriftstellerin, die im Jahre 1923 in einem Vorort von London so langsam aber sicher zu Grunde geht. Sie lebt dort auf Anraten ihrer Ärzte und ihres treusorgenden Ehemannes, damit sie sich erholen kann, die Stimmen in ihrem Kopf sie in Frieden lassen und sie wieder gesund wird. An diesem Tag wird Virginia arbeiten, sie wird endlich wieder schreiben und sie hat den ersten Satz zu ihrem neuen Werk, das einmal “Mrs. Dalloway” heissen wird: “Mrs. Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen” …
Da ist Laura Brown, Mutter und Ehefrau in den Nachkriegsjahren in Amerika, gerade schwanger mit ihrem zweiten Kind. Eine ruhige, in sich gekehrte Frau, die am liebsten den ganzen Tag in der Welt ihrer Bücher versinken möchte. Sie bemüht sich eine  gute Frau und Mutter zu sein, kann aber nicht aus ihrer Haut. Sie bleibt an einem Morgen einfach im Bett und nimmt das Buch “Mrs. Dalloway” von Virgina Wood zu Hand. Sie beginnt zu lesen …
Da ist Clarissa Vaughn, selbständige Lektorin im New York der 90er Jahre. Sie lebt sein 10 Jahren in einer lesbischen Beziehung und kümmert sich aufopfernd um ihren Jugendfreund Richard, der schwer an Aids erkrankt ist. An einem schönen Junimorgen, sie ist mit den Vorbereitungen zu einer Party beschäftigt, die sie für Richard geben will, entscheidet Clarissa (Spitzname: Mrs. Dalloway) spontan die Blumen für die Party selber zu kaufen. Nach dem Einkauf schaut sie noch bei Richard in der Wohnung vorbei, eine eigene Welt in der es immer dunkel ist. Richard hat alle Fenster verhangen und sagt, er lebe nur noch für sie: Mrs. Dalloway. Er, der Schriftsteller der am Abend einen der begehrtesten Literaturpreise verliehen bekommt hat Clarissa damals diesen Namen gegeben …


Erschienen als
Taschenbuch
im btb Verlag
224 Seiten
Preis: 9,00 €
ISBN:  978-3-442-72629-5

© Buchwelten 2012

Montag, 20. Februar 2012

Messerscharf von Silvia Kaffke




Barbara Pross ist ein perfektes Beispiel für Menschen, die von ganz oben nach ganz unten abstürzen.
Sie war eine sehr erfolgsbesaitete BKA Ermittlerin, die als (in den Staaten geschulte) Profilerin in vielen Mordermittlungen absolut erfolgreich und von Kollegen und Vorgesetzten für ihren Instinkt und ihre Fähigkeiten sehr geschätzt war.
Doch die letzte Ermittlung hat sie zu einem seelischen Wrack gemacht, hat sie gefühlsmäßig zu sehr mitgenommen und sie hat sich für ein Jahr beurlauben lassen, in der Hoffnung sich zu erholen und wieder zu sich selbst zu finden.
Doch ihr Plan geht nicht auf. Sie lässt sich gehen und ihre Wohnung verwahrlost zusehends. Dreckige Wäsche, nicht gespültes Geschirr und Barbara Pross kann sich nicht aufraffen irgendetwas an ihrer Situation zu ändern.
Das einzige was ihr noch zu gefallen scheint ist, draußen zu sein. Sie lebt in Frankfurt und es zieht sie immer wieder hinaus in die Strassen und vor allem zum Bahnhof, wo sie sitzt und die Menschen beobachtet: Obdachlose, Drogenabhängige und Stricher.
Als sie wieder einmal am Hauptbahnhof rumhängt fällt ihr Blick zufällig auf eine Zeitung und die Schlagzeile „Mord in Düsseldorf“ zieht sie an. Einer spontanen Eingebung folgend kauft sie sich eine Zugfahrkarte nach Düsseldorf. Sie hat nichts dabei, nur die Klamotten die sie am Leibe trägt und ihr Portemonnaie mit ein wenig Geld darin.
In Düsseldorf angekommen weiß Barbara nun nicht, was sie eigentlich dort soll und natürlich auch nicht wo sie hin soll. Sie trifft die Obdachlose Doris, einst sorgende Mutter von zwei Kindern, die nun dem Suff erlegen ein Pennerdasein lebt. Doris nimmt Barbara mit in ihre Unterkunft. Sie ist sehr stolz darauf und Barbara darf niemandem davon erzählen. Nun, Barbara kennt sich in Düsseldorf nicht aus und es gibt auch niemanden dem sie etwas verraten könnte. Doris führt Barbara nach einem etwa einstündigen Fußmarsch in den Keller eines alten Bürogebäudes. Dort liegen Pappkartons auf dem Boden und es gibt Decken. Zumindest ist es trocken und halbwegs warm und da Barbara todmüde ist, schläft sie auch schnell ein. Als sie am nächsten Morgen aufwacht ist Doris verschwunden und ihr Portemonnaie dummerweise ebenfalls. Fein säuberlich aus der aufgetrennten hinteren Jeanstasche entwendet.
Barbara macht sich wieder auf den Weg und streift ziellos durch die Strassen, bis sie von einem plötzlichen Regenschauer überrascht wird. Nass bis auf die Knochen betritt sie eine Düsseldorfer Kneipe um sich aufzuwärmen. Der Zehnmarkschein reicht gerade noch für ein, zwei Tassen heißen Tee.
Die billige Anmache eines Typen in ihrem Alter blockt sie ab, doch als der ruhige, ernste Mann einige Tische weiter ihr eine heiße Gulaschsuppe anbietet sagt sie nicht nein. Warum nicht? Sie weiß es nicht, der seltsame Mann, mit seiner stillen, ruhigen aber dennoch aufmerksamen und beobachtenden Art ist ihr sympathisch. Irgendetwas hat er an sich, dass ihr ein gutes, geborgenes Gefühl vermittelt.
Während des Gespräches in der Kneipe stellt er sich ihr als Thomas Hielmann vor. Als er ihr anbietet mit zu ihr nach Hause zu gehen und dort zu übernachten, weil er ein Gästezimmer, Gästebett und vor allem eine heiße Dusche anzubieten hat, geht sie mit ihm. Warum tut sie das, sie weiß das in der Stadt ein Frauenmörder zugeschlagen hat und eigentlich müsste ihr Ermittlerinstinkt Alarm schlagen, doch das tut er nicht ….



Erschienen als
Taschenbuch
bei rororo
304 Seiten
Preis: 8,99 €
ISBN:  978-3-499-25679-0


© Buchwelten 2012

Samstag, 18. Februar 2012

Mund zu Mund von Michael Kimball



Ellen Chambers, eine attraktive Mittdreißigerin ist hauptberuflich Lehrerin und züchtet in ihrer Freizeit Schafe. Gemeinsam mit ihrem Mann Scott lebt sie auf einer großen Farm etwas außerhalb des Ortes. Scott, mit dem sie seit ihrer Jugend zusammen ist, führt ein Haushaltswarengeschäft, das leider kurz vor der Pleite steht. Von dem dynamischen Jungunternehmer, der er zur Zeit ihres Kennenlernens war, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Immer öfter ist er früh angetrunken, Scott denkt der Alkohol würde seine Probleme lösen.
Die gemeinsame Tochter, Maureen, ist gerade einmal 17 Jahre alt und schwanger von Randy. Einem undurchsichtigen, arroganten, aufbrausenden Typen, der Ellen mehr als nur missfällt. Aber Maureen liebt ihn über alles und in die bevorstehende Hochzeit lässt sie sich nicht hereinreden, zumal Scott eine recht positive Einstellung zu dem zu seinem zukünftigen Schwiegersohn hat.
Während der Hochzeitsfeier von Maureen und Randy, die auf der elterlichen Farm stattfindet, taucht auf einmal ein junger Mann auf. Es stellt sich heraus, dass es Neal ist, der Neffe von Scott. Sohn seines verstorbenen Bruders.
Ellen kommen plötzlich lang vergrabene Erinnerungen wieder in ihr Bewusstsein. Denn vor vielen, vielen Jahren hat Ellen ihren Mann gemeinsam mit ihrer Schwägerin (Neals Mutter) im Schafzimmer erwischt. Ellen war wegen eines Sturms früher nach Hause gekommen um sich um die Schafe zu kümmern. Dieser Seitensprung hatte damals verheerende Folgen.
Auch wenn Ellen damals glaubte ihrem Mann verzeihen zu können, vergessen konnte sie ihm diesen Betrug nie.
Da Maureen nach der Hochzeit nicht mehr auf der elterlichen Farm lebt, sondern mit ihrem Ehemann in ein gemeinsames Haus eingezogen ist, überlegen Scott und Ellen nicht lange, als Neal ihnen anbietet einige Tage auf der Farm zu wohnen um die verfallene Scheune wieder aufzubauen. Er zeigt ihnen ein Foto, auf dem eine wunderbare, große Scheune zu sehen ist. Eben diese will er für seine Tante und Onkel auch bauen und zwar innerhalb von 12 Tagen.
In diesen 12 Tagen entwickelt sich zwischen Ellen und Neal eine Beziehung, die über die familiären Gefühle hinausgeht. Ellen fühlt sich immer mehr zu Neal hingezogen und auch ihr Neffe scheint dasselbe zu empfinden. Was in nächtlichen Fantasien beginnt wird nach und nach immer realer und greifbarer und schließlich können beide, trotz des Altersunterschiedes, nicht mehr widerstehen. Es gelingt ihnen nicht, die offensichtliche Anziehungskraft zu unterdrücken.
Als es während Reparaturarbeiten am Damm auf der Farm zu einem schrecklichen Unfall kommt, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Familienmitglieder werden zu Verdächtigen, die Polizei ermittelt und die Gefahr, die wie eine dunkle Wolke über der Farm schwebt, wird immer größer …


Erschienen als
gebundene Ausgabe
Diana Verlag
494Seiten
ISBN:  978-3828400368

© Buchwelten 18.02.2012

Freitag, 10. Februar 2012

Sommerhaus mit Swimmingpool von Herman Koch




Marc Schlosser ist ein sympathischer niederländischer Hausarzt der dafür bekannt und beliebt ist, sich für seine (meist aus der Kunstrichtung stammenden) Patienten viel Zeit zu nehmen. Zwanzig Minuten ist eine ganze Menge und dass der Arzt davon nur 5 Minuten auf die medizinischen Diagnosen vergibt und den Rest der Zeit mit unauffälligem, seinen Patienten aber schmeichelnden Smalltalk füllt, fällt seiner Kundschaft nicht auf. Zumindest nicht im negativen Sinne.
So gelangt auch der bekannte Schauspieler Ralph Meier in seinen Patientenstamm, der über Müdigkeit und Überarbeitung klagt. Die Männer freunden sich an, auch wenn Ralf Meier irgendetwas an sich hat, dass Dr. Schlosser beinahe schon abstößt.
So kommt es schließlich dazu, dass Marc Schlosser gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern im Sommerurlaub in Frankreich einige Wochen im Sommerhaus mit Swimmingpool bei Ralph Meier, seiner Frau, seinem Sohn, einem befreundeten amerikanischen Regisseur und dessen jugendlicher Freundin verbringt.
Nach der Rückkehr in die Niederlande wird der Schauspieler plötzlich und sehr schwer krank. Es geht soweit, dass Marc Schlosser als Arzt Sterbehilfe leistet. Nach seinem Tod entsteht dann der Verdacht, dass der Arzt anscheinend nicht unschuldig an dem schnellen und dramatischen Verlauf der Krankheit ist. Ursache für diese Aufdeckung ist die Obduktion, die in den Niederlanden nach dem Tod in Folge von Sterbehilfe routinemäßig durchgeführt wird.
Hat Marc Schlosser wirklich etwas zu verbergen? Und wenn, was ist der Grund? Ist in jenem Sommer am Sommerhaus mit Swimmingpool irgendetwas schreckliches vorgefallen, dass ihn zu dieser Tat verleitet hat … ?


Erschienen als
gebundene Ausgabe
bei Kiepenheuer & Witsch
352 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN:  978-3-462-04344-0

© Buchwelten 10.02.2012

Montag, 6. Februar 2012

T. C. Boyle: Wenn das Schlachten vorbei ist

clip_image002Mit dem Lesen des neuen Romans vom amerikanischen Schriftsteller Thomas Coraghessan Boyle schafft man sich einen der ungewöhnlichsten, aber tatsächlich existierenden Konflikte auf den Hals. Das Thema des Buches, das Ökosystem der Erde, ist zugleich der Konfliktstoff, den Boyle hier bearbeitet. Denn es treffen zwei Gruppen aufeinander, die zunächst einmal pauschal als „grün“ bezeichnet werden. Naturschützer vs. Tierschützer. Oder andersherum gefragt: Wie viel Tierschutz ist gestattet, ohne die Natur zu gefährden? Die Frage stellt sich nicht? Und was ist, wenn sich Ziegen auf einer Insel so ungebremst vermehren, dass die einzigarte Fauna und Flora durch den unstillbaren Drang des Fressens und den Exkrementen der Tiere vernichtet wird? Dürfen die Ziegen dann getötet werden, wie vor einigen Jahren auf den Galapagos-Inseln geschehen?
Doch zunächst der Reihe nach. Der Roman ist in zwei Teile untergliedert und spielt an der Südküste Kaliforniens. Die Naturschutzbehörden bemühen sich, die Inseln Anacapa (im ersten Teil) und Santa Cruz (im zweiten Teil) in ihren ursprünglichen Naturzustand zu versetzen. D. h. die dort durch Schiffe vor Jahrhunderten eingeschleppten fremden Tierarten, im ersten Teil sind es Ratten, im zweiten Schweine, müssen beseitigt werden, damit die heimischen Arten wieder zu ursprünglicher Blüte gelangen. Die Naturschutzbehörden werden personifiziert in der Biologin Alma Boyd Takesue, die zwar keinem einzigen Tierchen als Individuum ein Haar krümmen kann, für Ihre Ziele aber das Schlachten tausender Tiere für notwendig erachtet. Ihr Gegenspieler ist Dave LaJoy, ein erfolgreicher Unternehmer mit mehreren Elektronikläden, der eines Tages den Tierschutz für sich entdeckt hat. In dieser Aufgabe geht er auf, wird fanatisch und schreckt selbst nicht vor Verbrechen zurück, nur um ein einziges Tier zu retten. Beide, Alma und Dave, treffen immer wieder aufeinander, in der Natur, auf Veranstaltungen, oder vor Gericht. Erbittert versuchen beide, ihre Standpunkte hart zu verteidigen. Jeder für sich ist eine extrem widersprüchliche Figur. Da wird es z. B. sehr interessant, als Dave, der sich gerade einen neuen Rasen im Garten hat legen lassen mit Waschbären auf seinem neuen Rasen konfrontiert wird. Der mit dem Anlegen des Rasens beauftragte Gärtner ist erst zu einer Ausbesserung des Rasens bereit, wenn LaJoy die Waschbären entfernt. Gute Frage. LaJoy kommt in Nöten. Ist ihm sein Rasen wichtiger als es die Waschbären sind?
Die Geschichten um die beiden und deren Hintergrund wird in verschiedenen Zeitepochen, die beim Leser zunächst Fragen zurücklassen, erzählt. Außer dem Umstand, dass die Geschehnisse in der Vergangenheit darauf hinweisen, wie das "Ungeziefer" auf die Inseln gelangt ist, gibt es lange Strecken keine Erklärung für diese kleineren Episoden. Aber keine Angst, die Fragen werden geklärt und je weiter der Leser in der Handlung fortfährt, umso erkennbarer werden die Zusammenhänge. Mich persönlich hat zudem die Erzählweise mit dem ständigen Wechsel in Rückblenden fasziniert. Diese Rückblenden können große Zeiträume bis hin zu mehreren Jahrzehnten genauso umfassen wie das Geschehen in der vorigen Stunde. Während die Handlung in der Gegenwart spielt, wird schon mal eine kleine Zeitspanne von wenigen Stunden übersprungen, um dann anschließend die Lücke erzählerisch in der Vergangenheit zu schließen. Hierfür ist eine sehr filigrane Textarbeit notwendig, an der der Übersetzer Dirk van Gunsteren sicherlich nicht ganz unschuldig ist. Einfach hervorragend.
Für die Erarbeitung dieses Romans bedurfte es eines tiefen Wissens und viel Recherchearbeit durch den Schriftsteller um das ökologische Gleichgewicht der Erde, die Notwendigkeiten der Ressourcenschonung. Allerdings brauchte es auch die überaus gute Erzählweise, um so manche kleine Durststrecke zu überwinden. Denn als Leser klebt man an der Handlung. Boyle jedoch versucht vor allem auf der ersten Hälfte des Buches, all sein Wissen an den Leser weiterzugeben, was für kleine Momente ermüdend wirken kann. Ähnlich auf die Folter gespannt wird der Leser bei der Überwindung zahlreicher Rezepte und man kommt beim Lesen dieser Passagen nicht umhin, eine Wette darauf abzuschließen, ob sich der amerikanische Schriftsteller demnächst in die Reihe der Kochbuchautoren einreihen möchte. Das Interesse an der Geschichte geht dabei aber niemals verloren und so wundert es nicht, dass der Roman schließlich viel zu früh zu Ende ist.
Wer sich bislang noch keine Gedanken um den Erhalt der Erde gemacht hat, kann mit diesem Roman beginnen.
Boyle, T. C.
Wenn das Schlachten vorbei ist
Übers.: Dirk van Gunsteren
Hanser Verlag, München
ISBN 978-3446237346
© Detlef Knut, Düsseldorf 2012