Mittwoch, 30. Dezember 2009

Hiobs Brüder (Hörbuch)


Erneut stellt die Autorin Rebecca Gablé, die sich nach ihren ersten Krimis nun schon viele Jahre als Schriftstellerin von historischen Romanen einen Namen gemacht hat, unter Beweis, wie gekonnt sie die historisch belegten Wahrheiten mit einer fiktiven Handlung verbinden kann. Gleichzeitig mit dem Roman erschien bei Lübbe Audio das inszenierte Hörbuch, welches als Grundlage dieser Rezension zur Verfügung stand.

Die Handlung beginnt im England des Jahres 1147 auf einer kleinen Insel vor der Küste Yorkshires. Hierher werden Menschen verbannt und verbracht, von denen man an anderer Stelle nichts mehr sehen und hören will. Dazu gehören nicht nur Krüppel und Aussätzige, sondern auch Mörder und Menschen, die so manchem Machthaber im Wege stehen. Einer der Protagonisten ist Losian, der auf der Insel so genannt wird, weil er nicht mehr weiß, wer er ist. Er sowie Edmund, der sich für einen Märtyrerkönig hält, Regy, ein hinterhältiger Mörder, Godric und Wulfric , siamesische Zwillinge, und schließlich Oswald, die wohl wegen ihrer geistigen Zurückgebliebenheit liebenswerteste Person dieses Buches, nehmen den jungen Simon de Clare, der wegen seiner Fallsucht (Epilepsie) verstoßen wurde, in die Gemeinschaft der verfallenen Inselfestung auf. Ein mächtiges Unwetter, welches über die Insel hinwegfegt, öffnet der verstoßenen Gemeinschaft unverhofft einen Weg in die Freiheit, den die Männer nicht ungenutzt lassen. So kehren sie in einer waghalsigen Flucht auf das Festland zurück und begeben sich auf die Wanderschaft. Ein nahezu unendliches Abenteuer in einer sehr kriegerischen Zeit Englands beginnt und Losian, der von allen als Anführer akzeptiert wird, beschleicht das Gefühl, Schuld am Krieg um die Königskrone zu sein. Doch auf der Suche nach Losians Herkunft, denn nur seine wahre Identität kann ihm Aufklärung darüber geben, ob er tatsächlich schuldig ist, treffen die Gesellen nicht nur auf feindselige Raufbolde und machthungrige Ritter, sondern sie machen auch die Bekanntschaft eines Henry Plantagenet. Dieser Henry ist kein Geringerer als der Sohn der Kaiserin Maud, die eigentlich anstelle des Königs Stephen de Blois auf dem englischen  Thron sitzen sollte.

Die fiktive Handlung um Losian und seiner Freunde wurde äußerst geschickt in die Ereignisse um den Machtkampf zwischen dem späteren Heinrich II. und seinem Widersacher Stephen de Blois gesponnen. Die Autorin schafft es auf diese Weise, dem Leser bzw. Hörer die historischen Ereignisse in fast spielerischer Weise nahe zu bringen, ohne dass dieser das Gefühl hat, ein Lehrer mit erhobenen Zeigefinger würde vor ihm stehen. Anhand dieses Buches bzw. Hörbuches macht das Eintauchen in die Geschichte Englands besonders viel Spaß. Die Beschreibung winziger Details ist so vollkommen, dass man glauben könnte, die Autorin hätte mit einer Kamera im mittelalterlichen England gestanden und alles festgehalten. Selbst die Zweikämpfe und Schlachten, die genau wie die Liebe und Zweisamkeit unweigerlich zu einem Abenteuerroman gehören, sind wegen ihrer unnachahmlichen Darstellung fest im Gedächtnis eingebrannt. In Sachen Liebe wird nicht nur die zwischen Mann und Frau zum Thema, sondern einnehmend ist immer wieder die Fürsorge der Schicksalsgesellen untereinander, die wirklich aus tiefem Herzen zu kommen scheint.

Da sich die Handlung über fast zehn Jahre hinzieht, ohne dabei auch nur ein einziges Mal von ihrer Spannung einzubüßen, ist die personelle Ausstattung erwartungsgemäß nicht gerade gering. Die auf dem Hörbuchcover enthaltene Liste der historisch belegten Personen ist dabei sehr hilfreich. Bewusst wurde dieses Mal bei der Gestaltung darauf geachtet, die fiktiven Personen nicht in einer Liste zu benennen, um dem Leser/ Hörer die Unterscheidung zwischen realen und fiktiven Personen zu erleichtern. Von besonderer Stärke aber erweist sich die Darbietung des Hörbuches als inszenierte Lesung. Mit opulenten mittelalterlichen Klängen wird in die einzelnen Kapitel und Abschnitte eingeführt, die den mit sehr subtilen Stimmen agierenden Berliner Schauspieler Detlef Bierstedt, auf besondere Weise unterstützen. Musikalisch werden verschiedene Themen benutzt, so dass der Hörer anhand der Klänge auf die Handlung hingewiesen wird: kraftvolles Orchester für Schlachtszenen oder Szenen am Hofe, sanfte Melodien für Momente der Zweisamkeit. Aber nicht nur Musik, sondern auch Geräusche lassen den Hörer in die Handlung eintauchen: Pferdegewieher, Schlachtgetümmel, das Aufeinanderprallen der Schwerter, die Schreie der Besiegten. Alles das, verbunden mit den höchst unterschiedlichen Stimmen des Vorlesers, macht das fast 15stündige Hörbuch zu einem Hörgenuss.

Die Inszenierung der Lesung bietet weitaus mehr als nur einen vorgelesenen Roman und stellt aus meiner Sicht deshalb einen Vorteil gegenüber der gebundenen Ausgabe dar. Alleine deshalb, aber nicht nur, ist dieses Hörbuch zu empfehlen. Die Verbindung der historischen Ereignisse mit einer abenteuerlichen Handlung stellt mindestens einen ebenso großen Grund dar. Selbst der Geschichtsinteressierte, der sonst kaum etwas anderes als ein Fachbuch vor der Nase hat, wird seinen Gewinn aus den spannenden Geschichten um Losian und seiner Weggefährten ziehen.
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Rebecca Gablé
Hiobs Brüder
Historischer Abenteuerroman, gelesen von: Detlef Bierstedt
Hörbuch, 12 CD,
Lübbe Audio, Bergisch-Gladbach
ISBN: 978-3-7857-4182-5
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

Montag, 21. Dezember 2009

Gerda - ein Mädchen geht seinen Weg (Leseprobe)


In der Berghütte

Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr. Es soll mit einem gemeinsamen Weihnachtsfest in einer Erzgebirgshütte beendet werden. Gerda hat ihre Patchwork-Familie, d.h. ihren Sohn Jörg mit dessen Frau Ines und deren Mutti Erika sowie den Enkeln Patrick, Mike, Lisa und René, eingeladen. Sie hat alle zusammen in ihr Herz geschlossen. Für sie gibt es keinen Unterschied. Sie ist glücklich, dass Jörg endlich wieder Halt gefunden hat und nicht mehr mit seinen beiden Söhnen alleine ist.
Die Kinder haben für die Zeit von Weihnachten bis Neujahr eine Hütte im Erzgebirge gemietet. Für Jörg ist es der erste längere Urlaub nach Jahren. Seit seiner Selbstständigkeit verzichtet er auf fast jegliche Erholung. Als alleiniger Verdiener und Vater von zwei Söhnen benötigt er jeden Cent und jeden Tag für den Obst- und Gemüsehandel oder den Bau seines Eigenheimes. Er achtet auf seine Gesundheit und treibt Sport, die Umsetzung darüber hinaus gehender Ratschläge fällt ihm jedoch schwer. Urlaub lässt sich mit einer Selbständigkeit schlecht vereinbaren. Dieses erste Jahr mit der großen Familie ist etwas Besonderes und Jörg muss sich eingestehen, dass er ein paar Tage Erholung gut gebrauchen kann.
Der Wetterbericht hält was er versprach. Das Erzgebirge ist tief verschneit, der Weg zur Hütte kaum begehbar. Jörg und die Jungs haben Mühe, ihn jeden Morgen aufs Neue frei zu schaufeln.
Gerda ist froh, dass sie diese Tage alle Familienmitglieder an einem Ort zusammen hat. Die Jungs werden mittlerweile flügge und verspüren keinen großen Drang mehr, mit den Eltern in den Urlaub zu fahren. Aber die diesjährige Wintertour wird von allen als etwas Besonderes gesehen. Die Jungs mussten nicht lange überredet werden, noch ein Mal mit dabei zu sein.
Gerda hat sich vorgenommen, während dieser Tage der Familie aus ihrem Leben zu erzählen. Den Gipfel der Lebensmitte hat sie überschritten und seit dem Tod ihres Mannes Bernd viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Es scheint eine gute Gelegenheit zu sein.
Der erste Weihnachtstag lädt besonders dazu ein. Am Vormittag toben die Enkel draußen im Schnee, vergnügen sich mit Ski und Rodel. Jetzt, am Nachmittag, kurz nach dem Essen, liegen sie mit vollen Bäuchen auf ihren Betten oder in den Sesseln der Hütte. Im Kamin knistert das Holz. Angesengte Fichtenzweige verbreiten ihren Duft im Raum. Draußen hat es wieder zu schneien begonnen. Gerda ruft alle zusammen: „Kommt doch bitte mal alle in die Stube. Ich möchte euch gerne etwas erzählen.“
Mike nörgelt herum: „Oma, muss das denn sein? Ich bin noch so kaputt.“
„Du kannst Dich doch hier in der Stube ausruhen. Bringt Euch Kissen mit herunter und wer keinen Platz auf einem Sessel findet, kann sich auf den Fußboden setzen. Es wäre schön, wenn ihr alle dabei wärt.“
Gerdas Wunsch mag schließlich keiner abschlagen. Manch einer der Enkel findet sich trotz rollender Augen in der Stube vor dem Kamin ein. Gerda beginnt zu erzählen.
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Wie Gerda ihre Kindheit erlebte

Der Anfang in schweren Zeiten
Wie ihr alle inzwischen wisst, bin ich weit oben im Norden geboren, in der mecklenburgischen Stadt Hagenow nur wenige Kilometer von der Landeshauptstadt Schwerin entfernt. Das ist nun schon einige Jahre her und es war am Kindertag, dem ersten Juni im Jahr 1939. Der Tag wurde damals zwar noch nicht gefeiert, aber seit 1920 gab es ihn in der Türkei und seit 1925 in vielen weiteren Staaten.
1939 ist das Jahr, in welchem am 31. August als polnische Freischärler verkleidete SS-Angehörige einen Überfall auf den Sender Gleiwitz vortäuschen und damit die Rechtfertigung für den Kriegsangriff auf Polen liefern, der prompt am nächsten Morgen mit dem Einmarsch deutscher Truppen beginnt. Gleichzeitig werden damit die Beistands- und Kooperationspakte (die englisch-französische Garantieerklärung und der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt) aktiviert. Die Briten und Franzosen fordern Hitler auf, sich aus Polen zurückzuziehen. Der Zweite Weltkrieg in Europa beginnt. Nur zwei Tage später erklären Frankreich, Großbritannien, Australien und Neuseeland dem Deutschen Reich den Krieg.
Zu der Zeit wohnten meine Eltern in der Hamburger Straße. Das Haus, in welchem ich geboren wurde, war ziemlich groß. Ich verbrachte dort meine ersten Jahre.
Bei meiner Geburt muss ich ein gesundes Baby gewesen sein, denn sowohl von meiner Mutti als auch von anderen Verwandten habe ich später nicht gehört, dass es irgendwelche Komplikationen bei meiner Entbindung gab. Ich war nicht das erste Kind. Als ich das Licht der Welt erblickte, hatte ich eine Schwester. Gisela, die wir später ihr ganzes Leben lang immer nur Gischi nannten, war zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Jahre alt.
Der 1. Juni 1939 ist ein besonderer Tag für die Radrennfahrer damals. Es beginnt in Deutschland das längste Radrennen der Welt. Die Deutschland-Rundfahrt übertrift ihr eigenes Vorbild, die Tour de France. Leider ist dieser Größenwahn an der Tagesordnung.
Von dem dreiwöchigen Etappenrennen, welches über eine Strecke von  5038,2 km verläuft, soll ein gewaltiger Werbeeffekt für den Radsport, die deutsche Fahrradindustrie und den internationalen Rundfahrt-Gedanken ausgehen. Am Morgen dieses Tages starten Mannschaften aus der Schweiz, Dänemark, Belgien, Frankreich, Holland, Spanien und Deutschland. 68 Sportler hatten sich für das Rennen gemeldet. Während der etwas mehr als drei Wochen werden 20 Etappen absolviert, an vier Ruhetagen bekommen die Teilnehmer eine Verschnaufpause.
Meine Großeltern
Ich hatte mit dem Großelternteil mütterlicherseits häufiger Kontakt als mit dem meines Vaters.
Die Eltern vom Vater kannte ich nicht besonders gut. Sie hatten in der Bahnhofstraße in Hagenow in dem Nachbarhaus des damaligen Fotografen Hasse gewohnt. Die Oma habe ich als sehr klein und zierlich in Erinnerung. Opa Johann kenne ich mit einem großen weißen Rauschebart und immer einer Tabakspfeife, die aus dem Bart herausschaute.
Die Mutter meiner Mutti hieß Anna Blin. Mein Großvater hieß Robert Lehni. Sie waren nicht verheiratet. Er hatte viel in der Schweiz gearbeitet. Sie lebten auf dem Lande. Was anderes gab es für uns in Mecklenburg nicht. Das Leben spielte sich auf dem Lande ab. Sie lebten mit Pferden, Kühen, Schweinen und anderen Tieren auf den Höfen.
Meine Oma nannten wir „Oma Blin“. Wenn ich an sie denke, finden meine Gedanken unwillkürlich den Weg zur Großherzigkeit meiner Eltern Lisbeth und Paul. Sie waren sehr angenehme Menschen und hatten Oma Blin bei sich aufgenommen, als es ihr gesundheitlich nicht mehr gut ging. Geistig war sie zwar bis zu ihrem Tode sehr fit, ihre Beine hatten ihr jedoch sehr früh den Dienst quittiert. Sie hatte sogenannte „offene Beine“ und konnte bald gar nicht mehr laufen. Oma hatte eine Zeit lang ihr Bett sogar im Wohnzimmer. Nach dem Tod meines Vaters 1959 kümmerte sich mein Schwager Gerhard um die Oma. Er trug sie morgens aus dem Bett in die Küche und abends wieder zurück, weil sie die wenigen Schritte nicht hätte alleine gehen können. So war sie bis zuletzt in die Familie integriert. Meine Mutti hatte eine sehr lobenswerte und schwere Pflegearbeit geleistet.
Zu Beginn 1959 wird der kubanische Diktator Batista aus dem Land gejagt und Fidel Castro kommt, unterstützt durch Ché Guevara, an die Macht. Im November dieses Jahres wird das Godesberger Programm der SPD verabschiedet. In der DDR werden die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), in welche viele Bauern zuvor „freiwillig“ eintraten, zur Pflicht. Die erste Barbiepuppe erblickt das Licht des Marktes.
Die Lieblingsspeise von Oma Blin war Bückling, den es bei uns nicht immer zu kaufen gab. Wenn ihre Kinder aus dem Westen zu Besuch kamen, brachten sie immer Bücklinge mit. Das wünschte sie sich so sehr und ihre Freude war riesig, wenn sie die Fische auspacken konnte.
Über meinen Großvater, Robert Lehni, weiß ich nur, dass er lange Zeit in der Schweiz lebte und von dort wunderbare Pakete nach Gammelin schickte. An diesen Ort wenige Kilometer von Hagenow zog es meinen Opa in hohem Alter hin. Dort hatte ich ihn kurz kennen lernen dürfen. Er war sehr groß und kräftig. Noch heute wohnen Verwandte mit demselben Familiennamen dort. Ein Bruder meiner Mutti lebte dort und arbeitete als Melker. Wenn ich mal dort war, gab es immer diese schönen Käseecken, die Robert Lehni aus der Schweiz geschickt hatte, oder auch Kakaopulver. Es war wie Weihnachten, wenn die Oma von ihrem Mann solch ein Paket bekam.
Der Opa wurde später auf dem Friedhof in Hagenow beigesetzt, eine Grabstelle, die wir viele Jahre pflegten, bis die Pacht abgelaufen war.
Cousine und Cousin
Neulich überraschte mich ein Anruf. „Weißt du, wer hier anruft?“ Die Stimme, es war eine weibliche Stimme, kam mir bekannt vor, aber richtig einordnen konnte ich sie nicht. Deshalb antwortete ich ganz vorsichtig: „Na, mir kommt das so vor, als wenn dies ein Anruf aus Hagenow wäre.“ „Da bist du gar nicht mehr weit weg“, sagte sie. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Es war eine Cousine, die mit ihrer Familie in Thüringen lebt. Sie sagte: „Über die Auskunft habe ich mir jetzt Deine Telefonnummer geben lassen und wollte endlich mal wieder die Gerda anrufen.“
Das gibt es nicht, dachte ich mir. Meine Freude war riesengroß. Sie erzählte mir viel über ihre Geschwister in Gammelin. Ihre Mutti wäre jetzt über achtzig Jahre alt. Von den vielen Jungs hatte außer einem keiner geheiratet. Alle hocken bei ihrer alten Mutter zu Hause. Wenn sie die Augen schließt, ist nicht abzusehen, was aus denen wird.
Über einen ihrer Brüder hatte Mutti manchmal gesagt: “Passt bloß auf, der macht immer so.“ Dabei griff Mutti mit der rechten Hand etwas aus der Luft in einer drehenden Bewegung. Er war immer ein herzenslieber Junge, aber man wusste nie, woher seine Geschenke stammten. Es blieb so ein Fünkchen Skepsis an dem Geschenk hängen.



Ein Bild meiner Eltern


Meine Eltern hießen Lisbeth und Paul Meincke. Meine Mutti war eine geborene Blin und soweit ich weiß, in Berkenthin im Kreis Herzogtum Lauenburg geboren. Mein Vater stammt aus Scharbow, einem kleinen Dorf bei Hagenow und wuchs auch dort auf.
Beide hatten sich bei der Landarbeit kennen gelernt. Das war in der Nähe von Boizenburg, in dem kleinen Ort Tessin. Sie arbeiteten auf einem Gut. Wie es damals immer so schön hieß: sie waren „in Stellung“. Der Papa arbeitete draußen auf dem Felde und  Mutti war als Kindermädchen tätig. Papa fuhr bereits die Pferdekutschen, mit denen er sich seinen Ruf als Fuhrunternehmer aufgebaut hatte.


Beide arbeiteten zunächst noch auf dem Gut in Tessin als sie zur Miete in der Hamburger Straße wohnten. Ich sehe Vati noch vor mir, wie er allabendlich in Reithosen und Stiefeln nach Hause kam. Er arbeitete meist als Kraftfahrer, unter anderem fuhr er bei der Bäckerei Franz einen Lkw. Von 1936 bis 1939 fuhr er bei der Firma Stoll einen Traktor und während der Kriegsjahre von 1939 bis 1945 in der Hagenower Käserei wieder einen Laster.
Obwohl meine Mutti nach Giselas Geburt nie wieder eine feste Stelle annahm, zog sich dennoch eine Sache durch ihr ganzes Leben: Sie war mit Leib und Seele Kindermädchen und eine hervorragende Erzieherin. So lange sie lebte, hatte sie nicht nur uns beiden Mädels erzogen, sondern es schwirrten immer wieder Kinder im Haus herum. Sie wurde von Nachbarn und Bekannten ohne viel Mühe überredet, bitte wieder „ein letztes Mal“ Kindermädchen zu sein. Das war ihr Leben.
Als Gisela und ich da waren, kümmerte sie sich mit Hingabe um die Familie. Jetzt war sie nur noch Hausfrau, während Papa das Geld heran schaffte. Mutti schmiss den gesamten Haushalt nahezu alleine. Wir Mädchen durften dabei helfen, solange es uns Spaß machte.

Eine politische Richtung hatten meine Eltern nicht vertreten. Zumindest hatte ich sie damals nicht verspürt und auch heute könnte ich sie im Wirken meiner Eltern nicht auffinden. Ich wüsste nicht, dass sie jemals in einer Partei gewesen wären. Wohl aber würde ich behaupten wollen, dass sie sich modern, tolerant und liberal verhielten.
Von Fotos her weiß ich, dass der Vater bei der Freiwilligen Feuerwehr in Hagenow mitgemacht hatte. Ich selbst habe ihn aber nicht mehr in Uniform in Erinnerung. Von Mutti weiß ich noch, dass sie zu diesem Zeitpunkt als Köchin bei einem Bäcker auf dem Breitscheidplatz gearbeitet hatte. Ich glaube, diese Bäckerei lag neben dem Lebensmittelladen und heute gibt es dort immer noch eine Bäckerei.

Eigene Erinnerungen an die Wohnung in der Hamburger Straße habe ich nicht. Ich kenne sie nur aus Erzählungen und von den wenigen Fotos. Deshalb sind meine ersten Erinnerungen an zu Hause mit dem Haus in der Hagenower Siedlung verbunden. Der Umzug muss Anfang der vierziger Jahre erfolgt sein. Es war der einzige Umzug, den ich in der Kindheit erlebte. Das Haus in der Siedlung haben wir bis etwa 1992 besessen. Meine Mutti hatte bis zu ihrem Tod darinnen gewohnt. Die Siedlungshäuser waren im Dritten Reich im Rahmen von Hitlers Wohnungs- und Siedlungspolitik als „volkspolitische“ Aufgabe gebaut worden. In Deutschland herrschte zu dieser Zeit Wohnungsnot und so wurden Häuser und Kleinsiedlungen für die Bevölkerung geschaffen. Die Siedlungshäuser bei uns gehörten den „Heimstätten Mecklenburgs“ in Schwerin, welche über ein Vorkaufsrecht verfügten.
Die Ehe meiner Eltern empfand ich immer als tolerant. Zwischen Mutti und Vati gab es zwar hin und wieder Meinungsverschiedenheiten, aber sie verliefen meist ruhig. Es war einfach nicht viel davon zu spüren. Das finde ich selbst heute noch bemerkenswert, weil Mutti keine von den stillen Frauen war. Sie wird meinem Vater schon ihren Standpunkt mitgeteilt haben. Doch es geschah ohne lauten Krach.
Ein Streitpunkt zwischen ihnen war oft das Geld. Mutti konnte sehr schnell ausgeben, was Papa mühselig verdiente. Er konnte besser sparen. Damit sie ein bisschen mehr davon hatten, versuchte er, sie zu überlisten. Er brachte das Geld zu seiner Schwester, die es aufbewahren sollte. Mutti durfte nichts davon erfahren.
Eines Tages an Weihnachten flog dann alles auf. Mutti hatte kein Geld zum Wirtschaften und Papa kaufte noch Weihnachtsgeschenke. Also hatte er doch Geld. Das Vertrauen zwischen den beiden schien dieses Weihnachten sehr stark erschüttert.
Trotz der überwiegend harmonischen Ehe wurde mein Vater kurz vor seinem Tode ein bisschen eifersüchtig. Dies geschah eines Abends, als wir mit Freunden und Nachbarn im Kulturhaus in Hagenow-Land waren. Dort gab es Tanzveranstaltungen, Vereinsfeiern und es war öfters etwas los. An besagtem Abend hatte Vati etwas viel getrunken. Sein ganzes Theater muss totale Eifersucht gewesen sein, gepaart mit Alkohol. Mutti war lebenslustig und kein Kind von Traurigkeit. Während der Tanzveranstaltung hatte ich mitbekommen, dass sie besonders glücklich war und mit verschiedenen Männern geflirtet hatte. Jedenfalls war am nächsten Morgen die Lampe im Schlafzimmer meiner Eltern halb abgerissen und das Bild an der Wand hing schief. Als sich die beiden den Abend zuvor gestritten hatten, hatte ich versucht, Mutti aus dem Zimmer heraus zu holen, aber sie wollte partout nicht mit mir gehen. Sie hatte immer gesagt: „Mein Bett ist hier, deshalb schlafe ich auch hier“. Irgendwann hatten die beiden immerhin ihre Ruhe gefunden. Dieses war der einzige Streit meiner Eltern, bei dem mir angst und bange um meine Mutter und die Ehe der beiden war. Wie sich herausstellte, schließlich unbegründet. Am Tag danach schienen beide wieder ein glückliches Ehepaar zu sein.
Auf welche Weise sie sich an diesem Abend wieder zusammen gerauft hatten, hatte ich nie erfahren. Entweder war ich an dem Abend eingeschlafen oder mit meinen Freunden wieder zum Tanz zurückgegangen. Später hatte ich mit Mutti nie wieder über diesen Abend gesprochen.
Wenn ich sage, die beiden hatten einen Krach, der mir Angst machte, dann war das nur vom Lärm und Geschrei verursacht. Wegen der schiefen Möbel hatte ich heimlich darauf geachtet.
Erst viel später nahm ich wahr, dass sie beide nach diesem Krach an keiner Tanzveranstaltung mehr teilnahmen. Sie blieben lieber zu Hause und gingen so den Eifersüchteleien aus dem Weg.
Als Papa starb, war Mutti noch jung an Jahren. Wir wohnten bereits einige Jahre in der Siedlung von Einfamilienhäusern mit Gartengrundstück und pflegten eine sehr gute Nachbarschaft. Mutti wurde ganz in die Gemeinschaft aufgenommen und nahm an den Familienfeiern fast jedes Nachbarn teil, an Geburtstagen, Hochzeiten oder ähnlichen Feiern. Es blieb nicht aus, dass sie nach Papas Tod viele Angebote von alleinstehenden Männern erhielt. Ich hatte sie einmal gefragt, warum sie denn keines dieser Angebote annehmen wollte. „Um Gottes willen, nein, lass mich bloß in Ruhe damit. Ich will nicht wieder“, hatte sie geantwortet. Sie war der Meinung, dass sie ihm auch nach seinem Tode noch die Treue halten müsse. Davon ließ sie sich auch nicht von einem Nachbarn, der in der Ulmenallee in der Siedlung lebte und sie sehr gerne geheiratet hätte, abbringen. Dessen Heiratsanträge lehnte sie vehement ab. Verstärkt wandte sie sich wieder der Kinderbetreuung zu. Damit war sie fast bis an ihr Lebensende glücklich und zufrieden.
Mutti war ziemlich modern, sie orientierte sich nicht an dem Vergangenen, sondern war stets der Zukunft zugewandt. Sie war sehr tolerant und offen für moderne Technik. Egal, ob es sich um ein Radiogerät, ein Fernsehgerät oder einen Kühlschrank handelte. Mutti hatte keine Scheu davor. Sie probierte ständig neue Sachen aus. Aber diese Offenheit beschränkte sich nicht nur auf neueste Technik. Ihr Umgang mit anderen Menschen, ihr positives Denken und Nachvorneschauen, ihre Herangehensweise an die moderne Zeit zeichneten sie aus und gefielen nicht nur mir, sondern auch meinem Mann Bernd. Er hatte später gesagt: „Ich hatte die allerbeste Schwiegermutter, die es je gab.“ Bernd war gerne zu ihr nach Hagenow gefahren.
Bewundernswert fand ich immer, dass Mutti nie geklagt hatte, egal welche Wehwehchen es waren, ob Hüfte, Knie, Hexenschuss oder Erkältung. Auf ihre Leiden oder Krankheiten angesprochen sagte sie immer: „Das muss von alleine wieder weggehen.“
Als es eines Tages mit ihrer Hüfte nicht mehr ohne weiteres ging, hatte ich von Karl-Marx-Stadt aus die Operation in Rostock vorbereitet. Ich hatte den dortigen Chefarzt darum gebeten, weil Mutti in ihrem Alter alleine in einem Häuschen wohnte.
Nach dem Eingriff telefonierte ich täglich mit ihr. „Ich bin wie neu geboren“, hatte sie immer wieder gesagt. Ihre Schmerzen waren wie weggefegt, bis sie dann einige Jahre später die Schmerzen in den Knien bekam.
Allmorgendlich rieb sie ihre Knie mit einer Salbe ein. Leider hatte ich damals noch nicht richtig verstanden, dass der Schmerz von dem einen Gelenk, der Hüfte, die operiert worden war, nun zu dem anderen Gelenk gewandert war und dass es sich dabei um dieselbe Ursache handelte. Heute, da ich selbst in dem Alter bin, in dem damals meine Mutter war, kann ich das viel besser verstehen und würde liebend gerne noch einmal mit Mutti über alles reden.
Alles in allem würde ich meine Mutti als Optimistin bezeichnen. Ihre Lebensfreude, ihre Späße sind alles Merkmale, die keinen Pessimisten auszeichnen. Wenn die Attribute Warmherzigkeit, Fürsorglichkeit, Zuneigung und Zuverlässigkeit in einem Menschen vereint sein sollten, dann ist es in jedem Fall meine Mutter, auf die sie zutrafen.
Arbeit, Arbeit, Arbeit. Das war der Lebensinhalt meines Vaters. Er war ein liebevoller, aber strenger Vater und hatte gewisse Vorstellungen, die er in seinem Leben gerne umgesetzt hätte. Aber er hatte dafür nie seine Hand gegen mich erhoben. Das war für die damalige Zeit etwas ganz Besonderes. Letztendlich hatten wir gerade die Zeit hinter uns, in der die Lehrer ihre Schüler mit der Gerte züchtigen durften.


Vati war tierlieb. Er mochte Hunde über alles. Unsere kannten ihn ganz genau. Wenn er von der Arbeit kam und mit seinem Lkw oben an der Chaussee in unsere Straße einfuhr, spürten sie das und begannen zur Begrüßung zu bellen. Sie bellten solange, bis er aus dem Laster ausgestiegen war und ihren Willkommensgruß ganz persönlich erwiderte. Das war wie ein festes Ritual. Erstaunlicherweise mussten wir später feststellen, dass alle Hunde kurze Zeit nach dem Tod von Vati ebenfalls verstorben waren. Die Tiere mochten ihn und er mochte sie.
Die viele Arbeit von Papa hatte mich nicht gestört. Seinerzeit ging der Mann arbeiten, um das Geld für die gesamte Familie nach Hause zu bringen. Deshalb verbrachte er nicht viel Zeit mit der Familie. Dennoch bemühte er sich stets, sich für uns die Zeit zu nehmen und so manches Mal hatte er mit mir gespielt und getobt.
Bis 1930 hatte der Vater in der Landwirtschaft häufig als Kutscher gearbeitet. Danach war er Kraftfahrer, oder auch Traktorfahrer. Schon auf dem Feld hatte er die Landmaschinen, Pferdewagen und -kutschen gefahren. Am 10. Juli 1945 hat er sich dann als Kraftfahrer selbstständig gemacht und das Fuhrunternehmen, heute würde man wohl Spedition sagen, gegründet. Die Genehmigung erhielt er von der sowjetischen Kommandantur, die auf dem Militärflugplatz in Hagenow ihren Standort hatte. Selbst heute staune ich, was mein Papa für Energie hatte, um so eine eigene Firma aufzubauen.
Ich erinnere mich an eine Geburtstagsfeier einer lieben Nachbarin. Mein Vater arbeitete in der Zeit für die Molkereien und sammelte bei ihnen täglich die Butter ein, um sie in den Wismarer Hafen zu bringen, wo sie auf Schiffe verladen und in die Sowjetunion (heute Russland) gebracht wurde. Täglich fuhr er eine andere vorgegebene Route. An dem besagten Geburtstag wurde nachmittags und abends tüchtig gefeiert. Papa hatte so manches Mal den Schnaps nicht ausgeschlagen und abends kräftig einen hinter die Binde gekippt, wie wir immer sagten. Plötzlich fiel ihm ein: „Menschenskinder, wir waren heute gar nicht in Zarrentin.“ In seinen Hausschuhen stürmte er torkelnd in die Garage und sprang auf den Lkw. Ich hatte gerade noch Zeit genug, ebenfalls auf den Lkw zu springen und dann ging es ab in Richtung Zarrentin zur Molkerei. So holten wir schließlich noch die Butter ab. Auf der Fahrt zurück nach Hagenow lief uns eine Katze über den Weg, sie lief von rechts nach links. „Das bringt uns Glück!“, sagte Vati. Dabei schwenkte er mit dem Lkw hinter der Katze her. Mir wurde himmelangst dabei. Diese Aktion werde ich nie vergessen. Nur frage ich mich heute noch: wo hatten wir die Butter gelassen? Wir waren an diesem Abend nicht mehr zum Kühlhaus gefahren und müssten sie nachts auf dem Lkw gelassen haben. Unter solchen Umständen wäre sie in der Molkerei besser aufgehoben gewesen.
Sexuelle Aufklärung spielte zu Hause keine Rolle. Obwohl ich meine Eltern für modern hielt, benahmen sie sich in dieser Angelegenheit etwas verklemmt. Ich hatte sie beispielsweise nie nackt gesehen. Trotz unseres schönen Badezimmers. Sie hielten sich immer bedeckt und achteten darauf, dass die Badezimmertür abgeschlossen war und ich nicht unversehens hineinstürmen konnte.
Mir ging es aber nicht anders. Schließlich war ich von ihnen erzogen worden. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Eines Tages sollte ich dem Vati meinen Po zeigen, weil ich dort einen Pickel hatte. „Das musst du mal dem Papa zeigen“, hatte Mutti gesagt. Da hatte ich mich gewehrt, bis zuletzt. Meinen Po sollte Vati keinesfalls zu sehen bekommen.
Etwas später, als meine Schwester Gisela ihren Freund Gerhard mit nach Hause brachte, war das wieder ganz anders. Vor ihm hatte ich mich nicht so scheu angestellt und keine Scham, mich vor ihm nackig zu bewegen.
Die Unnachgiebigkeit meiner Eltern zeigte sich, als ich zwar noch sehr jung, aber alt genug war, um schon nach den Jungs zu schauen. Vorher hatte ich meine Eltern gar nicht als streng empfunden. Aber wenn es um Jungs ging, hätte ich sie manches Mal auf den Mond schießen können. Sie passten auf, dass ich nicht zu früh mit den Jungs flirtete. Das war ihnen sehr wichtig. Man darf nicht vergessen, dass es seinerzeit nicht schicklich war, wenn ein junges, unverheiratetes Mädchen schwanger wurde. Sie wollten mich vor diesem unheilvollen Ereignis schützen.


Ich kann mich nicht daran erinnern, mich als Kind mit meiner Mutter gestritten zu haben. Wahrscheinlich wird es die üblichen Bockigkeiten eines Kindes gegeben haben, was ich nicht abstreiten möchte. Bemerkenswert war es sicherlich nicht. Erst als ich älter war, gab es eine Situation, die zu einem Streit führte, den ich nicht von der Hand weisen kann:
Als uns der Hamburger Freund eines Cousins besuchte, sperrte mich Mutti ein. Wir hatten uns ineinander verguckt. Einmal war ich ihr ausgebüxt. Bis zur Badeanstalt in der Bekow war ich gelaufen und hatte an der frischen Luft meine Wut abreagiert. Als ich nach Hause zurückkam, wollten Mutti und Vati mich zu fassen kriegen. Ich war in die Garage geflüchtet und um den Lkw herumgelaufen, obwohl es dort so eng war. Ich glaube, dies war der einzige Moment in meiner Kindheit, an dem ich ganz kurz davor stand, eine Tracht Prügel zu beziehen. Eines zeigt dieser Vorfall ganz deutlich: wenn es um Jungs ging, dann hatten meine Eltern auf mich aufgepasst. Dann kam ihre Strenge richtig zum Vorschein. Damals hatte ich sie natürlich dafür gehasst. Später musste ich eingestehen, dass ich ihr Verhalten verstand. Besonders in diesem Fall, denn der junge Mann war tatsächlich ein Taugenichts.
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Detlef Knut
Gerda - ein Mädchen geht seinen Weg
2009, Edition Oberkassel, Düsseldorf
ISBN: 978-3-83706-804-7
Preis: 12,95 €

Samstag, 21. November 2009

Steamtown - das Fantasy-Abenteuer, welches im Netz entsteht

An dieser  Stelle einmal keine Rezension, sondern den Hinweis auf ein Projekt im Internet, welches nicht nur mir, sondern auch viele weitere Leser interessieren könnte.




"Steamtown ist nach einem kometenhaften Aufstieg in den letzten 100 Jahren heute die führende Großstadt an der westlichen Küste der Zentralregion. Betrug ihre Einwohnerschaft noch vor knapp 80 Jahren magere 20.000 Seelen, so ist mit dem Durchbruch und der Einführung der städtischen Plasmabrunnen ihre Größe inzwischen auf weit über eine Million Bewohner gestiegen. Zahlreiche Ortschaften, lassen Sie mich nur Greenville, Sampton oder Bakers Grove nennen, die noch vor wenigen Dutzend Jahren weit vor den Toren der Stadt lagen, sind heute wenig mehr als Waben im stetig wachsenden Bienenstock, der sich Steamtown nennt. Selbst die königliche Residenz auf Morgans Hill, obschon von weitläufigen Parks umgeben, ist lediglich eine Insel im Meer der Dächer, Manufakturen und Essen unserer Metropole.
So wie bei Tag Dampf und Qualm als Zeichen der unermüdlichen Produktivität den Himmel verdunkeln, strahlt er des Nachts im grünen und bläulichen Widerschein der Plasmalaternen. Dies ist nur ein Beispiel der zahlreichen Erfindungen und öffentlichen Einrichtungen, die das Leben auf den Straßen unserer Stadt angenehmer und nicht zuletzt auch sicherer machen. Und welche die Bewunderung und den Neid unserer Nachbarn gleichermaßen auf sich ziehen. Steamtown ist tatsächlich die Stadt von morgen, jener Ort unserer Zivilisation, an dem die Zukunft unserer Welt geschmiedet und die Schatten der Vergangenheit überwunden werden. Dieser uns eigene Forscherdrang und wahre Pioniergeist sind es, die dafür sorgen, dass wir unzweifelhaft zu den großen Weltmetropolen unserer Zeit gehören.”
David Lyeman, Steamtown Daily, 12.4.1748

Steamtown ist ein 3-Autoren-Projekt

Seit März 2009 entsteht hier ein E-Roman, ein interaktiver Fortsetzungsroman mit regelmäßigen Updates. Ziel und Hintergrund des Plots stehen fest - der Weg dorthin allerdings nicht. Es handelt sich dabei also um eine Mischung aus geschriebenem Improvisationstheater, Foren-Rollenspiel und als Team ausgeübtem Discovery-Writing. Wobei es im Lauf der Geschichte zahlreiche Gelegenheiten für Mitbestimmung der Leser, Auftritte von Gastautoren und Einsatzmöglichkeiten auch für das gesprochene bzw. gelesene Wort geben wird. Und wir freuen uns, dass wir bereits von Anfang an auch namhafte Gastillustratoren für unser Projekt gewinnen konnten.
Kurz: An dieser Stelle können interessierte Leser von Steampunk und Fantasy einmal hautnah miterleben, wie so ein Roman entsteht. Und Autoren bekommen die Möglichkeit, anderen Autoren bei deren Arbeit über die Schulter zu schauen.

Mittwoch, 11. November 2009

Lothar Eichler: Lady Bonaparte


Jasmin, einzige Tochter eines reichen Verlegers, hat die Schule absolviert und verlässt mit achtzehn Jahren das Internat, um von nun an ihr Leben selbst in den Griff zu nehmen. Stoff genug für einen Konflickt mit ihren Eltern.

Sie denkt sehr viel über sich und das Leben nach, sie fragt sich dabei, ob das, was ihr Vater mit dem Verlag an familiärer Sicherheit und familiärem Reichtum geschaffen hat, etwas ist, was ihr ebensolche Zufriedenheit gewähren kann. Doch sie stellt fest, dass sie nicht von dem Geld ihres Vaters leben möchte. Sie möchte von dem leben können, was sie selbst geschaffen hat. Obwohl ihr Vater versucht, ihr alle Wege zu ebnen, alle Probleme von ihr abzuwenden, ihr ein Praktikum im Verlag anbietet, sie einen Auftrag in Paris erledigen lässt, entscheidet sie sich gegen den Willen ihrer Eltern, insbesondere ihres Vaters. Zweifelsohne hat er vor, Jasmin später einmal in seine Fußstapfen als Leiterin des Verlages treten zu lassen. Sie lässt ihn aber abblitzen, will sich selbst ausprobieren, will lernen, wie das ist, wenn man den ganzen Tag arbeiten muss und abends todmüde nach Hause kommt. Sie will ihr eigenes Leben führen, zumindest zunächst, denn sie schließt nicht aus, irgendwann einmal wieder unter die Fittiche ihres Vaters zu kriechen. Um sich aber selbst dafür entscheiden zu können, muss sie die andere Seite des Lebens zunächst kennen lernen. Also stürzt sie sich in das Leben. Sie entscheidet sich für ein Studium der Germanistik, weil sie darin verschiedene Möglichkeiten sieht, später einen Beruf auszuüben. Neben dem Studium beginnt sie in einem Restaurant zu kellnern und stellt fest, dass sie sich davon eine kleine Wohnung leisten und den bescheidenen Lebensunterhalt bestreiten kann. Bei all ihren Schritten wird sie von einem Freund begleitet, der von ihren Eltern komplett ignoriert wird. Über ihre Kellnerei und selbst ihr Studium rümpft ihr Vater nur die Nase. Mit einem Auftrag für Paris versucht er, seine Tochter wieder näher an sich zu ziehen. Er stellt einen Mann im Verlag ein, der als sein engster Assistent tätig wird, und hofft, dass Jasmin und sein Verteter einmal ein Paar werden würden. Obwohl Jasmin einige Male mit ihm ausgeht und sich sehr gut mit ihm anfreundet gibt sie ihm dennoch deutlich zu verstehen, dass aus ihrer Freundschaft keinesfalls mehr werden könne, denn schließlich wäre er von ihrem Vater ausgesucht. Dafür lernt Jasmin Jean kennen, der bald nicht mehr von ihrer Seite weicht. Auch er wird von ihren Eltern ignoriert. Er steht loyal zu ihr, aus Freundschaft wird Liebe. Nach vier Semestern Studium bricht Jasmin dieses ab, um nicht nur nebenbei, sondern Vollzeit arbeiten zu können. Aus ihrer Tätigkeit als Kellnerin heraus gewinnt sie einen engen Freundeskreis. Sie möchte mehr erreichen und mehr ausprobieren und beschließt, mit ihren Freundinnen und Freunden ein Literaturcafé aufzubauen. Jean hält fest zu ihr und unterstützt sie in ihrem Vorhaben. Jasmin denkt weit vorraus, wünscht sich eine Heirat mit Jean und Kinder, die nicht so aufwachsen sollen, wie sie aufgewachsen ist.

Dieser Roman, der in das Leben und die Gedankenwelt einer jungen Frau von der Zeit des Schulabschlusses bis kurz nach der Geburt des ersten Kindes in einer intakten Familie eintaucht, ist eine mitreißende Charakterstudie. Der Autor zeigt sehr großes psychologisches Einfühlungsvermögen und stellt in überzeugender Weise die Identitätsfindung einer jungen Frau dar. Es zeugt von detailreichem Wissen, was in den Köpfen junger Frauen vor sich geht. Faszinierend sind immer wieder die Schlussfolgerungen, die die Protagonistin aus ihren eigenen Gedanken zieht und die Realitätsnähe zum heutigen Tagesgeschehen. Mit einfachen Worten gelingt es dem Autor, dem Leser die Welt nach dem Schulabschluss vorzustellen, er bringt ihn in die Welt der Cafés, die der Studenten, die der Verlage, selbst ein kleines Stück Pariser Lebensgefühl.

Wünschenswert wäre allerdings, der Leser hätte feste Punkte zum Ausruhen während der Lektüre. Ohne Kapitel und ohne besondere Absatzmarkierungen, z.B. eine Leerzeile zwischen den Absätzen, geht der packende Roman von der ersten bis zur letzen Seite in einem Atemzug durch. Obwohl er sich durchaus in unterschiedliche Kapitel gliedern ließe und eine Absatzmarke angebracht wäre, wenn zwischen zwei aufeinanderfolgenden Absätzen beispielsweise einige Monate ins Land gegangen sind.

Buchtitel und Titelbild mögen verwirren, glaubt man doch, einen Historienroman in Händen zu halten. Bis klar wird, warum dieser Titel gewählt wurde. Schade nur, dass er, abgesehen von der einmaligen Erklärung im Rahmen der Handlung, keine weitere Erwähnung erfährt.

Jedoch trotz aller Kritik ein höchst spannendes und interessantes Buch, welches nicht nur für junge Frauen lesenswert ist.

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Lothar Eichler
Lady Bonaparte
Roman, 274 Seiten, Softcoverausgabe
Centrum Verlag, Bad Schwartau
ISBN: 978-3-86672-983-4
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

F. G. Klimmek: Ein Fisch namens Aalbert

Der Aal mit dem bezeichnenden Namen Aalbert lebt im Rhein-Herne-Kanal und ist Privatdetektiv. Seine großen Vorbilder scheinen Philip Marlowe, Mike Hammer oder Thomas Magnum zu heissen. Ähnlich wie sie ist er als Detektiv aber nur ein kleiner Fisch, der sich mit den üblichen Beschattungsaufträgen und Ermittlungen in Sachen Ehescheidungen mehr schlecht als recht unter Wasser hält. In seiner Kasse herrscht chronische Leere. Auch Harry´s Auftrag, dessen Freundin Wilma, die als Kellnerin arbeitete und plötzlich verschwunden war, aufzuspüren, scheint ihn nicht gerade zum Millionär zu machen .
Die meiste Zeit hält sich Aalbert in Nick´s Café, gleich über seinem Büro, auf. Hier verbringt er die vielen Stunden und Tage, die er ohne Auftrag durch die Wasser treiben muss. Obwohl er noch nicht so richtig weiß, wie er Wilma finden kann, torkelt plötzlich ein weiterer Auftrag in seine Nähe: der Empfang und die Aufbewahrung eines Päckchens. Anschließend taucht ein erster Toter auf, der unter Umständen etwas mit dem Päckchen zu tun haben könnte oder auch nur ein weiteres Opfer des Serienkillers ist, der seit geraumer Zeit die Gewässer des Kanals in Unruhe versetzt. Zwar sollte sich in dem Päckchen eine Statue von höchstem Wert befinden, die für einen der Gangsterbosse in dieser Unterwasserwelt gedacht ist. Es stellt sich jedoch heraus, dass dem nicht so ist und der Gangster gelinkt wurde. Von diesem bekommt Aalbert den Auftrag, die Statue bei den Russen zu suchen und sie diesen gegebenenfalls abzujagen. Jedoch lehnt er diesen Auftrag ab. Dahingegen nimmt er einen Auftrag zur Identifizierung von fünf Leichen des Serienkillers an. Das Problem: von den Leichen sind nur noch die Schwanzflossen übrig. Dr. Meduse, der trotzdem eine unproblematische Identifizierung versprach, ist letztendlich ein Scharlatan.
Nun soll Aalbert erneut mit der Suche nach der wertvollen Statue beauftragt werden, diesmal von einem anderen Ganoven, dem reichsten Fisch des Rhein-Herne-Kanals. Aalbert lehnt wieder ab und der Serienkiller scheint erneut zugeschlagen zu haben.
Dieser humorvolle Krimi im Stile eines Detektivromans, der wie in diesem Genre üblich in der Form eines Ich-Erzählers verfasst wurde, gibt tiefe Einblicke in das Innenleben des Rhein-Herne-Kanals. Die Adaption des Milieus eines einsamen, ermittelnden Verlierers ist dem Autor hervorragend gelungen. Es scheinen sich in dieser Unterwasserwelt alle zwielichtigen Typen zu treffen, die in der Kriminalliteratur schon einmal vertreten waren: rivalisierende Gangsterbanden, mafiöse Paten, gehirnlose Leibwächter; und selbst die Bar, in der sich alle treffen, ist mit Nick´s Café vorhanden. Humphrey Bogart läßt grüßen.
Jedoch sollte der Leser die Erwartungen nicht zu hoch hängen, was die Geschichte an sich angeht. Liebhaber des Detektivromans, die ihre Freude an der Szenerie und den skurilen Typen haben, kommen voll auf ihre Kosten. Dass es sich bei den handelnden Personen um Fische, Krebse und Frösche handelt, ist der Sache nicht abträglich und hebt das Buch in das Satirische. Aber Leser, die einen spannungsvollen und actionreichen Krimi erwartet haben, werden ein wenig enttäuscht sein. Es dauert einfach zu lange, bis der Leser mit der entscheidenden Frage konfrontiert wird, wonach der Privatdetektiv überhaupt sucht, woran er ermittelt. Die Satire und die vielen kleinen Geschichten sind es, die den Leser lange Zeit bei der Stange hält. Beispielsweise die mit den drei Ratten, denen Aalbert zu entkommen versucht, als er einen seiner Aufträge abwickelt.
Kurz vor dem Ende werden dann alle Stränge und Personen im Showdown wieder zusammengeführt und die Leser darüber aufgeklärt, worum es eigentlich ging. Von diesem Moment an wird das Buch keinesfalls wieder aus den Händen gelegt werden.
Als liebevolle Hommage an den großen Detektivroman ist das Buch lesenswert, äußerst amüsant und bereitet dem Leser sicherlich viel Vergnügen.

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F. G. Klimmek
Ein Fisch namens Aalbert
Roman, 220 Seiten, Softcoverausgabe
KBV Verlag, Hillesheim
ISBN: 978-3-940077-15-8
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

Mittwoch, 19. August 2009

Markus Bötefür: Morde an Fronleichnam


In Oberhausen wird die Leiche eines Verlegers aufgefunden. Sie befindet sich in ungewöhnlicher Position. Sein Verlag publiziert neonazistische und rechtsradikale Schriften. Betraut mit den Ermittlungen zu diesem Fall wird Thi Fischer, deutsche Kommissarin mit vietnamesischer Abstammung. Mit dem Tod des Verlegers ist seine Assistentin spurlos verschwunden. Es ist gerade die Sterkrader Kirmes, auf der sich die Kommissarin von ihrer überaus starken Erkältung und der Trennung von ihrem Freund ablenken möchte. Da gerät sie in eine Schlägerei zwischen jungen Neonazis und Türken. Während der Ermittlungen sowohl im Mordfall als auch in Sachen Schlägerei geht ein Notruf ein. Auf der Kirmes wäre an einem Fahrgeschäft die Gondel abgerissen und es gäbe drei Tote, allesamt Obdachlose, die in dieser Gondel saßen.

Das sind der Toten zunächst einmal genug. Die Polizei hat hinreichend zu tun. Der Autor beschreibt im insgesamt dritten Fall seiner Oberhausener Ermittlerin das Milieu der Schausteller mit Witz und Detailtreue. Die darüber hinaus auch das Neonazi-Milieu streifende Handlung gibt dem Leser jede Menge Rätsel auf. Nicht zuletzt auch deshalb, weil erste Ermittlungen zu dem Schluss führen, dass der von Neonazis verprügelte Türke schwul wäre, und sein Freund der prominenteste Autor des Verlages ist. Hiermit werden so viele Löcher aufgerissen, dass es schier hoffnungslos wirkt, sie wieder stopfen zu wollen. Doch das sei schon mal vorweg genommen: natürlich schafft es der Autor, den Knoten für die Leser zu entwirren.

Plötzlich werden die Leichen der Obdachlosen geraubt, nach ihrem Auffinden aber stellt die Kripo eine Leichenschändung fest. Die Frage, ob dies etwas mit dem toten Verleger oder der Schlägerei zu tun hat steht immer noch im Raum. Doch die Kommissarin braucht sich keine Sorgen machen. Eigentlich hat sie immer sofort einen Täter: ihren alten „Freund“ Dieter Brom, ein liebenswerter Spinner, dem nichts lieber ist, als von der Polizei für jedes Verbrechen in der Stadt als Schuldiger festgenommen zu werden. Und bei ihren Treffen mit ihm, die mal in der Kneipe, mal auf der Kriminalwache stattfinden, hat Thi Fischer selten Skrupel, ihn wie einen solchen zu behandeln. Hilfreich ist ihr diese Bekanntschaft mit dem Spinner oft genug, seine Recherchen, um sich als Schuldiger zu präsentieren liefern zumindest handfeste Indizien.

In ein besonderes Licht setzt sich der neonazistische Sachbuchautor, als er beim Begräbnis seines Verlegers einen vollgeladenen Revolver auf den Sarg in der Grube leer schießt, sich bei der anschließenden Vernehmung jedoch stur stellt und behauptet, nichts mit dessen Tod zu tun zu haben. Dass er auf freien Fuß gesetzt werden muss, weil sich heraus stellt, in die Neonaziszene als V-Mann des Verfassungsschutzes eingeschleust worden zu sein, ist ein herber Rückschlag für die Kriminalistin.

Der Autor verstrickt den Leser in immer weiteren und konfuser werdenden Handlungen. Ähnlich einem Labyrinth macht das Lesen dennoch oder gerade deshalb Spaß. Schließlich wird er mitgenommen vom Autor und nicht mit offenen Enden stehen gelassen. Obwohl schon nach kurzer Lesezeit klar ist, dass man hier mit ständigen Wechseln rechnen muss, wird der Handlungsstrang nicht unüberschaubar. Wiedererkennbare Eckpunkte sind zu jeder Zeit erreichbar, ob es sich um den dienstlichen Partner der Kommissarin, dem psychologischen Berater, dem liebenswerten Spinner oder der heilpraktizierenden Freundin handelt. Ein solcher Eckpunkt ist aber leider auch eine Eigenschaft der Kommissarin, die meines Erachtens zu weit hergeholt scheint: sie trinkt. Es vergeht kein einziger Tag, an welchem sie keinen Alkohol zu sich nimmt. Dieser Charakterzug der ungewöhnlichen und durchaus interessanten Romanfigur passt nicht unbedingt ins Bild und wirkt an manchen Stellen deplatziert, nimmt der Handlung jedoch nichts von ihrer Spannung. Ebenso unpassend ist die Wahl der Nachnamen. Zugegeben, es gibt sehr außergewöhnliche Namen, aber alle zusammen in einem einzigen Buch scheint einfach zu viel des Guten und wirkt eher gekünstelt.

Trotz der kleinen Kritikpunkte ein überaus kurzweiliges und empfehlenswertes Buch. Es ist vom Umfang her nicht zu stark und passt in nahezu jede Tasche, bereitet immer Spaß und Spannung für Zwischendurch.

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Markus Bötefür
Fronleichnam
Roman, 211 Seiten, Taschenbuchausgabe
KBV Verlag
ISBN: 978-3-940077-53-0
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

Freitag, 7. August 2009

Carola Clasen: Mord im Eifel-Express


Ein durch und durch grauer Mann, grau in seiner Seele, grau in seinem Herzen, grau im Aussehen blickt auf sein Leben zurück. Er wartet auf seine Frau, die mit der Bahn vom Einkauf in der Stadt zurückkommen sollte.

Eine Privatdetektivin, die ihrem Job bei der Polizei nicht besonders nachtrauert, der aber ein solcher in der Provinz angeboten wird. Doch gemäß dem Motto „Alles oder nichts“ gibt es neben diesem Angebot den langersehnten ersten Auftrag: ein fremdgehender Ehemann.

Ein musizierender Einbrecher, der im Heim aufgewachsen war und dem sein Onkel dringendst ans Herz legt, einen anderen Menschen aus dem Weg zu räumen.

Eine junge Frau, die vom Besuch ihrer Freundin überrascht wird, auf welche wiederum der Begriff „Banking & Finance“ elektrisierende Wirkung ausübt.

Ein Dozent, dem nicht nur das Kartenlegen seiner Frau auf die Nerven geht, in Gerolstein wohnt, in Köln arbeitet und täglich mit dem Eifel-Express pendelt.

Die Kartenlegerin, die der Privatdetektivin die Unterlagen zum Auftrag übergibt, in welchem diese den Namen des Liebchens ihres Mannes, des Dozenten, herausbekommen soll.

Der Einbrecher wird vom Onkel verstoßen, weil er den Dozenten zwar geärgert, aber noch nicht umgebracht hat.

Der Dozent zahlt mehrere tausend Euro, um der Erpressung ein Ende zu setzen und hofft, die junge Schwarzhaarige, die sich ihm als neue Studentin vorgestellt hat, im Eifel-Express zu treffen.

Die Privatdetektivin ermittelt trotz Jobangebot in Sachen Ehebruch und trifft dabei erneut auf den jungen Einbrecher, der inzwischen weiß, dass sein Onkel vom Dozenten gekauft worden ist und daraufhin einen teuflischen Plan schmiedet.

Der Dozent versucht, bei der jungen Schwarzhaarigen zu landen. Allerdings lässt sie ihn ihre Kälte spüren. Der Eifel-Express wird von einem Pflasterstein getroffen. Der Dozent ist geschockt.

Die Privatdetektivin löst den Auftrag in Sachen Ehebruch, beginnt ihren neuen Job bei der Kripo in Euskirchen und ermittelt in Sachen Steine-Werfer.

Zum Abschluss ist aus vielen Verdächtigen im Eifel-Express der Täter herauszufinden.

So oder so ähnlich ließen sich die einzelnen Kapitel des durchaus amüsanten und spannenden Krimis fortführen. Jedes Kapitel bringt gerade am Anfang des Buches einzelne, scheinbar losgelöste Teilstücke mit immer neuen Figuren und Namen hervor. Erst im sechsten Kapitel wird ein Handlungsstrang eines vorherigen Kapitels wieder aufgenommen. Bis dahin sind etwa hundert Seiten vergangen, während derer sich der Leser in Geduld üben muss. Die Fäden scheinen anfangs weit auseinander zu laufen, Querverbindungen und Zusammenhänge erschließen sich nicht auf Anhieb. Das macht es schwer, dieses Buch über mehrere Tage hinweg zu lesen. Um den Überblick zu behalten, sollte der Leser vielleicht abends mit dem Buch ins Bett gehen und es am nächsten Morgen ausgelesen auf den Nachttisch legen. Die rasanten Aktionen und schnellen Wechsel geben durchaus Anlass dafür, Spannung ist genügend vorhanden.

Das macht es etwas schwierig, dieses Buch in seiner Gesamtheit einzuschätzen. Der Pendel wechselt ständig zwischen Spannung, Interesse und Verwirrung. Die Fäden scheinen selbst dreißig Seiten vor dem Schluss noch nicht zusammenzuführen. Dennoch ist es durchaus lesenswert. Wer also die Gelegenheit hat, ziemlich zeitnah alles am Stück lesen zu können und sich zutraut, dem Verwirrspiel der Kölner Autorin zu folgen, dem ist das Buch zu empfehlen. Gelegenheitsleser, die nur einmal pro Woche zum Buch greifen, sollten diesen Krimi als Herausforderung betrachten.


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Carola Clasen
Mord im Eifel-Express
Roman, 265 Seiten, Taschenbuchausgabe
KBV Verlag
ISBN: 978-3-940077-41-7
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

Dienstag, 28. Juli 2009

Günther Kröger: In Kuba und Mosambik – im Auftrag der Rostocker Hochseefischerei


Bei diesem Buch handelt es sich um eine sehr gut lesbare, nie langweilig werdende Reportage über das Leben der Hochseefischer im Allgemeinen und die Arbeit des Kapitäns Horst Dieter Seffner im Speziellen. Sowohl Autor als auch Porträtierter waren seit den fünfziger Jahren in der Fischerei der DDR tätig. Da wundert es nicht, dass die knallharten Fakten nur so purzeln. Es wird von den Veränderungen in der Flotte und in der Fischereipolitik berichtet.

Die Schaffung der 200-Seemeilen-Zonen zu Beginn der 70er Jahre in fast allen Küstenstaaten der Welt sorgte einerseits für viel Unruhe und forderte andererseits von den Verantwortlichen in der Fischereiflotte ein rigoroses Umdenken. Die Fischereischiffe mussten weit entfernt liegende Fanggebiete ansteuern, der Besatzungsaustausch per Flieger wurde eingeführt, in Kuba und einigen anderen Ländern mussten dafür ständige Fischereivertreter eingesetzt werden, die die Fäden zwischen den Besatzungen und den örtlichen Behörden in der Hand hielten. So wird vom Leben in Kuba und Mosambik berichtet. Mit dem damaligen Fischereihilfsschiff „Robert Koch“ geht es noch mal durch den Panamakanal. In Mosambik wird eine Garnelenflotte aufgebaut, erste Fangversuche mit den Frosttrawlern aus Saßnitz, dann der Umbau der Zubringer-Trawler. Probleme mit der Mentalität der Menschen sowohl in der Karibik als auch in Afrika und Umstellungen wegen dieser Mentalität. Aber nicht nur mit den Menschen dort, sondern auch mit denen im eigenen Ministerium. Die Hilfe für eine hungernde Bevölkerung in Form einer kleinen Kutterflotte, die aus Saßnitz nach Mosambik beordert wird.

Zu den vielen großen Tätigkeiten, die der Porträtierte für die Flotte zu erledigen hatte, gesellten sich viele kleine Verrichtungen. Dazu gehörte das Auslösen so manchen Fischers aus dem kubanischen Gefängnis, die Durchführung von Stadtrundfahrten für die Teilnehmer eines Kreuzfahrtschiffes und die Teilnahme an Botschaftsempfängen, wo er sich Ministeriumsrüffel z.B. wegen mangelnder Kleiderordnung einhandelte.

Der Autor hat sich in diesem Porträt zurück genommen und lässt den Charakterisierten sowie viele an den Ereignissen Beteiligte selbst agieren. Er lässt sie erzählen und bewirkt somit eine sehr real wirkende Darstellung der einzelnen Geschehnisse. Zwischendurch setzt er kleine Kommentare aus seiner Sicht um die geschilderten Anekdoten, die er zum damaligen Zeitpunkt aus einer anderen Perspektive erlebt hatte. Auf diese Weise sind viele lebensnahe Beschreibungen enthalten, die manchen Leser vielleicht zu einem Aha-Erlebnis animieren, manchen in Erstaunen versetzen, weil sie aus diesem Bereich des DDR-Alltags bisher nie etwas gehört hatten. Die grundlegende Herangehensweise ist genau richtig, obwohl von der Gestaltung her anders hätte herangegangen werden können. Die Unterscheidung der einzelnen Erzähler ist für den Leser nicht immer leicht nachvollziehbar. Die Anführungszeichen und der gelegentliche Vermerk „(Autor)“ reichen nicht aus. Abhilfe wäre möglicherweise eine kursive Schrift für die einzelnen Erzähler und eine normale für den Autor; gleiches gilt für Überschriften. Dem Lesevergnügen gebietet es dennoch keinen Abbruch. Dieses wird zusätzlich durch die zahlreichen Abbildungen gefördert. Abgerundet wird das Buch durch einen fischereispezifischen Glossar, der einem Nicht-Fischer die Möglichkeit gibt, bei dem einen oder anderen Wort schnell nachzuschauen, worum es sich handelt, ohne sofort das Internet und Wikipedia bemühen zu müssen.
Das Ziel eines Porträts vom Kapitän Horst Seffner hat der Autor erreicht. Es ist keine Biografie, obwohl es große Passagen aus dem Leben des Anpackers enthält. Aber es stellt ihn in dem Licht dar, in welchem er schon damals (Randnotizen geben Auskunft) und nicht nur erst heute gesehen wurde: ein hilfsbereiter Feuerwehrmann mit dem Herzen am rechten Fleck, der zuverlässig an jedem Brennpunkt in der Flotte seine Arbeit tat und die Notwendigkeit dafür selbst erkannte.

Alles in allem ein wunderschönes Buch zu einem Thema, welches vielen Lesern nicht geläufig sein wird. Mit der Lektüre des interessanten Stoffes lässt sich der Leser auf eine unterhaltende Bildungsreise ein.

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Günther Kröger
In Kuba und Mosambik – im Auftrag der Rostocker Hochseefischerei
Reportage in der Buchreihe „Hochseefischer, Menschen ganz besonderer Art“ , 191 Seiten, Paperback
Unsfisch Verlag
ISBN: 978-3-981286-90-8
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

Sonntag, 12. Juli 2009

Die Krimi-Cops: Teufelshaken - der zweite Fall für Struller und Jensen


In ihrem neuen Kriminalroman „Teufelshaken“ geben die Krimi-Cops erneut einige Einblicke in die Arbeit des Düsseldorfer Polizeipräsidiums. Zugegeben, oft genug mit einem zwinkernden Auge. Dabei ist ein ernster Fall zu klären. Während der erste Tote, der dienstälteste Köbes (Kellner) einer bekannten Altstadt-Brauerei-Kneipe, noch gar nicht als zu ermittelnder Fall sondern als Unfall wahrgenommen wird, wirft der zweite Tote in einem unterirdischen Gewölbe viel weitreichendere Fragen auf.

Wie bereits in „Stückwerk“ wird Kriminalhauptkommissar Struhlmann, genannt Struller, an den Einsatzort kommandiert. In den zahlreichen Stichwunden an der Leiche erkennt er ein ihm zunächst zwar noch unbekanntes Symbol, was ihm aber sofort signalisiert, dass es sich hierbei nicht um einen Unfall handelt. Sein freier Tag ist versemmelt. Und dann auch noch das komische Verhalten seines einarmigen Lieblingswirtes Krake. Das gefällt ihm gar nicht.

Schließlich eine weitere Leiche, diesmal im Rhein. Das ist nicht mehr alleine zu schaffen, zumal alle anderen Kolleginnen und Kollegen in einer Glücksspiel-Soko eingebunden sind. Struller fackelt nicht lange, sondern kommandiert seinen ehemaligen Praktikanten Jensen, der nach abgeschlossener Ausbildung in die niederrheinische Provinz an die holländische Grenze versetzt worden war, kurzerhand zurück ins Düsseldorfer Präsidium. Höchst amüsant ist die damit beginnende Parallelhandlung mit Oma Jensen, die sich nicht scheut, ihrem Enkel ins entfernte Düsseldorf zu folgem, um ihm bei seiner wichtigen Arbeit und der Jagd nach den Mördern unter die Arme zu greifen. Dabei schafft sie es ohne Mühe, dem Polizeipräsidenten in einem Vier-Augen-Gespräch einige wichtige Ratschläge zu geben.

Die beiden Polizisten Struller und Jensen zermartern sich die Köpfe um das immer noch unbekannte Symbol, den Teufelshaken. Schließlich ermitteln sie, dass es sich um das Vereinszeichen eines Karnevalsvereins handelt, auch der Gedanke an Okkultismus geht ihnen nicht aus dem Kopf. Hin und wieder werden ihnen Hinweise von Faserspuren-Harald durchgegeben, der mit Akribie die Tat- oder Fundorte auseinander nimmt. Es bleibt nicht bei den drei Leichen, es gesellen sich weitere hinzu. Und immer wieder spielt der Teufelshaken eine wichtige Rolle. Im Umfeld jeder Leiche taucht dieses Symbol auf. Ein untrügliches Zeichen auf einen Zusammenhang aller Morde. Die Ermittlungen führen in die unterschiedlichsten Milieus Düsseldorfs und schließlich auch bis zur Veranstaltung der Bambi-Verleihung. Struller und Jensen legen sich mit Glücksspielern, einer Motorradgang und mit Karnevalisten an, doch schließlich sind ihre Ermittlungen von Erfolg gekrönt. Und der von Krake vermisste Stammkunde, weshalb Struller das Verhalten von diesem aufgefallen war, wird endlich auch wieder aufgefunden.

Bei den Krimi-Cops handelt es sich um ein sechsköpfiges Autorenteam: Martin Niedergesähs, Stephan Engel, Klaus Stickelbröck, Ingo Hoffmann, Carsten Rösler und Carsten Vollmer. Allesamt sind echte Kommissare und arbeiten auf dem Düsseldorfer Polizeipräsidium. „Teufelshaken“ ist ihr zweiter gemeinsamer Roman um Struller und seinen Partner Jensen. Mit viel Charme sind die Figuren ihrer Romane aufgebaut. So sind auch die beiden Polizisten schnell als liebenswerte Chaoten entlarvt; ob sie nun mit Pepitamützchen durch die Gegend marschieren oder in einer Mönchskutte über die Flure des Präsidiums hetzen. Man liest den sechs Autoren ihre Freude am Schreiben an. Jedem von ihnen scheint der Schalk im Nacken zu sitzen und so mancher Kollege von ihnen wird sich in der einen oder anderen Romanfigur zu entdecken haben. Trotz allen Spaßes handelt es sich um eine immer auf Wendungen und Spannung bedachte Kriminalhandlung. Der Leser wird einem sehr amüsanten Verwirrspiel ausgesetzt und oft genug auf die falsche Fährte geführt. Doch schließlich, Struller hat es eh von Anfang an geahnt, laufen alle Wege auf eine einzige Lösung hinaus, wie sie anders gar nicht hätte sein können.
Ein absolut lesenswerter Roman für jede Jahreszeit, besonders im Sommer, der karnevalslosen Zeit.


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Die Krimi-Cops
Teufelshaken
Roman, 299 Seiten, Taschenbuchausgabe
KBV Verlag
ISBN: 978-3-940077-49-3
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

Freitag, 26. Juni 2009

Claudia Puhlfürst, Uwe Voehl (Hg.): OWL kriminell



Mit „OWL kriminell“ hatte Anfang 2009 eine neue Krimireihe im KBV Verlag ihre Premiere. Unter dem Reihennamen „Mordlandschaften“ werden Kurzkrimis aus einzelnen deutschen Regionen in Form einer Anthologie herausgebracht, zu der zwanzig regional und überregional bekannte Krimiautoren ihre Beiträge liefern.

In dem ersten Buch der neuen Reihe melden sich Autoren aus und mit Geschichten über die Region Ostwestfalen-Lippe zu Wort. Viele Orte, in denen die spannenden Geschichten spielen, dürften auch Uneingeweihten ein Begriff sein, beispielsweise Paderborn, Bielefeld, Detmold, Gütersloh, Bad Salzuflen und viele weitere. Wenn man dem Titel der Reihe glauben schenkt, müsste es unheimlich sein, in diesem Landstrich Deutschlands zu leben, denn es handelt sich um eine einzigartige Mordlandschaft.
Das Buch bietet sehr kurzweilige Vergnügen und eignet sich alllein schon wegen der darin enthaltenen Kurzgeschichten sehr gut für immer mal zwischendurch. Jeder Kriminalfall ist etwa zwischen zehn und zwanzig Seiten lang und da ist ein kompletter Fall schonmal während der Fahrt mit der Straßenbahn lösbar.

Den Reigen der oft höchst amüsanten Mordsgeschichten beginnt einer der wohl bekanntesten Krimiautoren Deutschlands, Horst Bosetzky, der schon in den 70er Jahren unter dem Pseudonym -ky bekannt war und die Vorlagen für einige Fernseh-Tatorte lieferte. In seiner in Bad Oeynhausen spielenden Geschichte „Der Kurschatten“ beleuchtet er die Möglichkeiten eines Krimiautors in einem solchen Kurort. Nessa Altura beschäftigt sich in ihrem Krimi „Marta in Herford“ mit den Gedanken eines Leibwächters, die ihm kommen könnten, wenn er sich in die zu schützende Person verliebt. In der Story „Die Spökenkieker von Bad Salzuflen“ läßt der Autor Stephan Peters die Leser von einem unheimlichen Deja-vue in einem Seniorenheim erfahren. Claudia Puhlfürst, Herausgeberin dieser Anthologie, berichtet von einer „Schlacht um die Varusschlacht“ und beleuchtet archäologische Erkenntnisse aus dem Teutoburger Wald, verknüpft mit Regionalpolitik. „Das geschnitzte Herz“ von Sandra Lüpkes spielt in Lemgo und handelt von einer über Jahre währenden Liebe, die nicht erwidert wird.

In dem Krimi „Opa ist der Beste“ lässt Norbert Horst ein Kind von seinem, in Wirklichkeit geheimnisvollen, Großvater schwärmen. Carsten Sebastian Henn schildert in „Ein mordsmäßiger Pickert“ von dem mörderischen Wettstreit der Köche und Hausfrauen um die Zubereitung des westfälischen Nationalgerichtes Pickert. In Hartwig Liedtkes „Hövelhof ist prima“, die im gleichnamigen Ort spielt ist eine ungewöhnliche Schuld abzutragen. Der zweite Herausgeber dieser Anthologie, Uwe Voehl, berichtet in seiner Geschichte „Chili con Caren“ von einem außerordentlich scharfem Wettstreit in Bad Salzuflen, wohingegen Andrea Gehlen in „Das Brombeerzimmer“ eine ungewöhnliche Urnenbeisetzung beschreibt. Nach dem Motto Alles hat seinen Preis werden in Mechthild Bormanns Story „Freundschaftspreis“ ungewöhnliche Spielchen getrieben. Wie wahr das Sprichwort Lügen haben kurze Beine ist, zeigt „Die Bombe im Marktplatz 33“ von Dennis Ehrhardt, in der es um höchst zweifelhafte Terroristen geht. Dunkle Geheimnisse um „Das Mädchen mit den Zöpfen“ lassen manch einen nicht sorglos schlafen, weiss die Autorin Sandra Niermeyer zu erzählen. So, wie die Polizei ihre Gründe hat, nach dem Souvenirmörder zu fahnden, so hat die schöne Maren ihre Gründe, einen attraktiven Mann zu jagen, meint jedenfalls Gerald Hagemann in „Von einem schönen Teller kann man nicht essen“. In Peter Hardcastles „Auberge le Concarneau“ bekommt Kommissar Plattkowski von der Bielefelder Kripo französische Amtshilfe, ohne sie angefordert zu haben.

Der Autor Wolfgang Schüler gibt in „Güterlos in Gütersloh“ Einblicke in die Werbebranche, in der es turbulent und manchmal nicht ohne das Ausspionieren der Mitarbeiter zugeht. Obendrein bietet er zu letzterem eine Bedienungsanleitung. Bauer Brinkmann hat es nicht leicht, schon gar nicht, wenn er sich auf dem Jahrmarkt die Stiefel voll laufen lässt. So gehen das Autorenduo Tewes/ Reitemeier in „Kein Platz für eine Leiche“ der Frage nach: Wo entsorgt man einen versehentlich gestohlenen Pkw, in dessen Kofferraum zu allem Überfluss eine Leiche liegt? Ebenso entscheidungsfreudig wie Bauer Brinkmann stellen sich die „Profis“ von Jürgen Siegmann ihren Aufgaben. Richtig pervers geht es bei Andreas Gruber zu, der seinem Protagonisten die Lichtscheine unter den Türen beobachten lässt. Dunkle Geheimnisse scheinen sich bei Monika Detering um Fräulein Else, die nicht mehr lacht, zu ranken. Bei Uwe Bekemann spielt das Paderborner Bilderrätsel „Der Hasen und der Löffel drei“ die Hauptrolle, in welchem drei Hasen mit jeweils einem Ohr so angeordnet sind, dass es aussieht, als hätte jeder Hase zwei Ohren.

Die Kurzkrimis zeigen, mit wieviel Rafinesse und Spannung selbst winzige Begebenheiten ausgestattet werden können, um eine äußerst unterhaltsame Lektüre daraus werden zu lassen. Der eine oder andere Leser mag sich vielleicht mit Grauen an diese Geschichten erinnern, wenn er auf der Autobahn an dem einen oder anderen dieser Orte vorbei fährt.

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Claudia Puhlfürst & Uwe Voehl (Hg.)
OWL kriminell
Roman, 263 Seiten, Taschenbuchausgabe
KBV Verlag
ISBN: 978-3-940077-55-4
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© Detlef Knut, Düsseldorf 2009

Freitag, 12. Juni 2009

Rosi Nieder: Silvesterknaller - Vulkanausbruch in der Eifel


Silvesterknaller: ein Roman von Rosi Nieder um Zukunft und Vergangenheit und rund um die und in der Eifel...
Rosi Nieder kombiniert in akribischer und fantasievoller Detailtreue die Porträts dreier Frauen, die seit der Kindheit Freundinnen sind, und den Ausbruch eines Vulkans in der Eifel.

Die Frauen, deren Wege seit der Schulzeit unterschiedlich verliefen, die sich zeitweise auch aus den Augen verloren hatten, werden in gedanklichen Rückblenden und gegenseitigen Eingeständnissen genauestens unter die Lupe genommen. Erst in einer Notsituation erkennen sie, was all die Jahre zwischen ihnen gestanden hatte. Heimlicher Neid war nicht ganz unbeteiligt, der aber selbst in der Schulzeit nie ausgesprochen wurde.

Sehr fantasievoll angelegt ist die Notsituation, hervorgerufen durch einen Vulkanausbruch. Während der Silvesterparty in einer Hütte in der Eifel werden die Explosionen zunächst als Silvesterknallerei abgetan, bis plötzlich die Erkenntnis gewonnen wird, dass es sich um einen Vulkan handelt, der diese Böller absetzt.

Das Geschehen wird geprägt von der Flucht und Rettung der Partygäste, die nicht ohne Dramatik verläuft.

Die Autorin hat ihre Fantasie mit dem Vulkanausbruch dadurch unterstrichen, dass sie die Handlung und das Geschehen in die Zeit 2010/2011 verlegte. Selbst von Experten wurde bereits bestätigt, dass es bei einem tatsächlichen Vulkanausbruch so aussehen könnte. Die Schilderung der Landschaft scheint nicht aus der Luft gegriffen zu sein. Ebenso wenig das Leben und die Gewohnheiten in den Eifeldörfern vor wenigen Jahrzehnten.
Ein rundum schöner Roman mit Liebe, Spannung und Abenteuer, der nicht nur den einen Eifelanern ans Herz zu legen ist. In einer filmischen Fassung könnte er vielen Ansprüchen gerecht werden.

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Nieder, Rosi
Silvesterknaller
Sprache: Deutsch
Broschiert - 200 Seiten - Rhein-Mosel-Verlag
Erscheinungsdatum: Oktober 2005
ISBN: 3898010252

Donnerstag, 4. Juni 2009

Rosi Nieder: Dem Stalker auf der Spur


Dem Stalker auf der Spur (Das Eifel-Mosel-Duo in Aktion)

Weil ihr Freund während des Zusammenlebens Züge und Verhaltensmuster an den Tag legte, die Martina, eine junge Mutter mit einem Kind, vorher nicht von ihm kannte, blieb eine Trennung unausweichlich. Ihr Freund jedoch sieht das ganz anders und beginnt, Martina permanent zu belästigen. Doch diese Bedrohung wird so massiv, dass sich Martina hilfesuchend an ihren Vater Franz wendet. Er tut sein Bestes, um seiner Tochter zu helfen, jedoch scheint auch er in manchen Momenten recht hilflos. Bis er dann rein zufällig auf Lena trifft, eine rüstige und resolute Rentnerin, die jahrelang die Haushälterin eines Pfarrers war. Ob Franz will oder nicht, Lena will ihm und seiner Tochter helfen. Da kann Franz auch nicht mehr viel ausrichten, denn was sich Lena in den Kopf gesetzt hat, das ist schon beinahe Gesetz. Trotz ihrer Hilfe ist Martina plötzlich verschwunden. Nun beginnt eine spannende Suche nach Martina und die Jagd nach dem Entführer.


Das Buch ist spannend, amüsant und interessant. Obwohl das Detektivpärchen keine alleinige Erfindung der Autorin Rosi Nieder ist, eine ähnliche Konstellation gab es schon bei Agatha Christie, sind beide doch ganz neue Charaktere. Die Autorin hat ihnen Eigenschaften verpasst, die sie liebenswert erscheinen lassen. Sowohl das Granteln des einen als auch die unaufhörliche Wissbegierde der anderen lassen eine Athmosphäre aufkommen, die jedem bekannt vorkommt. Neben den Personen, mit denen sich viele Leser identifizieren können, abgesehen vielleicht vom Stalker, liest sich die Story flüssig und lässt einen nicht zur Ruhe kommen bis man schließlich das Ende kennt und weiß, wie die Geschichte ausgeht. Denn davon könnte sich der Leser im Laufe der Geschichte durchaus verschiedene Varianten vorstellen. Ich empfehle das Buch gerne und finde, dass es noch spannender und gelungener als "Silvesterknaller" derselben Autorin ist. Und dass es sich um ein Buch handelt, welches sich auf einen Leserkreis in der Eifel-Mosel-Region konzentriert, ist meines Erachtens tiefgestapelt. Natürlich wird der Trierer einige Schauplätze wiedererkennen, was ein Hamburger vielleicht nicht behaupten kann (zumindest wenn er noch nicht in Trier war). Aber so was tut einem Krimi doch keinen Abbruch.
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Nieder, Rosi
Dem Stalker auf der Spur
Broschiert: 222 Seiten
Verlag: Rhein-Mosel-Verlag; Auflage: 1 (Januar 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3898010341
ISBN-13: 978-3898010344
Größe und/oder Gewicht: 20,2 x 13,4 x 1,6 cm

Freitag, 29. Mai 2009

Rosi Nieder: Die Teufelsbande - Das Eifel-Mosel-Duo klärt den zweiten Fall


Der Autorin Rosi Nieder aus der Südeifel ist ihr zweiter Streich rund um die sympathische Detektivzweckgemeinschaft Lena Schreiner und Franz Meier...
...gelungen.

Beide werden bei einem Wein- und Gourmetfestival zusammen mit den anderen Gästen von maskierten Männern in schwarzer Motorradkleidung überfallen. Sie haben Glück im Unglück, denn wegen der zuvor bezahlten Eintrittskarten hatten sie nicht viel Bargeld dabei. Bei den anderen Gästen wird die Bande, die schon seit geraumer Zeit auf den Wohnmobilplätzen der Moselregion für Angst und Schrecken sorgt, fündiger. Das kann die ehemalige Pfarrhaushälterin Lena nicht auf sich beruhen lassen. Zusammen mit ihrem Bekannten, den kürzlich verwitweten Franz, nimmt sie die Witterung auf und beginnt, parallel zur Kriminalpolizei zu ermitteln.

Obwohl der Leser von vornherein aufgeklärt wird und er beide Seiten, Täter und Ermittler, kennen lernen darf, ist es der Autorin gelungen, ihn mit Spannung bei der Stange zu halten. Plötzliche Wendungen im Geschehen sorgen dafür, dass er wissen möchte, wie die Detektive die Täter ermitteln, und ob sie tatsächlich der Kripo immer eine Nase voraus sind. Lena, die moderne Miss Marple aus der Eifel, welche nicht gerne Anglizismen benutzt, wird als eine lebensfrohe, mit Spürnase ausgestattete, sympathische Person beschrieben. In dem Krimi sind aber nicht nur die Handlung und Figuren interessant, sondern auch das Milieu der Wohnmobilisten wird authentisch und unterhaltsam von Rosi Nieder beschrieben, die selbst als Wohnmobilreisende beste Erfahrungen damit hat. Ihr insgesamt dritter Roman lässt die Spannung bis zum Erscheinen des nächsten beim Leser anwachsen.

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Nieder, Rosi
Die Teufelsbande - Das Eifel-Mosel-Duo klärt den zweiten Fall
ISBN: 978-3-89801-038-2, 9,90€
Rhein-Mosel-Verlag, Alf