Sonntag, 19. Dezember 2010

T. C. Boyle: Fleischeslust

image Nicht ganz unberechtigt wird der amerikanische Schriftsteller Thomas C. Boyle als ein politischer Schriftsteller bezeichnet, der so viel Energie in sich trägt, dass es einfach brennen muss, wie es die amerikanische Kritikerin Lynn Neary von NPR.org ausdrückte. Das vorliegende Bändchen “Fleischeslust”, welches mir in der von Werner Richter übersetzten deutschen Fassung vorlag, mit insgesamt fünfzehn Geschichten ist der Beton, der diese Meinung zu untermauern versteht. Fünfzehn Geschichten voller Schicksale, voller Unterhaltung, voller Spannung und natürlich voller Engagement eines Schreibers, für den die Szenarien nicht nur Kulisse für eine unterhaltsame Lektüre sind, sondern der Grund für das Entstehen der Geschichte bilden. In jeder Geschichte spürt man das tiefe Interesse Boyles, sich mit einem umwelt- und gesellschaftspolitischen Thema zu befassen, über Ursache und Wirkung nachzudenken, den besten (schriftstellerischen) Weg zu finden, den Leser über eine unterhaltsame und spannende Geschichte an das Thema heranzuführen, ihn zum Nachdenken anzuregen.
So handelt „Großwildjagd“ von einem die Savannen Afrikas nachbildenden Park in Kalifornien, der zu kommerziellen Zwecken für die Großwildjagd angeboten wird. „Keimende Hoffnung“ fantasiert vom alles erfüllenden Sex auf einem Teppich aus Fröschen und Kröten in der puren Natur. Wie kann man einer Familie helfen, die in ihrem Müll erstickt, weil sie nichts, aber auch gar nichts, wegschmeißen können? „Sammlerinnen und Jäger“ lässt darüber nachdenken.
„Ich lernte sie kennen - das heißt, unsere Wege kreuzten sich -, weil mich ein Freund beauftragt hatte, sie abzuholen ... Während ich durch die Flughafengänge joggte und übernächtigten Sikhs, jovialen Briten und umsichtigen Geschäftsleute aus Japan und Korea auswich, rasten mir die klingenden Namen - Solschenizyn, Tschechow, Dostojewski, Tolstoi - wie Beschwörungsformeln durch den Kopf, bis ich sie plötzlich sah.“ Mit solchen Bildern, die dank einer hervorragenden Übersetzung bestens wiedergegeben wurden, beginnt in „Ohne Held“ eine romantische Liebe zwischen einem Amerikaner und einer Russin, die noch auf eine harte Probe gestellt werden sollte. Mit der „Ehrenwerten Gesellschaft“ begibt sich der Leser nach Sizilien und erfährt über das Leben mafiöser Familien aus der Sicht ihres Hausarztes. „Höhere Gewalt“ spielt für Willis mit den Hüftgelenken und seiner morgens ewig nörgelnden Ehefrau in Form eines vorbei rauschenden Hurricanes eine wichtige Rolle. Der Frage nach dem Sinn von Lehrfilmen gegen Drogen wird in „Zurück ins Eozän“ nachgegangen. Die Titelgeschichte „Fleischeslust“ erzählt von einem jungen Mann, der sich in eine extremgrüne Veganerin verliebt, sich ihrer Gruppe anschließt und versucht, sich ihr anzupassen und nach ihren Vorstellungen zu leben. Wird er scheitern? Kann er für immer auf fleischliche Nahrung verzichten? „Die 100 Gesichter des Todes, Folge IV“ scheint darauf hinzuweisen, dass auf dem Nachttisch des Autors Berge von Kriminalromanen liegen müssen, damit man so viele Todesarten aneinanderreihen kann. Jedoch war eine Videoserie vor den Zeiten des Internets der tatsächliche Auslöser für diese Geschichte. Obwohl die Mannschaft mit „56:0“ gerade verloren hat, will sich Ray Arthur nicht wie seine Sportkameraden verkriechen und motiviert sie zum nächsten Footballspiel. Wird die Niederlagenserie durchbrochen? Eher als philosophische Abhandlung liest sich „Das Ende der Nahrungskette“: Nachdenken über die Notwendigkeit jedes einzelnen Lebewesens auf der Erde. „Bird the Third“ handelt von der Eroberung des Südpols durch Amundsen und Scott aus der Sicht eines Demenzkranken, der sich verlaufen hat und kaum merkt, dass er ausgeraubt wird. Eine überaus tragische, dennoch wunderschöne Geschichte. „Beat“ handelt vom Leben und Geschehen in der Generation Ende der Fünfzigerjahre in Amerika. Weihnachten feiern bei seinem Idol. Doch ist dessen Mutter darüber begeistert? In einer von Weißen dominierten, amerikanischen Kleinstadt erinnert sich der Ich-Erzähler an eine schwarz-asiatische Schulkameradin, deren Familie aus dem Ort vertrieben wurde. Auslöser für diese Erinnerung ist „der Nebelmann“, der zweimal die Woche mit einem Auto durch die Siedlung rauscht und so viel Nebel hinter sich lässt, dass kaum die Bäume auf der anderen Straßenseite erkennbar sind. „Auf dem Dach der Welt“ befindet sich die Feuermelderin in ihrem Feuerturm und schwankt zwischen wütend sein, Angst und Interesse über und für den Mann, der sie hier in der Einsamkeit belästigt.
Alles in allem ein Büchlein mit vielen kurzen, aber voluminösen Geschichten, die sich schnell lesen lassen und immer mal zwischendurch passen. Alle sind unterhaltsam und könnten so für sich stehen bleiben. Der Leser kann aber auch darüber nachdenken und sie in sein ökologisches und gesellschaftliches Weltbild einfließen lassen.
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T. C. Boyle
Fleischeslust
Erzählungen, Taschenbuch
Dtv Deutscher Taschenbuchverlag
ISBN: 978- 3423129107
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Montag, 13. Dezember 2010

Schreibwerkstatt: Kreativ und spannend schreiben

Eine Werkstatt für jene, die wissen wollen, wie spannende und temporeiche Geschichten entstehen.

Kreativ Juni- November Flyer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kreativ Juni- November Flyer R

 

 

 

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Schreibwerkstatt: “Mir fällt doch nichts ein”

Die Termine für die Werkstatt, die Tipps gibt, wie man an Stoffe kommt, Schreibblockaden löst und sich in Schwung bringt, um neue Geschichten zu erfinden oder den Roman voranzutreiben.

Mir fällt März-September Flyer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mir fällt März-September Flyer R

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 2. November 2010

ebooker shop vergibt Gutscheincode CUBANFEELINGS

Für Fans und Freunde!
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Montag, 25. Oktober 2010

Wolfgang Brunner: Kim Schepper und die Kinder von Marubor

clip_image002Wenn man in Wolfgang Brunners Buch zu lesen beginnt, wird man in ein modernes Märchen, in eine Fantasiegeschichte hineingezogen. Was vom Titel her so ähnlich klingt wie „Die fünf Freunde“ oder „TKKG“, ist eine ungewöhnliche Mischung aus Kinderkrimi, Fantasy und Science-Fiction.

Schnell sieht man sich beim Lesen an der Seite von Kim Schepper, einem dreizehnjährigen Mädchen, welches am Grab ihre kleineren Bruders trauert. Der elfjährige Tom ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, so heißt es … Doch schon auf der Beerdigung kommt Kim in Kontakt mit einem Klassenkameraden ihres Bruders. Der lädt sie ein, den Friedhof mit ihm zur mitternächtlichen Zeit zu besuchen. Kims Neugier wurde geweckt. Bei diesem Besuch erfährt sie von weiteren Kindern, die angeblich ihre Geschwister bei einem Unfall verloren. Auch der Klassenkamerad Julian trauert um seine Schwester. Kim erfährt, dass die Geschwister in Wirklichkeit gar nicht tot sind. Sie leben zwar nicht mehr, aber sie sind auch nicht tot. Ihr Zustand ist „geringlebend“, also irgendwo zwischen Leben und Tod. Auf dem Friedhof können die Kinder ihre gering lebenden Geschwister treffen, mit ihnen sprechen und agieren. Die Geringlebenden sind für die Lebenden nicht unsichtbar. Sie nennen sich die Kinder von Marubor. Bislang wissen diese Kinder, dass sie Teil eines Experiments waren, welches die Firma „Kirkos Marubor“ unterhalb des Friedhofs und auf einer nahegelegenen Insel durchgeführt hat. Offizielles Ziel des Experiments ist, das Leben der Menschen zu verlängern, inoffizielles Ziel allerdings, für den Inhaber der Firma in Wirklichkeit die Weltherrschaft zu erlangen. Dieses Experiment war jedoch missglückt, was die Testpersonen in diesen Schwebezustand des Geringlebens versetzte. Um das Experiment und dessen Unfall zu verschleiern, waren an der Oberfläche die Unfälle für die Kinder inszeniert worden.

Doch nicht nur menschliche Figuren bekommen in dieser Geschichte einen Platz eingeräumt. Besonders neckisch: Die Kinder, die sich bei der Aufklärung der Machenschaften und des Experiments auch die Hilfe von erwachsenen Personen hinzuholen, werden bei ihren Forschungen in den Gewölben von einer Fledermaus begleitet, die sich, anders als in aktuellen Vampirszenarien, nicht von Blut ernährt, dafür aber umso genüsslicher Kaugummi kaut.

Ein amüsanter und nett gestalteter Kinder- und Jugendroman, der einem ähnlichen Plot bereits o. g. Kinderbücher folgt. Dabei ist er der erste einer bislang auf fünf Bände angelegten Romanreihe. Die Geschichte ist unheimlich interessant und überaus verständlich und nachvollziehbar geschrieben. Mit etwas weniger textlichen Wiederholungen, hätte die Geschichte nicht an Substanz verloren und die Spannung wäre nicht zu sehr mit Überlängen strapaziert worden.

Wolfgang Brunner
Kim Schepper und die Kinder von Marubor
Softcover
NOEL-Verlag;
ISBN: 978-3-940209-51-1

Donnerstag, 14. Oktober 2010

Stefanie Koch: Die Stunde der Artisten

clip_image002Man glaubt gar nicht, was sich auf Düsseldorfs Straßen und in seinen Häusern und Varietés alles während einer Fußball-WM abspielt. Bei einem toten Varietémanager bleibt es nicht, schnell gesellen sich weitere tote Artisten und ein toter Taxifahrer hinzu. Dass der Tod des Leiters des weit über Düsseldorf hinaus bekannten Apollo-Theaters (Roncalli) etwas mit dem Tod der Artistin zusammenhängt, mag angehen. Doch wie passt der tote Taxifahrer hier hinein?

Kommissar Lavalle steht mit seinem Team vor seinem dritten Fall, dessen Aufklärung aussichtslos bis unmöglich scheint. Daran ist allerdings Düsseldorfs Polizeipräsident mit seiner Karrieresucht nicht ganz unschuldig (ein beliebtes Spielfeld auch für andere Düsseldorfer Krimiautoren wie Horst Eckert oder Klaus Stickelbröck). Im Falle von Stefanie Koch setzt besagter Polizeichef eine aus Frankfurt kommende, alkoholabhängige Beamtin auf Lavalle und seine Leute an, damit sie dessen Posten übernehmen und seine Mitarbeiter gefügig machen kann. Die kranke Polizistin zieht alle Register des Mobbings und behindert damit die Ermittlungen, deren Erfolg sie sich selbst an die Brust heften möchte.

Stefanie Koch ist eine zwar verworrene, aber umso mehr faszinierende und spannende Verschachtelung der Plots aus Haupt- und Nebenhandlungen gelungen, die den Leser sofort in ihren Bann ziehen. Ihre Zeit und Mühen, die die Autorin in die Recherchen im Artistenmilieu investierte, haben in dem Buch reiche Früchte getragen. Mit einer Detailtreue ist dieses Milieu beschrieben und als Leser ist man Willens zu glauben, dass viele Informationen und Abläufe der Realität entsprechen. Mit der bildhaften Beschreibung wird der Leser direkt in die Szenerie gesetzt, so dass er der Meinung sein könnte, unmittelbar an den Ermittlungen beteiligt zu sein. Gleich mehrere Figuren haben das Zeug in sich, mit dem sich die Leser identifizieren können, egal ob es sich dabei um die Kollegen oder Freunde von Lavalle handelt. Die Handlungen und Gedanken sind nachvollziehbar, weshalb dann auch die Problemchen in Lavalles persönlichem Umfeld unterhaltsam und spannend sind.

Die ungeheuer komplexe Geschichte hätte jedoch nicht gleich von Beginn an so komplex erscheinen müssen. Zu viele Personen wurden uns Spiel gebracht. Die Einführung der notwendigen Personen im Rahmen der Handlung hätte sicherlich ausgereicht. Nicht nur namentlich werden ein mehrköpfiges Ermittlerteam, vier Töchter, von denen zwei im weiteren Verlauf ein Rolle spielen, zwölf Artisten und weitere Personen charakterisiert. Doch dann wird es mit fortschreitender Handlung ruhiger, was die Charakterisierung angeht, nicht was die Handlung betrifft. Die Spannung bleibt bei allem immer auf gleich hohem Niveau. Das Tempo wird von der Handlung diktiert, die nicht nur wegen ihrer Bilder, sondern auch dank der alltagstauglichen Dialoge, die in einem ausgewogenen Wechsel zu den erzählten Passagen auftauchen. Die Chronologie der Handlung, die innerhalb einer Woche abläuft, ist mit entsprechenden Absatzüberschriften und Ortsangaben versehen, was nicht nur dem Düsseldorfer Leser eine Orientierung gibt.

Die rasante Handlung und die Turbulenzen im Team und im Leben des Kommissars mit französischen Wurzeln lassen das Buch schnell und flüssig lesen. Es ist wünschenswert, dass die Autorin ihr in der Danksagung gegebenes Versprechen einhält und Lavalle mit seiner Mannschaft noch weitere Fälle am Rhein lösen wird.

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Stefanie Koch
Die Stunde der Artisten
Broschiert,
Ars Vivendi;
ISBN: 978-3897169838 ________________________

Donnerstag, 30. September 2010

Walter Scott: Ivanhoe

clip_image002Sir Walter Scott, ein schottischer Schriftsteller, der als der Vater des historischen Abenteuerromans gilt. Zu einem seiner bedeutendsten Werke gehört zweifelsohne der 1819 geschriebene Roman „Ivanhoe“, die Geschichte des jungen Gefolgsmannes von Richard Plantagenet, dem König Englands, der sich als Kreuzritter einen Namen machte und als „Richard Löwenherz“ bekannt ist. Während er sich im Namen der Christenheit um das Heilige Kreuz bemüht und um Jerusalem kämpft, versucht sein Bruder John ihn daheim in England des Throns zu berauben.

Walter Scott war nicht der erste Schriftsteller, der sich dieses historischen Materials annahm und es in seine fiktiven Texte zur Unterhaltung aufbereitete. Er trat beispielsweise auch in die Fußstapfen von Shakespeare, der aus den historischen Fakten unvergessliche Stücke formte. Scott jedoch hat sich mit dem Material der Unterhaltungsliteratur verschrieben und gezeigt, wie die bruchstückhaften Fakten mit der Fantasie eines Schriftstellers zu einem neuen Ganzen zusammengefügt werden können. Dabei erhebt er nicht den Anspruch, selbst ein Historiker oder Wissenschaftler zu sein. Er begnügt sich damit, wunderbare Geschichten zu erzählen. Das von dtv vorgelegte Buch hält sich an eine der ersten Ausgaben und lässt in die Sprechweise zu Zeiten seiner Entstehung blicken. So hat der Autor jedem Kapitel ein Zitat eines Kollegen vorangestellt, welches als Ausblick auf das im Kapitel folgende Geschehen dienen mag. Mangelte es ihm an einem Zitat, so soll er sich auch nicht zu schade gewesen sein, selbst eines unter Pseudonym zu schreiben.

Doch mit welcher Geschichte wird der Leser in „Ivanhoe“ konfrontiert? Er bekommt einen Einblick in die Mutter unzähliger Abenteuerromane. Denn neben Richard Löwenherz und Ivanhoe werden ihm die Geächteten von Sherwood Forrest samt ihres Anführers Robin Hood und dem Einsiedler Bruder Tuck vorgestellt. Der Leser erlebt die Arroganz normannischer Fürsten und lernt die Loyalität aufrichtiger Tempelritter kennen. Er kann sich ein Bild von den detailliert beschriebenen Ritterkämpfen am Hofe machen, er folgt den oft zweideutigen Witzen des Narren Wamba und erfährt, dass die Juden bereits im Hochmittelalter zwar verhöhnt, aber dank ihres Geschicks im Umgang mit Geld dennoch höchst willkommen waren.

Abgesehen vom Schreibstil zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in welchem der Leser sehr direkt vom Schriftsteller angesprochen und auf bestimmte Details aufmerksam gemacht wurde, ist „Ivanhoe“ auch heute noch ein sehr gut lesbarer und unterhaltender Roman. Obwohl mittlerweile fast 200 Jahre seit seinem Entstehen vergangen sind, haben etliche Passagen nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Hinzu kommt, dass die vorliegende Ausgabe mit reichlich Bonusmaterial versehen ist, welches neben einer historischen Einordnung des Werkes und seines Schöpfers, über Anmerkungen des Schriftstellers und Kartenmaterial verfügt.

Der Roman bietet selbst in der heutigen Zeit noch ein unterhaltsames Lesevergnügen.

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Walter Scott
Ivanhoe
Roman, Taschenbuch
Dtv Taschenbuchverlag
ISBN: 978-3423137652
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Mittwoch, 18. August 2010

T. C. Boyle: América (The Tortilla Curtain)

clip_image002Mit diesem 1994 erschienenen Roman hat sich der amerikanische Bestsellerautor und Literaturprofessor ein Denkmal gesetzt. Zunächst hat er es damit geschafft, nicht nur in den USA sondern auch in Deutschland in die Schulen als offizielles Schulbuch zu gelangen. Das hat natürlich seinen Grund, der unmissverständlich darin besteht, einen überaus fassbaren Gesellschaftsroman geschrieben zu haben, der den Spuren John Steinbecks „Früchte des Zorns“ nacheifert (Die Übersetzung von Werner Richter mag allerdings nicht ganz unschuldig an der Entscheidung der deuten Gremien gewesen sein.). Vielleicht ist es weniger ein Nacheifern als vielmehr ein Update, quasi eine aktualisierte Fassung des alten Klassikers aus heutiger Sicht. Mittlerweile sind seit seinem Erscheinen wieder sechzehn Jahre vergangen, aber von seiner Brisanz hat er nichts eingebüßt. Eher noch ist wahrscheinlich die eine oder andere überspitze Ironie totale Realität geworden.
Worum geht es? In der für Boyle üblichen Weise schreibt er in abwechselnden Kapiteln zunächst zwei völlig voneinander getrennt laufende Geschichten. In der einen Geschichte geht es um eine Familie aus der amerikanischen Mittelschicht, die in einer gehobenen Wohnsiedlung in der Nähe von Los Angeles lebt. In der anderen Geschichte geht es um ein mexikanisches Pärchen, die illegal in die USA gelangt sind, um sich hier den amerikanischen Traum zu verwirklichen. Dass beide Geschichten irgendwann einmal ineinander fließen, kann man ahnen, denn die amerikanische Mittelschicht kann nur in solch einem Wohlstand leben, weil sie gerne die billigen Arbeitskräfte aus Mexiko für sich arbeiten lassen. Schonungslos zeigt der Autor die Scheinheiligkeit und Verlogenheit solcher Vorgehensweise auf und benutzt dabei sein unglaubliches Handwerkszeug für kreatives Schreiben. Die Namen der Mittelständler in der Wohnsiedlung weisen beispielsweise alle darauf hin, dass sie irgendwie europäischer Abstammung und somit auch Einwanderer sind. Ihr Sprachstil zeugt von einer Schulbildung, wie sie für die weiße Mittelschicht üblich ist. Sie greifen alle mit großer Selbstverständlichkeit auf illegal eingewanderte Dienstboten zurück. Dennoch sind sie der Meinung, wenn sie sich schon mit einem Zaun vor den Kojoten schützen müssen, dann können sie aus dem Zaun auch gleich eine Mauer machen, die sie vor den mexikanischen Einwanderern schützt. Cándido und América, das Einwandererpärchen hingegen, werden wieder und wieder von Schicksalsschlägen getroffen, die sie einfach nicht aus der Gosse kommen lassen. Sie sprechen auch eine viel einfachere Sprache mit weniger Vokabular. Das bisschen durch mühselige Arbeit verdiente Geld wird gestohlen oder bei einem Brand vernichtet, das Essen sammelt Cándido aus den Mülltonnen. Bei dem Kaninchenbraten handelt es sich um einen falschen Hasen, dafür wird plötzlich eine Katze vermisst. Nur gut, dass América davon nichts mitbekommen hat. Die Wege dieser beiden so unterschiedlichen Familien müssen sich einfach kreuzen, bevor es schließlich zum großen Desaster kommt.
Das Leben dieser beiden Familien ist stellvertretend für das Leben in der aktuellen Gesellschaft. Faszinierend die zu Beginn einführende Geschichte mit den Kojoten, der sich an die Hunde macht und die als Gleichnis und Symbol fast eine Vorausschau der späteren Haupthandlung bildet.
Der Roman lässt sich schnell und flüssig lesen. Trotz aller Gesellschaftskritik, die er enthält, sind es unglaublich spannend erzählte Geschichten, die den Leser bis zur letzten Seite im Würgegriff halten.
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T. C. Boyle
América
(übersetzt von Werner Richter)
Roman, Taschenbuch
Dtv Deutscher Taschenbuchverlag
ISBN: 978-3423209359

Donnerstag, 5. August 2010

Oliver Uschmann: Feindesland: Hartmut und ich in Berlin

clip_image002Dieses Buch einem Genre zuzuordnen könnte leichte Probleme bereiten. Auf jeden Fall sollte man die Schublade für Satireromane bemühen, gegebenenfalls noch mit einem kleinen Fach für Science Fiction. Die in die Handlung eingebetteten Themen sind politisch und gesellschaftlich hochbrisant und aktuell im Deutschland von heute. Der Autor erzählt in einer lockeren und flüssigen Sprache, beinahe umgangssprachlich, in jedem Fall zeitgemäß. Durch das Einflechten von tausend kleinen Dingen aus jedermanns Alltag gibt es unzählig viele Wiedererkennungspunkte, sei es eine Fernsehwerbung, ein Radiospot, ein Spielfilm, ein Musiktitel oder eine Fernsehserie, deren Ähnlichkeit mit „Ditsche“ nicht verborgen bleibt oder bleiben soll. Viele kleine Einzelheiten, damit sich nahezu jeder Leser darin wiederfinden kann. Doch so schnell der Text auch lesbar ist, so schnell ist er durch diese vielen kleinen Details auch vergänglich. Die Leser in ein bis zwei Jahren werden sich vielleicht nur noch an die Hälfte der Dinge erinnern.

Es mag an der heutigen Zeit liegen, aber so viel Spaß das Lesen auch bereitet, die Geschichte, die erzählt wird, ist etwas dünn. Es geht um Hartmut und ich, die aus dem Ruhrpott ausgebrochen sind, um in Berlin jetzt ihr Ding zu machen. Ein Gespräch bei einem Verlag ist der äußere Anlass dafür. Doch dann geht es um die Suche nach einem Job. Hartmut und ich müssen feststellen, dass zwar überall Arbeit in Mengen vorhanden ist, aber dass nicht unbedingt dafür bezahlt werden soll. Praktikum, Freiberufler und erst mal zeigen, was man kann, bevor dann eventuell vielleicht unter Umständen über die Zahlung eines Gehalts nachgedacht werden kann. Aber das ist nicht die einzige Frustration, die die beiden durchleben müssen. Die Russen mit ihrer Schutzgelderpressung wegen der Mietwohnung gehen ihnen gegen den Strich. Albaner, Türken und Russen können sie bald eh nicht mehr auseinander halten. Dann kommt da noch das Moralministerium, welches so ungeheuer schnell Gesetze umsetzt, noch dazu rückwirkend, dass man sich um deren Einhaltung schon gar nimmer kümmern kann. Schließlich gründen Hartmut und ich und ihre beiden Freundinnen ein Taxiunternehmen der ganz besonderen Art. Dafür bemühen sie sich um Förderdarlehen beim Moralministerium, kaufen und sanieren ein Firmengelände in einem ausländerfeindlichen Stadtteil und werden zum Shootingstar unter den Jungunternehmern, wobei sie sich nebenbei auch noch einen Angriff der braunen Bande abwehren müssen. Aber davor waren sie schon mit Geschütztürmen und doppelten Wachschutz gewappnet. Die Geschichte erzählt also von Menschen, die einfach nur ihre Arbeit machen wollen, um Geld zum Leben zu verdienen und den ganz normalen Alltag im heutigen Berlin zu bestreiten. Auch auf einen Protagonisten von einem ganz besonderen Schlage wartet der Leser vergeblich, wenn, dann sind es natürlich Hartmut und ich und gegebenenfalls noch ihre Freundinnen. Als Charaktere sind sie nicht eindringlich ausgearbeitet, was aber wegen der vielen Geschichtchen und besonders wegen dem Umgang mit ihnen, explizit mit „ich“, kaum auffällt. Obwohl beide in der Handlung durchaus getrennt sind, scheinen sie unentwegt im Doppelpack aufzutreten. Und obwohl „ich“ das alles erzählt, stellt sich selbst am Ende noch die Frage: Wer ist eigentlich „ich“?

Die Aneinanderreihung vieler kleiner Anekdoten aus dem Tagesgeschehen und ihre Erzählweise machen den Spaß aus. So schafft der Autor ein ziemlich gutes Spiegelbild der heutigen Gesellschaft. Wenn es sich größtenteils nicht bereits um Realsatire handeln würde, könnte man den Roman auch als bitterbösen schwarzen Humor bezeichnen.

Oliver Uschmann
Feindesland: Hartmut und ich in Berlin
Roman, Broschiert
Scherz Verlag
ISBN: 978-3502110491
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Autorenfrühstück

Autorenfrühstück Flyer

Dienstag, 20. Juli 2010

T. C. Boyle: Drop City

clip_image002Wer diesen Roman, der mir in der deutschen, von Werner Richter, übersetzten Fassung zur Verfügung stand, zur Hand nimmt, was gleich vorneweg sehr zu empfehlen ist, der wird sich zunächst auf zwei Geschichten einlassen müssen, die im ersten Moment nichts miteinander zu tun haben. In den sechs Teilen, in denen das Buch untergliedert ist, wird im Wechsel zunächst die Geschichte von einer Hippie-Kommune irgendwo in Kalifornien berichtet. Dabei stehen nicht nur die zwei Personen Star und Ronnie (genannt Pan) im Vordergrund, die den Auftakt bilden. Sondern mit einem detailgetreuen Wissen um die Abläufe in solch einem Mikrokosmos, was eine Kommune ursprünglich auch darstellen sollte, gibt der Ex-Hippie Thomas C. Boyle vielen Figuren Raum in dieser Geschichte. Vielleicht ist aber gerade das der Grund, warum die Geschichte so detailliert und authentisch wirkt. So gibt es Norm und seine Frau, dem das Grundstück gehört, auf dem die Kommune lebt, der dadurch in eine Anführerrolle gerutscht ist, die er gar nicht gewollt hat. Es gibt Alfredo, den Möchte-gern-Chef der Gruppe, mit seiner Familie, es gibt die Clique der Schwarzen um Lester, denen unterstellt wird, dass sie zwar von der Kommune leben, ihr aber nichts beisteuern wollen. Jeder Tag im sonnigen Kalifornien läuft wie der vorhergehende, und wenn die Kleinkinder mal zu lästig werden, dann werden sie mit LSD im Orangensaft ruhig gestellt. Ein Drink, der eigentlich nur für die Erwachsenen gemixt wurde. Aufregendes, abgesehen von den alltäglichen Problemchen sowie den Klagen der Nachbarn über diese verlausten Nichtsnutze oder gar eine Vergewaltigung innerhalb der Kommune, passiert nicht.
In der Parallelhandlung der anderen Teile im Buch geht es um Sess Harder, ein Mann, der für sich herausgefunden hat, dass ein Leben als einsamer Fallensteller in einer Blockhütte in Alaska das Leben ist, was für ihn nur in Frage kommt. Doch er weiß, dass es sich mit einer Frau an der Seite in der Einsamkeit auch sehr gut anfühlen kann und ist umso mehr überrascht, dass sich Pamela für ihn interessiert. Ursprünglich wollte Pamela nicht ihn, sie kannte ihn da noch nicht, sondern Joe Bosky besuchen. Der jedoch nimmt es seinem Nachbarn später übel, Pamela geheiratet zu haben.
Die Liebesgeschichte um Pamela, Sess und Joe könnte sicherlich auch alleine als spannender Roman funktionieren, wenn Norm, der Chef von Drop City, nicht die Schnauze voll von den Behörden und kein Grundstück in Alaska geerbt hätte. Er setzt allen den Floh ins Ohr, dass sie als Kommune in Alaska ein phantastisches Leben vor sich hätten, ein Leben in völliger Freiheit und Natur, unbelästigt von dem ganzen spießigen Kleinbürgertum.
Man ahnt es: an dieser Stelle werden die beiden Handlungsstränge ineinander geführt. Die Wege von Norm, Ronnie, Star und Sess kreuzen sich und das Desaster nimmt seinen Lauf. Die Hippies treffen in Alaska auf ein Umfeld, mit dem sie nicht gerechnet hatten, so hatten sie dieses Land in ihren Vorstellungen und Träumen nicht gesehen. Es kommt zu einer Vermischung mit den Einwohnern und sie werden in deren Probleme hineingezogen. Die Unterschiede zwischen einer Kommune im ewig sonnigen Kalifornien und einer in einem sechs Monate lang bei Temperaturen weit unterhalb von Null liegendem Alaska sind so gravierend, dass das Auseinanderbrechen der Gemeinschaft zwangläufig sein muss.
Dass in der Kommune nicht viel passiert, ist natürlich weit untertrieben. Die detailgenaue Phantasie Boyles schafft genügend spannende Momente, die den Leser die Zeilen verschlingen lassen. Aber in der Phantasie des Autors mag zwar die Handlung in der Natur Alaskas gelegen haben, das detailreiche Wissen darüber verdankt er seinen Recherchen. Außerdem ist Boyle eines seit seiner Hippie-Zeit geblieben: die Liebe zur Natur. Auch heute noch wandert er tagelang durch abgeschiedene Landschaften.
Boyle ist ein großes Epos über ein als alternativ möglich gesehenes Gesellschaftsmodell, welches mit dem heutigen Abstand auch in seinen Augen als gescheitert anzusehen ist, gelungen. Er schreibt von Menschen, die davon reden, im Einklang mit der Natur zu leben (wie die Hippies) und von solchen, die es tatsächlich tun (wie die Einsiedler in Alaska). Boyle schreibt von Menschen, deren Naivität schier grenzenlos zu sein scheint, die damit aber nichts anderes als das blanke Chaos hervorrufen. Der Zusammenbruch der Gemeinschaft wird schließlich dadurch symbolisiert, dass die Hippies plötzlich ihre Namen auf das Geschirr kratzen, wo bis dato doch allen alles gehörte.Ein
Ein Buch, welches unbedingt gelesen werden sollte.

T. C. Boyle
Drop City
(übersetzt von Werner Richter)
Roman, Hardcover
Hanser Verlag
ISBN: 978-3446203488

Donnerstag, 15. Juli 2010

Anne-Gabriele Michaelis: Nordische Dichterinnen und Dichter

clip_image002Mit dem fünften Band in der Reihe „Die Welt der Poesie für neugierige Leser“ stellt Anne-Gabriele Michaelis dieses Mal nordische Dichterinnen und Dichter vor. Nach einem ersten Band mit den Dichtern aus drei Jahrhunderten, den Romantikern aus Schwaben, den deutsch-jüdischen Poeten und den humoristischen Versschmieden nun eine gelungene Zusammenstellung der und Information über die Dichter aus dem Norden. In flüssig und wenig lehrbuchhaft zu lesender Weise widmet sich die Autorin dem Leben und Wirken von Tania Blixen, Theodor Storm, Hans Christian Andersen und Selma Lagerlöf. Zu keiner Zeit gelangt der Leser zur Ansicht, ein Fachbuch mit schwerem Stoff in den Händen zu halten, wie es bei so manchem Sachbuch der Fall ist. Mit interessanten Details und kleinen Anekdoten aus dem Leben der Schriftsteller plaudert die Autorin über das Heranwachsen, über die ersten Lieben, die ersten Ehen, die Musen, die sie küssten, die Werke, die sie schufen. Nur eine umfangreiche Recherche macht es möglich, mit so viel Lockerheit über das Leben dieser wahrlich in der Literatur anerkannten Menschen zu schreiben. Gespickt werden die Biografien zusätzlich kontextbezogen mit Tipps zum Weiterlesen, in denen auf besondere Verse, Erzählungen und Novellen hingewiesen wird, bei denen es sich lohnt, sie in die Hand zu nehmen.

Anzumerken ist den Texten allerdings, dass sie zeitlich unabhängig voneinander entstanden zu sein scheinen. Obwohl immer in dem lockeren Stil so wirkt die ansonsten eingehaltene chronologische Reihenfolge bei Hans Christian Andersen etwas durcheinander geraten. An manchen Stellen musste die Chronologie dem Verfolgen eines Themas weichen, wodurch dann, wenn das Thema beendet war, ein Zeitsprung eintreten musste, um in die Chronologie zurückzukehren. Dem Lesevergnügen tut das keinen Abbruch, genauso wenig wie der fehlende Verweis auf das prominenteste Werk von Tania Blixen: „Jenseits von Afrika“

Insgesamt ist dieses überaus kurzweilige all jenen literarisch Interessierten zu empfehlen, die ihren Blick nicht nur auf die Werke der Schriftsteller und Dichter sondern auch auf deren Biografie richten.

Anne-Gabriele Michaelis
Nordische Dichterinnen und Dichter
Sachbuch, Taschenbuch
Engelsdorfer Verlag
ISBN: 978-3869018881

Samstag, 10. Juli 2010

T. C. Boyle: Zähne und Klauen

image "Er wusste nicht, wie es passiert war - mangelnde Voraussicht seinerseits, mangelndes Engagement, mangelnde Planung, mangelnde Rücklagen für schlechte Zeiten -, aber in rascher Folge verlor er seinen Job, seine Freundin und das Dach über dem Kopf, und eines Morgens erwachte er auf dem Gehsteig vor der Post." ("Hier kommt")
Mit solch faszinierender Spannung, die auf das Porträt eines Verlierers hinweist, kann der Leser rechnen, wenn er sich den vorliegenden Erzählband zur Hand nimmt. Wer Boyle kennt, ist schon gespannt auf das Ende einer Geschichte, bevor er sie überhaupt zu lesen begonnen hat, bevor er weiß, wovon sie handelt. Mit diesem 2005 in den USA erschienenen Erzählband zeigt der Autor einmal mehr seinen Spaß beim Feinschleifen seiner Sätze. Novellen, Erzählungen und Kurzgeschichten haben auf der anderen Seite des Teiches einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland, wo solche Schreibübungen lediglich von preisgekrönten Schriftstellern geduldet werden. Für die Amerikaner gehören solche kürzeren Geschichten ganz einfach zu jedem Autor. Boyle ist die Lust am Gestalten dieser Geschichten anzumerken. Damit schafft er selbst in sehr kurzen Geschichten eine solche Dichte an Umfeld und Geschehen, dass man das Gefühl hat, trotzdem einen ganzen Roman gelesen zu haben. So ist es auch bei den 14 Geschichten dieses Bandes. Bei „Windsbraut“ entwickelt sich auf einer stürmischen Insel eine romantische Liebesbeziehung zwischen einem eher zurückgezogen lebenden Inselbewohner und einer amerikanischen Vogelkundlerin, die von den Inselbewohnern nur die Frau mit den Vögeln oder die Vogelfrau genannt wird. Sehr humorvoll wird eine Romanze aufgebaut, bis es schließlich in einem Desaster endet. In „Der freundliche Mörder“ geht es um einen Rekordversuch im Wachsein eines Radiomoderators, bei dem er die Leute auf der Straße durch ein Schaufenster zuschauen lässt. In "Chicxulub" erfährt ein Ehepaar vom Unfall ihrer Tochter, auf dem Weg in die Klinik leiden sie Qualen. Meteoriteneinschläge in Sibirien und in Mittelamerika demonstrieren die Unabwendbarkeit mancher Ereignisse und erhöhen mit ihrer ständigen Unterbrechung der laufenden Handlung die Spannung, die darin besteht, zu erfahren, wie es der Tochter geht. "Hier kommt" erzählt die Geschichte eines Mannes, der alles verloren hat und gerade auf der Straße wach geworden ist. So langsam wird ihm bewusst, dass ihn der Alkohol im Griff hat, weil alle seine Probleme verschwinden, sobald er etwas getrunken hat. Bis er schließlich ein Verbrechen beobachtet. "Geblendet" spielt auf den südamerikanischen Estancias, auf welcher sich ein Wissenschaftler an die Untersuchung der UV-Strahlung macht. Doch so unaufhörlich er den Estancieros von den negativen Auswirkungen der Strahlung auf Mensch und Tier predigt, so unnachgiebig muss er von einer Estancia zur nächsten ziehen. "Gegen die Wand" wird sprichwörtlich das Leben eines jungen Mannes gefahren, der sich vor dem Vietnamkrieg drückt, vom Kiffen auf harte Drogen umsteigt und nichts anderes als Rausch im Sinn hat, obwohl sich ihm Alternativen bieten.
Fingerübungen sind diese Geschichten vom amerikanischen Autor, der selbst einen Großteil seiner Jugend als Hippie durchlebte, allemal. Dem Boyle-Leser wird die eine oder andere Figur nicht ganz fremd vorkommen. So weisen die Inselbewohner in "Windsbraut" eine gewisse Ähnlichkeit mit den kauzigen Einwohnern des Alaska-Örtchens Boynton auf und von dem rauschbesessenen Typen in "Gegen die Wand" gibt es in "Drop City" gleich eine ganze Kommune. Die Geschichten gleichen Charakterstudien, die früher oder später den Protagonisten und Antagonisten in seinen Romanen als Grundlage dienen. Die behandelten Themen sind sehr vielschichtig und obwohl so manche von ihnen mit einem Desaster endet, in welcher der Protagonist ein Chaos hinterlässt, sind viele sehr humorvoll geschrieben und treiben dem Leser ein Schmunzeln oder gar die Tränen ins Gesicht. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er nicht alles so ernst nehmen sollte, wie es am Ende aussieht. Boyle ist perfekt in der Lage, mit dem zwinkernden Auge und eine alle Sinne ansprechende Weise seine Geschichten an die Leser zu bringen. In der deutschen Fassung wird er sehr passend von den beiden Übersetzern unterstützt.
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T. C. Boyle
Zähne und Klauen
Anette Grube , Dirk van Gunsteren  
Softcover, Taschenbuch
DTV;
ISBN: 978-3-423-21194-9
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Sonntag, 20. Juni 2010

Über Grünzeug und so was …

“All dieses natürliche Zeug geht einem doch irgendwann auf die Nerven, wisst ihr?” meinte Reba. “Tofu. Tahin. Brauner Reis. Auch wenn’s gesund ist. Auch wenn ich total dafür bin. Aber das hier” – sie legte eine Sardine auf eine dünne Scheibe Weißbrot und leckte sich das Öl von den Fingern –, “das ist kein Luxus, das ist eine Notwendigkeit, alles klar?”

T.C. Boyle “Drop City” in der Übersetzung von W. Richter (Hanser Verlag)

Samstag, 15. Mai 2010

Truman Capote: Sommerdiebe

clip_image001Der Roman erzählt die Geschichte der schönen, reichen und widerspenstigen Grady, einem 17-jährigen Mädchen von der Upper East Side New Yorks. Sie hat einen ganzen Sommer sturmfreie Bude, denn die Handlung beginnt, als Grady zusammen mit ihrer Schwester die Eltern auf ein Kreuzfahrtschiff begleitet, weil diese mit der "Queen Mary" eine mehrmonatige Reise nach Europa antreten. Obwohl sich die Mutter sorgt, die Tochter, die nach den Ferien ihr gesellschaftliches Debüt in der oberen Gesellschaft bestreiten soll, alleine daheim zulassen, kann sie dem Willen ihrer Tochter nichts entgegen setzen. Noch bevor der Ozeanriese in See sticht lernen wir den langjährigen Freund und ehemaligen Spielgefährten Gradys kennen und ahnen, dass zwischen ihnen eigentlich mehr als nur eine dicke Freundschaft stecken müsste. Doch es vergehen viele Wochen und die Hitze des Sommers im flirrenden und brodelnden New York, bis Grady in einem Anflug von Schimmer auf solche Gedanken kommt. Grady lernt in dieser Zeit ihre Heimatstadt von einer anderen Seite kennen lernt Menschen kennen, die bislang in ihrem Umfeld keine besondere Rolle spielt.

Erst 2004 ist das ein halbes Jahrhundert verborgen gebliebene Manuskript dieses Erstlingswerks des amerikanischen Schriftstellers (bekannt geworden mit "Frühstück bei Tiffany") wieder an die Oberfläche gelangt. Er selbst hatte immer wieder Andeutungen gemacht, dass er mal einen ganzen Roman vernichtet hatte, weil er ihn nicht für veröffentlichungswürdig hielt. Die Literaturexperten waren nach dem plötzlichen Auftauchen des Manuskripts ganz anderer Meinung. Zeugt der Roman doch von einer Reife, die für ein Erstlingswerk ungewöhnlich verfestigt scheint. Doch wäre an dieser Stelle auch anzumerken, dass das Manuskript zwar 1943 begonnen wurde, jedoch feilte Capote noch bis weit in die fünfziger Jahre hinein daran, obwohl er zwischenzeitlich längst Erzählbände herausgebracht hatte.

Mit sensibler Wortakrobatik und einer eigenen Stilistik, die sich in grammatikalisch falscher Interpunktion äußert, wird das Leben dieses jungen Mädchens mit all seinen Wünschen und Träumen gezeigt. Capote führt den Leser von einem Bild zum anderen und lässt ihn am Leben der Upper Class teilhaben. Lange, verschachtelte Sätze, die aber nie so lang sind, dass man den Anschluss verliert, gestalten Bilder von der drückenden Hitze im Central Park oder dem Vorbehalt der Mutter während der anfänglichen Trennungsszenen. Malerisch lässt Capote seine Protagonistin bekifft durch die Augen die Welt betrachten.

Doch so schön und gelassen sich anfangs noch die "heile Welt" eines jungen Mädchens mit ihren Schulmädchenproblemchen ausnimmt, umso rasanter geht es mit den Gefühlen zu, je mehr Seiten umgeschlagen werden, bis der Leser schließlich einen Punkt erreicht, an dem er nicht mehr aussteigen kann, an dem ihn die Spannung festhält und er wissen möchte, welchen Weg Grady einschlägt.

Eine kurze und packende Sommergeschichte, die das Bild einer Gesellschaft zu Mitte des vorigen Jahrhunderts widerspiegelt und auf ein spannendes Ende hinausläuft.


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Truman Capote
Sommerdiebe
Roman, Hardcover
Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5157-1
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Siegfried Lenz: Fundbüro

clip_image002Henry Neff, ein junger Mann Anfang Zwanzig und in seiner Art ein Aussteiger aus dem System, hat den Platz in seinem Leben, an dem zwei er sich wohlfühlt. Er arbeitet im Fundbüro am Hauptbahnhof. Zwar hatte auch er sich anfangs gefragt, was das wohl für ein Arbeitsplatz wäre, auf den er sich beworben hatte und den er anstrebte. Aber dann stellt er fest, dass es Spaß macht und befriedigen kann, sich mit all den verlorenen Gegenständen und mit den damit verbundenen Lebensgeschichten ihrer Verlierer zu befassen. Dabei trifft er auf so sympathische Leute, dass er manchmal in seine eigene Tasche greift, um die für die Herausgabe fälligen Gebühren zu zahlen. In Gesprächen mit Kollegen, Verwandten und Bekannten lässt er unmissverständlich anklingen, dass er nicht daran interessiert ist, das Spiel von der Karriereleiter mitzuspielen. Selbst sein Chef geht anfangs davon aus, dass Henry nur ein durchlaufender Mitarbeiter wäre. Henry jedoch beweist das Gegenteil.

Doch eine heile Welt, wie Henry sie sich wünscht, sind auch der Arbeitsplatz im Fundbüro und der Kiez, in dem er lebt, nicht. Irgendwann muss er erkennen, dass er sich nicht immer nur heraushalten und von den netten Geschichten im Fundbüro leben kann.

Eine ruhige und einfühlsame Geschichte, wie von Siegfried Lenz nicht anders zu erwarten. Ein filigranes Wortspiel, wenn vom interessanten Leben der "Verlierer" gesprochen wird, mit einer Doppeldeutigkeit, wie sie selten zu finden ist und die dadurch eine Art von Humor an den Leser vermittelt, auf die er sich zurückgelehnt einlassen kann. Das Fundbüro als Mikrokosmos der heilen Welt, die doch so leicht von außen bedroht werden kann. Beim Dahingleiten im Text mit seinem beruhigenden Schreibstil hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte wie Öl die Speiseröhre hinunter läuft. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Menschen im Buch soviel Gemeinsames mit den Menschen in meinem Bekanntenkreis haben, dass es nicht um Helden und Antihelden geht, sondern um "Normalos" in der heutigen Gesellschaft.

Ein schnell zu lesendes Buch mit einem ironischen Blick auf die heutige Gesellschaft, welches für jede Stimmungslage empfohlen werden kann.


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Siegfried Lenz
Fundbüro
Roman, Hardcover
Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-04280-1
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Klaus Stickelbroeck: Fischfutter

clip_image002Protagonist des neuen Krimis aus der Feder des Düsseldorfer Polizisten und Autors Klaus Stickelbroeck ist erneut der Privatdetektiv Hartmann, ein ehemaliger Fußballer von Fortuna Düsseldorf, der sich nach einem Unfall beruflich umorientieren musste. Sein ehemaliger Trainer Budde, genannt Buddel, der mittlerweile als Obdachloser im Brückenpfeiler der Hammer Eisenbahnbrücke im Düsseldorfer Hafen lebt, wird Zeuge eines Mordes, der seiner Meinung nach von Polizisten begangen wurde. Die Angst treibt ihn zu Hartmann. Dieser, gerade dabei einen Ladendiebstahl aufzuklären, gewährt ihm Unterkunft. So richtig mag er die obskure Geschichte seines alten Trainers nicht glauben, bis er schließlich von der an der Kaiserswerther Fähre angespülten Leiche erfährt. Das macht ihn neugierig und er muss feststellen, dass diese Leiche eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von Buddel beschriebenen Mordopfer hat. Diese Neugier lässt ihn auf eigene Faust und ohne Auftrag ermitteln. Letztendlich ist ihm nicht daran gelegen, Buddel auch aus dem Rhein fischen zu müssen, zumal dieser plötzlich aus der Wohnung verschwunden ist.

Nun beginnt eine wilde Raserei, die das Buch auf jeden Fall für jeden Düsseldorfer lesenswert macht. Aber nicht nur, denn als Krimi ist auch für Nicht-Düsseldorfer genügend Spannung und Action dabei, um ist nicht aus der Hand zu legen. Mit Augenzwinkern und Humor werden Plätze, Milieus, Gegenden und Personen beschrieben, die mehr oder weniger jedem bekannt sind und in ähnlicher Weise in jedem Ort existieren.

Wenn man den Protagonisten selbst beschreiben sollte, dann könnte man aus Zeitgründen den Privatdetektiv und Antiquar Wilsberg aus Münster bzw. der gleichnamigen ZDF-Fernsehserie bemühen. Immer klamm in der Kasse, immer einen flotten Spruch auf den Lippen und immer den richtigen Riecher. Dabei aber ein sehr offenherziger und engagierter Mensch. Hartmann ist eine Figur, die viel Sympathie erzeugt. Mit von der Partie ist wieder Krake, der einarmige Wirt aus der Stammkneipe von Hartmann. Krake ist mittlerweile ein Markenzeichen für alle Geschichten, an denen der Autor mitwirkt, denn Stickelbroeck ist nicht nur solo „unterwegs“, er gehört auch zu den Krimi-Cops, den sechs netten Polizisten, die gemeinsam Krimis schreiben.

Flüssig und rasant lesbar ist der vorliegende Krimi auch wegen des umgangssprachlichen Schreibstils. Wenn dem Erzähler solche Gedanken wie „Hartmann wartete ein paar Sekunden, aber Schotter ließ sich bitten. Na gut.“ heraus rutschen, dann hat die Geschichte etwas von dem, als würde sie abends am Tresen erzählt werden. Und zu erzählen gibt es jede Menge. Schließlich ist der Protagonist ein fleißiger Ermittler. So habe ich beim Lesen insgesamt fünf Fälle gezählt. Mit dabei: Ladendiebstahl, Mord, Erpressung, Mädchenhandel und der Big Bang. Spannend bleibt es also immer und trotz aller Erfolge in der Aufklärung der Fälle bleibt für mich noch eine Frage am Schluss: Bekommt der erfolgreiche Hartmann tatsächlich seinen Führerschein nicht zurück?

Zusatzempfehlung: Zuerst hinten im Buch die Liste der gespielten Musiktitel aufschlagen, die Musik als MP3 zusammenstellen und anschließend beim Lesen an den entsprechenden Stellen einspielen. Damit rückt der Leser noch mehr an Hartmanns Gefühle. … Oder die des Autors?


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Klaus Stickelbroeck
Fischfutter
Softcover, Taschenbuch
KBV Verlag
ISBN: 978-3-940077-83-7
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Donnerstag, 8. April 2010

Jennifer Lauck: Der Sommer liegt noch vor dir

clip_image002Die Mutter des fünfjährigen Mädchens Jenny ist schwer krank, jedoch verstehen sich beide gut. Nur mit ihrem älteren Bruder, der ihr schroff und abweisend gegenüber ist, hat sie so ihre Probleme. Der Vater wiederum ist sehr liebevoll zu ihr. Für eine schwere Operation der Mutter zieht der Vater mit den Kindern in die Stadt mit der Klinik. Die Therapie ist langwierig und mehrfach wechselt der Mutter zwischen Klinikaufenthalt und Aufenthalt daheim. Dabei kümmert sich die kleine Tochter, sie ist inzwischen etwas älter geworden ist, um die Mutter, sie wäscht sie manchmal, sie reinigt ihr Bett, macht das alles ohne Meckern und Murren. Ihr großer Bruder aber stänkert immer noch und erzählt ihr, dass sie nicht seine richtige Schwester wäre, sondern adoptiert ist. Nachdem die Mutter verstorben ist, zieht der Vater mit den Kindern nach Los Angeles, aber die Großstadt gefällt Jenny nicht. Der Vater lernt eine neue Frau kennen, die ihrerseits drei Kinder hat. In dieser Gemeinschaft fühlt sich Jenny nicht wohl und wünscht sich nichts sehnlicher, als bei ihrer Mutter zu sein. In einem Ferienlager wird Jenny vom Schwimmlehrer schikaniert, muss Strafarbeit erledigen und wird schließlich von diesem sexuell missbraucht. Obwohl der Vater viel arbeitet, bekommt er mit, dass sich seine Tochter nicht besonders wohl fühlt und so macht er ihr zu ihrem neunten Geburtstag eine Überraschung über die sie sich freuen kann. Es scheint einige Zeit in der Familie besser zu laufen. Doch dann erleidet der Vater einen Herzinfarkt und die Patchworkfamilie steht nach dreitägigem Klinikaufenthalt ohne Ernährer da. Jenny wird von der Stiefmutter in einem kirchlichen Obdachlosenheim allein gelassen und muss für ihren Lebensunterhalt hart und viel arbeiten. Auch ihr Bruder wurde verstoßen. Beide hatten instinktiv gespürt, dass es irgendetwas mit dem Geld des Vaters zu tun haben musste.

Der auf autobiographische Erlebnisse basierende Roman ist aus der Sicht eines Ich-Erzählers verfasst. Während es sich anfangs scheinbar um eine Milieustudie handelt, in der die amerikanische Gesellschaft beschrieben wird, stellt sich immer wieder die Frage, worauf die Geschichte hinauslaufen soll. Uninteressant wird sie deshalb allerdings nicht, weil das Interesse des Lesers alleine deshalb schon geweckt ist, weil ein kleines fünfjähriges Mädchen etwas zu erzählen hat. Doch nach einer gewissen Zeit stellt sich die Frage ein, die man am Ende auch beantwortet haben möchte. Nach so vielen Schicksalsschlägen, die das Mädchen im Laufe der Handlung immer wieder hinnehmen muss, bleibt am Ende nur noch die Frage, wird ist ein Happy End geben oder nicht? Obwohl das Buch an manchen Stellen etwas langatmig wirkt, fasziniert doch der Umstand, wie geschickt die Autorin ihre eigene Kindheit in einer solch dramatischen Romanhandlung festhalten konnte. Zwar erlebt jeder Mensch in seinem Leben Schicksalsschläge, aber diese jeweils in eine Beschreibung so auf einen Höhepunkt zu treiben, bedarf meistens besonderen Geschicks. Das Bild einer amerikanischen Familie im Zeitraum 1969 bis 1975 gibt das Buch sehr gut wieder, was auch an der bildhaften Beschreibung liegen mag.
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Jennifer Lauck
Der Sommer liegt noch vor dir
Softcover, Taschenbuch
Goldmann Verlag
ISBN: 978-3442457465
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Dienstag, 23. März 2010

Schreibwerkstatt: “Kreativ und spannend schreiben”

Kreativ Juni- November Flyer V Eine Werkstatt zu den Praktiken des kreativen Schreibens für kleine, große, junge und alte Interessierte, die immer schon mal wissen wollten, wie man spannende Geschichten schreibt und den Leser in seinen Bann zieht!

Reizt Sie das Schreiben von Kurzgeschichten, Romanen, Krimis? Wollen Sie an ihren stilistischen Techniken etwas ändern oder sie festigen? Wollen Sie wissen, wie der Stoff entsteht, der zum Träumen anregt oder den Lesern zu einer Gänsehaut verhilft?

Dann sind Sie in diesem Seminar genau richtig. Hier werden die Grundlagen und Strukturen für eine fiktive Geschichte vermittelt. In vielen praktischen Übungen erproben und erlernen Sie den kreativen Umgang mit der Sprache. Sie erhalten das handwerkliche Rüstzeug zum fiktionalen und lernen, mit Plots zu arbeiten. Sie werden anschließend in der Lage sein, aus einem öden Sachverhalt eine spannende Geschichte zu machen. Begleitend dazu erfahren Sie etwas zu den Themen Literaturkritik, Buchhandel und Buchmarkt und darüber, wie man für sein Manuskript einen passenden Verlag findet.

Was steht auf der Agenda?

· Detlef Knut führt in die Techniken des fiktiven und spannenden Schreibens ein

· Das Entstehen einer spannenden Geschichte

· Der Umgang mit Plots

· Die Charaktere und andere Zutaten für eine spannende Geschichte

· Theorie und Schreibübungen

Schnupperstunde

Etwa 14 Tage vorher findet eine kostenlose Schnupperstunde am selben Veranstaltungsort statt. Termin bitte erfragen!

Veranstalter

Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V. in Zusammenarbeit mit dem zentrum plus AWO Eller

Teilnahmegebühr

Normal

65,00 €

Mitglieder des BVJA und/oder der AWO

55,00 €

Teilnehmer mit „Düsselpass“ oder gleichwertigem Sozialpass

35,00 €

(Für die ermäßigten Preise sind entsprechende Nachweise zu erbringen.)

Ansprechpartner und Anmeldungen:

Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V.; c/o Detlef Knut; Telefon: 0211/5595090, Email: schublade@detlef-knut.de oder info@bvja-online.de

OrtKreativ Juni- November Flyer R

“zentrum plus” AWO Eller; Schlossallee 12a; 40229 Düsseldorf; Telefon: 0211/60025-833, Email: zentrumplus-eller@awo-duesseldorf.de

Verkehr

Stadtbahn: U75

Straßenbahn: 715

Bus: 725; 730; 732; 735; 815

Zeiträume

Datum

Uhrzeit

Wochenendveranstaltung 2

 

Samstag, den 5.6.2010

9:00-18:00 Uhr

Sonntag, den 6.6.2010

9:00-16:00 Uhr

Wochenendveranstaltung 4

 

Samstag, den 6.11.2010

9:00-18:00 Uhr

Sonntag, den 7.11.2010

9:00-16:00 Uhr

Es finden weitere Wochenendveranstaltungen zu anderen Themen statt!

Meinungen zum letzten Workshop:

Feedback_1

Freitag, 19. Februar 2010

Jonathan Frantzen: Die Korrekturen

clip_image002Der amerikanische Gegenwartsautor erzählt in diesem umfangreichen Roman die Geschichte einer in der Mittelschicht angesiedelten Familie.

Enid und Alfred sind beide im Ruhestand, leben in ihrem mittlerweile sehr großen Haus und Mutter Enid wünscht sich nichts sehnlicher als noch ein einziges Mal die gesamte Familie, eine Tochter und zwei Söhne, zu Weihnachten bei sich zu Hause bewirten zu können. Ihre Geschichte wird in abwechslungsreichen Episoden erzählt, die jede für sich genommen eine eigenständige Novelle sein könnte. Mit den Episoden wechselt der Fokus der Erzählung auf die Person, die in dieser Episode die Hauptrolle spielt. So wird der Leser im ersten Abschnitt mit dem Sohn Chip und seinen Versuchen, erfolgreicher Autor zu werden und sein Leben in den Griff zu bekommen, bekannt gemacht. Der Sohn Gary wird mit seiner Familie in der zweiten Episode vorgestellt. Er ist ein erfolgreicher Investmentbanker und bemüht sich redlich um seine Familie, was ihm schwerlich zu gelingen scheint. Besonders seine Frau hält gar nichts davon, das nächste Weihnachten bei den Schwiegereltern zu verbringen. In einem weiteren Abschnitt werden schließlich Enid und der an Demenz erkrankte Alfred vorgestellt. Frantzen bedient sich dabei diverser Rückblenden, in denen er die Lebenswege der beiden aufzeigt und eine Zeit beschreibt, in der ihre Kinder noch Kinder waren. Eine Urlaubsbekanntschaft auf einem Kreuzfahrtschiff wird als Mittel benutzt, um das kleinbürgerliche Denken von Enid, die intellektuell nicht an die Bekannte heranreicht, mit all seinen Facetten zum Vorschein zu bringen. Eine vierte Episode gibt den Blick frei auf das Leben der Tochter Denise, die sich als Starköchin einen Namen gemacht hat und ebenso Mühe hat, ihr privates Leben in den Griff zu bekommen. In der fünften und letzten Episode steht Weihnachten schließlich unmittelbar bevor, alle Stränge werden zusammengeführt und zum Höhepunkt gebracht.

Bei der unter der Lupe betrachteten Familie handelt es sich keineswegs um eine typisch amerikanische Familie. Viele ihrer Züge, Befindlichkeiten und Eigenheiten sind schlichtweg menschlich und können ebenso in einer deutschen oder anderen, zumindest westeuropäischen, Familie wiedererkannt werden. Die prägnante Erzählweise von Frantzen, der dem Leser jedes Detail durch Handlung - lange bevor das Wort Demenz oder Altzheimer fällt, ist dem Leser klar, woran Alfred leidet - und nicht nur durch bloße Beschreibung miterleben lässt, erzeugt einen Klangteppich von Atmosphäre, die es unmöglich macht, dieses Buch aus der Hand zu legen. Die Charaktere sind mit solch einer Fülle an Eigenschaften, Emotionen, Gedanken und Handlungen ausgestattet, dass es nicht schwer fällt, sie als eigenes Familienmitglied zu akzeptieren. Ein Grund dafür, dass die einzelnen Episoden zwar so lang sind, sie aber nie zu lang wirken und der Wechsel zum nächsten Abschnitt durchaus von Wehmut begleitet wird, weil dieser dann den Fokus auf ein anderes Familienmitglied legt. Einen Wehrmutstropfen hatte für mich allerdings eine Geschichte, die von Chip und dessen leicht unmoralischer Arbeit in Litauen erzählt. Dient sie doch lediglich dazu, aufzuzeigen, dass Gary seinen Bruder verabscheut, weil er in seinen Augen reiche Amerikaner ausnimmt. Sie ist meines Erachtens zu lang gestreckt und jede andere Handlung außerhalb von Litauen hätte denselben Zweck erfüllt.

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  • Jonathan Frantzen
  • Die Korrekturen
  • Softcover, Taschenbuch
  • Rowohlt Taschenbuch Verlag
  • ISBN: 3-499-23523-4

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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Sonntag, 7. Februar 2010

Gedankenspiele - Prosa

Cover eichler_gedankenspiele Ein kleines, schmuckes Büchlein mit sage und schreibe 33 kleinen und feinen, nachdenklich und schmunzelnd machenden Geschichten über das alltägliche Leben. Der Autor gewährt Einblick in seiner Gedankenwelt, er zeigt, wie er denkt, welche Themen ihn beschäftigen, und das sind nicht gerade wenige. Dabei wird nichts ausgespart. Geht es in der einen Geschichte um die Liebe zwischen Mann und Frau, so geht es in der anderen um die der Kinder zu ihren Eltern und umgekehrt, oder es geht um die Entstehung der Pommes frites oder die Globalisierung der Gesellschaft, es geht um das Arbeitsklima in der Firma oder um Menschen, die viel Zeit haben. Eichler beobachtet, beschreibt, denkt nach und erzählt. Die keineswegs langweilig wirkenden Gedankenspritzer, die von ihm aufs Papier gebracht wurden, sind nicht ohne verborgene Anspielungen. Sie decken so manche Unzulänglichkeit unserer Gesellschaft auf oder stellen vermeintlich fest vorgegebene Wege in Frage.

Trotz der höchst unterschiedlichsten Texte zieht sich ein roter Faden durch das Büchlein. Es ist der Faden der Liebe. So findet dieses Thema schließlich seinen Höhepunkt in der letzten Geschichte, die in ihrer Form eine starke Ähnlichkeit mit einem Liebesbrief aufweist und ein Kompliment darstellt. Wenn auch in jeder Geschichte unterschiedliche Fragen aufgeworfen werden, so gibt es letztendlich eine Antwort auf alle Fragen: wo der Verstand seine Grenzen erreicht, da ist die Liebe die Antwort.

Eine nette Lektüre, die sich in jeder Situation sehr gut für Zwischendurch eignet, ob im Zug, im Flugzeug, oder im Warteraum des Zahnarztes. Die Geschichten, von denen viele nur zwei Seiten lang sind, passen immer. Und manch eine sehr philosophisch erscheinende Geschichte lädt auch noch beim zweiten und dritten Lesen zu neuen Entdeckungen zwischen den Zeilen ein.


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Lothar Eichler
Gedankenspiele
Softcover, Taschenbuch
Centrum Verlag in der WFB Verlagsgruppe
ISBN: 978-3-86672-988-9
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2010

Nichtraucher werden ist nicht schwer

Ich selber hatte die Methode des gestressten, aber zum Teil gut organisierten Geschäftsmannes gewählt, um mir im Jahre 2004 das Rauchen abzugewöhnen. Eine höchst effiziente Methode, wie ich heute, nach fast sechs Jahren Abstinenz ruhigen Gewissens behaupten kann.

Mein Termin für den Eintritt in das Nichtraucherdasein war von langer Hand gut vorbereitet. Nahezu zwanzig Jahre hatte ich auf diesen Tag hingearbeitet und mich darauf vorbereitet. Doch dann begab es sich am ersten Mai des besagten Jahres, dass mir die Zigaretten ausgegangen waren. Die Sternstunde der Wahrheit war gekommen: ich kaufte einfach keine neuen Zigaretten. Stattdessen griff ich meinen ledernen Organizer aus dem Regal, schlug meine To-Do-Liste, also die Liste mit den täglich zu erledigenden Kleinigkeiten, auf und trug für jeden Tag der folgenden Woche in dicken, blauen, mit rot nachgezeichneten Strichen und Ausrufezeichen versehen die Wörter: NICHT RAUCHEN! In diese abzuarbeitende Liste ein.

Bis heute habe ich mich daran gehalten. Den Eintrag in der Aufgabenliste benötige ich schon lange nicht mehr. Die Tätigkeit war mir wenige Tage nach dem Start bereits in das Blut übergegangen. Mittlerweile sind es schon 2.103 Tage, die ich diese Tätigkeit mit Erfolg ausübe.

Samstag, 23. Januar 2010

Die Krimi-Cops in Oberkassel


Am gestrigen Freitag (22.1.2010) stellten sich die Krimi-Cops in der Stadtbücherei Oberkassel mit ihrem aktuellen Buch "Teufelshaken" vor. Schwer zu finden war dieser Leseort für die Düsseldorfer Polizisten nicht, befindet sich die Polizeiwache doch Tür-an-Tür mit der Bücherei im Oberkasseler Rathaus.
Vier der insgesamt sechs Autoren, die allesamt hauptberuflich Polizeibeamte sind, stellten auf höchst amüsante und sehr kurzweilige Art ihren zweiten Krimi vor und trafen dabei das Herz der Düsseldorfer. Denn an Düsseldorfer Schauplätzen und Regionalpromis fehlt es in dem Buch nicht. Letzters fällt aber eher nur Eingeweihten auf. An Requisiten mangelte es kaum, blutrünstige Axt und Sprengstoffkanister waren für den Notfall bereitgestellt.

Die zweistündige Veranstaltung wurde mittendrinn von einer kleinen Pause unterbrochen, welche von den etwa 70 Teilnehmern rege für den Erwerb von Büchern und Autogrammen genutzt wurden. Die Textpassagen des Buches sind liebevoll und mit Spaß an der Sache vorgetragen worden, so dass das Publikum dabei mitgezogen wurde und es immer wieder zu herlichen Lachern kam.
Es war eine höchst gelungene Veranstaltung, so dass eine Lesung mit den Krimi-Cops immer wieder empfehlenswert scheint.